Mit ‘Michael Harner’ getaggte Artikel

Aller Anfang ist manchmal schwer … – Teil I geschrieben von Väinäsisu

Samstag, 14. Dezember 2013

Um es gleich zu Beginn festzustellen: Dies hier wird keine Anleitung zu schamanischem Reisen. Ich glaube – derlei lässt sich auf schriftlichem Wege auch gar nicht vermitteln. Reisen in die parallele Realität sind vor allem anderen Erfahrungssache – also Learning by doing; ebenso wie zum Beispiel Schwimmen oder Radfahren.

Worum es hier gehen soll, sind mögliche Hürden denen man vor allem zu Beginn begegnen kann, wenn man sich anschickt, erste Erfahrungen im schamanischen Reisen zu sammeln.

Durch Michael Harners Buch „Der Weg des Schamanen“ und die Gründung der „Foundation for Shamanic Studies“ (FSS) hat auch der Begriff der „Nichtalltäglichen Wirklichkeit“ (NAW) mittlerweile eine recht weite Verbreitung gefunden. Aus Gründen des ganz persönlichen Geschmacks bleibe ich in diesem Blog aber lieber bei dem Begriff „Anderswelt“.

Anderswelt copyright Väinäsisu

Trancereisen kann man, meine ich, grob in zwei Kategorien einteilen: Geführte Reisen – also Reisen deren Ablauf durch gesprochenen Text quasi vorgegeben ist und die Möglichkeit zur Entfaltung der eigenen Vorstellungskraft geben (aber auch zu einem Kontakt mit der Anderswelt führen können) – und solche, die üblicherweise als „schamanische Reisen“ bezeichnet werden; Anders als bei geführten Reisen ist hier meist ein erzeugter monotoner Rhythmus der rote Faden, sei’s zum Beispiel mithilfe einer Klangschale, einer Rassel – oder eben „klassisch“ – durch eine Trommel.

Eine Randnotiz: Da und dort taucht auch immer mal wieder der Begriff „Astralreisen“ auf; Obwohl des Häufigeren ein Unterschied zum schamanischen Reisen postuliert wird, hat mir im Lauf der Jahre niemand auch nur annähernd überzeugend darlegen können, worin der denn liegen soll.

Darüber hinaus kann man eine solche Reise durchaus auch gänzlich ohne Hilfsmittel bewerkstelligen; aber zumindest anfangs macht ihre Zuhilfenahme die Sache deutlich leichter – und viele Praktizierende haben aus verschiedenen Gründen auch ein sehr persönliches Verhältnis zu ihrem…nennen wir’s an dieser Stelle mal profan – „Klanggerät“.

Einbildung oder Realität ?

Die wohl größte Hürde beim Kennenlernen und Erleben der Anderswelt ist die Frage: „Ist das was ich sehe Wirklichkeit – oder bilde ich mir das nur ein ?“

Als ich damals das praktische Reisen erlernte, wurde mir vermittelt ich solle einen Tunneleingang oder eine natürliche Höhlung visualisieren über die ich in einen Tunnel gelange, an dessen anderem Ende ich in der Anderswelt ankommen würde. Für den Fall, dass dieser Tunnel nicht von selbst ein Ende nimmt, solle ich mich einfach an dessen Ende wünschen.

An diesem Punkt ist die Reise offensichtlich noch ein aktiv herbei geführtes Szenario – und das ist auch in Ordnung so; Weil dieser Tunnel (oder ein anderes äquivalentes Bild) in mehr als einer Hinsicht als Tür fungiert:
Man stellt sich diesen Übergang in aller Regel in einer Form vor, die einem persönlich angenehm oder sogar vertraut ist – und damit trägt er zu einer gewissen zusätzlichen Entspannung bei und man beginnt sich im Zuge des Durchschreitens dieses Übergangs mehr und mehr vom Alltagsgeschehen zu lösen. Wahrnehmbar ist das – manchmal – durch eine Vertiefung der Trance.

Das Ankommen in dieser parallelen Realität insgesamt, ist zu Beginn oft ein Prozess des relativ gemächlichen Hinübergleitens, der sich auch über eine ganze Anzahl von Reisen hinweg erstrecken kann; Wirklich interessant wird es dann, wenn die Dinge beginnen, sich zu verselbstständigen ! ;-)

Dann bleibt allerdings immer noch die Frage offen: „Handelt es sich um die Projektion meines Unterbewusstseins – oder ist das tatsächlich eine von mir und meinem Willen autonome Realität ?“

Ich selbst habe als grundlegende Richtlinie mal gelernt: „Zwischen dem was ist – und dem was ich wahrnehme, steht immer noch das Ego !“

Das soll heißen: Gesetzt den Fall, da ist etwas – dann trage ich immer noch meine eigene Sicht auf die Welt mit mir herum, die erheblichen Einfluss darauf nimmt, wie ich etwas wahrnehme. Das ist in unserem alltäglichen Leben ganz genauso – „drüben“ fällt das nur einfach etwas plastischer, bzw. anschaulicher aus.

Ein einfaches Beispiel zur Veranschaulichung: Wenn ich auf einer Reise einer Wesenheit begegne – dann fasse ich diese Wesenheit erstmal als durchaus real auf; Real im Sinne einer autonomen Existenzform. In welcher Gestalt ich dieses Wesen in dieser spezifischen Situation wahrnehme, kann sowohl ein Entgegenkommen seinerseits sein – zum Beispiel im Sinne eines Wiedererkennungswertes, oder vielleicht sogar vor dem Hintergrund meiner Zielsetzung auf dieser Reise; Es kann aber auch von meiner eigenen, verinnerlichten Weltanschauung ausgehend eine gewisse Form „übergestülpt“ bekommen – als Versuch meines Gehirns, das Gesehene in meine Erfahrungswelt einzuordnen. Selbstverständlich ist auch beides gleichzeitig möglich.

Es handelt sich hier also grundsätzlich, wie in vielem anderen auch, um keinen Widerspruch, sondern es geht darum, ein „sowohl als auch“ gelten zu lassen zu können…was für sich genommen schon eine Lernaufgabe sein kann.

Wie bereits angedeutet bin ich der Überzeugung, dass sich während einer Reise externe Geschehnisse mit Inhalten des Unterbewusstseins vermengen können. Das ist weder ein Widerspruch noch im Grunde ein Problem – wenn man sich vergegenwärtigt, dass wirklich alle Elemente einer Reise eine reale Aussagekraft haben.

In welchem Umfang wir in der Lage sind, sie zu interpretieren, ihnen überhaupt Beachtung schenken (wollen) – oder welche Relevanz sie für die Zielsetzung unserer Reise haben – das ist dann wiederum ganz individuell gelagert.

In jedem Fall hat es mir wertvolle Dienste geleistet, o.g. Merksatz immer im Hinterkopf zu behalten !


Ende Teil I

Schamanismus in der Postmoderne geschrieben von Road Man – Teil I

Samstag, 04. August 2012

Seit einiger Zeit boomt der Schamanismus (schon wieder?) in der Esoterikszene, und er taucht auch auf dem Markt der alternativen Heilmethoden immer öfters auf. In einschlägigen Zeitschriften stehen Anzeigen, in denen Reisen zu echten Schamanen in Peru, Nordamerika oder sonst wo hin angeboten werden, gekoppelt mit Versprechen von Heilung, Sinnfindung und Spiritualität. Oder es werden Kurse angeboten, in denen man „in 6 Wochen“[1] zum Schamanen ausgebildet wird. Leider ruft dieser Boom auch viele Scharlatane auf den Plan, die den Schamanismus, der von der WHO als Heilmethode anerkannt ist, in Misskredit bringen. Auch glauben viele Menschen, daß es in unserer Kultur keinen Schamanismus gibt, demzufolge werden auch Menschen mit echter schamanischer Begabung nicht anerkannt oder als Exoten betrachtet, während Schamanen, die z.B. aus Nordamerika oder Sibirien eingeflogen werden,der Nimbus eine allwissenden Halbgottes und Heiligen anhaftet. Dieser Artikel will versuchen, einige dieser, aus meiner Sicht fatalen, Missverständnisse zu klären und den Schamanismus ein wenig aus seiner „Schmuddelecke“ herausholen.

Schamanismus – was ist das?

Der Schamanismus im eigentlichen Sinne ist eine Technik, mit der der Bewusstseinszustand verändert wird. Ein Schamane ist eine Person, die mittels bewusstseinsverändernder Techniken in einen tranceartigen Zustand geht und in diesem ihre Seele auf eine Reise in die Welt der Geister schickt, um dort Rat und Hilfe sowohl für Klienten als auch für sich zu erlangen. Die Techniken, um in Trance zu kommen, können recht verschieden sein: Singen, Tanzen, Trommeln, halluzinogene Drogen, Hyperventilation, „Zittern“ des Körpers etc. Bei vielen zirkumpolaren Völkern (also Sibirien, Alaska, Lappland) wird eine monoton gespielte Rahmentrommel verwendet, um quasi auf ihr in die Geisterwelt zu „reiten“.

In den meisten schamanisch geprägten Kulturen herrscht eine „mythologische“ Dreiteilung der Welt vor. Es gibt eine mittlere Welt, die Welt, in der wir leben, dann eine Welt darunter, die eher „unterirdischen“ Charakter hat, während die Welt über der mittleren Welt oft eher ätherisch und „himmlisch“ wahrgenommen wird. Selbst in unseren Breiten lebt diese Vorstellung, wenn auch christlich geprägt, in Himmel und Hölle weiter, während z.B. in den germanischen Eddas von 9 Welten gesprochen wird, sozusagen eine Potenzierung der Drei.

Diese 3 Welten werden oft durch eine Weltenachse, eine Leiter oder einen Heiligen Berg miteinander verbunden. Bei den Germanen war das der Weltenbaum Yggdrasil, an dem der Gott Odin 9 Nächte hing, um die Weisheit der Runen zu erlangen, bei dem Volk der Sami gibt es Höhleneingänge oder Seen, über die der Schamane im Geiste in die anderen Welten reist. In den keltischen Sagen gibt es die Feenhügel, mit deren Betreten ein Auserwählter die Elfen und Zwerge besucht und manchmal auch von ihnen entführt wird.

Der Schamane ist ein „Berufener“. Oftmals tritt er seinen Weg gar nicht freiwillig an, sondern wird z.B. in Träumen von Geistern besucht oder von ihnen mit Krankheiten geschlagen, bis er ihren Ruf annimmt und zu schamanisieren anfängt. Manchmal „zerfetzen“ tiefgreifende Geschehnisse im Leben des Anwärters sein Ego dermaßen, daß die Geister an der Grenze zum Wahnsinn ihn zu dem Auftrag, den er bekommen hat, zwingen können. Solche „Schamanenkrankheiten“ gibt es auch in der heutigen Zeit und in Mitteleuropa, sie werden nur nicht als solche erkannt.

Wie kam der Schamanismus in die Esoterik?

In den 60ern und 70ern waren die Bücher von Carlos Castaneda sehr populär, wobei diese aus ethnologischer Sicht mittlerweile widerlegt sind. Eine weitere wichtige Person, die die Bewegung ins Rollen brachte, war und ist Michael Harner. Als junger Ethnologe studierte er Anfang der 60er des letzten Jahrhunderts Indianerstämme Südamerikas und probierte von deren Schamanen auch das berüchtige „Ayahuasca“, meist als „Liane des Todes“ übersetzt. Dieses halluzinogene Gebräu versetzt den Konsumenten in einen visionären Zustand, der unter richtiger Führung durch einen Schamanen zu tiefen Einsichten oder Heilung führen kann. Harner war jedenfalls überzeugt, seine vorher eher atheistische Weltsicht war gründlich ins Wanken geraten, und er begann, bei vielen Ethnien den Schamanismus zu studieren. Im Laufe dieser Studien und Experimente löste er die Grundtechniken, die von jeder schamanischen Kultur verwendet wurde, heraus und bereitete sie so auf, daß sie auch für den gänzlichst „unschamanischen“ Westler zu erlernen waren. Diese Techniken sind folgende[2]:

  • Die schamanische Reise. Man hört einem monotonen Trommelrhythmus zu und visualisiert dabei einen Eingang in die Geisterwelt. Diese Visualisation gewinnt sehr schnell an Eigenleben, und man tritt im Idealfall den typischen Seelenflug an, den Autoren wie Mircea Eliade beschreiben.
  • Verbündete Geister. In der Geisterwelt werden Verbündete gefunden. Die wichtigsten „Hauptagenten“ sind hierbei das Krafttier und eine Lehrerpersönlichkeit. Vorrangig von ihnen bekommt der Schamanisierende Rat und Hilfe, und sie sind auch „Kanäle“ seiner persönlichen „Schamanenkraft“.
  • Zwei Hauptkonzepte von Krankheit. Das erste Konzept besagt, daß in der Geisterwelt etwas Schädliches in den Patienten eingedrungen ist, was oft als „Geist der Krankheit“, „Geisterpfeil“, „Elfenschuß“ oder ähnliches bezeichnet und vom Schamanen mittels seiner verbündeten Geister entfernt wird. Die FSS nennt das „Extraktion“. In der zweiten Variante wird vom „Seelenverlust“ ausgegangen. Hier verlässt den Patienten aufgrund z.B. eines Schocks, Schrecks oder auch eines Missbrauchs ein Teil der Seele und entschwindet in die Geisterwelt. Der Schamane muß die Seele „drüben“ suchen und wieder zum Patienten zurückbringen. Man geht im schamanischen Paradigma davon aus, daß manche Depressionen und Süchte hier ihren Ursprung haben. Tatsächlich nimmt der Patient solche Beschwerden oft als „mir fehlt etwas“ oder „ich habe das Gefühl, mit dem Rauchen (Saufen etc…) eine Leere ausfüllen zu müssen!“

Dieses Konzept vermittelte Harner in seiner FSS (siehe Fußnote 2), und es wurde dankbar von der Esoterikszene aufgegriffen, gerade auch weil es sehr leicht zu erlernen und sehr wirkungsvoll ist, was zum einen für eine Verbreitung der Techniken sorgte, sie zum anderem aber auch verwässerte und ins Oberflächliche abdriften ließ, da in vielen Veranstaltungen schnelle Initiation und Heilung versprochen wurde und wird. Dieser nicht sehr große Tiefgang und die „Licht-und-Liebe“-Schiene in einigen Bereichen der Esoterikszene, oft gepaart mit einer eklatanten Ignoranz medizinischer und psychologischer Sachverhalte, führte dazu, daß der Schamanismus einen nicht sehr seriösen Anschein hat bzw. als „spinnerte Psychotechnik“ belächelt wird. Zudem gelten nur „indigene“ Schamanen als authentisch, weil ihre Initiationen gewissermaßen gesellschaftlich anerkannt sind, während es bei uns seit Jahrhunderten keinen Schamanismus mehr gab und Bemühungen in die Richtung eines Wiedererstehens schwer Fuß fassen können. Wie auch? Ein wild trommelnder Halbirrer, der Geister beschwört und mit Zauberei arbeitet, wie soll denn der in unsere postmoderne Gesellschaft, geprägt von Christentum und Aufklärung, hineinpassen? Und doch – der Schamane fasziniert, sonst würde dieser Begriff nicht so inflationär in der Esoterik verwendet werden. Einige Esoteriker „verinnerlichen“ den Schamanismus, indem sie sowohl die schamanische Reise als auch die Geister als Instanzen der eigenen Psyche betrachten. Beschäftigt man sich aber ernsthaft mit den Techniken, dann kommt man schnell zu der Gewissheit, daß die Geisterwelt NICHT die eigene Psyche ist.

Es gibt tatsächlich einen „Esotourismus – Boom“, der so aussieht, daß Menschen z.B. in den Amazonas reisen, weil sie sich Heilung durch eine Ayahuasca[3] – Zeremonie erhoffen. Solche Bemühungen, wie sie auch von diversen Vereinen, die Schamanen zu ihren Kongressen einladen, getätigt werden, sind zwar an sich lobenswert und machen mit dem Phänomen Schamanismus etwas vertraut, sie gehen aber meines Erachtens nicht den nächsten Schritt: den des Versuches einer Integration des Schamanismus in unsere Kultur.

Wohlgemerkt: ich möchte hier nicht die Esoterikszene an sich schlecht machen, aber zumindest in Punkto Schamanismus habe ich einfach öfters diese von mir beschriebenen Umstände erlebt und spreche sie hiermit auch an. Da das Schamanische meine „Nische“ ist, maße ich mir nicht an, über andere Bereiche der Esoterk Bescheid zu wissen.

Es gibt auch bei uns Menschen, die zum einen diese Begabung zum Schamanisieren, zur Seelenreise haben, und es gibt von denen auch einige, die die weiter oben genannten Techniken eines Michael Harner anwenden, um Hilfestellung für sich und/oder Klienten „von drüben“ zu bekommen. Und hier bestünde die Möglichkeit einer Integration: das Augenmerk mehr auf solche Menschen richten und die ernsthaft und gut Arbeitenden von den Scharlatanen unterscheiden. Wir haben eben das Problem, daß aufgrund des fehlenden kulturellen Hintergrundes diese Leute nicht wirklich anerkannt sind. Und dieser Artikel möchte eine Lanze für die „Neo-Schamanen“ in unseren Breiten brechen. Man muß nicht ins Amazonasbecken zu einem berühmten Schamanen reisen, um dort Heilung zu erlangen.


[1] So Herr Fenkart in der ORF-Sendung „Help TV“ vom 8. November 2007. Sinngemäß behauptete er, jeder könne in 6 Wochenendkursen Schamane werden.

[2] Harner gründete Anfang der 80er dann die Organisation „The Foundation for Shamanic Studies (FSS), die weltweit in Seminaren schamanische Techniken vermittelt, auch an indigene Kulturen, um deren Schamanismus wiederzubeleben. Tuva ist hierfür ein erfolgreiches Beispiel, denn hier fasste der Schamanismus nach der Wende wieder Fuß.

[3] Zeremonie der Indianer Südamerikas, in der die Trance durch eine halluzinogenes Getränk namens Ayahuasca –„Ranke der Toten“, so die Übersetzung dieses Wortes- ausgelöst wird.

Ende Teil I

Paul Uccusic – Der Schamane in uns: Schamanismus als neue Selbsterfahrung. Hilfe und Heilung

Samstag, 22. Oktober 2011

Erstauflage: 1991/Heinrich Hugendubel Verlag/ISBN: ISBN 3720521818/335 Seiten

Wiederlauflagen: Juni 2000/Ariston Verlag/ ISBN: 3720516679/335 Seiten; 2001/ Ariston Verlag/ ISBN: 3720521818/335 Seiten

Erstauflage, Taschenbuch: 1993/ Verlag Goldmann Wilhelm GmbH/ ISBN: 3442138264/ 335 Seiten

Wiederauflage: Juli 1994/ Verlag Goldmann Wilhelm GmbH/ ISBN: 3442121876/335 Seiten

Über den Autor

Paul Uccusic (geboren 1937 in Wien), ist vor allem als Journalist bei der österreichischen Tageszeitung Kurier bekannt. Hier war er unter anderem in der Kommunalpolitik, der Wissenschaft, als Lokalchef und stellvertretender Chefredakteur tätig.

Ab 1971 beschäftigte er sich mit Geistheilung und Parapsychologie, kam unter anderem mit Uri Geller in Kontakt, über dessen Auftritte er schrieb. Zehn Jahre später lernte er in Alpbach in Tirol Michael Harner kennen und ist seitdem nicht nur der deutsche Vertreter für Harners „Core-Schamanismus“, sondern auch der Direktor der Foundation for Shamanic Studies Europa.

Artikel und Bücher: „Psi-Resümee“ (1975), „Naturheiler“ (1978), „Doktor Biene“ (1982), „Heilen“ (1984) und „Der Schamane in uns“ (1991)

Über das Buch

Ja, „Der Schamane in uns“ ist ein Buch über Schamanismus. Ja, Paul Uccusic schreibt über Heilmethoden, Spirit Guides, auch persönliche Erfahrungen. Und ja, das Buch sollte auch kein Handbuch des Schamanismus werden – wie Uccusic in seinem Vorwort betont (S.15) – da dies mit Michael Harners mit „Der Weg des Schamanen“ bereits geschehen sei. Wer also dieses Buch als Einstiegslektüre zur Hand nimmt, um seinen ersten Kontakte mit der Welt der Krafttiere zu machen, wird enttäuscht, weil es in dem Buch eher um die Erfahrungen mit der Nichtalltäglichen Wirklichkeit (NAW) geht, als um die Arbeit mit Krafttieren. Obwohl Uccusic auch dies erwähnt.

Was ein Leser von diesem Buch tatsächlich erwarten kann, darauf soll im Folgenden näher eingegangen werden.

Auf den ersten Seiten des Buches widmet sich Paul Uccusic der Frage, was Schamanismus eigentlich ist. Eine Frage, die wegen der vielen unterschiedlichen Ansichten zum Thema nicht so einfach beantwortet werden kann. Der Autor sucht die Lösung darin, in dem er vielen Ansichten, die es dazu gibt, aufzählt. Zu diesen Meinungen zählen zum Beispiel der Streit um die Bedeutung. Hier wechseln die Ansichten zwischen „tobendes Umherschlagen“ (von Shaman), aus Knaurs großer Religionsführer (1986), oder „Wissen, der Wissende“ (von tungusisch-mandschur „sa“), Encyclopaedia Britannica, 1953 oder „sich anheizen, verbrennen, mit Hitze oder Feuer arbeiten (ostsibirische Abstammung), Lörler, 1986.

Anschießend behandelt er einige Schlüsse von Forschern, die über den Schamanismus veröffentlicht wurden: Zum Beispiel, dass man es hier mit einer Primitivreligion zu tun hätte oder er sei nichts weiter als „kontrollierte Geistbesessenheit“. Zur Klärung dieses Problems führt er schließlich verschiedene Forscher der 60er Jahre an, die eines begriffen, was die vor ihnen nicht begriffen hatten: Um Schamanismus zu verstehen, mussten sie sich selbst in die schamanische Welt begeben. Hier greift er auf zwei zurück, denen dies gelungen ist: Carlos Castaneda und Michael Harner.

Nach diesen Erkenntnissen kommt Uccusic zum Schluss: „Schamanismus ist eine psychische Technik des Kontakt mit der Nicht-alltäglichen Wirklichkeit (NAW), charakterisiert durch den bewußten Übergang des Ausführenden in den Schamanischen Bewußtseinszustand (SB) und die Rückkehr daraus in den normalen Bewußtseinszustand (NB), verbunden mit einem bestimmten Zweck im Dienste der Gesellschaft.“ (S.32)

Im nächsten Abschnitt beschäftigt er sich mit den verschiedenen Methoden, die verwendet werden können, um in die NAW zu gelangen – zum Beispiel die Trommel, Rasseln, Hölzer, Schalen und Didgeridoos, Halluzinogene oder das Reisen mit optischen Hilfsmitteln (Lichtblitze, Stimmungsmaschinen).

Er erklärt kurz den ersten Kontakt mit der NAW, das Finden des Krafttiers und die Reise in die Obere Welt, die Begegnung mit dem Lehrer. Die Betonung liegt hier auf „kurz“, denn dieser Abschnitt fällt um einiges ungenauer aus als bei Harner. Aber um hier noch einmal auf das Vorwort Uccusics zu verweisen – dieses Buch ist kein Handbuch des Schamanismus.

Dan Tiertanz bringt er dem Leser in einer Geschichte des Marquis von Frontenac näher, der 1671 Gouverneur von Kanada war und eine Begegnung mit dem Büffelgeist hatte.

Weiter geht’s mit dem Weltbild des Schamanismus, das im Wesentlichen auf einen Satz zusammenfassen lässt: Alles lebt, alles ist lebendig! Jeder Strauch, jeder Baum, jeder Stein, jedes Tier – alles hat eine Seele, alles ist Teil des Ganzen. Anhand verschiedener Sichtweisen unterschiedlichster Religionen versucht Uccusic nun dem Leser zu verdeutlichen, was ein Schamane als sein Weltbild versteht.

Faszinierend ist die Geschichte des Mädchens, deren Familienmitglieder bei einem Autounfall im Jahr 1986 gestorben waren. Sie selbst lag auf der Intensivstation eines Grazer Krankenhauses. Anhand dieses Beispiels erklärt Uccusic die Mittelweltreise: Denn eine Gruppe schamanisch arbeitender Menschen machte sich auf den Weg, um einerseits dem Mädchen mit Hilfe ihrer Krafttiere zu helfen (was auch gelang), andererseits den Seelen, die am Unfallort umher irrten zu erklären, dass sie tot seien und sie hinüberzugeleiten.

Passend zu dieser Geschichte setzt sich Uccusic im nächsten Abschnitt mit „Gesundheit und Krankheit“ auseinander, erklärt, wie ein Schamane einen Patienten gesund macht, die Krankheit aus ihm heraussaugen kann. Und er führt verschiedene Techniken einiger Stämme an. Fehlen darf hier natürlich nicht die schamanische Sichtweise von Gesundheit und Krankheit.

„Krank wird man, wenn man etwas zuviel in sich hat, einen Fremdkörper, einen Krankheitsstoff, einen Eindringling.

Krank wird man, wenn einem etwas fehlt, Kraft zum Beispiel. Die Heilung beziehungsweise Behandlung geschieht folgerichtig dadurch, daß man

im ersten Fall den Krankheitsstoff, den Eindringling, aus dem Kranken herauszuholen versucht

und im zweiten Fall das Fehlende zu ersetzen oder wiederzubeschaffen trachtet, zum Beispiel das verlorengegangene Krafttier“ (S.87)

Auf den anschließenden Seiten geht es um die verschiedenen Arten der Extraktion und um das Holen eines Krafttiers.

Ein geschichtlicher Abriss des Massakers von Wounded Knee am 29. Dezember 1890, dessen Ereignisse Uccusic extra für dieses Buch erforscht und neu aufgerollt haben, ist eine wertvolle und interessante Ergänzung.

Nicht minder interessant ist die Auseinandersetzung mit dem Tod: Uccusic beschreibt das Ende des Lebens aus der heutigen Sicht: Kirchliche Theologen, die einen großen Bogen um das Thema machen oder medizinische Begriffe, wie „Gehirntod“ oder „biologischer Tod“, die entwickelt wurden, um die Todesstadien zu beschreiben. Der Tod wird verdrängt, wegdefiniert. Uccusic beleuchtet die schamanische Sichtweise, erklärt, wie ein Schamane einen Sterbenden in seinen letzten Stunden begleitet, Verstorbene hinüberbringt.

In den letzten Kapiteln geht es unter anderem um eine Umfrage, die im Herbst 1989 in Österreich durchgeführt wurde und sich damit beschäftigt, wie der Schamanismus das Leben von Menschen verändert hatte und um verschiedene Erfahrungsberichte von Teilnehmern aus Uccusics eigenen Seminaren.

Fazit: „Der Schamane in uns“ hält über weite Wegstrecken das, was es verspricht. Die Kapitel über den Schamanismus sind fesselnd und machen Lust, die Nichtalltägliche Wirklichkeit selbst zu erleben. Uccusic spannt einen weiten Bogen, beleuchtet den Schamanismus aus verschiedenen Blickwinkeln der Weltreligionen, versucht dem Leser klar zu machen, warum der Schamanismus seine Existenzberechtigung hat, weit, weit mehr ist als nur irgendein Hirngespinst primitiver Eingeborener. Und warum der Schamane heute mehr gebraucht wird als zu irgendeiner anderen Zeit.

Dennoch müssen hier zwei Kritikpunkte stehen bleiben: Uccusic kommt abschnittsweise einen Tick zu wissenschaftlich daher, was das Buch an eine Doktorarbeit erinnern lässt. Der zweite Kritikpunkt betrifft sein Vorwort und die auch im Buch vorkommende Kritik an den österreichischen Soziologen Eduard Guggenberger und Roman Schweidlenka, die, so Uccusic, „von der Sache kaum etwas verstehen“ und sich „trotz selbsteingestandener ungenügender Kenntnis der Szene zu Richtern [aufspielen]“ (S.217) sowie eine Kritik des deutschsprachigen Schriftstellers Arthur Koestler an Carl Gustav Jungs Arbeit „Synchronizität als ein Prinzip akausaler Zusammenhänge“ (S.235). Die Erstauflage des Buches wurde 1991 geschrieben, die mir vorliegende dritte Wiederauflage stammt aus dem Jahr 2000. Für mich persönlich ist einerseits die Kritik der Kritik über ein Buch, das ich nicht selbst gelesen habe und andererseits auch keine Werke der Soziologen Guggenberger und Schweidlenka kenne und deren Gedankengänge daher nicht nachvollziehen kann, in diesem Buch einfach fehl am Platz. Im Jahr 1991 mag deren Meinung brisant und für Paul Uccusic essenziell gewesen sein, im Jahr 2000 hätte er meiner Ansicht nach die Passagen entfernen können.

Trotzdem ist „Der Schamane in uns“ empfehlenswert, um das Wissen in den Schamanismus zu vertiefen. Als Einsteigerliteratur ist Michael Harners „Der Weg des Schamanen“ besser geeignet.

Michael Harner – Der Weg des Schamanen

Samstag, 16. Oktober 2010

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Michael Harner
Der Weg des Schamanen – Das praktische Grundlagenwerk zum Schamanismus
1994 / Heinrich Hugendubel Verlag / ISBN: 3-7205-2091-9 / 244 Seiten

Englische Erstauflage: „The way of the shaman“ / 1980 / Harper & Row / ISBN: 0062503824

Über den Autor

Michael Harner wurde am 27. April 1929 in Washington D.C. in den USA geboren. Der Anthropologe hat sich einen Namen sich bereits in den 70er und 80er Jahren einen Namen als Schamanismusforscher gemacht, besonders durch die Gründung der „Foundation for Shamanic Studies“ (FSS) mit Sitz im kalifornischen Mill Valley, deren Präsident er auch ist. Er ist darüber hinaus auch der Gründer des Core-Schamanismus, eine Mischung aus altem Wissen und seinen eigenen Techniken. Harner ist für die Renaissance des heutigen Schamanismus mit verantwortlich.

Sein Buch „Der Weg des Schamanen“ (Originaltitel: The way of the shaman“) erschien 1980 in den USA und wurde 1990 ins Deutsche übersetzt.

Über das Buch

Als ich in die Dunkelheit hinauf sah, erschienen schwache Lichtstrahlen. Sie wurden deutlicher und verzweigter und zeigten strahlende Farben. Ein Geräusch kam aus der Ferne, wie ein Wasserfall, der immer stärker wurde, bis er meine Ohren ausfüllte.“ (S. 30)

Packend und detailliert schildert Michael Harner seine ersten Erfahrungen mit dem Schamanismus, besser noch, seine ersten Erfahrungen mit ayahuasca, der „Liane des Todes“. Seine Freunde, die Conibo und Jívaro, Indianerstämme im Amazonas-Gebiet, nehmen diesen Trank zu sich, um in die NAW, die nicht alltägliche Wirklichkeit, sehen zu können. Auch Harner erhält seine schamanische Einweihung unter dem Einfluss von ayahuasa, betont aber, dass es nicht notwendig ist, unter Drogeneinfluss zu schamanisieren.

Seine persönlichen, ganz privaten Erlebnisse hat er – so scheint es – absichtlich an den Anfang des Buches gesetzt. Er gibt damit dem Leser einen Einblick in eine Welt, die dieser bisher vielleicht noch nicht gekannt hat. Eine Welt der Bären, Drachen, Widder, Berggämsen, Gazellen und anderen Tieren.

Warum er dieses Buch 1980 überhaupt veröffentlicht hat, wird aus Harners Vorwort zur Wiederauflage deutlich:

„Seit dem ersten Erscheinen dieses Buches sind fast zwanzig Jahre vergangenen, und diese Jahre waren für das Wiedererstehen des Schamanismus höchst bedeutsam. Zuvor war der Schamanismus überall unaufhaltsam auf dem Rückzug gewesen, denn Missionare, Kolonialherren, Regierungen und kommerzielle Interessen hatten die indigenen Völker und Stämme zurückgedrängt und viele alte Kulturen ausgelöscht. Mit überraschender Kraft ist jedoch in die letzte Dekade der Schamanismus ins menschliche Bewusstsein zurückgekehrt, auch in solchen Hochburgen wie New York, Wien oder München.“ (S.13)

Aus diesen Worten wird schnell ersichtlich, um welche Art Buch es sich handelt: Ein Lehrbuch. Denn Harner will seinen Schamanismus, den  „Core Schamanism“ (Basis-Schamanismus) an den westlichen Mann, die westliche Frau bringen. Dieser Schamanismus habe nichts mit „Indianerspielen“ zu tun. Der moderne Mensch verwende dabei dieselben schamanischen Techniken wie seine Vorfahren und komme zu den selben spirituellen Quellen wie die Schamanen der alten Kulturen.

„Die, die diese Techniken anwenden, behaupten nicht, Schamanen zu sein – wichtig ist, daß sie schamanisch arbeiten und konkrete Ergebnisse haben.“ (S.17)

Die nächsten Kapitel verwendet er dazu, zu erklären, was das eigentlich ist, der Schamanismus, wie er betrieben wird, und was sich ein Mitteleuropäer unter einer schamanischen Weltsicht überhaupt vorstellen kann.

„Ein Schamane ist ein Mann oder eine Frau, der/die – willentlich – in einen anderen Bewußtseinszustand eintritt, um mit einer normalerweise verborgenen Wirklichkeit in Berührung zu kommen und sie auszuwerten, um Wissen, Kraft und Hilfe für andere zu erhalten. Der Schamane hat wenigstens einen und meistens mehrere ‚Geister’ zu seiner persönlichen Verfügung.“ (S.53)

Damit ist klar: wer schamanisch arbeiten möchte, braucht mindestens ein Krafttier. Doch bevor es so weit ist, muss erst einmal eine erste Reise in die Unterwelt unternommen werden. Wie er für die meisten Schamanen aussieht – als Öffnung oder als Tunnel – ist essenziell für den Menschen, der versucht, die schamanischen Techniken anzuwenden. Harner führt hier einige Beispiele an.

Und dann ist es Zeit: „Stellen Sie sich nun eine Öffnung in der Erde vor, an die Sie sich aus irgendeiner Zeit in Ihrem Leben erinnern. Es kann eine Öffnung sein, an die Sie sich aus Ihrer Kindheit erinnern, oder eine solche, die Sie gerade in der vergangenen Woche sahen, oder auch heute. Jede Art von Eingang in die Erde genügt – es kann ein Loch sein, das von einem Kriechtier gemacht wurde, eine Höhle, ein hohler Baumstumpf, eine Quelle oder sogar ein Moor. Verbringen Sie einige Minuten im Anblick des Loches, ohne hineinzugehen. Merken Sie sich deutlich seine Besonderheiten.

Nun geben Sie Ihrem Begleiter Anweisung, mit dem Trommeln in einem harten, eintönigen, gleichmäßigen Schlag zu beginnen. […] Wenn das Trommeln beginnt, stellen Sie sich die Ihnen vertraute Öffnung in die Erde vor, gehen Sie dann hinein und beginnen Ihre Reise. Gehen Sie hinunter durch die Öffnung und betreten den Sie den Tunnel. […] Beim Durchqueren des Tunnels könnten Sie auch auf eine natürliche Steinmauer oder einen anderen Widerstand treffen. Wenn das eintritt, gehen Sie einfach außen herum oder eine darin befindliche Spalte hindurch. […] Nehmen Sie nichts von dort mit. Dies ist nur eine Informationsreise.“ (S.68)

Es folgen Erfahrungsberichte von Seminarteilnehmern Harners, die er in diesem Buch fest gehalten hat und jemand, der diese Reise zum ersten Mal unternimmt, eine Art Leitfaden in die Hand geben soll.

Bevor sich nun der abenteuerlustige Leser tatsächlich auf die Suche nach seinem Krafttier machen kann, geht es um den schamanischen Bewusstseinzustand. Der Schamanismusforscher erzählt, dass ein Schamane ein „Mittler zwischen alltäglicher und nicht alltäglicher Wirklichkeit ist.“ (S.83) Er muss in der Lage sein, bei seinen Heilungsaufgaben zwischen den Wirklichkeiten hin- und herzureisen.

Diese Aufgaben sind: Jemand zu helfen, der sein Krafttier oder einen Teil seiner Seele verloren hat und sie ihm wieder zu bringen. Oder einen Patienten zu heilen, der an einer Krankheit leidet.

Außerdem versucht ein Schamane „seine ihm offenbarten Erfahrungen so zu deuten, als ob sie Teile eines großen kosmischen Puzzles seien.“ (S.85)

Und: „Ein wahrer Meisterschamane stellt die Gültigkeit der Erfahrungen anderer nicht in Frage, wenn das auch weniger tüchtige und weniger demütige Schamanen tun. Der Meisterschamane sagt niemals zu Ihnen, daß etwas, das Sie erfahren haben, nur Phantasie sei.“ (ebda.)

Welche Rolle spielt das Trommeln bei den Reisen? Wie es auf das Gehirn wirkt, sei wissenschaftlich nachgewiesen, schreibt Harner. „Durch Laboruntersuchungen hat Neher nachgewiesen, daß das Trommeln Veränderungen im zentralen Nervensystem hervorruft. Die rhythmische Erregung beeinflußt die elektrische Aktivität in ‚vielen Sinnes- und motorischen Zonen des Gehirns, die normalerweise nicht berührt werden, durch deren Vernetzungen mit der erregten Sinneszone’.“ (S.94)

Ab der Seite 103 kommt Michael Harner endlich zur Begegnung mit dem persönlichen Krafttier. Bär, Löwe, Adler oder Kojote? Schamanen kennen und besitzen unterschiedliche Tiere, die ihnen bei ihren Aufgaben helfen. „Die Verbundenheit zwischen den Menschen und der Tierwelt ist eine Grundlage des Schamanismus, wobei der Schamane sein Wissen und seine Methoden dazu benutzt, um an der Krafft jener Welt teilzuhaben. Durch seinen Schutzgeist oder sein Krafttier wird der Schamane mit der Kraft der Tierwelt verbunden: der Welt der Säugetiere, Vögel, Fische und anderer Lebewesen. Der Schamane muß einen bestimmten Hüter haben, um seine Aufgabe zu vollbringen, und dieser Hüter hilft ihm auch dabei auf eine ganz bestimmte, spezielle Art.“ (S. 104)

Diese Krafttiere sind Tiere, haben mitunter auch Eigenschaften der Tiere, verhalten sich aber nicht immer wie ihre Artgenossen. „Die Fähigkeit der Schutztiergeister, zu einem Menschen zu sprechen oder sich manchmal in menschlicher Gestalt zu manifestieren, wird als ein Zeichen ihrer Kraft angesehen. Ein anderes Zeichen ihrer Kraft besteht darin, daß sie sich selbst sichtbar machen, indem sie sich in einem Element bewegen, das nicht ihre arteigene Umwelt ist, Bekannte Beispiele sind ein Landsäugetier oder eine Schlange, die durch die Luft fliegen, mit oder ohne Benutzung von Flügeln. All diese Eigenschaften zeigen, daß das Tier tatsächlich nicht alltäglich ist, sonder ein Kraftträger, der in der Lage ist, die Natur eines normalen Tieres und seine normale Existenz zu übersteigen. Wenn er sich in eine menschliche Gestalt transformiert, ist das ein magischer Kraftakt. Wenn das Krafttier in den Besitz eines Schamanen kommt, handelt es als ein ‚alter ego, wodurch dem Schamanen die Kraft der Transformation übertragen wird, insbesondere die Kraft der Transformation vom Menschen in das Krafttier und umgekehrt.“ (S. 105/106)

Das heißt, eine Schamane ist in der Lage, die Kraft seines Krafttieres zu verwenden – mehr noch, sich in das Krafttier zu verwandeln. Harner betont an dieser Stelle noch einmal, dass es nicht notwendig ist, für diese Verwandlung halluzinogene Drogen zu nehmen. Auch durch den Tanz begleitet von Trommeln, kann dieser schamanische Bewusstseinszustand erreicht werden.

Durch ein Ritual, den „Eröffnungstanz“ sollen das Krafttier eingeladen werden, sich zu zeigen. Um sicher zu gehen, dass das Tier tatsächlich das Krafttier des Rufenden ist, muss es sich vier Mal zeigen. Hat der Schamanisierende nun sein Krafttier gefunden, soll er es tanzen, um es zu begrüßen. Doch dem nicht genug: „Wenn man die schamanische Praxis beibehalten will, muß man sich regelmäßig in sein Tier verwandeln, um es zufriedenzustellen, damit es auch bleibt.“ (S.117)

Und doch ist der Tanz, die Verwandlung nicht die einzige Methode: „Eine andere Methode besteht darin, es in reiner Wildnis oder abgelegenen Teilen öffentlicher Parks zu üben. Ich erinnere mich an einen jungen, im Schamanismus unerfahrenen Mann aus dem Westen, der während der Woche in einem Buchladen arbeitete und sonntags mit seinem Puma in den Regionalpark ging, um mit ihm über die Berge zu laufen. Niemand hat ihn davon abgehalten, und er selbst fand dies befriedigender, als in die Kirche zu gehen“ (ebda.)

Hat eine Person ihr Krafttier verloren, wird sie krank – ernsthaft krank, schreibt der Anthropologe. Sie kann dann Eindringlingen nicht länger widerstehen und ist anfälliger für Viren oder Bakterien. Es ist die Aufgabe des Schamanen, dieses Tier zurück zu holen. Eine Methode ist das so genannte Geist-Boot, das Harner bei den Coast-Salish, ein Indianerstamm im westlichen Staat Washingtons, gesehen und gelernt hat. Hier formen Schamanen entweder im Geist ein Boot, um das Krafttier zurückzuholen, oder sie treffen sich, um dieses Boot zu bilden.

Er selbst habe die Anwendung des Bootes im Jahr 1961 erlernt, als er eine Zeit lang bei den Conibo lebte, die es für die Behandlung von Krankheiten einsetzen (S. 121).

Eine andere Methode ist, dass ein einzelner Schamane in die Unterwelt reist, um für seinen Klienten sein Krafttier zu holen und es ihm danach körperlich einzuhauchen. Auch zu dieser Methode gibt Harner genaue Anweisungen und führt Beispiele an, wie das gelingen kann. Auch betont er an dieser Stelle erneut, dass sich dieses Tier vier Mal zeigen wird und sich somit als Krafttier zu erkennen gibt.

Ein Krafttier um Rat fragen, durch das Krafttier eine Vorhersage der Zukunft zu erhalten – das alles ist möglich, machbar darf natürlich in einem Buch über die Einführung in den Schamanismus nicht fehlen. Spannend sind diese Kapitel durch die unzähligen Erfahrungsberichte aus der eigenen Praxis, aber auch durch die Schilderungen von seiner schamanischen Freunde oder von Menschen, die bei Harner Kurse besucht haben und deren Erlebnisse er an dieser Stelle nieder geschrieben hat.

Das letzte Kapitel handelt von der Extraktion: Um dies durchführen zu können, braucht der Schamane so genannte Pflanzenhelfer, die in ihrer „tierischen“ Gestalt Spinnen, Wespen oder auch Steine sein können. Meistens, schreibt Harner, sind es Insekten. Natürlich lässt er seinen Leser nicht dumm sterben, sondern erklärt, wie diese Helfer gefunden werden können. Dann fügt er die Extraktion an, also die Entfernung von Eindringlingen. Auch hierzu dürfen Beispiele nicht fehlen, so dass der Schamanisierende ein genaues Bild davon bekommt, wie sich ein Eindringling zu erkennen geben könnte und wie er extrahiert wird.

Fazit: Ja, Michael Harner hat es geschafft! Er wollte in den 80er Jahren dieses alte Wissen um den Schamanismus an die Öffentlichkeit bringen. Das ist ihm gelungen. Viele Menschen interessieren sich heute für den Schamanismus, arbeiten mit ihren Krafttieren – im Verborgenen oder in der Öffentlichkeit. Er hat damit eine Lawine los getreten, die sich im Laufe der Jahrzehnte ausgeweitet hat – ein Ende ist nicht in Sicht! Doch genau hier liegt auch Knackpunkt: Noch nie gab es so viele Möchtegern-Schamanen wie heute. Noch nie gab es so viele Menschen, die meinen, Schamanen zu sein. Und eine Teil-Schuld an dieser Entwicklung trifft meiner Ansicht nach Michael Harner. Denn obwohl er betont, dass Menschen, die schamanisch arbeiten, keine Schamanen sind, propagiert er die Methode der Selbst-Einweihung, also die Reise zum eigenen Tod. Das mag zwar funktionieren, macht aber eine Person noch lange nicht zum Schamanen. Denn ein wahrer Schamane wird dazu berufen, von seinen Krafttieren auserwählt. Sich selbst in den Schamanismus zu initiieren, ist schlicht und ergreifend nicht möglich!

Das ist ein Kritikpunkt an diesem Buch. Ein weiterer: Harner schreibt, dass jedes Krafttier nur ein paar Jahre bei seinem Besitzer bleibt. Natürlich gibt es Krafttiere, die nur einige Jahre bleiben, weil die Person etwas Bestimmtes zu lernen hat und sie alleine für diese Aufgabe gekommen sind. Andere aber bleiben, so lange ihr Schützling am Leben ist – und vielleicht noch darüber hinaus. Auch versucht Harner, physische und psychische Krankheiten auf den Verlust des Krafttieres zu reduzieren. Es mag sich als hilfreich erweisen, wenn eine erkrankte Person ihre Krankheit durch die Rückholung ihres Krafttieres besiegen kann, dennoch resultieren meiner Ansicht nach Krankheiten nicht ausschließlich auf dem Fehlen eines Krafttieres.

Ein weiteres Manko des Buches betrifft das Herbeirufen des Krafttieres: Laut Harner geht das ganz einfach – ein abgedunkelter Raum, eine Trommel – vielleicht eine x-beliebige Person, die dazu trommelt, den Suchenden unterstützt – und dann kommt das Krafttier. So einfach. Oder auch nicht! Denn auf der Suche nach dem eigenen Krafttier kann man ganz schnell auf den Holzweg geraten – nicht immer präsentieren sich die Wirklichkeiten in der nicht-alltäglichen Wirklichkeit als das, was sie scheinen. Deshalb ist die Suche nach dem eigenen Krafttier nur durch die Unterstützung eines erfahrenen Menschen sinn- und wirkungsvoll. Denn der Grat zwischen Einbildung und „Realität“ ist sehr schmal – und die Gefahr, sich im eigenen Netz der Phantasien zu verstricken, groß!

Doch am „Weg des Schamanen“ ist nicht alles negativ – auch wenn das auf Grund meiner Kritik auf den ersten Blick so erscheinen mag: Nein, es ist ein sehr breit gefächertes Buch, das viel Raum zum Nachdenken, viel Platz für die eigene Phantasie zulässt. Harner hat dem Suchenden hier einen echten Leitfaden in die Hand gegeben, er öffnet die Augen für eine Welt, die wundervoll, bunt und vielfältig ist. Sein selbst auferlegter Auftrag, den Leser über den Tellerrand hinaus schauen zu lassen, ist ihm voll und ganz geglückt. Das macht das Buch lesenswert! Und die darin beschriebenen Übungen sind größtenteils zum Nachahmen durchaus geeignet.