Mit ‘Mythen’ getaggte Artikel

Wolf-Dieter Storl Ur-Medizin – Die wahren Ursprünge unserer Volksheilkunde

Samstag, 09. Januar 2016

Wolf-Dieter Storl
Ur-Medizin – Die wahren Ursprünge unserer Volksheilkunde
2015/AT-Verlag/ EUR 24,95/ISBN: 978-3038008729/303 Seiten

Über den Autor

Dr. Wolf-Dieter Storl ist ein über Deutschland hinaus anerkannter Kulturanthropologe und Ethnobotaniker. Geboren am 1.10.1942 in Crimmitschau, Sachsen, wanderte er als 11-jähriger mit seinen Eltern 1954 nach Ohio, USA aus. Er begann zunächst ein Botanikstudium, wechselte dann aber zur Anthropologie (Völkerkunde).  Nach dessen Abschluss wurde er Vollzeitdozent und lehrte über 20 Jahre an verschiedenen Universitäten in Amerika und Europa. In Bern, Schweiz, promovierte er 1974 zum Doktor der Ethnologie. Auf seinen zahlreichen Reisen betrieb er Feldforschung und lernte von Bauern, Medizinmännern und Sadhus. Seit 1988 lebt er mit seiner Familie auf einem abgelegenen Bauernhof im Allgäu, schreibt Bücher und gibt zum Thema Heilkräuter Seminare und Vorträge. Bei der traditionellen europäischen Pflanzenheilkunde, wie die der Kelten, Germanen und Slawen, sowie des frühchristlichen Mittelalters, liegt zur Zeit sein Hauptinteresse. Nicht nur zu diesen Themen hat er zahlreiche Bücher geschrieben, sowie Hörbuch-CDs und eine DVD veröffentlicht.

Über das Buch

„Unsere abendländische Heilkunde hat ihre wahren Ursprünge nicht in der Gelehrtenmedizin der gebildeten Ärzte und Apotheker, sondern geht viel weiter zurück. Ihre Wurzeln liegen in dem Heilwissen der altsteinzeitlichen Jäger und Sammler, der Hirtenmonaden und ersten sesshaften Bauern. Es ist die überlieferte Volksmedizin, das Wissen des einfachen Volkes, der Großmütter und Wurzelfrauen, Hirten und Kräuterseppel.“

Diese Sätze der Inhaltsangabe auf der Rückseite des Buches lassen erahnen, worum Wolf-Dieter Storls „Ur-Medizin“ handelt. Er geht zurück zu den Ursprüngen der Medizin, zur ersten Entdeckung der Heilkräuter in der Steinzeit, behandelt das Neolitikum, die Verbannung sämtlicher Heilpflanzen im 14. Jahrhundert zur Zeit der Pest und Syphilis und schließlich die Wiederentdeckung in der früheren Neuzeit.

Dabei beschränkt er sich nicht nur auf den europäischen Raum, sondern geht auch auf die Entwicklung der Pflanzenmedizin im asiatischen Raum ein.

Von Beginn an wussten die Menschen in Europa die Heilkraft der Pflanzen, die direkt vor ihrer Haustür wuchsen, gegen allerlei Erkrankungen zu verwenden. Storl zählt hier unter anderem Hagebutten, Brombeeren, Berberitzen, Elsbeeren, Vogelbeeren, Haselnüsse oder Bucheckern auf. Darüber hinaus hatten die Menschen auch noch Kontakt zur Anderswelt, schreibt er.

„Im Wald begegnete man auch den heilpflanzenkundigen Naturgeistern, den cleveren Zwergen, Zaubertieren, Elfen und Göttern. Der weise, wilde Rübezahl im Riesengebirge ist ein Überlebender dieser beseelten Waldwelt unserer fernen Vorfahren“. (S. 18)

Und es gab verschiedene Kultorte, heilige Haine, wo die Bewohner des Waldes verehrt wurden. Bis zur Christianisierung.

„Um die mystische Welt der Waldvölker zu zerstören, damit sie den Samen des ‚wahren Glaubens‘ säen konnten, mussten die heiligen Haine und die Kultbäume verschwinden. So ließ Sankt Martin (389-448 n.u.Z.) in Autun (Burgund) eine uralte heilige Kiefer fällen. Sein Schüler, der Bischof von Angers, ließ einen ganzen Wald abbrennen, in dem die Heiden ihre ‚unflätigen‘ Feste feierten.“ (S. 21)

„Ur-Medizin“ ist ein Streifzug durch die Entwicklung der Heilpflanzen. So erklärt Wolf-Dieter Storl den Unterschied zwischen Aufguss, Absud, Abkochung, Kaltwasser- und Warmwasserauszug (S.28/29), geht auf Heilmethoden in anderen Kulturkreisen ein (wie die Bantuvölker im südlichen Afrika) und erklärt den Einfluss, den Heilkräuter auf die Bildung von Märchen hatten, wie das Märchen vom  Machandelboom, also dem Wachholder. Auch greift er einzelne Kräuter separat heraus, geht auf deren Geschichte zurück, erzählt über die ursprüngliche Entdeckung als Heilkraut, über die Volksweisheiten und die Sagen.

Und dann finden sich in dem Buch auch noch Stellen, die den Leser über die damalige, zu diesem Zeitpunkt als fortschrittlich gepriesene Medizin, den Kopf schütteln lassen. Ein Beispiel ist der Einsatz von Quecksilber gegen die Volkskrankheit Syphilis im Jahr 1492. Sie kam mit den Schiffen des Kolumbus nach Europa, die Erkrankten verfaulten am lebendigen Leib. Die damaligen Ärzte taten die Heilkräuter der indianischen Ureinwohner als wirkungslos ab. Stattdessen wurde eine aus Quecksilber bestehende Salbe eingesetzt. „Auch wenn die Patienten als Nebenwirkung an Merkurvergiftung – Geifern, drastische Durchfälle, dann eiternde Geschwüre, Nieren- und Darmentzündung, Hepatitis, Haar- und Zahnausfall – schwer zu leiden hatten, galt Quecksilber als Wunderdroge, ähnlich wie Penicillin, Chemotherapie und Bestrahlung in unserem Zeitalter. Ärzte verschrieben nun denen, die es sich leisten konnten, Quecksilberpräparate für alles: Asthma, Babykolik, Gicht, Gelbsucht, Wahnsinn, Krebs, Rachitis, Schnupfen, Pocken und so weiter. (S.226)

Im Nachwort macht Storl noch einmal deutlich, worum es ihm eigentlich geht: um das Wiederfinden, das Wiederentdecken der alten Heilmethoden, der Heilkräuter, von denen sich der moderne Mensch, die moderne Medizin weit entfernt hat.

„Wer kennt überhaupt noch die verschiedenen Kräuter, die da direkt vor der Haustür wachsen, geschweige denn ihre Heilkraft? Wer kann noch telepathisch mit den Tieren sprechen, sich in eine Pflanze hineinversetzen oder die Naturgeister erleben? […] Man kann den Fortschritt auch als eine Ideologie sehen, die die fortschreitende Entfremdung von dem Unmittelbaren, dem Naheliegenden bedeutet. Im selben Maße, in der wir von der Erde unter unseren Füßen, dem Duft des Waldes und der Nähe der Tiere entfremdet werden, wird uns unser eigentliches Wesen, unser Selbst mit vielen seiner Fähigkeiten fremd. […] Die herkömmliche Volksmedizin ist längst kein überwundenes Kulturgut, sondern eine ganzheitliche Sichtweise, die Leib, Seele, Geist, kulturelle Tradition, Ahnenwissen und die uns umgebende Natur einbezieht. Sie ist inzwischen größtenteils dekadent und tatsächlich zum Aberglauben verkommen, aber in ihr liegt ein wahrer Kern. Diesen gilt es wieder zu entdecken.“ (S. 277-284)

Fazit: Vieles, was Wolf-Dieter Storl in „Ur-Medizin“ geschrieben hat, findet sich schon in seinen früheren Veröffentlichungen. Das mag für den einen oder anderen Storl-Fan vielleicht enttäuschend sein, es macht das Buch aber nicht uninteressant. Es ist einerseits eine Zusammenfassung früherer Inhalte, aber nicht ausschließlich. Spannend ist zum Beispiel der Streifzug durch die Jahrhunderte, der nachvollziehbar macht, wie sich das Wissen um die Heilkräuter weltweit entwickelte.

Und es wirft Fragen auf: Ist die moderne Wissenschaft wirklich am Zenit ihres Wissens angekommen? Sollten wir uns nicht wieder rückbesinnen, zurückbesinnen auf die Heilkraft der Pflanzen?

Für die Kräuterbücher-Sammlung ist „Ur-Medizin“ auf jeden Fall empfehlenswert!


Aontacht-Interview mit Kristoffer Hughes – Teil III, übersetzt von Anufa

Samstag, 22. August 2015

Druidic Dawn: Die Insel Anglesey (Ynys Mon) wird die Mutter von Wales, die Großmutter der Welt genannt und ist als der Sitz der Druidenpriester bekannt und vielleicht der älteste überlieferte Name in Britannien. Kannst Du uns etwas zu ihrem Stellenwert in der druidischen Geschichte und zur Verbindung zu den Göttinnen und Göttern im Druidentum erzählen?

Kris: Anglesey hat eine mannigfaltige und bunte Geschichte, die viele tausend Jahre bevor das Druidentum an ihren Stränden gelandet ist, begonnen hat. Die Insel hat eine Vielfalt an alten Monumenten aufzuweisen, die durch die Nebel der Zeit bis in die frühe Steinzeit zurückreichen. Einige sind wundervoll, geheimnisvoll und wunderschön erhalten, wie die Kammer, der Hügel und der Graben von Bryn Celli Ddu. Die beeindruckende Menge der antiken Monumente der Insel scheint darauf hin zu deuten, dass die Insel eine ungeheure Bedeutung für unsere Ahnen hatte. Es gibt mehr Monumente per Quadratkilometer und per geographischer Einheit als irgendwo sonst in England oder Wales und damit erscheint es augenscheinlich, das Anglesey die Menschen immer schon dazu gebracht hat, ihrer Kreativität und Spiritualität Ausdruck zu verleihen.

Wie das Rad der Zeit sich dreht, kamen die Druiden auf der Insel an. Obwohl ich mir vorstelle, dass die Druidenkaste eine natürliche Entwicklung und Erweiterung dessen war, was vorher schon da war. Tacitus und andere klassische Autoren haben einige der furchtbaren Dinge dokumentiert, die während des Angriffs auf Anglesey 62 v. n. Zr. , passierten. Wer auch immer dort gelebt hat, war eine derartige Bedrohung für die römische Kriegsmaschinerie, dass er ausgelöscht werden musste. Das war auch kein Kinderspiel, eine ganze Legion durch schwieriges Berggebiet hoch zu bringen, wir sind schließlich wochenlangen Fußmarsch von London entfernt. Dafür braucht man schon einen sehr guten Grund. Die Römer kamen und die Menai Straits waren rot von Blut, sowohl der Kelten als auch der Römer. 18 Jahre nach dem ersten Angriff, kam Kommandant Agricola unter Suetonius Paulinus, römischer General, an, um die römische Präsenz in Nordwales zu stärken und vielleicht auch um die Rebellen von Anglesey unter dem Daumen zu halten.

Anglesey, Llandegfan standing stone

1943, bei der Erweiterung der Royal Air force Basis in Valley, wurde in einem nahen See ein Druidenschatz an Artefakten gefunden. Hunderte Gegenstände, alle neuwertig und, bevor sie in die dunklen Tiefen des Sees geworfen worden waren, wurden aus dem uralten Schlamm geborgen. Es sieht so aus, als ob eine enorme Menge an Artefakten rund um diese Zeit der römischen Invasion deponiert worden wäre. Nun haben wir keinerlei Beweis, dass wir denken könnten, das hätte alles nichts mit dem Flehen der lokalen Bevölkerung um den Schutz der Götter, zu tun. Aber wir haben auch die Namen der Götter und Geister nicht, denen sie geopfert wurden oder die an diesen Plätzen verehrt worden sind – wenn überhaupt. Aber diese Träumerein sind fesselnd.

Die Götter dieses Landes, dieser Insel mit der wir uns auch heute verbinden, mögen nicht die selben Namen haben, unter denen sie unsere Vorfahren kannten. Aber wie alle Dinge im Leben, verändern sich Sachen. Was zu einer Zeit für die eine Art Mensch passend und anwendbar war, mag das für eine andere nicht sein. Unser Götter singen von diesem Land und über die Verbindung, die wir zu ihm haben, und die alten Druiden sind auch Teil dieses Liedes. Aber wir sind nicht diese Leute, wir sind Leute des Hier und Jetzt. Wir sind die neuen Druiden, aber wir behalten die Erinnerungen unserer alten Vorväter in unseren Herzen und in unserem Geist. Die Römer haben nicht gewonnen, wir sind noch hier.

Druidic Dawn: In Deinem Cae Braint Wiederherstellungsprojekt auf Anglesey hast Du einen Schrein für Branwen, Deine lokale Göttin, errichtet. Kannst Du uns etwas über die Wichtigkeit der Zusammenarbeit mit dem Land und den Wesenheiten die dort leben, während Veränderungen an der Landschaft vorgenommen werden, auch wenn Du die vorherigen Umstände wieder herstellst, erzählen?

Kris: Cae Braint ist wiedererstellte Salzwiese und es will eine Salzwiese sein. Für Jahrzehnte hat der Mensch, aus den unterschiedlichsten Gründen, zu seinem eigenen Nutzen und nach seinem Willen, diesen Ort ästhetisch verschönert. Nachdem es Jahre als Touristenattraktion verbracht hat, wurde es ruhig und auf kurz oder lang hat sich die Qualität der Salzwiesen wieder bemerkbar gemacht. Wir haben mit dem Land die letzten drei Jahre durchgehend gearbeitet und wir haben keinen Zeitrahmen für eine Zielerreichung. Das ist eine andauernde Beziehung, in der wir versuchen die Balance, zwischen dem was das Land will, was die ausgewachsenen Bäume und Sträucher wollen, die jetzt hier leben, zu finden. Auf diese Art und Weise mit dem Land arbeiten zu können, bedeutet, dass wir aktiv zuhören müssen, seinen Bedürfnissen und Wünschen, seinen Stimmungen und seinem Naturell. Es war eine magische Reise, sich in ein Stück Land, dessen Hüter wir geworden sind, zu verlieben und eine Beziehung zu beginnen. Die Wildtiere sind zurückgekommen. Wir haben eine Familie Schwäne, die jährliche ihre Jungen hier aufzieht. Es ist ein wildes Land, mit verrückten Launen. Aber es war wirklich unglaublich, den Bedürfnissen des Landes zu lauschen und mit ihnen zu arbeiten im Unterschied dazu es zu etwas zu machen, das wir wollen. Die letzten zehn Monate haben wir es brach gelassen. Nachdem wir den Boden mit schweren Maschinen gestört hatten, um die Betonüberreste der Touristenattraktion zu beseitigen, haben wir ihm Zeit gegeben, seinen Reichtum wieder auszubreiten. Winzige Blumen, herrliche Gräser und alle Arten von wunderschönen Wildpflanzen haben die Gelegenheit ergriffen ihre Köpfe zu erheben. Es war magisch, schon allein die Gelegenheit zu haben das zu beobachten. Der Fluss Braint, benannt nach der lokalen Göttin, ernährt das Land, daher auch der Name – Cae Braint, oder Braint´s Weide. Die Dame, die unserem Orden dieses Land zur Verfügung gestellt hat, hatte eine Vision, wo sie die Göttin Braint aus dem Fluss steigen sah und sagen hörte, dass dieses Marschland den alten Druiden heilig gewesen wäre, dass sie die neuen Druiden finden und ihnen das Land überlassen solle. Wenn man bedenkt, dass diese Dame eher weltlich orientiert war, war das auch eine eher magische Erfahrung.

Wenn man das große weltweite Interesse an Anglesey und an den vielen Keltischen und Druidischen Stätten bedenkt, hast Du unlängst begonnen Spezialtouren anzubieten. Touren für diejenigen, die das heidnsiche Erbe von Anglesey erfahren wollen und das Gefühl einer spirituellen Pilgerreise. Kannst Du uns einige Plätze nennen, die Leute auf so einer Tour mit Dir besuchen können.

Um ganz ehrlich zu sein, war meine Hauptgrund diese Touren zu starten sehr egoistisch – Ich kann diese Insel einem ganzen Haufen unterschiedlichster Leute zeigen. Nichts macht mir mehr Freude. Ich liebe diesen Platz. Ich liebe es, hier zu leben und die Insel hält mein Wesen aufrecht, ernährt meinen Geist. Die Gelegenheit zu haben mein Heimatland zu teilen und noch dazu eine andere Sache, die ich gerne macht, zu tun – nämlich zu reden und im Groben das Zentrum der Aufmerksamkeit zu sein! Das ist eine Ehe, die im Paradies geschlossen wurde!
Ende Teil III

Aontacht-Interview mit Kristoffer Hughes – Teil I, übersetzt von Anufa

Samstag, 06. Juni 2015

Druidic Dawn: Danke Kristoffer, dass Du für uns und die Druidic Dawn Gemeinschaft Zeit erübrigt hast. Du bist in den Walisischen Bergen, Snowdonia, geboren und mit dem National Eisteddfod groß geworden. Kannst Du beschreiben, was Dein Interesse am Druidentum in der Vergangenheit geweckt hat?

National Eisteddfod

Kris: Das National Eisteddfod und seine Druiden waren schon immer Teil meines Lebens, genauso wie sie das für die Mehrzahl der Walisischsprachigen Kinder, die in Wales aufwachsen, sind. Anfänglich sah ich darin nichts anderes, als das was wir als Kinder eben alle taten. Als ich älter wurde und mehr über seine Geschichte und den Vater – Iolo Morganwg – lernte, war ich vom Symbolismus des National Eisteddfod und seiner Vorstellung was es als Druidentum ansah, fasziniert. Das National Eisteddfod und seine Druiden verkörpern keinen spirituellen Ausdruck des Druidentums, sondern feiern eher die Kultur, Sprache, Musik und Kunst in der Besetzung Barden, Ovaten und Druiden, die darüber vorstehen. Das hat meine Vorstellungskraft beflügelt. Das drückte etwas aus, das aus dem Land selbst kam. Es drückte die Liebe der Leute zu ihrem Land aus, zu ihrer Kultur. Ich war gefesselt.

Druidic Dawn: Als Kind hast Du Dir in den Wäldern hinter dem Haus Deiner Großmutter Spiele mit Pwyll und Pryderi ausgedacht. Es scheint, als hättest Du ein Band zu den Göttern und Archetypen, die von früh an in die Landschaft geschrieben worden waren gewoben und dadurch Zugang zur darin enthaltenen Geschichte. Haben diese frühen Erfahrungen den Kern dessen geschaffen, was später in Deinem Leben Dein mythen-zentriertes Druidentums werden würde?

Kris: Ja, das haben sie getan. Damals hatte ich noch nicht begriffen, dass diese Personen Götter oder Archetypen waren. Ich denke nicht, dass ich wusste, was das eigentlich war. Aber wenn ich das jetzt so sage, dann will das nicht sagen, dass ich sie nicht für real hielt. Sie haben sich sehr wirklich angefühlt, wenn sie auch unsichtbar waren. In den Wäldern und verloren in den Spielen der Kindheit, spielten diese Charaktere einen wichtigen Part meiner prägenden Jahre. Sie ermutigten meine Fantasie und bliesen ihr Feuer so richtig an. Sie waren Teil der Landschaft. Obwohl meine Fähigkeit das alles in einer spirituellen/mythologischen Art auszudrücken noch einige Jahre auf sich warten ließ, sprachen sie doch zu einem Teil von mir, der eng mit dem Land selbst verbunden war. Das glaube ich ganz fest, das war grundlegend für meine Liebe zur Mythologie.

Für mich ist Mythologie die Geschichte des Herzens. Sie zeichnet etwas außerhalb der versteckten Motive und Pläne der konventionelen Geschichtsschreibung auf, das dann von jemandem, der spezielle Motive hat zusammengeschrieben werden kann. Letztens war ich so glücklich New York besuchen zu können. Dort sah ich das Musical „Wicked“ am Broadway. Eine Zeile daraus hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Die Hexe befragt den Zauberer warum er die Leuts von Oz angelogen hat und der Zauberer antwortet, „Dort wo ich herkomme, glauben wir an die unterschiedlichsten Dinge, die nicht wahr sind. Wir nennen das Geschichte.“. Vielleicht ist es diese Erkenntnis, die mich dazu bewogen hat, die Unschuld und Einfachheit meiner heimatlichen Mythologie zu suchen.
Nachdem ich erwachsen geworden war, wurde mir die Mythologie dieses Landes immer wichtiger und ich fing an sie als Werkzeug zur spirituellen Entwicklung, Persönlichkeitsentfaltung und Erforschung des menschlichen Befindens zu betrachten. Die Charaktere dieser Mythen entwickelten sich von Spielgefährten zu Göttern und Göttinnen, magischen Verbündeten, die aber aus dem Kessel der Kindheit und der Ehrfurcht geboren waren. Heute noch nähere ich mich diesen Kontrukten und Göttern mit der selben Ehrfurcht, die ich als Kind hatte. Ich behaupte, dass genau dieser kindliche Zugang die Freude in das, was ich heute Druidentum nenne, bringt. Geschmiedet durch das Land und im Kessel der Mythen gut gerührt, ist meine Spiritualität das Endprodukt all dieser Dinge und es fing an als Träumerei eines Kindes.

Druidic Dawn: 1990 hast Du mit einigen anderen Cylch Awenydd (The Circle of Those Who Are Inspired) gegründet. Kannst Du uns erzählen, warum Du das gemacht hast und wie daraus Urdd Derwyddon Mon (Angelsey Druid Order) wurde?

Kris: Du liebe Zeit, wenn ich an diese Zeiten zurückdenke, was waren die unschuldig und so voller Freude. Das war damals noch eine Zeit in der Okkultismus sehr am Rande stand. Die Bücher, die zu finden waren, waren entweder sehr vage und damit eher nutzlos oder unendlich sensationsschwanger. Das war eine Zeit, in der Du für Werkzeuge der Kunst am Flohmarkt oder bei den Ladenhütern schauen musstest. Hier fand man Einträge für seltsame okkulte Gruppen und eine Hand voll okkulter Versandgeschäften. Unsere Gruppe begann als ähnlich denkender Haufen Freunde, die ein Interesse an Heidentum und Magie teilten. Um ehrlich zu sein, wir hatten nicht so besonders viel Ahnung und stolperten mehr oder minder durch die Wälder, aber wir hatten eine sehr gute Zeit. Die Jahre vergingen und die Gruppe wuchs. Es war für jeden, der zu unseren Ritualen kam mehr als offensichtlich, dass wir unserem keltischen Erbe und seiner Kultur sehr verbunden waren. Aus diesem Zusammenhang zogen wir unsere Inspiration. Schon in diesen Anfangstagen betrachteten wir unsere Götter als diejenigen, die aus den Seiten und Flüstertönen der Mythen stiegen. Diese Beziehungen zu pflegen war eine wundervolle Erfahrung.

welcome copyright Kris

Cylch Awenydd startete in 1991 und bis 1999 hatten wir schon viel gelernt. Wir waren über die frühen Tage des Experimentierens hinaus. Die wichtige druidische Geschichte von Anglesey war der entscheidende Faktor beim Wunsch etwas zu tun, um diese Insel als einen Platz des Lernens und des angstammten Sitzes des eisenzeitlichen Druidentums der Britischen Inseln zu ehren. Damit begann sich Cylch Awenydd zu verändern und wurde zu etwas anderem. Der Anglesey Druid Order war geboren. Das soll jetzt aber nicht heißen, dass wir plötzlich einen ausgewachsenen Orden am Start hatten. Ganz im Gegenteil, wir stolperten weiter durch die dunklen Wälder, verbesserten dieses und änderten jenes. Es brauchte noch einmal sieben Jahre, bis 2007, bis sich der Orden in seiner eigenen Haut wohl fühlte. Er wächst immer noch und verändert sich auch immer noch, bis heute. Allerdings haben wir jetzt definitiv unsere Grundlagen gefunden.

Wolf-Dieter Storl Shiva – Der wilde, gütige Gott

Samstag, 30. Mai 2015

Wolf-Dieter Storl Shiva – Der wilde, gütige Gott

Erstauflage: 2002 / Koha- Verlag / EUR 19,80 / ISBN: 3-929512-90-4 / 250 Seiten

2012/KOHA-Verlag/EUR 14,99/ ISBN 3867281882/320 Seiten

Über den Autor

Dr. Wolf-Dieter Storl ist ein über Deutschland hinaus anerkannter Kulturanthropologe und Ethnobotaniker. Geboren am 1.10.1942 in Crimmitschau, Sachsen, wanderte er als 11-jähriger mit seinen Eltern 1954 nach Ohio, USA aus. Er begann zunächst ein Botanikstudium, wechselte dann aber zur Anthropologie (Völkerkunde).  Nach dessen Abschluss wurde er Vollzeitdozent und lehrte über 20 Jahre an verschiedenen Universitäten in Amerika und Europa. In Bern, Schweiz, promovierte er 1974 zum Doktor der Ethnologie. Auf seinen zahlreichen Reisen betrieb er Feldforschung und lernte von Bauern, Medizinmännern und Sadhus. Seit 1988 lebt er mit seiner Familie auf einem abgelegenen Bauernhof im Allgäu, schreibt Bücher und gibt zum Thema Heilkräuter Seminare und Vorträge. Bei der traditionellen europäischen Pflanzenheilkunde, wie die der Kelten, Germanen und Slawen, sowie des frühchristlichen Mittelalters, liegt zur Zeit sein Hauptinteresse. Nicht nur zu diesen Themen hat er zahlreiche Bücher geschrieben, sowie Hörbuch-CDs und eine DVD veröffentlicht.

Über das Buch

Dem Storl-Fan kommt der Titel dieses Buchs wahrscheinlich bekannt vor. Sollte er auch. Denn das vorliegende Buch ist eine neue, oder erweiterte Auflage des Buchs, das der Ethnobotaniker bereits 2002 unter demselben Titel herausgebracht hat. Was aber ist anders? Nicht viel, wenn man sich rein aufs Buch bezieht. Das ist nämlich eins zu eins identisch mit der früheren Auflage. Hinzugekommen ist hier eine DVD.

Natürlich gibt es dafür einen Anlass: Wolf-Dieter Storl hat im Jahr 2011 den Kailash, den Heiligen Berg der Hindus, umwandert. Auf dieser halbstündigen DVD erzählt er über die Erlebnisse seiner Wanderung. Erhaben wirkte der Heilige Berg auf ihn, unnahbar. Die Steine hätten vibriert, man konnte mit ihnen reden. Und er fühlte die Gegenwart der Götter. Es war so, als würde man auf der einen Seite in dieser, auf der anderen in der jenseitigen Welt wandeln, erzählt Storl.

Ergänzt wird die DVD durch Bilder der Wanderung und durch ein Interview zweier Pilger, die ebenfalls den Kailash umwandert haben und ihre Erfahrungen schildern.

Fazit: Eine interessante Ergänzung zum Buch!

Die alte Göttin und ihre Pflanzen

Samstag, 31. Januar 2015

Wolf-Dieter Storl

Die alte Göttin und ihre Pflanzen
Wie wir durch Märchen wieder zu unserer Urspiritualität finden
2014/Kailash Verlag/ ISBN 3424630802/272 Seiten

Über den Autor

Dr. Wolf-Dieter Storl ist ein über Deutschland hinaus anerkannter Kulturanthropologe und Ethnobotaniker. Geboren am 1.10.1942 in Crimmitschau, Sachsen, wanderte er als 11-jähriger mit seinen Eltern 1954 nach Ohio, USA aus. Er begann zunächst ein Botanikstudium, wechselte dann aber zur Anthropologie (Völkerkunde).  Nach dessen Abschluss wurde er Vollzeitdozent und lehrte über 20 Jahre an verschiedenen Universitäten in Amerika und Europa. In Bern, Schweiz, promovierte er 1974 zum Doktor der Ethnologie. Auf seinen zahlreichen Reisen betrieb er Feldforschung und lernte von Bauern, Medizinmännern und Sadhus. Seit 1988 lebt er mit seiner Familie auf einem abgelegenen Bauernhof im Allgäu, schreibt Bücher und gibt zum Thema Heilkräuter Seminare und Vorträge. Bei der traditionellen europäischen Pflanzenheilkunde, wie die der Kelten, Germanen und Slawen, sowie des frühchristlichen Mittelalters, liegt zur Zeit sein Hauptinteresse. Nicht nur zu diesen Themen hat er zahlreiche Bücher geschrieben, sowie Hörbuch-CDs und eine DVD veröffentlicht.

Über das Buch:

Dass sich Wolf-Dieter Storl bei Pflanzen, ihren Heilwirkungen und dem Wesen der Pflanzen auskennt, hat er schon des Öfteren bewiesen. Auch verbindet er diese Pflanzen gerne mit allerlei Mythen, Legenden und Märchen. Mit diesem Buch wagt er sich allerdings auf ein Terrain, mit er bislang noch nicht oder kaum öffentlich in Erscheinung getreten ist: Er bringt Pflanzen und Märchen mit den Göttern, genauer gesagt mit der Göttin in Verbindung. Das Ergebnis ist allerdings diskussionswürdig.

Wer gerne Märchen liest und ein bisschen mehr über deren Bedeutung erfahren möchte, wird von diesem Buch nicht enttäuscht sein: Frau Holle, Schneeweißchen und Rosenrot, das Märchen vom Marchandelbaum, Junfrau Marleen, die sechs Schwäne, Rendezvous mit dem Teufel und viele viele mehr. Storl hat sie alle niedergeschrieben und sie durch das eine oder Detail aufgehübscht. So schreibt er beim „Teufel mit den drei goldenen Haaren“: „Es dauerte nicht lange, da kam der Teufel nach Hause. Er hatte einen guten Tag gehabt – er hatte im Wald Zecken mit Borreliose ausgesetzt und war in Brüssel durch die Politikerhirne gehüpft.“ (S. 133)

Natürlich erklärt er auch den einen oder anderen Begriff – wie den der Glückshaube („Man spricht von einer Glückshaube, wenn etwas Eihaut, die das Ungeborene im Mutterleib umgibt, am Kopf des Neugeborenen haften bleibt. In ganz West- und Nordeuropa galt das als Zeichen des sicheren Glücks.“ [S. 126]) und erzählt über die tiefergründige Bedeutung der Märchen – wie bei „Wassilissa“: „In dem Märchen von Wassilissa erfahren wir, dass Tag und Nacht und die Sonne – der weiße, der schwarze und der rote Reiter – Diener der verborgenen Göttin, der Baba Jaga, sind. Die Farben Weiß, Rot und Schwarz, sind und waren schon immer die Farben dieser dreifaltigen Göttin.“ (S.77)

Bei einigen Pflanzen erklärt er auch den Bezug zur Göttin – wie den von Frau Holle zum Holunder. „Ihr Name Holle, Hold, Hullefrau oder Hel beinhaltet das Verhohlene, das Verhüllte, aber auch das Helle, denn in der hellsichtigen Schau erscheint ihr Reich als lichterfüllt und hell.“ (S. 53)

Auf die Verbindung der Göttin Hel mit dem Holunder, kommt Storl erst viel später – auf Seite 103 – zu sprechen: „Frau Holles Baum ist der Holunder – auch Holler, Eller, Ellhorn (englisch: Elder), Flieder oder, in Sachsen, Schibecke genannt. Auch der Holunder ist ein Zugang zum Reich der Holle. Wenn man unter dem Holunder meditiert – sich hinsetzt, leer und offen wird und sich nicht von allen möglichen Gedanken ablenken lässt -, dann spürt man, wie der Holunder einem die Seele nach unten in die Erde zieht.“

Im Großen und Ganzen ist „Die alte Göttin und ihre Pflanzen“ ein interessantes Buch. Dennoch beschleicht einem bei manchen Textstellen das Gefühl, Storl hätte alles, was er über Götter, Mythen und Folklore gefunden hat, in einen Topf geworfen und kräftig rumgerührt: Da wird die Hexe plötzlich zum Nachfahren der Schamanen (S.247), die Märchenfigur Frau Holle zur Göttin („Die alte Göttin Frau Holle hütet nicht nur die Samen, die im Frühjahr keimen, sie schickt nicht nur die Tierseelen nach oben, wo sie Fleisch und Blut und Knochen annehmen, sondern sie schickt auch die Menschenseelen in neue Verkörperungen – S. 95) und auch seine Ausführungen zum Matriarchat sind fragwürdig (S.14 ff.).

Auch lässt er das Märchen von der Göttin Ostara wiederaufleben: „Unser Osterfest, benannt nach Ostara (auch Eostra oder Austra), der Göttin des neuen Lichts, der Morgenröte und der Frühlingssonne wurde umgedeutet zum Auferstehungsfest des Heilands des ‚Lichts der Welt‘.“ (S. 34)

Tatsächlich ist die Herkunft dieser Göttin wissenschaftlich nicht belegt, ist eine Erfindung von Jakob Grimm, der wiederum einst eine Mitteilung des 674 in Northumberland geborenen Kirchenvaters Beda las, der wiederum eine angelsächsische Bezeichnung für den Monat April (Eostur-monath) auf die Existenz einer heidnischen Göttin namens Eostre zurückführte.

Ein weiteres Manko des Buchs: Storl hat kein Stichwortverzeichnis hinzugefügt. Auch lässt er den Leser vielfach im Unklaren, aus welchen Quellen er seine Erkenntnisse gewonnen hat.

Fazit: Ein nettes Buch, reicht aber an frühere Veröffentlichungen nicht heran!