Mit ‘Natur’ getaggte Artikel

Wolf-Dieter Storl: Der Selbstversorger – Mein Gartenjahr (inkl. DVD)

Samstag, 11. Juni 2016

selbstversorger-gartenjahr

Wolf-Dieter Storl
Der Selbstversorger – Mein Gartenjahr (inkl. DVD)
06. Februar 2016 / Gräfe und Unzer Verlag / EUR 19,99 / ISBN: 3833851651 /  128 Seiten

 

Über den Autor

storlbioDr. Wolf-Dieter Storl ist ein über Deutschland hinaus anerkannter Kulturanthropologe und Ethnobotaniker. Geboren am 1.10.1942 in Crimmitschau, Sachsen, wanderte er als 11-jähriger mit seinen Eltern 1954 nach Ohio, USA aus. Er begann zunächst ein Botanikstudium, wechselte dann aber zur Anthropologie (Völkerkunde).  Nach dessen Abschluss wurde er Vollzeitdozent und lehrte über 20 Jahre an verschiedenen Universitäten in Amerika und Europa. In Bern, Schweiz, promovierte er 1974 zum Doktor der Ethnologie. Auf seinen zahlreichen Reisen betrieb er Feldforschung und lernte von Bauern, Medizinmännern und Sadhus. Seit 1988 lebt er mit seiner Familie auf einem abgelegenen Bauernhof im Allgäu, schreibt Bücher und gibt zum Thema Heilkräuter Seminare und Vorträge. Bei der traditionellen europäischen Pflanzenheilkunde, wie die der Kelten, Germanen und Slawen, sowie des frühchristlichen Mittelalters, liegt zur Zeit sein Hauptinteresse. Nicht nur zu diesen Themen hat er zahlreiche Bücher geschrieben, sowie Hörbuch-CDs und eine DVD veröffentlicht.

Über das Buch
Vor drei Jahren brachte Wolf-Dieter Storl sein Buch „Der Selbstversorger“ heraus. Mit „Der Selbstversorger – Mein Gartenjahr“ legt er noch einmal nach – und das dicke: Denn das Nachfolgewerk ist mehr als ein Buch. Band II kommt mit einer DVD und einer App zur Gartenpraxis.
Aber der Reihe nach: Band I geht es hauptsächlich um das „How To“. Wie legt ein Bio-Hobbygärtner einen Garten an, um zu jeder Jahreszeit auf frisches Obst und Gemüse zurückgreifen zu können? Welche Pflanzen eignen sich für welche Böden? Und wie wird kompostiert? 
In der Fortsetzung geht es hauptsächlich um – wie der Titel schon sagt – das Gartenjahr. Was muss der im Frühling beachtet werden? Und was im Sommer, Herbst und Winter?
Seinen Garten-Streifzug beginnt Storl mit der Auflistung der richtigen Gartenwerkzeuge und der Pflege derselben. Hier rät er: „Im Spätherbst, nach Abschluss der Gärtnerarbeit, werden die Werkzeuge gründlich eingeölt und die metallenen Teile eingefettet, Bewässerungsschläuche, Folien, Plastikgießkannen sollten nicht an der Sonne aufbewahrt werden, denn diese hat eine zersetzende Wirkung auf Gummi und Kunststoff.“ (S.19)

Nach diesen ersten Instruktionen geht’s mitten rein ins Gartenjahr: Und das beginnt mit dem Vorfrühling, laut Storl bereits kurz nach Lichtmess am 2. Februar. Der Boden muss umgegraben werden, Mulch abgetragen, Beete gelockert und ab Ende Februar können sogar schon Zuckererbsen, Möhren, Gartenkresse oder Radieschen gesät werden. 

Das Jahresrad dreht sich weiter zum Erstfrühling. Dies ist der Zeitpunkt nach dem 17. März, dem Tag der christlichen Heiligen Gertrude. Danach kann man – auch wenn die Nächte noch kalt sind – mit der Aussaat der robusteren Wurzelgemüse wie Pastinake, Möhren, Rote Beete, Wurzelpetersilie, Schwarzwurzel beginnen. 

Den Vollfrühling macht der Ethnobotaniker im April fest. Der richtige Zeitpunkt, um viele Gemüsearten, beispielsweise Melonen, Paprika, Zuckermais oder Gurken zu säen.

Auf diese Art unterteilt Wolf-Dieter Storl das Gartenjahr nach seinen unterschiedlichsten Merkmalen, gibt unter anderem Tipps, wie man Schädlingen Herr werden kann, Saatgut selber ziehen kann oder erklärt die eine oder andere Heilpflanze genauer, beispielsweise den Giersch oder die Studentenblume. Auch verrät er dem Leser seine Favoriten unter den Gemüsen – nach Jahreszeiten unterteilt: Hier finden sich die Brennnessel, Radieschen, Spinat, Tomate, Mangold, Lauch, Endivien oder Zuckerhut.

Wie eingangs erwähnt, kommt das Buch auch noch mit einer DVD und einer App. Auf der DVD zeigt Wolf-Dieter Storl alle Arbeitsschritte in seinem eigenen Garten. Diese Tipps gibt es auch per App. Dazu muss lediglich die kostenlose GU Garten & Natur Plus-App aufs Smartphone geladen werden. Die App wird gestartet und das Buch ausgewählt. Wer sich nun durch das Buch blättert, entdeckt bei einzelnen Bildern das Handy-Symbol. Einfach scannen und los geht’s.

Fazit: Ein empfehlenswerter, kompakter Ratgeber für Hobbygärtner. Das I-Tüpfelchen ist die interaktive Verknüpfung mit interessanten Tipps aus Storls eigenem Erfahrungsschatz.

 

Warzenkraut und Krötenstein

Samstag, 04. April 2015

Der Untertitel „Natur in Volksmedizin und Aberglaube“ der Ausstellung im Landesmuseum Niederösterreich hat mich neugierig gemacht und ich wollte mal sehen wie das Thema von Seiten der Ausstellungskuratoren aufgearbeitet wurde – vielleicht gibt es ja noch etwas zu lernen beziehungsweise kann ich diese Erkenntnisse euch durch einen Artikel hier im Kräuterkistl vermitteln.

Es wird eine Fülle von Themen im Bereich Volksmedizin und Aberglaube angeschnitten und den AusstellungsbesucherInnen in vielen Installationen näher gebracht.

Ausgehend von einer Zeit und Gesellschaft in der die medizinische Versorgung eher schlecht ist und das Weltbild von einer Gottgegebenheit geprägt ist wird erklärt, dass es für die Menschen natürlich war auf lebensbedrohliche Situationen nicht rational zu reagieren. Zusätzlich zu den Gebeten, religiösen Gebräuchen und Ritualen die in solchen Situationen Verwendung fanden griff der Mensch auch auf viele verschiedenen Pflanzen, Tiere, tierische Produkte, Fossilien und Mineralien zurück. Diese fanden Anwendung, um wieder gesund zu werden, um sich vor Dämonen und Naturkatastrophen zu schützen, um sein persönliches Schicksal zu beeinflussen und um Gefahr für Leib und Seele abzuwehren. Es wird auf die verschiedenen Herangehensweise an die Problemstellungen hingewiesen – je nachdem in welchem Zeitalter, in welchem kulturellen und gesellschaftlichen Umfeld sich die Menschen befanden und welche Ressourcen vorhanden waren, gab es verschiedene Herangehensweisen und Methoden um sie zu lösen.

NÖ Museum Betriebs GmbH - Pressestelle

Ausstellungsplakat - Collage Warzenkraut und Kroetenstein

Die Ausstellungsgestalter spannen hierbei den Bogen von den Kelten bis in die Gegenwart, wo es praktisch zu einer Renaissance von traditionellen Heilmitteln und Heilmethoden kommt. Da es mir schwer fällt in dieser Ausstellung einen roten Faden zu finden halte ich mich bei der Vorstellung an die Struktur des Ausstellungskataloges.

Von Zaubertränken, Bildbäumen, Klostermedizin und Signaturlehre

In diesem Abschnitt wird auf die Trepanationen (Schädelöffnungen) in Niederösterreich vor ca. 2000 Jahren, die Bräuche rund um die Mistel, auf die Symbolik der Eiche bei den Kelten und Römern und deren Fortsetzung z.B. in der heutigen Münzgestaltung sowie auf die Vorstellung der ersten „Ärzte“ und „Pharmazeuten“ eingegangen. Dazwischen wird der Besucher/die Besucherin immer wieder mit speziellen Objekten und deren Wirksamkeit konfrontiert. Der Text bei einem getragenen Lederschuh informiert z.B. darüber, dass das gebrannte und fein zerstoßene Leder von alten Schuhsohlen als Umschlag bei schmerzlichen Entzündungen – ausgelöst durch das drücken des Schuhs – hilft. Im Anschluss wird die Frage aufgeworfen, ob die sogenannten „Bildbäume“ (Bäume an denen Heiligenbilder angebracht werden) die neuen „heiligen“ Bäume der heutigen Zeit wären. Diese Tafel bildet praktisch den Übergang zum Thema Medizin im Mittelalter und Klostermedizin. Hier werden einige alte Arzneibücher und Kräuter, die in keinem Klostergarten fehlen durften, vorgestellt. Natürlich erfährt man hier auch etwas über Hildegard von Bingen und ihre Medizin. Zum Beispiel durch den Rupertsberger Riesenkodex – einer mittelalterlichen Handschrift, die eine enzyklopädisch geordnete Gesamtausgabe der Schriften Hildegards (allerdings ohne die medizinisch-naturkundlichen Werke) ist. Weiter geht es mit einer Vorstellung der verschiedenen Heilsteine und der unterschiedlichen Gegenmaßnahmen während der Pest im Mittelalter.

Foto Claudia Hauer - NÖ Museum Betriebs GmbH - Pressestelle

Medizingeschichte

Die letzten zwei Themen in diesem Abschnitt bestreiten die „Zauber der Ähnlichkeit“ beziehungsweise die Signaturlehre und die Vorstellung von zwei Männern der Heilkunde – Paracelsus und Leonhart Fuchs (wurde durch seine vielen Kräuterbücher berühmt). Früher war im Volksglauben weit verbreitet, dass eine Verbundenheit zwischen der äußerlichen Form und verschiedenen Leiden besteht. So wurde die Schwalbe wegen ihrer guten Sehkraft bei Augenleiden gegessen oder die Mistel bei Schwindelanfällen verschrieben, da sie in schwindelerregender Höhe wächst. Weiters sollte Hasenruin gemeinsam mit getrockneten Ohrwürmern bei Hörschwäche helfen. Hier wird auch auf verschiedene Pflanzen hingewiesen und die Ausstellungsgestalter unterteilen diese nach ihrer Unwirksamkeit und denen die heute noch Verwendung finden. So zählen sie z.B. den Frauenmantel (Frauenbeschwerden), das Lungenkraut (Lungenleiden) oder das Leberblümchen (Leberleiden) zu den unwirksamen Kräutern. Die Herbstzeitlose (Gicht – Knolle soll an Zehen mit Gicht erinnern), der Augentrost (Augenleiden), das Schöllkraut (Gallenleiden) und die Mistel (gegen Krebs – Mistel entzieht der Wirtspflanze Nährstoffe) werden als noch heute in Verwendung kurz vorgestellt.

Am Ende dieses Abschnittes werden auf einem hölzernen Verkaufsstand verschiedene getrocknete Kräuter von der Initiative „Natur im Garten“ (http://www.naturimgarten.at/) präsentiert.

Foto Claudia Hauer - NÖ Museum Betriebs GmbH - Pressestelle

Kräuterstand


Blitzableiter, Pechvögel, Hexenkräuter und Gebärmutterkröten

Der nächste Raum steht im Zeichen von Aberglaube gepaart mit verschiedenen Heilmittel aus dem Bereich der Volksmedizin. Die Installation in der Mitte zeigt uns ein Holzhaus und die unterschiedlichen Dinge aus der Tier und Pflanzenwelt die Haus, Hof und BewohnerInnen schützen sollten. Vor Blitzschlag soll die Königskerze im Garten, das Hirschgeweih über der Tür oder sogenannte „Donnerkeile“ (Teile von urzeitlichen Tintenfischen[1]) schützen. Viel Information bekommt man über die Wirksamkeit des Hollunder – hier wird der Bogen von der Göttin Holla über den Holler als „Blitzableiter“ für Krankheiten bis hin zum Einsatz des Hollers als Heilpflanze zum Beispiel bei Gicht- und Rheumaerkrankungen gespannt. Die AustellungsbesucherInnen erfahren über glück- und pechbringende Vögel wie Storch, Bachstelze und Eichelhäher auf der Seite der Glücksboten und Rabenkrähen, Elstern, Eulen oder dem Seidenschwanz auf der Seite der Pechbringer. Es werden verschiedene Räucherpflanzen und das Brauchtum rund um den Palmbuschen und die Barbarazweige vorgestellt. Der Rainfarn, Amulettketten, Verschrei- und Schrecksteine sowie der Fuchsschwanz finden als Abwehr von Unheil, Teufel und Dämonen Eingang in die Ausstellung. Platz finden auch die verschiedenen Hexenkräuter und Pflanzen der weisen Frauen – Beifuß, Roter Fingerhut, Frauenmantel, Echtes Johanniskraut, Gefleckter Schierling, Gemeine Alraune, Schwarzes Bilsenkraut und die Tollkirsche – um nur einige zu nennen.

Foto Andreas Praefcke - Quelle Wikimedia

Gebärmutterkröte - Museum für Klosterkultur, Bayern

Ein weiteres Thema in diesem Raum ist der Liebe gewidmet. Hier geben die Kuratoren einen Überblick über Mittel zur Potenzsteigerung und zur Hemmung des Sexualtriebes, Liebes- und Fruchtbarkeitszauber sowie die Pflanzen der Engelmacherinnen. Von den formgebenden Dingen und Pflanzen wie das Horn des Alpensteinbocks, der Gurke, dem Spargel oder dem Rohrkolben über den Käfer der „Spanische Fliege“ genannt wird bis hin zu Sellerie, Zwiebel und Knoblauch wird hier einiges an Potenzmittel angeboten. Neu für mich sind die sogenannten Scham- und Muttersteine – Steinkerne fossiler Muscheln, die Ähnlichkeiten mit der weiblichen Scham zeigen. Sie wurden zermahlen und bei Frauenkrankheiten beziehungsweise auch zur Steigerung der Fruchtbarkeit eingesetzt und im Ganzen unters Bett gelegt, um Verhexungen in diesem Bereich abzuwehren. Interessant finde ich auch den Einsatz von den sogenannten „Gebärmutterkröten“. Lange Zeit wurde die Gebärmutter der Frau als eigenständiges Wesen im Körper betrachtet und als Symbol dafür die Kröte genommen – laut Ausstellungstext aufgrund der versteckten Lebensweise der Kröten. Es wurde vermutet, dass Unterleibsschmerzen ihre Ursache in einem Krötenbiss haben. Frauen opferten daher in Wallfahrtskirchen Figuren von „Gebärmutterkröten“ um sich von den Schmerzen zu befreien, aber auch um für Kindersegen beziehungsweisen einen guten Verlauf der Schwangerschaft zu bitten.

In diesem Ausstellungsraum befinden sich auch die sogenannten Universalheilmittel wie Bergkristall, Gold, Bezoarsteine (verfilzte Haare und Pflanzenfasern aus den Mägen von Wiederkäuern), Krötensteine (Bufoniten – Zähne fossiler Fische, die man als Steine, die im Gehirn von Kröten wachsen, interpretierte) oder die Echte Kamille. Auch die verschiedenen Heilmittel gegen rheumatische Erkrankungen, wie Murmeltierfett, Echter Beinwell, Steinöl, Katzenfell oder die Herbstzeitlose, Mittel gegen Blutungen sowie Wunden, wie Zunderschwamm, Odermenning, Hämatit oder Feuersalamander und allerlei, das bei Augenleiden helfen soll, wie das Judasohr, der Augentrost, Luchssteine oder der Topas, finden sich in diesem Raum. Den Abschluss bildet das Thema heilende und heilige Erde.

Foto Claudia Hauer -  NÖ Museums GmbH - Pressestelle

Alternativmedizin

Natürlich beschäftigt sich die Ausstellung auch mit dem Thema der Traditionellen Europäischen Medizin, der Kneipp-Medizin, den Bachblüten und der Homöopathie.

Viele Themen – kein roter Faden

Diese Fülle an Themen ist meiner Meinung nach ein Nachteil dieser Ausstellung. Auf eher kleinem Raum (einem Gang und einem Ausstellungsraum) werden sehr viele Themen kurz und knackig vorgestellt, allein mir fehlt dabei die Möglichkeit zur vertiefenden Information für Menschen, die sich mit diesem Thema schon etwas beschäftigt haben. Auch fehlt mir der rote Faden beziehungsweise die logische Abfolge durch die Ausstellung. Immer wieder werden dazwischen verschiedene Objekte mit kurzem Text vorgestellt, bei denen sich für mich kein Zusammenhang mit den umgebendem Thema feststellen lässt – zum Beispiel die Verwendung von alten Schuhen bei schmerzenden Entzündungen. Mir persönlich sind zu viele Themen nur kurz angerissen und ich hätte über einige Themen gerne mehr erfahren. Die Ausstellungsinstallation – Präsentation der Objekte, Ausstellungstexte in angenehmer Schriftgröße und lesbarer Höhe, Verwendung von Geräuschen, etc. – gefällt mir sehr gut und das macht die Ausstellung sehenswert. Summa summarum – als Anregung, sich mit diesem Themenkomplex einmal grundsätzlich zu befassen und neugierig auf mehr zu machen passt die Ausstellung gut.

Quellen:
Ausstellungskatalog „Warzenkraut + Krötenstein. Natur in Volksmedizin und Aberglaube“, Landesmuseum Niederösterreich, St. Pölten 2015
Pressefotos des Landesmuseum NÖ
Museum für Klosterkultur, Bayern


[1] In verschiedenen Landesteilen von Niederösterreich findet man heute noch Überreste aus einem ehemaligen urgeschichtlichen Meer – interessant dazu sind die Dauerausstellung im Krahuletzmuseum in Eggenburg bzw. auch die Rekonstruktion einer Seekuh im Stadtmuseum von Bad Vöslau

Die Geschlechter des Göttlichen: Eine polytheistische Perspektive – Teil I, geschrieben von Thursa

Samstag, 20. Dezember 2014

Als ich letztens Anufas Artikel Gott – göttlich, Mann – männlich? las, regte sich bei mir der Impuls, heftig zu widersprechen. Ich begann schon, mein „Ich erlebe das gaaaanz anders“ niederzuschreiben, als ich bemerkte: Das würde eine lange Replik! Darum machte ich einen eigenständigen Artikel daraus.

Eins vorweg: Ich habe kein Problem mit wiccanesken Vorstellungen, ich habe auch kein Problem mit dem Konzept der Polarität an sich (oder doch, sofern ich angehalten werde, es auf mich selbst anzuwenden; aber dazu weiter unten). Sie sind eben nicht mein Weg, nicht mein Paradigma. Woran ich mich kratze, ist die dominante, quasi-normative Stellung dieser Paradigmata, die eines quasi-Standardzustands, auf den zurückgegriffen wird, wenn nichts anderes angegeben ist.

Meine Vorstellung vom Göttlichen

Vielleicht ist das Wichtigste: meine Vorstellung vom Göttlichen und damit zusammenhängend vom Sinn meines spirituellen Tuns ist ein anderes als das der Craft. Ich habe sie hier und hier schon genauer dargelegt. Sehr kurz zusammengefaßt: Meine Gottheiten sind viele, und ihre Geschlechtlichkeiten sind viele und verschiedene. Ich begegne meinen Gottheiten nicht durch Identifikation, sondern als Gegenüber, das mir durchaus fremd sein kann.

Wer steht im Fokus meines spirituellen Tuns steht, variiert je nach Ritual. Manche Rituale sind eher auf die Gemeinschaft der Teilnehmenden oder, wenn ich allein arbeite, auf meine eigenen Fragen zentriert. Mehr und mehr nehmen jedoch Handlungen einen Raum ein, die sich auf die Verehrung von Gottheiten fokussieren und weniger auf meine eigenen Bedürfnisse und Wünsche.

Ironischerweise war es genau das Thema Geschlecht, das mich zum diesem Verständnis von Gottheiten brachte. Dazu später.

Der Begriff „Natur“

Ohne das ganz große erkenntnisphilosophische Faß aufzumachen: Ich mißtraue dem Begriff „Natur“ (dem Begriff, nicht den tatsächlichen Bäumen, Bergen, Steinen, Gräsern, Flüssen und Tieren). Die heidnische Romantisierung der Natur ist mir suspekt; ich hinterfrage, wieviel wirklich „Natur“ ist und was wir nur darauf projizieren. Zu oft finde ich „Natur“ gedacht als einen idealisierten Urzustand vor jeder Kultur, als etwas „Eigentliches“, dem kulturelle und gesellschaftliche Verhältnisse übergestülpt werden. Ich halte das für eine Täuschung, eine gefährliche obendrein, denn allzu oft sehen die unterstellten „natürlichen Zustände“ reaktionären Vorstellungen von Geschlecht, Sexualität, Familie etc. zum Verwechseln ähnlich. Und last not least wird „Natur!!!“ zu gern als Totschlagargument gegen Menschen wie mich und viele meiner Lieben ins Feld geführt.

Und doch: Naturerfahrung ist ein Teil meiner Spiritualität – jedoch weit ab von etwas, das überhaupt konzeptualisierbar oder verbalisierbar wäre. Draußen zu sein, mich den Elementen auszusetzen, wirft mich auf meine Menschlichkeit, meine Grenzen, meine Körperlichkeit zurück, bringt mich mit jener körperlichen, instinktiven, sinnlichen Ebene in Verbindung, ohne die mein Leben unvollständig wäre. Darüber hinaus: Der nichtmenschlichen Welt wirklich zu begegnen, heißt für mich, meine menschlichen Kategorien und Wertungen so weit wie möglich beiseite zu lassen und wahrzunehmen, ohne das Wahrgenommene gleich in begriffliche Schubladen zu stecken – ein Unterfangen, das niemals perfekt gelingen kann.

Mein Empfinden über Geschlechtlichkeit und seine Folgen

Seit meinem lesbischen Coming Out 1996 hat sich mein Empfinden und Denken über meine Geschlechtlichkeit immer wieder verändert (ich habe mich allerdings stets cisgenderi verortet). Konstant blieb mein Begehrenii: Das richtet sich auf Feminität, die sich für mich nicht an einfachen Markern wie Kleidungsstücken, Haarlänge etc. festmacht.

Ich bin immer schon als feminin gelesen worden, egal, was ich tat und wie ich mich stylte. Und: Meine Feminität war und ist für mich etwas, das ich als gut, ermächtigend, kraftgebend empfinde – aber meine Weiblichkeit hängt nicht an einer potentiellen Mutterschaft oder an meiner Menstruation, nicht einmal an bestimmten körperlichen Merkmalen (auch wenn ich eben diese Körperteile mag!), auch nicht an bestimmten Tätigkeiten oder Interessen. Erst recht verhält sie sich nicht komplementär zu einer wie auch immer gearteten Männlichkeit/Maskulinität!
Eine Konfiguration, die nicht nur in der schwullesbischen Szene unbegreiflich war (die Maskulinität/Androgynie immer noch zum Leitbild erhebt und immer noch dazu neigt, Feminität abzuwerten), sondern mich auch im Spirituellen in besondere Widersprüche katapultierte. Ist ein Begehren, das nicht entlang der Achse maskulin-feminin strukturiert ist, wirklich derart undenkbar, wie es mir immer wieder schien?

In Zusammenhängen von Frauenspiritualität hatte ich oft das Gefühl, daß mir eine Lebensrealität unterstellt wird, die nicht die meine ist. In der Wicca-geprägten Art, Rituale zu gestalten, mit der ich eine Weile arbeitete, neigte ich dazu, mich mit dem männlichen Part zu identifizieren, weil er meiner Lebenswirklichkeit und meinem Begehren näher kam, weniger im Weg stand und widersprach als die Entwürfe von Weiblichkeit, die mir da präsentiert wurden, meine Feminität hin oder her.

Es blieb stets das unbefriedigende Gefühl des Nicht-Vorkommens, das Gefühl, mich in eine Form pressen zu sollen, die schmerzhaft nicht zu mir paßte, und das Gefühl des Mich-Zerreißens zwischen Möglichkeiten, die jeweils wichtige Teile von mir ausschlossen. Es blieb mir die Frage: Wo finde ich den rituellen Raum, in dem meine Lebenswirklichkeit gewürdigt und gesehen wird, wo Geschlecht und Sexualität offener, weniger festgelegt repräsentiert werden, und/oder wo der Komplex Geschlecht und Sexualität nicht diese zentrale Rolle spielt und nicht-heteronormative Leben vorkommen dürfen?

Und dann war da noch meine eigene Vielseitigkeit. Vielleicht, weil mein Begehren nicht diese (geschlechter)polare Struktur hat, vielleicht aber auch, weil ich den größeren Teil meines Lebens ohne Partnerschaft (und wenn eine vorhanden war, dann ohne gemeinsame Wohnung) zugebracht habe – was ich übrigens nicht als Defizit gewertet wissen will -, vielleicht durch meine künstlerische Arbeit als Sängerin -, habe ich nie das Gefühl gehabt, nur „eine Seite“ zu verkörpern. Bis zu einem gewissen Grad mußte ich alles sein, um in der Welt klarzukommen.

Und in der Tat konnte ich sehr vieles in mir finden, ob es nun Härte und Aggressivität war oder einfühlsame Weichheit, ‚Feminität‘ oder ‚Maskulinität‘; ich konnte vieles nach Bedarf entwickeln. Irgendwann begann ich außerdem, Gegensätzlichkeiten anzuzweifeln und lieber Sowohl-als-Auchs und/oder etwas Drittes (Viertes, Fünftes, Sechstes) zu sehen, wo die dominante Kultur in Entweder-Oders denkt (das ist ein andauernder Prozeß). Im Lauf meiner eigenen Auseinandersetzung mit Weiblichkeit/Feminität lösten sich zudem die üblichen Zuordnungen von Eigenschaften, Tätigkeiten und Fähigkeiten zu Geschlecht weitgehend auf. Es wurde für mich ausgesprochen wohltuend, wenn nicht an allem ein gender-Etikett hing.
Ende Teil I

iDas Wort cisgender bezeichnet Menschen, die mit dem Geschlecht leben, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde.

iiAls „Begehren“ bezeichne ich mein romantisches und erotisches Angezogensein von anderen Menschen (und zwar so, wie ich es durch langjährige Selbstbeobachtung beschreiben kann). Ich ziehe diesen Begriff oft dem der „sexuellen Orientierung“ vor, da letztere oft mit Begriffen wie lesbisch, schwul, bisexuell,… arbeitet, die mir meistens zu unspezifisch sind und zwar als solidarische Identifikation taugen, das Spezifische der Situation jedoch nicht abbilden können.

Ich erzähl´ dir war von mir und aus meinem Leben – Teil I … geschrieben von Uhanek und Anufa

Samstag, 18. Januar 2014

Heute wollen wir, Uhanek und Anufa, ein bisschen über unsere Weltsicht und wie wir damit im täglichen Leben umgehen und zurecht kommen, plaudern und Euch alle daran teilhaben lassen. Wie das funktioniert hat? Ganz einfach: ich, Anufa, habe ein Wordfile begonnen mit ein paar meiner Sichtweisen und dazu an Uhanek Fragen gestellt. Dann habe ich das File an ihn geschickt. Er hat dann meine Fragen aufgegriffen, weitergeschrieben und mit Fragen seinerseits an mich zurückgeschickt. So haben wir uns dann ein wenig ausgetauscht …


Natürlich Natur im Glaubensgebäude?

Anufa: In den letzten Jahren mache ich mir immer mal wieder ein paar Gedanken zum Thema „Natur“. Dazu muss ich vorausschicken, dass ich „Hexe und Priesterin“ bin (im Original „priestess and witch“) in einem Bereich, der vielen als „Wicca“ bekannt sein dürfte. Für mich ist die Craft (die Abkürzung von „witchcraft“), wie ich diese Sichtweise am liebsten nenne, eine Naturreligion und hat, deshalb mag ich den Namen, sehr viel mit Handwerk zu tun. Natürlich gibt es da auch einen breiten Bereich der als Mysterienkult definiert werden könnte, aber der Aspekt des „Tuns“ zieht sich für mich durch alle Bereiche.
Wie ist das denn bei Dir?

Uhanek: Deine Bezunahme auf ein Handwerk gefällt mir gut. Das verstehe ich so, dass Deine religiöse Praxis vor allem lebenspraktisch ausgerichtet ist…

Wenn es um Etikettierung geht, dann muss ich mich als Buddhist bezeichnen. Genau genommen als Vajrayana-Buddhist der Nyingma-Traditionen des tibetischen Buddhismus. Und um das Labeling noch ein wenig auf die Spitze zu treiben, kann ich mich auch noch der nichtsektiererischen Rime-Bewegung zuordnen, die die verschiedenen Schulen des Buddhismus gleichermaßen achtet und wertschätzt, oder könnte auch noch die speziellen Übertragungslinien ausdifferenzieren, in denen ich stehe. Bei so einer alten Lehrüberlieferung gibt es ja viele Möglichkeiten, sich mit Worten und Symbolen zu behängen. Das kann manchmal ganz nützlich sein, wenn es darum geht, in irgendeiner Weise in der Kommunikation mit anderen Menschen Position zu beziehen. Es kann allerdings auch vielerlei Arten des Missbrauchs und der Oberflächlichkeit mit sich bringen. Es wird dann leicht mal zu einem Mittel des Stolzes, der Überheblichkeit und der sektiererischen Abgrenzung. Mir persönlich bedeuten die Begriffe in letzter Konsequenz nichts. Das sind nur Worte. Mir geht es um den Inhalt.

Vom Begriff der Religion distanziere ich mich hierbei ganz entschieden. Es geht hier nicht um irgendeine Form der gläubigen Kultpraxis oder der gläubigen Bezugnahme auf ein göttliches Wesen oder mehrere davon, sondern um die systematische Untersuchung und erfahrungsbezogene Erforschung des Bewusstseins und der Wirklichkeit, dies aber nicht auf einer rein intellektuell-sprachlichen Ebene. Im Vajrayana wollen wir nicht lediglich eine Ansammlung von Theorien und Wortkonstruktionen durch eine andere ersetzen, daher umfasst das Repertoire der Methoden, die der großen Dekonstruktion dienen, neben der Anwendung sprachlich-logischer Zeichen etwa der Philosophie auch die Anwendung von Symbolen, Farben, Formen und mythischen Gestalten. Von einer Außenperspektive aus betrachtet führt das dann leicht zu der Fehlinterpretation, dass es um eine Religion handele, die aber die Funktion dieser symbolischen Zeichen außer acht lässt. Ich glaube, wer das westliche Religionskonzept auf den Buddhismus projiziert, der verstellt sich damit einen Zugang zu den tatsächlichen Inhalten. Letztlich hat Buddhismus mehr mit den Geisteswissenschaften gemein.

Anufa: Ich mache beispielsweise Rituale, weil es in meinen Augen etwas zu erledigen gibt. Für mich persönlich geht es dabei darum – Dinge oder mich selber in der aktuellen Zeit zu verorten, Entwicklungen die ich gemacht habe/gerade mache für mich greifbar zu machen, bewusst und fokussiert mit meinen Göttern Kontakt aufzunehmen, mich in das einzubinden, was ich als „Natur“ ansehe, was uns wieder zum Thema bringt und noch vieles andere. Dabei muss ich aber gestehen, dass soziale Rituale (ohne konkreten Arbeitshintergrund) für mich relativ uninteressant sind, weil ich der Ansicht bin, dass es andere Möglichkeiten gibt zu sozialisieren, und es allein dazu kein Ritual braucht … Wenn ich mich einfach zum gemeinsamen Trommeln am Lagerfeuer treffen will, dann ist das doch auf völligst in Ordnung. Es muss ja nicht alles gleich ein Ritual, im spirituellen Sinne sein.

Uhanek: Im Buddhismus gibt es auch einen ganz pragmatischen Ansatz. Rituale sind Meditation in Bewegung, die verschiedene Ziele verfolgt. Vorrangig geht es darum, den Geist und seine Funktionen auszuloten, in die eigentliche Natur der Erscheinungen vorzudringen und letzten Endes den Zustand der Erleuchtung zu verwirklichen. Oder anders ausgedrückt: Was die buddhistische Philosophie mit sprachlichen und logischen Mitteln formuliert, wird durch die Rituale erfahren und verwirklicht. Das ist der absolute Nutzen. Darüber hinaus gibt es aber auch viele relative Funktionen, die unser Erleben einer ganz alltäglichen Wirklichkeit betreffen, wie etwa Gesundheit, Wohlstand, Glück etc.

Anufa: Bewegen wir uns also in Richtung „Eingemachtes“, wie wir in Österreich dazu sagen. Was ist denn für mich diese „Natur“?

Uhanek: Also für mich bezeichnet der Begriff „Natur“ der buddhistischen Terminologie folgend intrinsische Eigenschaften, also Eigenschaften und Funktionsweisen, die den Phänomenen innewohnen. So ist es etwa die Natur des Windes, dass er sich bewegt. Oder es liegt in der Natur der Gottesanbeterin, dass sie in der Paarung das Männchen tötet. Oder unsere Natur als Menschen ist durch die Art vorgegeben, wie unsere Sinne, unser Gehirn und unser Nervensystem funktioniert. Meine individuelle Natur wiederum ist durch die verschiedenen Anlagen und Neigungen bestimmt, die ich mit in dieses Leben gebracht habe und die meinem Charakter zugrunde liegen. Auf diese Weise haben alle Phänomene der Erscheinungswelt eine ihnen eigene Natur. Auch Autos, Flugzeuge und Fabriken. Unsere menschlichen Vorstellungen von uns selbst und den Dingen steht oft im Widerspruch zu ihrer Natur.

Ende Teil I

Geist – Seele – Bewusstsein – Körper oder Das Eine und die Vielen – Teil XII von Questing Wolf

Samstag, 19. Mai 2012

Jede individuelle Seele, ist eine Inkarnation ein und derselben Urseele, eine Inkarnation des Mysteriums.

Wir sind alle Inkarnationen ein und derselben Urseele. In unserem Allerinnersten sind wir alle Eins. Ich = Du und Du = Ich.

Aus dem Mysterium ist also das Ur-Syzygy Bewusstsein – Psyche „entstanden“. Der weibliche Pol (Göttin, Psyche), der sich in die vielen, vielen einzelnen Psychen „aufgespalten“ hat bzw. sich als die individuellen Psychen manifestiert (zwei Umschreibungen für ein und dasselbe mit Worten de facto Nichtbeschreibbare), befindet sich in einem ständigen Prozess des Werdens, der ständigen Weiternetwicklung, in einem Prozess des Erkennens seiner wahren Natur, d.h. in einem Prozess des spirituellen Erwachsens und nähert sich dadurch der Erkenntnis des Mysteriums.

Diese wahre Natur, unsere essentielle Natur, ist das „reine Bewusstsein“; ich sollte besser Bewusst-SEIN schreiben, der göttliche Funke, die Monade, die unsere aller Allerinnerstes IST. In Platos Sinne gehört dieses Bewusst-SEIN zur idealen Welt. Es IST einfach das, was wir SIND und sieht sich selbst als Psyche, die sich im Prozess der Bewusst-WERDUNG dessen befindet, was sie wirklich IST. Unsere Wahre Natur, die Inkarnation des Mysteriums als „Gott in uns“, als „reines Bewusst-SEIN in uns“, beobachtet sich selbst als Psyche, die sich allmählich dessen bewusst WIRD, was sie IST. Die Psyche gehört in Platos Sinn zur realen Welt, welche wie schon beschrieben, nur ein Abbild, ein Zerrbild, nur eine Projektion der idealen Welt ist.

Zeit ist eine Illusion, wenn auch eine sehr hartnäckige.
Albert Einstein [i]

Der Gott steht für EWIGES SEIN. Die Göttin steht für ZEITLICHES WERDEN.

Der Gott repräsentiert das Wesen des Mysteriums, das seine Wahre Natur, seinen Ursprung kennt.

Die Göttin repräsentiert die vielfältigen Erscheinungen, die unvollständigen Abbilder des Mysteriums, die sich im Prozess des spirituellen Erwachens ständig weiter vervollkommnen.

Bewusstsein IST, Psyche WIRD. Werden ist ein zeitlicher Vorgang. Werden bedeutet Veränderung und Veränderung ist ein Maß für das Vergehen von Zeit. Veränderung schafft die Illusion der Zeit. Tatsächlich gibt es auch eindeutige physikalische Hinweise darauf, dass Zeit eine Illusion ist. Einstein hatte ja wie schon erwähnt bereits gezeigt, dass es keine absolute sondern bestenfalls eine relative zeit gibt. Die Quantenmechanik kennt den Begriff der Zeit eigentlich gar nicht. [ii] Zeit ist eine Projektion, ein Phänomen der realen Welt, das es in der ideellen Welt nicht gibt. Die Illusion der Zeit kommt dadurch in die Welt, dass sich die Psyche-Inkarnationen des Mysteriums weiterentwickeln müssen, also WERDEN müssen, um zu ihrem Ursprung zurückzufinden.

Kabbala und Kosmogonie

Indem wir aber Theile des Pleroma sind, so ist das Pleroma auch in uns.
Auch im kleinsten Punkt ist das Pleroma unendlich, ewig und ganz, denn klein und groß sind Eigenschaften,
die in ihm enthalten sind.
Es ist dies Nichts, das überall ganz ist und unaufhörlich.
Daher rede ich von der Creatur als einem Theile des Pleroma, nur sinnbildlich,
denn das Pleroma ist wirklich nirgends geteilt, denn es ist das Nichts.
Wir sind auch das ganze Pleroma, denn sinnbildlich ist das Pleroma der kleinste nur angenommene,
nicht seiende Punkt in uns und das unendliche Weltgewölbe um uns. [iii]

Kabbalistisch lässt sich die Entstehung der materiellen Welt in sieben [!] Schritten beschreiben. Sie entsprechen den sieben kabbalistischen Ebenen und auf sie bezieht sich die so genannte Siebenerklassifikation der Esoterischen Anatomie, von der später noch die Rede sein.

I

Kabbalistisch wird das Mysterium durch die Sephirah Kether repräsentiert. Kether ist die Sphäre der Schöpfung und die spirituelle Erfahrung, die dieser Sephirah zugeordnet wird, ist die der Wiedervereinigung mit unserem Ursprung. Kether die nicht-duale Welt, in der Kabbala „Aziluth“ genannt; das ist die erste kabbalistische Welt. Kether, das primäre SEIN, IST aus dem Nicht-Seienden hervorgegangen. Kether IST auf dem Hintergrund des Nicht-Seiens (welches, da es nicht-existent ist, eigenschaftslos, daher unveränderlich und somit „unendlich beständig“ ist); Kether ist der Grund der Manifestation auf dem Hintergrund des Nicht-Manifesten.

Jeder Sephirah im Baum des Lebens wird ein (hebräischer) „Name Gottes“ zugeordnet. Kether wird der Name „EHEJEH“ zugeordnet; dieser Name bedeutet „ICH BIN“.

II

Kether bringt Chockmah und Binah hervor.

Gott und Göttin werden auf der archetypischen Ebene durch die Sephiroth Chockmah (männlich; Gott) und Binah (weiblich; Göttin) repräsentiert. Chockmah und Binah verkörpern die ideelle Welt, die Idee der Welt, ihre Matrix, ihren Bauplan, in der Kabbala „Beriah“ genannt, das ist die zweite kabbalistische Welt. Göttin und Gott repräsentieren auf dieser Stufe die Matrix der Welt, quasi den Bauplan für alles, was im Laufe der Involution noch folgen soll. Ich verwende bewusst den Begriff „Involution“ und nicht „Evolution“, denn mit dem Akt der Selbstreflexion hat der Akt der Manifestation, sprich der Verdichtung und Materialisation, die Immanentwerdung, der Fall des Geistes in die Materie begonnen.

Chockmah symbolisiert den Gott, den Vater, die Weisheit, das Wissen, die Idee der Kraft. Binah symbolisiert die Göttin, die Mutter, das Verstehen, die Idee der Form. Der Sephirah Chockmah wird die spirituelle Erfahrung der „Vision des Ursprungs, den wir suchen“, zugeordnet und astrologisch wird sie als die Sphäre der Fixsterne (Zodiac) gesehen. Die spirituelle Erfahrung, die zu Binah gehört ist die „Vision von Kummer, Leid, Reue, Schmerz und Trauer“ und ihre astrologische Zuordnung ist die Sphäre des Saturns. Im klassischen geozentrischen Weltbild (die Erde im Zentrum, Sonne, Mond, Planeten und Fixsterne in konzentrischen Sphären um die Erde herum angeordnet) ist die Sphäre der Fixsterne die aller äußerste Sphäre, jenseits derer das Nicht-Beschreibbare, dass Un-Fassbare liegt, genau so wie es Flammarions Holzschnitt darstellt (Abbildung 1). Die Sphäre des Saturn ist die zweit-äußerste Sphäre und tatsächlich ist ja der Saturn aus der Sicht des heutigen heliozentrischen Weltbildes (Sonne im Zentrum, die Planeten umkreisen die Sonne) der äußerste Planet, der noch mit bloßem Auge gesehen werden kann und damit ist er auch der äußerste (am weitesten von der Sonne entfernte) Planet, der in der Antike gesehen werden konnte (das Fernrohr wurde erst 1608 erfunden).

Kether, Chockmah und Binah sind die drei spirituellen Sephirot. Sie liegen jenseits („oberhalb“) des Abyss, des Abgrunds, der die spirituelle Welt von der materiellen Welt trennt.

III

Wissen im Zusammenspiel mit Verstehen – das ist die Antriebskraft aller Veränderung und Veränderung sorgt dafür, dass Neues entsteht. In einem fortschreitenden dialektischen Prozess entstehen aus der Urpolarität weitere Polaritäten, immer dichtere Manifestationen des ursprünglichen „Reinen Geistes“, Kether, welche gewissermaßen als Kinder und Kindeskinder aus der ursprünglichen Vereinigung von Gott und Göttin hervorgehen.

So entstehen aus der Interaktion von Chockmah und Binah die Polaritäten Geburah (Dynamik, männlich) und Chesed (Form, Gefäß; weiblich) als Repräsentationen (Spiegelbilder) von Gott und Göttin auf der nächst unteren, der ersten materiellen Ebene. Sie repräsentieren den „oberen Teil“ von Jezirah, der gestaltenden Welt; das ist die dritte der kabbalistischen Welten. Geburah und Chesed stehen symbolisch für den ersten Teil der Ausführung des Bauplans. Diese Ebene stellt eine Vorstufe der stofflichen Welt dar; sie ist gewissermaßen das Skelett der stofflichen Welt, das es mit Fleisch (im wörtlichen Sinn) zu überziehen gilt; der Rahmen, den es auszufüllen gilt. Chesed entspricht der spirituellen Erfahrung „der Vision der Liebe; zu Geburah gehört „die Vision der Kraft“. Chesed ist die Sphäre des Jupiters, Geburah die des Mars. Diese sind, heliozentrisch betrachtet, die beiden nächst inneren Planeten nach Saturn.

IV

Durch die Interaktion dieser beiden Polaritäten Geburah und Chesed, Liebe und Kraft, wird Tiphereth, geboren, das erste direkte Spiegelbild des Ursprungs Kether. Dass es sich bei Tipheret um ein Spiegelbild Kethers handelt, geht u.a. auch aus Abbildung 12 hervor. Tipheret ist die Sphäre der Sonne und des geopferten und wiederauferstehenden (Sonnen-) Gottes respektive Gottmenschen. Die spirituellen Erfahrungen von Tiphereth sind „die Vision von der Harmonie aller Dinge“ und die „des Verstehens des Mysteriums des Opfers“ (der geopferte Gott).

V

Aus Tiphereth gehen die beiden Polaritäten Netzach (Elementarenergie; männlich) und Hod (Formgebung; weiblich) als weitere Spiegelbilder von Gott und Göttin hervor. Sie repräsentieren den „unteren Teil“ der gestaltenden Welt (Jezirah) und stehen für den zweiten Teil der Ausführung des Bauplans, die zur Entstehung der feinstofflichen (astralen) Welt führt. Zu Netzach gehört die spirituelle Erfahrung „der Vision der triumphierenden Schönheit“, zu Hod „die Vision der Pracht, der Herrlichkeit“. Netzach ist die Sphäre des Planeten Venus, des zweit-innersten Planeten des Sonnensystems, Hod ist die Sphäre des Merkurs, des innersten Planeten.

VI

Durch die Interaktion der beiden Polaritäten Netzach und Hod, Form und Energie, Schönheit und Herrlichkeit, wird schließlich Jesod geboren, das Fundament für die materielle Welt und nach Tipheret ein weiteres Spiegelbild des Ursprungs Kether (siehe z.B. wieder Abbildung 12). Jesod ist das Prinzip des Lebens, der Lenker der physischen Welt. Die spirituelle Erfahrung von Jesod ist „die Vision vom Aufbau des Universums“, „die Vision dessen, was die Welt im Innersten zusammenhält“. Jesod ist die Sphäre des Mondes, und der aller unterste Teil von Jezirah, nämlich die astralen Welten.

VII

Jesod ist der Schoß, aus dem die Kräfte von Netzach in die materielle Welt (kabbalistisch Malkuth) hineingeboren werden. Das ist sinnbildlich der Urknall, die erste physische Inkarnation des Lebens. Aus reiner Energie entsteht Materie, entsteht Assiah, die Materielle Welt; das ist die vierte kabbalistische Welt. In der Kabbala wird die materielle Welt durch die Sephirah Malkuth repräsentiert, deren spirituelle Erfahrung „die „Vision des Höheren Selbst (Holy Guardian Angel [iv])“ ist. Die astrologische Zuordnung ist, wie sollte es anders sein, die Erde.

Bewusstsein / Geist / Leben inkarniert in Materie, die im Laufe des Fortschreitens der Evolution immer komplexere Formen annimmt.

Materie ist kristallisiertes Bewusstsein, inkarniertes Leben. Alle Materie ist daher beseelt und belebt.

Bewusstsein bringt Materie hervor.

Das Universum ist mental – ist Bewusstsein! Und wir sind Fleisch gewordenes Wort (ICH BIN).


[i] Es handelt sich um ein Zitat, das Einstein in den Mund gelegt wird. Ob er wirklich so gesagt hat, sei mal noch dahingestellt. Es wird auch immer wieder einmal in der Variante „Die Realität ist eine Illusion, wenn auch eine sehr hartnäckige“ kolportiert.

[ii] In der Quantenmechanik gibt es für jede messbare und somit (zumindest mathematisch) beschreibbare Größe, Observable genannt, einen so genannten Operator (ein mathematische Gebilde, dessen genaue Struktur und Bedeutung in diesem Kontext nicht wichtig sind). Es gibt aber keine Observable der Zeit und keinen Operator der Zeit. Salopp gesagt: in der Quantenmechanik gibt es keine Zeit.

[iii] C.G.Jung: Die sieben Predigten an die Toten (Septem Sermones ad Mortuos); aus der ersten Predigt

[iv] Damit ist nicht der Schutzengel gemeint.

Ende Teil XII