Mit ‘Nordamerika’ getaggte Artikel

Ragweed – oder unser Immunsystem gegen das Kraut des Schreckens

Samstag, 01. August 2015

Was sich vielleicht anhört wie der Name eines B-Movies aus dem Horrorgenre, geistert tatsächlich mehr oder weniger mit dieser Bezeichnung durch die verschiedenen Medien. Alle Jahre wieder wird vor dem Allergie auslösenden Kraut Ragweed – Ambrosia artemisiifolia oder Beifußblättrige Traubenkraut gewarnt. Es werden Informationsfolder und Flugzettel gedruckt und verteilt, es gibt Zeitungs- und Fernsehberichte von gezielt durchgeführten Rodungsaktionen und Ärzte sprechen über die verheerende Wirkung des Ragweed auf unser Immunsystem. Was ich mich in diesem Zusammenhang immer Frage ist, ob das alles nicht nur Panikmache ist. Darum habe ich jetzt diesen Artikel zum Anlass genommen, mich mal etwas genauer über das Ragweed zu informieren.

Effektive Verbreitungsstrategien …

Die ursprüngliche Heimat dieser Pflanze aus der Familie der Korbblütler ist Nordamerika und sie wird bei uns als sogenannter „invasiver Neophyt“[1] bezeichnet. Nun habe ich ja schon einmal in einem Kräuterkistl-Artikel über Neophyten berichtet (Die Heißlände als Ein- und Auswanderungsgebiet – Donau, Traisen und die Au – Teil 3 – Oktober 2012) und bin auch dort zur Erkenntnis gelangt, dass Mechanismen die vom Menschen in Gang gesetzt wurden, nur ganz schwer (wenn überhaupt) wieder rückgängig gemacht werden können. Und so scheint es mir auch hier beim Ragweed zu sein. In Österreich registrierte man die ersten Vorkommen des Beifußblättrigen Traubenkrautes bereits im späten 19. Jahrhundert und durch die fortschreitende Technisierung beziehungsweise durch die Globalisierung kam und kommt es zu einer immer größeren Ausbreitung. Natürlich trägt auch die Pflanze selbst zu ihrer Verbreitung bei und hat hier ganz tolle Mechanismen geschaffen – mit Hilfe des Menschen geht es natürlich etwas schneller und effizienter.

Beifußblättriges Traubenkraut - gefiederte Blattstände

Beifußblättriges Traubenkraut - gefiederte Blattstände

Das Traubenkraut ist eine einjährige Pflanze und auf Grund dessen hat sie sich auf eine massenhafte Produktion von Samen verlegt, um das Überleben ihrer Art auch im nächsten Jahr zu sichern. Jede Pflanze kann zwischen 3.000 und 60.000 Samen produzieren und diese Samen sind bis zu 40 Jahre keimfähig. Das heißt, selbst wenn wir es schaffen diese Pflanze durch gezielte Aktionen in Österreich an ihrer derzeitigen Ausbreitung zu hindern, müssten wir diese Strategie mindestens noch weitere 40 Jahre mit der gleichen Vehemenz und Aufmerksamkeit verfolgen. Und dabei habe ich noch nicht die neuerliche Ansiedlung des Ragweed durch verschiedene, bereits in der Vergangenheit vorgekommene, Faktoren berücksichtigt.

… der Mensch hilft fleissig mit …

Die Verbreitung des Traubenkrautes fand in Österreich und in Europa in drei Wellen statt. Die erste Welle führte zwischen Ende des 19. Jahrhunderts und den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu ersten Vorkommen. Die langsame und kontinuierliche Ausbreitung in landwirtschaftlichen Flächen gab es in Österreich vor allem im Süden und Osten zwischen den Jahren 1965 und 1980 und später dann ab 1995. Die schnellste Ausbreitung fand entlang sogenannter linearer Korridore (Autobahnen, Wasserwege wie die Donau oder entlang von Bahnstrecken und in Bahnhöfen) ab dem Jahr 2000 statt und hält stetig an. Die kontinuierliche Ausbreitung auf landwirtschaftlichen Flächen ist vor allem auf verunreinigtes Saatgut beziehungsweise auf die Übertragung durch landwirtschaftliche Geräte zurück zu führen. Vor allem auf die durch die EU geförderte Brache (nicht landwirtschaftlich genutzte Fläche, damit es bei bestimmten Feldfrüchten zu keiner Überproduktion und dadurch zu einem Verfall des Preises kommt) wurde günstiges, nicht kontrolliertes Saatgut von zum Beispiel der Luzerne ausgebracht, dass oft mit Ragweed-Samen verunreinigt war. Durch das Mähen und spätere Einackern wurden auch gleichzeitig die auch auf den anderen landwirtschaftlich genutzten Flächen verwendeten Maschinen mit den Traubenkrautsamen „kontaminiert“. Eine weitere Verbreitung findet zum Beispiel durch verunreinigtes Vogelfutter im häuslichen Bereich statt[2]. Durch die vermehrt ab 2000 stattfindenden Überschwemmungen kam es zu einer Ausbreitung entlang der Flüsse und durch den Transport landwirtschaftlicher Produkte fand das Ragweed seinen Weg in Bahnhöfe (landwirtschaftliche Produkte werden oft in der Nähe von Bahnhöfen für den Weitertransport gesammelt und gelagert) und entlang des Schienennetzes. Das Mähen und Mulchen der Raine entlang der Hauptverkehrsrouten durch die Straßenmeisterei tat ein Übriges. Auch die Kompostierung und wieder Ausbringung von Kompostiererde trug zur Verbreitung bei.

… kleine Ursache – große Wirkung …

Was macht das Ragweed für uns Menschen jetzt so gefährlich. Die männlichen Blüten produzieren bis zu 8 Milliarden Pollen und diese sind es, die bei uns heftige allergische Reaktionen auslösen. Sie haben eine drei bis fünfmal stärkere Wirkung als Gräserpollen und es genügen fünf bis zehn Pollen pro Kubikmeter Luft um eine allergische Reaktion auszulösen. Zusätzlich können diese Pollen bis zu 1000 Kilometer weit verbreitet werden. Der Mensch reagiert mit Heuschnupfen, Bindehautentzündung, Husten, Kurzatmigkeit und/oder Hautausschlag auf diese Pollen. Laut einer Untersuchung von Professor Jäger von der Uni Wien im Jahr 2006 betrugen die durch Allergien ausgelösten Gesundheitskosten allein in Österreich 88 Millionen Euro pro Jahr.

Ragweed - rötliche Innenseite des Stängels

Ragweed - rötliche Innenseite des Stängels

Nun kann ich schon (aus eigener Erfahrung) nachvollziehen, dass es kein Spaß ist, wenn man von einer Allergie betroffen ist und es eine Beeinträchtigung beziehungsweise Einschränkung der Lebensqualität mit sich bringt. Allein ich glaube nicht, dass wir mit den derzeit durchgeführten Mitteln eine Pflanze wie das Ragweed langfristig ganz aus unserem Ökosystem entfernen können. Derzeit wird in den Informationskampagnen der Fokus auf die von der Allergie verursachten Kosten und die gesundheitlichen Schäden gelegt und es werden Anleitungen und Strategien entwickelt, wie die Ausbreitung am besten verhindert werden kann:

  • bei Entdeckung im Keimstadium Entfernung der Pflanze samt Wurzel oder Kartierung von größeren Beständen um diese später vor der Blüte zu Mähen,
  • im Stadium vor der Blüte ebenfalls Ausreißen beziehungsweise mehrmals mähen,
  • kein Kauf von billigem Vogelfutter,
  • Durchsuchen des Vogelfutters nach Ragweed-Samen,
  • Beobachten von Straßenrändern, Schutthalden, Deponien und Brachflächen

Wenn diese Strategien längerfristig (auch finanziell) durchgezogen werden, dann kann es meiner Meinung nach zu einer Eindämmung des Bestandes kommen. Aber ich glaube nicht, dass es zu einer Ausrottung der Pflanze kommt.

Ambrosia artemisiifolia - typischer Standort

Ambrosia artemisiifolia - typischer Standort

… und die Moral von der Geschichte …

Eine ganz andere Frage, die sich mir im Laufe der Beschäftigung mit dem Ragweed gestellt hat war folgende: Gibt es im Ursprungsland der Pflanze auch so große Probleme mit auftretenden Allergien bzw. sich rasant ausbreitenden Beständen? Hat unser europäisches Immunsystem nichts gegen diesen Allergieauslöser im Ärmel? Warum reagieren wir überhaupt immer sensibler auf unsere Umwelt?

Über die letzte Frage wurde schon viel geschrieben und geforscht. Sei es nun die steigende Zahl der Kaiserschnitte, die uns bei der Geburt schon weniger Grundimmunisierung mitgibt oder die immer sterilere Umgebung in der wir aufwachsen – längerfristig sollten wir Menschen uns eine (Überlebens)-Strategie in dieser Hinsicht zulegen, denn wenn es nicht das Ragweed ist, dann wird eine andere Pflanze kommen und unser Immunsystem herausfordern – einfach dadurch, dass sie durch unsere aktive Mithilfe (Verbreitung) gehäufter, als natürlicherweise geplant, vorkommt.

Quelle:
Unterlagen Ausbildung zum Natur- und Landschaftsführer – LFI St. Pölten
http://ragweed.boku.ac.at/


[1] Unter invasiven Neophyten versteht man eingewanderte Pflanzen die sich zu einem Problem entwickelt haben.

[2] Durch die Verwandtschaft mit der Sonnenblume kann die das Ragweed aus den Sonnenblumenfeldern nicht chemisch entfernt werden und die Samen gelangen dadurch gemeinsam ins Vogelfutter.

Pagan und Wicca beim Militär – Teil I geschrieben von Alexandra Bader

Samstag, 09. November 2013

(1.7.2011) Etwas andere SoldatInnen in den USA – Pagans („Heiden“) und Wicca sind in Nordamerika die am schnellsten wachsenden Religionen. Auch in der Armee gibt es viele AnhängerInnen von Überzeugungen jenseits der monotheistischen (Männer-)Religionen. Das Personaldatensystem der U.S. Air Force MilMod hat bereits 2001 in einer revidierten Ausgabe Dianic Wicca, Druidentum, Gardnerian Wicca, Seax Wica, Pagan, Schamanismus und Wicca aufgeführt. Im Handbuch für Militärkaplane ist Wicca ebenfalls erwähnt, wobei Regeln für den Umgang mit Wicca und Pagan-SoldatInnen vermittelt werden.

Noch immer ist vielen die Vorstellung fremd, dass es Pagans und Wicca beim Militär gibt. Die einen meinen, nur monotheistische Konzepte hätten ihre Berechtigung, die anderen sehen einen Widerspruch zwischen Pagan oder Wicca sein und in einer Armee dienen. Carl McColman setzt sich damit im Artikel „The Pentagon and the Pentacle“ auseinander: „I, and many other granola Pagans, developed a new appreciation for the fact that our spiritual path has also been embraced by thousands–if not hundreds of thousands–of U.S. service men and women.

These Pagans often identify as warriors, blending ancient or earth-centered spirituality with the ethics and ideals of the martial arts. A leading Pagan warrior is Kerr Cuhulain, a Vancouver policeman and former Air Force officer whose books ‚The Wiccan Warrior‘ and ‚Full Contact Magick‘ celebrate the ancient – and still relevant – connection between primal spirituality and the path of the warrior.“ McColman weist darauf hin, dass die alten Göttinnen und Götter sehr wohl kämpferisch waren, wenn es darauf ankam:

„Warrior spirituality recognizes that it is a limitation to see the Goddess as some sort of romantic peacenik. Try convincing mythical Goddesses like the Hindu Kali Ma, the Irish Morrigu, or the Greek Athena that Pagan spirituality is all about peace and love. Each of these figures are ferocious, take-no-prisoner warrior queens, far more concerned with security and self-defense than with playing nice in the multi-cultural sandbox. And it’s not just the Pagan Goddesses who are tough. Gods and heroes from ancient myth often embody the heroic ideals of bravery, valour, strength and skill, all woven into a fierce determination to defend their people and protect the land. Indeed, it is the sheer idealism of such virtues that drive the warrior ethic in modern Paganism.“

Der Autor zitiert Hawk, die in der US-Armee dient und den Pfad der Kriegerin als für sie persönlich zentral beschreibt. Sie meint, dass wir in sehr gefährlichen Zeiten leben: „Pagan warriors are working very hard to keep our people safe and our borders protected. Many times, in fact, most of the time, not only is it a thankless duty, but it’s also frowned upon by many in our own magickal community.“  Auch Patti Wiginton befasst sich mit Pagan-Themen und greift immer wieder Anregungen ihrer LeserInnen bei About.com auf. so beginnt sie einen Text über Warrior Pagans mit einem Zitat: „I attended a Pagan festival not too long ago, and I was shocked by how many people there consider themselves ‚warriors.‘


I even met a bunch of men (and a woman) who are in the military – one of them had just come back from the Middle East, and another was getting ready to go over there. I was really uncomfortable around this group – how can any self-respecting Pagan have the ‚warrior mentality‘ when we’re all supposed to be peace-loving people who do no harm to others?“ Wiginton meint, „we’re all supposed to be“, also „wir sollten alle sein“ ist ein Widerspruch zu dem, was den paganen Weg für so viele Menschen attraktiv macht, nämlich dass es kein „es soll so (und nicht anders) sein“ gibt. Pagan bedeutet, seinen eigenen spirituellen Weg zu gehen.

Zwar folgen viele dabei einer Regel, niemandem zu schaden, besonders Wicca und Neopagane oder unterstützen einen friedlichen Lebensstil. Viele orientieren sich an der Wiccan Rede. Aber es gibt so viele verschiedene Pfade wie es Pagane gibt (zum Weg des Kriegers und der Kriegerin siehe auch Teil 2). Wigtinton sagt: „However – and this is a big however – there are plenty of Pagans out there whose belief system is based upon the warrior soul, a code of honor. These are the people who understand that while peace is nice, it may not always be a reality. They are the ones who stand up and fight, even when what they’re fighting for may be unpopular. Often, we find them in career fields which by their very nature put them in danger – military personnel, police officers, firefighters, etc.“

Außerdem ist die Vorstellung eines friedlichen und liebevollen Paganismus relativ modern: „The ancient societies upon which many modern Pagans base their core beliefs were rarely peaceful ones –  a culture that refused to fight was doomed to extinction right from the beginning. Instead, if you look at the historical evidence, early Pagan cultures like the Romans, the Celts, the Nordic societies – all of which are strongly represented in modern Paganism — were all, to some degree, militaristic societies. Willingness to fight was not precluded by one’s religious sensibilities.“ Wiginton ist auch etwas enttäuscht, dass sich Menschen unwohl fühlen, wenn jemand in der Nähe ist, der den Streitkräften angehört:

„No matter what your feelings about war may be, these are men and women who risk their lives half a world away – often leaving their families behind for months or years at a time – because they believe in what they are fighting for. Warriors are the ones who fight on behalf of those who can’t fight for themselves, and they do it for very little pay and without any demand for thanks. All of them have made a sacrifice, and they are worthy of, at the very least, our respect.“ Das „Opfer“ ist durchaus wörtlich zu nehmen, denn viele Pagane und Wicca sind in gefährlichen Einsätzen und einige kommen dabei auch ums Leben.

Ihre Angehörigen müssen aber darum kämpfen, dass sie auch unter dem Zeichen ihrer Überzeugung beerdigt werden, wie der Guardian berichtete: „The US army allows them to fight and die for their country – but not to display the symbol of their faith on the headstones marking where they lie. That state of affairs could be about to change, however. Two widows of Wiccan combat veterans are taking the government to court demanding that the military add the pentacle to its list of 38 emblems authorised for use on gravestones.

The US department of veterans affairs (VA) recognises imagery associated with Christianity, Buddhism, Islam and Judaism, as well as smaller religions such as Sufism Reoriented, Eckankar and the Japanese faith Seicho-No-Ie. The Wiccan widows argue that the omission of their symbol is unconstitutional. The pentacle is a five-pointed star surrounded by a circle. Wiccans worship the Earth and believe they must give to the community. Some consider themselves ‚white‘, or good, witches; they may also define themselves as pagans or neo-pagans.“ Erst im Mai 2007 entschied die Veteran’s Association, dass sie das Pentagramm auf den Grabsteinen gefallener Pagans und Wicca gestattet. Dies wurde von Roberta Stuart durchgekämpft, der Witwe von Sergeant Patrick Stewart, der 2006 in Afghanistan getötet wurde.


Dabei half ihr auch das Medieninteresse für diesen „Fall“, das bis zum erwähnten britischen Guardian reichte. Allerdings ist es immer noch notwendig, auch andere Symbole durchzusetzen wie den Hammer der Asatru-AnhängerInnen. Immerhin gehört nun aber das Pentagramm zu den akzeptierten Symbolen. Grundsätzlich haben Wicca und Pagans bei US Army, Air Force und Marine Corps dieselben religiösen Rechte wie die AnhängerInnen anderer Überzeugungen. SoldatInnen können das Wort „Wicca“ auf ihre „Hundemarke“ drucken lassen, zu ihren Göttinnen oder Göttern beten und Rituale besuchen, wenn welche auf ihrer Basis durchgeführt werden.


Ende Teil I

Schamanismus in der Postmoderne geschrieben von Road Man – Teil I

Samstag, 04. August 2012

Seit einiger Zeit boomt der Schamanismus (schon wieder?) in der Esoterikszene, und er taucht auch auf dem Markt der alternativen Heilmethoden immer öfters auf. In einschlägigen Zeitschriften stehen Anzeigen, in denen Reisen zu echten Schamanen in Peru, Nordamerika oder sonst wo hin angeboten werden, gekoppelt mit Versprechen von Heilung, Sinnfindung und Spiritualität. Oder es werden Kurse angeboten, in denen man „in 6 Wochen“[1] zum Schamanen ausgebildet wird. Leider ruft dieser Boom auch viele Scharlatane auf den Plan, die den Schamanismus, der von der WHO als Heilmethode anerkannt ist, in Misskredit bringen. Auch glauben viele Menschen, daß es in unserer Kultur keinen Schamanismus gibt, demzufolge werden auch Menschen mit echter schamanischer Begabung nicht anerkannt oder als Exoten betrachtet, während Schamanen, die z.B. aus Nordamerika oder Sibirien eingeflogen werden,der Nimbus eine allwissenden Halbgottes und Heiligen anhaftet. Dieser Artikel will versuchen, einige dieser, aus meiner Sicht fatalen, Missverständnisse zu klären und den Schamanismus ein wenig aus seiner „Schmuddelecke“ herausholen.

Schamanismus – was ist das?

Der Schamanismus im eigentlichen Sinne ist eine Technik, mit der der Bewusstseinszustand verändert wird. Ein Schamane ist eine Person, die mittels bewusstseinsverändernder Techniken in einen tranceartigen Zustand geht und in diesem ihre Seele auf eine Reise in die Welt der Geister schickt, um dort Rat und Hilfe sowohl für Klienten als auch für sich zu erlangen. Die Techniken, um in Trance zu kommen, können recht verschieden sein: Singen, Tanzen, Trommeln, halluzinogene Drogen, Hyperventilation, „Zittern“ des Körpers etc. Bei vielen zirkumpolaren Völkern (also Sibirien, Alaska, Lappland) wird eine monoton gespielte Rahmentrommel verwendet, um quasi auf ihr in die Geisterwelt zu „reiten“.

In den meisten schamanisch geprägten Kulturen herrscht eine „mythologische“ Dreiteilung der Welt vor. Es gibt eine mittlere Welt, die Welt, in der wir leben, dann eine Welt darunter, die eher „unterirdischen“ Charakter hat, während die Welt über der mittleren Welt oft eher ätherisch und „himmlisch“ wahrgenommen wird. Selbst in unseren Breiten lebt diese Vorstellung, wenn auch christlich geprägt, in Himmel und Hölle weiter, während z.B. in den germanischen Eddas von 9 Welten gesprochen wird, sozusagen eine Potenzierung der Drei.

Diese 3 Welten werden oft durch eine Weltenachse, eine Leiter oder einen Heiligen Berg miteinander verbunden. Bei den Germanen war das der Weltenbaum Yggdrasil, an dem der Gott Odin 9 Nächte hing, um die Weisheit der Runen zu erlangen, bei dem Volk der Sami gibt es Höhleneingänge oder Seen, über die der Schamane im Geiste in die anderen Welten reist. In den keltischen Sagen gibt es die Feenhügel, mit deren Betreten ein Auserwählter die Elfen und Zwerge besucht und manchmal auch von ihnen entführt wird.

Der Schamane ist ein „Berufener“. Oftmals tritt er seinen Weg gar nicht freiwillig an, sondern wird z.B. in Träumen von Geistern besucht oder von ihnen mit Krankheiten geschlagen, bis er ihren Ruf annimmt und zu schamanisieren anfängt. Manchmal „zerfetzen“ tiefgreifende Geschehnisse im Leben des Anwärters sein Ego dermaßen, daß die Geister an der Grenze zum Wahnsinn ihn zu dem Auftrag, den er bekommen hat, zwingen können. Solche „Schamanenkrankheiten“ gibt es auch in der heutigen Zeit und in Mitteleuropa, sie werden nur nicht als solche erkannt.

Wie kam der Schamanismus in die Esoterik?

In den 60ern und 70ern waren die Bücher von Carlos Castaneda sehr populär, wobei diese aus ethnologischer Sicht mittlerweile widerlegt sind. Eine weitere wichtige Person, die die Bewegung ins Rollen brachte, war und ist Michael Harner. Als junger Ethnologe studierte er Anfang der 60er des letzten Jahrhunderts Indianerstämme Südamerikas und probierte von deren Schamanen auch das berüchtige „Ayahuasca“, meist als „Liane des Todes“ übersetzt. Dieses halluzinogene Gebräu versetzt den Konsumenten in einen visionären Zustand, der unter richtiger Führung durch einen Schamanen zu tiefen Einsichten oder Heilung führen kann. Harner war jedenfalls überzeugt, seine vorher eher atheistische Weltsicht war gründlich ins Wanken geraten, und er begann, bei vielen Ethnien den Schamanismus zu studieren. Im Laufe dieser Studien und Experimente löste er die Grundtechniken, die von jeder schamanischen Kultur verwendet wurde, heraus und bereitete sie so auf, daß sie auch für den gänzlichst „unschamanischen“ Westler zu erlernen waren. Diese Techniken sind folgende[2]:

  • Die schamanische Reise. Man hört einem monotonen Trommelrhythmus zu und visualisiert dabei einen Eingang in die Geisterwelt. Diese Visualisation gewinnt sehr schnell an Eigenleben, und man tritt im Idealfall den typischen Seelenflug an, den Autoren wie Mircea Eliade beschreiben.
  • Verbündete Geister. In der Geisterwelt werden Verbündete gefunden. Die wichtigsten „Hauptagenten“ sind hierbei das Krafttier und eine Lehrerpersönlichkeit. Vorrangig von ihnen bekommt der Schamanisierende Rat und Hilfe, und sie sind auch „Kanäle“ seiner persönlichen „Schamanenkraft“.
  • Zwei Hauptkonzepte von Krankheit. Das erste Konzept besagt, daß in der Geisterwelt etwas Schädliches in den Patienten eingedrungen ist, was oft als „Geist der Krankheit“, „Geisterpfeil“, „Elfenschuß“ oder ähnliches bezeichnet und vom Schamanen mittels seiner verbündeten Geister entfernt wird. Die FSS nennt das „Extraktion“. In der zweiten Variante wird vom „Seelenverlust“ ausgegangen. Hier verlässt den Patienten aufgrund z.B. eines Schocks, Schrecks oder auch eines Missbrauchs ein Teil der Seele und entschwindet in die Geisterwelt. Der Schamane muß die Seele „drüben“ suchen und wieder zum Patienten zurückbringen. Man geht im schamanischen Paradigma davon aus, daß manche Depressionen und Süchte hier ihren Ursprung haben. Tatsächlich nimmt der Patient solche Beschwerden oft als „mir fehlt etwas“ oder „ich habe das Gefühl, mit dem Rauchen (Saufen etc…) eine Leere ausfüllen zu müssen!“

Dieses Konzept vermittelte Harner in seiner FSS (siehe Fußnote 2), und es wurde dankbar von der Esoterikszene aufgegriffen, gerade auch weil es sehr leicht zu erlernen und sehr wirkungsvoll ist, was zum einen für eine Verbreitung der Techniken sorgte, sie zum anderem aber auch verwässerte und ins Oberflächliche abdriften ließ, da in vielen Veranstaltungen schnelle Initiation und Heilung versprochen wurde und wird. Dieser nicht sehr große Tiefgang und die „Licht-und-Liebe“-Schiene in einigen Bereichen der Esoterikszene, oft gepaart mit einer eklatanten Ignoranz medizinischer und psychologischer Sachverhalte, führte dazu, daß der Schamanismus einen nicht sehr seriösen Anschein hat bzw. als „spinnerte Psychotechnik“ belächelt wird. Zudem gelten nur „indigene“ Schamanen als authentisch, weil ihre Initiationen gewissermaßen gesellschaftlich anerkannt sind, während es bei uns seit Jahrhunderten keinen Schamanismus mehr gab und Bemühungen in die Richtung eines Wiedererstehens schwer Fuß fassen können. Wie auch? Ein wild trommelnder Halbirrer, der Geister beschwört und mit Zauberei arbeitet, wie soll denn der in unsere postmoderne Gesellschaft, geprägt von Christentum und Aufklärung, hineinpassen? Und doch – der Schamane fasziniert, sonst würde dieser Begriff nicht so inflationär in der Esoterik verwendet werden. Einige Esoteriker „verinnerlichen“ den Schamanismus, indem sie sowohl die schamanische Reise als auch die Geister als Instanzen der eigenen Psyche betrachten. Beschäftigt man sich aber ernsthaft mit den Techniken, dann kommt man schnell zu der Gewissheit, daß die Geisterwelt NICHT die eigene Psyche ist.

Es gibt tatsächlich einen „Esotourismus – Boom“, der so aussieht, daß Menschen z.B. in den Amazonas reisen, weil sie sich Heilung durch eine Ayahuasca[3] – Zeremonie erhoffen. Solche Bemühungen, wie sie auch von diversen Vereinen, die Schamanen zu ihren Kongressen einladen, getätigt werden, sind zwar an sich lobenswert und machen mit dem Phänomen Schamanismus etwas vertraut, sie gehen aber meines Erachtens nicht den nächsten Schritt: den des Versuches einer Integration des Schamanismus in unsere Kultur.

Wohlgemerkt: ich möchte hier nicht die Esoterikszene an sich schlecht machen, aber zumindest in Punkto Schamanismus habe ich einfach öfters diese von mir beschriebenen Umstände erlebt und spreche sie hiermit auch an. Da das Schamanische meine „Nische“ ist, maße ich mir nicht an, über andere Bereiche der Esoterk Bescheid zu wissen.

Es gibt auch bei uns Menschen, die zum einen diese Begabung zum Schamanisieren, zur Seelenreise haben, und es gibt von denen auch einige, die die weiter oben genannten Techniken eines Michael Harner anwenden, um Hilfestellung für sich und/oder Klienten „von drüben“ zu bekommen. Und hier bestünde die Möglichkeit einer Integration: das Augenmerk mehr auf solche Menschen richten und die ernsthaft und gut Arbeitenden von den Scharlatanen unterscheiden. Wir haben eben das Problem, daß aufgrund des fehlenden kulturellen Hintergrundes diese Leute nicht wirklich anerkannt sind. Und dieser Artikel möchte eine Lanze für die „Neo-Schamanen“ in unseren Breiten brechen. Man muß nicht ins Amazonasbecken zu einem berühmten Schamanen reisen, um dort Heilung zu erlangen.


[1] So Herr Fenkart in der ORF-Sendung „Help TV“ vom 8. November 2007. Sinngemäß behauptete er, jeder könne in 6 Wochenendkursen Schamane werden.

[2] Harner gründete Anfang der 80er dann die Organisation „The Foundation for Shamanic Studies (FSS), die weltweit in Seminaren schamanische Techniken vermittelt, auch an indigene Kulturen, um deren Schamanismus wiederzubeleben. Tuva ist hierfür ein erfolgreiches Beispiel, denn hier fasste der Schamanismus nach der Wende wieder Fuß.

[3] Zeremonie der Indianer Südamerikas, in der die Trance durch eine halluzinogenes Getränk namens Ayahuasca –„Ranke der Toten“, so die Übersetzung dieses Wortes- ausgelöst wird.

Ende Teil I