Mit ‘Pest’ getaggte Artikel

Warzenkraut und Krötenstein

Samstag, 04. April 2015

Der Untertitel „Natur in Volksmedizin und Aberglaube“ der Ausstellung im Landesmuseum Niederösterreich hat mich neugierig gemacht und ich wollte mal sehen wie das Thema von Seiten der Ausstellungskuratoren aufgearbeitet wurde – vielleicht gibt es ja noch etwas zu lernen beziehungsweise kann ich diese Erkenntnisse euch durch einen Artikel hier im Kräuterkistl vermitteln.

Es wird eine Fülle von Themen im Bereich Volksmedizin und Aberglaube angeschnitten und den AusstellungsbesucherInnen in vielen Installationen näher gebracht.

Ausgehend von einer Zeit und Gesellschaft in der die medizinische Versorgung eher schlecht ist und das Weltbild von einer Gottgegebenheit geprägt ist wird erklärt, dass es für die Menschen natürlich war auf lebensbedrohliche Situationen nicht rational zu reagieren. Zusätzlich zu den Gebeten, religiösen Gebräuchen und Ritualen die in solchen Situationen Verwendung fanden griff der Mensch auch auf viele verschiedenen Pflanzen, Tiere, tierische Produkte, Fossilien und Mineralien zurück. Diese fanden Anwendung, um wieder gesund zu werden, um sich vor Dämonen und Naturkatastrophen zu schützen, um sein persönliches Schicksal zu beeinflussen und um Gefahr für Leib und Seele abzuwehren. Es wird auf die verschiedenen Herangehensweise an die Problemstellungen hingewiesen – je nachdem in welchem Zeitalter, in welchem kulturellen und gesellschaftlichen Umfeld sich die Menschen befanden und welche Ressourcen vorhanden waren, gab es verschiedene Herangehensweisen und Methoden um sie zu lösen.

NÖ Museum Betriebs GmbH - Pressestelle

Ausstellungsplakat - Collage Warzenkraut und Kroetenstein

Die Ausstellungsgestalter spannen hierbei den Bogen von den Kelten bis in die Gegenwart, wo es praktisch zu einer Renaissance von traditionellen Heilmitteln und Heilmethoden kommt. Da es mir schwer fällt in dieser Ausstellung einen roten Faden zu finden halte ich mich bei der Vorstellung an die Struktur des Ausstellungskataloges.

Von Zaubertränken, Bildbäumen, Klostermedizin und Signaturlehre

In diesem Abschnitt wird auf die Trepanationen (Schädelöffnungen) in Niederösterreich vor ca. 2000 Jahren, die Bräuche rund um die Mistel, auf die Symbolik der Eiche bei den Kelten und Römern und deren Fortsetzung z.B. in der heutigen Münzgestaltung sowie auf die Vorstellung der ersten „Ärzte“ und „Pharmazeuten“ eingegangen. Dazwischen wird der Besucher/die Besucherin immer wieder mit speziellen Objekten und deren Wirksamkeit konfrontiert. Der Text bei einem getragenen Lederschuh informiert z.B. darüber, dass das gebrannte und fein zerstoßene Leder von alten Schuhsohlen als Umschlag bei schmerzlichen Entzündungen – ausgelöst durch das drücken des Schuhs – hilft. Im Anschluss wird die Frage aufgeworfen, ob die sogenannten „Bildbäume“ (Bäume an denen Heiligenbilder angebracht werden) die neuen „heiligen“ Bäume der heutigen Zeit wären. Diese Tafel bildet praktisch den Übergang zum Thema Medizin im Mittelalter und Klostermedizin. Hier werden einige alte Arzneibücher und Kräuter, die in keinem Klostergarten fehlen durften, vorgestellt. Natürlich erfährt man hier auch etwas über Hildegard von Bingen und ihre Medizin. Zum Beispiel durch den Rupertsberger Riesenkodex – einer mittelalterlichen Handschrift, die eine enzyklopädisch geordnete Gesamtausgabe der Schriften Hildegards (allerdings ohne die medizinisch-naturkundlichen Werke) ist. Weiter geht es mit einer Vorstellung der verschiedenen Heilsteine und der unterschiedlichen Gegenmaßnahmen während der Pest im Mittelalter.

Foto Claudia Hauer - NÖ Museum Betriebs GmbH - Pressestelle

Medizingeschichte

Die letzten zwei Themen in diesem Abschnitt bestreiten die „Zauber der Ähnlichkeit“ beziehungsweise die Signaturlehre und die Vorstellung von zwei Männern der Heilkunde – Paracelsus und Leonhart Fuchs (wurde durch seine vielen Kräuterbücher berühmt). Früher war im Volksglauben weit verbreitet, dass eine Verbundenheit zwischen der äußerlichen Form und verschiedenen Leiden besteht. So wurde die Schwalbe wegen ihrer guten Sehkraft bei Augenleiden gegessen oder die Mistel bei Schwindelanfällen verschrieben, da sie in schwindelerregender Höhe wächst. Weiters sollte Hasenruin gemeinsam mit getrockneten Ohrwürmern bei Hörschwäche helfen. Hier wird auch auf verschiedene Pflanzen hingewiesen und die Ausstellungsgestalter unterteilen diese nach ihrer Unwirksamkeit und denen die heute noch Verwendung finden. So zählen sie z.B. den Frauenmantel (Frauenbeschwerden), das Lungenkraut (Lungenleiden) oder das Leberblümchen (Leberleiden) zu den unwirksamen Kräutern. Die Herbstzeitlose (Gicht – Knolle soll an Zehen mit Gicht erinnern), der Augentrost (Augenleiden), das Schöllkraut (Gallenleiden) und die Mistel (gegen Krebs – Mistel entzieht der Wirtspflanze Nährstoffe) werden als noch heute in Verwendung kurz vorgestellt.

Am Ende dieses Abschnittes werden auf einem hölzernen Verkaufsstand verschiedene getrocknete Kräuter von der Initiative „Natur im Garten“ (http://www.naturimgarten.at/) präsentiert.

Foto Claudia Hauer - NÖ Museum Betriebs GmbH - Pressestelle

Kräuterstand


Blitzableiter, Pechvögel, Hexenkräuter und Gebärmutterkröten

Der nächste Raum steht im Zeichen von Aberglaube gepaart mit verschiedenen Heilmittel aus dem Bereich der Volksmedizin. Die Installation in der Mitte zeigt uns ein Holzhaus und die unterschiedlichen Dinge aus der Tier und Pflanzenwelt die Haus, Hof und BewohnerInnen schützen sollten. Vor Blitzschlag soll die Königskerze im Garten, das Hirschgeweih über der Tür oder sogenannte „Donnerkeile“ (Teile von urzeitlichen Tintenfischen[1]) schützen. Viel Information bekommt man über die Wirksamkeit des Hollunder – hier wird der Bogen von der Göttin Holla über den Holler als „Blitzableiter“ für Krankheiten bis hin zum Einsatz des Hollers als Heilpflanze zum Beispiel bei Gicht- und Rheumaerkrankungen gespannt. Die AustellungsbesucherInnen erfahren über glück- und pechbringende Vögel wie Storch, Bachstelze und Eichelhäher auf der Seite der Glücksboten und Rabenkrähen, Elstern, Eulen oder dem Seidenschwanz auf der Seite der Pechbringer. Es werden verschiedene Räucherpflanzen und das Brauchtum rund um den Palmbuschen und die Barbarazweige vorgestellt. Der Rainfarn, Amulettketten, Verschrei- und Schrecksteine sowie der Fuchsschwanz finden als Abwehr von Unheil, Teufel und Dämonen Eingang in die Ausstellung. Platz finden auch die verschiedenen Hexenkräuter und Pflanzen der weisen Frauen – Beifuß, Roter Fingerhut, Frauenmantel, Echtes Johanniskraut, Gefleckter Schierling, Gemeine Alraune, Schwarzes Bilsenkraut und die Tollkirsche – um nur einige zu nennen.

Foto Andreas Praefcke - Quelle Wikimedia

Gebärmutterkröte - Museum für Klosterkultur, Bayern

Ein weiteres Thema in diesem Raum ist der Liebe gewidmet. Hier geben die Kuratoren einen Überblick über Mittel zur Potenzsteigerung und zur Hemmung des Sexualtriebes, Liebes- und Fruchtbarkeitszauber sowie die Pflanzen der Engelmacherinnen. Von den formgebenden Dingen und Pflanzen wie das Horn des Alpensteinbocks, der Gurke, dem Spargel oder dem Rohrkolben über den Käfer der „Spanische Fliege“ genannt wird bis hin zu Sellerie, Zwiebel und Knoblauch wird hier einiges an Potenzmittel angeboten. Neu für mich sind die sogenannten Scham- und Muttersteine – Steinkerne fossiler Muscheln, die Ähnlichkeiten mit der weiblichen Scham zeigen. Sie wurden zermahlen und bei Frauenkrankheiten beziehungsweise auch zur Steigerung der Fruchtbarkeit eingesetzt und im Ganzen unters Bett gelegt, um Verhexungen in diesem Bereich abzuwehren. Interessant finde ich auch den Einsatz von den sogenannten „Gebärmutterkröten“. Lange Zeit wurde die Gebärmutter der Frau als eigenständiges Wesen im Körper betrachtet und als Symbol dafür die Kröte genommen – laut Ausstellungstext aufgrund der versteckten Lebensweise der Kröten. Es wurde vermutet, dass Unterleibsschmerzen ihre Ursache in einem Krötenbiss haben. Frauen opferten daher in Wallfahrtskirchen Figuren von „Gebärmutterkröten“ um sich von den Schmerzen zu befreien, aber auch um für Kindersegen beziehungsweisen einen guten Verlauf der Schwangerschaft zu bitten.

In diesem Ausstellungsraum befinden sich auch die sogenannten Universalheilmittel wie Bergkristall, Gold, Bezoarsteine (verfilzte Haare und Pflanzenfasern aus den Mägen von Wiederkäuern), Krötensteine (Bufoniten – Zähne fossiler Fische, die man als Steine, die im Gehirn von Kröten wachsen, interpretierte) oder die Echte Kamille. Auch die verschiedenen Heilmittel gegen rheumatische Erkrankungen, wie Murmeltierfett, Echter Beinwell, Steinöl, Katzenfell oder die Herbstzeitlose, Mittel gegen Blutungen sowie Wunden, wie Zunderschwamm, Odermenning, Hämatit oder Feuersalamander und allerlei, das bei Augenleiden helfen soll, wie das Judasohr, der Augentrost, Luchssteine oder der Topas, finden sich in diesem Raum. Den Abschluss bildet das Thema heilende und heilige Erde.

Foto Claudia Hauer -  NÖ Museums GmbH - Pressestelle

Alternativmedizin

Natürlich beschäftigt sich die Ausstellung auch mit dem Thema der Traditionellen Europäischen Medizin, der Kneipp-Medizin, den Bachblüten und der Homöopathie.

Viele Themen – kein roter Faden

Diese Fülle an Themen ist meiner Meinung nach ein Nachteil dieser Ausstellung. Auf eher kleinem Raum (einem Gang und einem Ausstellungsraum) werden sehr viele Themen kurz und knackig vorgestellt, allein mir fehlt dabei die Möglichkeit zur vertiefenden Information für Menschen, die sich mit diesem Thema schon etwas beschäftigt haben. Auch fehlt mir der rote Faden beziehungsweise die logische Abfolge durch die Ausstellung. Immer wieder werden dazwischen verschiedene Objekte mit kurzem Text vorgestellt, bei denen sich für mich kein Zusammenhang mit den umgebendem Thema feststellen lässt – zum Beispiel die Verwendung von alten Schuhen bei schmerzenden Entzündungen. Mir persönlich sind zu viele Themen nur kurz angerissen und ich hätte über einige Themen gerne mehr erfahren. Die Ausstellungsinstallation – Präsentation der Objekte, Ausstellungstexte in angenehmer Schriftgröße und lesbarer Höhe, Verwendung von Geräuschen, etc. – gefällt mir sehr gut und das macht die Ausstellung sehenswert. Summa summarum – als Anregung, sich mit diesem Themenkomplex einmal grundsätzlich zu befassen und neugierig auf mehr zu machen passt die Ausstellung gut.

Quellen:
Ausstellungskatalog „Warzenkraut + Krötenstein. Natur in Volksmedizin und Aberglaube“, Landesmuseum Niederösterreich, St. Pölten 2015
Pressefotos des Landesmuseum NÖ
Museum für Klosterkultur, Bayern


[1] In verschiedenen Landesteilen von Niederösterreich findet man heute noch Überreste aus einem ehemaligen urgeschichtlichen Meer – interessant dazu sind die Dauerausstellung im Krahuletzmuseum in Eggenburg bzw. auch die Rekonstruktion einer Seekuh im Stadtmuseum von Bad Vöslau

Burning Times – Mythos oder Realität? Teil 7 von Mara

Samstag, 06. August 2011

5.3. Hexenverfolgung als Frauenverfolgung?

Helga Pregesbauer stellt fest, dass die Aussage, die Hexenverfolgung sei eine Frauenverfolgung, bei nahezu allen männlichen Historikern aggressive Zurückweisung und Empörung auslöst. Sie selbst lehnt diesen Erklärungsansatz ebenfalls ab, da es nicht das erklärte Ziel der Hexenjäger gewesen sei, die Anzahl oder die Macht der Frauen zu dezimieren. Claudia Opitz meint, die Formel, Hexenverfolgung sei eine Frauenverfolgung, greife zu kurz und werde der Vielfalt und Komplexität des historischen Phänomens Hexenverfolgung in dieser Eindeutigkeit nicht gerecht. Es solle vielmehr gefragt werden, welche Faktoren zu dem überwältigenden Anteil von Frauen an den angeklagten und verurteilten Hexen führten (vgl. Pregesbauer 2008, S. 100ff, Opitz 1995, S. 251).

Ich denke jedoch, dass die Hexenverfolgung Teil eines langfristigen historischen Prozesses an Beginn der frühen Neuzeit ist, die im Spätmittelalter etwas angestiegene Bedeutung der Frauen in Wirtschaft und Gesellschaft wieder herabzudrücken.

In den Jahren nach 1348 raffte die Pest nahezu die Hälfte der Bevölkerung Europas dahin. Der dadurch hervorgerufene Menschenmangel bewirkte aber auch, dass die Situation der Überlebenden meistens besser war, als vor der Epidemie (vgl. für das Languedoc: La Roy Landurie 1990, S. 23). Das gilt auch für Frauen: Sie fanden jetzt Einlass in Berufszweige, die bisher Männer vorbehalten waren, sie durften ordnungsgemäß ein Handwerk erlernen und Meisterin werden, ja es gab nicht wenige Gewerbe mit zünftiger Ordnung, die nur von Frauen betrieben werden konnten, wie mancherorts weite Zweige der Textilindustrie, das Bierbrauen, Bleichen und Backen. Auch unter Kürschnerinnen, Riemenschneidern, Lehrern und Ärzten waren sie häufig (vgl. Duerr 1985, S. 96).

Diese Zeit hat nach den Worten von Hans-Peter Duerr ein „heftiges Aufflackern der Sinnlichkeit, der Augen, des Gaumens, der Phantasie und der Seele erlebt“. Das zeigt sich z.B. daran, mit welcher Unbefangenheit Männer und Frauen zugleich das Badehaus aufsuchten. Auch die Mode veränderte sich: „Die traditionell langen Gewänder der Bäuerinnen wurden kürzer und farbenfroh, während sie vorher meist ungefärbt gewesen waren, zugleich wurden sie immer körperbetonter, und der Busen entzog sich immer weniger den Blicken …“ (Duerr 1985, S. 93)

Beigetragen zu dieser Entwicklung hat sicherlich auch die schwere Krise der katholischen Kirche, wo im großen Abendländischen Schisma (1378-1417) zwei, manchmal sogar drei Päpste um die Gläubigen konkurrierten. Zugleich verfiel die Moral vieler Kleriker und Ordensgeistlicher.

Im 16. Jahrhundert war die gesellschaftliche und ökonomische Situation eine ganz andere. Jetzt herrschte große agrarische und städtische Überbevölkerung, auf dem Land nahmen die unterbäuerlichen Schichten zu, in den Städten verfielen die Löhne, Inflation machte sich bemerkbar und viele Handwerker verarmten (vgl. van Dülmen 1982, S. 110). Zugleich häuften sich Missernten, das Klima wurde kälter, Europa trat in die Periode der kleinen Eiszeit ein.

Der erstarkte frühabsolutistische Staat begann jetzt im Interesse der männlichen Gesellen und Handwerksmeister der Frauenarbeit einen Riegel vorzuschieben. Der Staat sah es jetzt auch als seine Aufgabe an, die Moral seiner Untertanen zu regulieren. Er ersetzte damit teilweise die Kirchen. Verbote von Empfängnisverhütung, Abtreibung, Kindsmord und Ehebruch wurden jetzt wieder strikter durchgesetzt.

Natürlich traf diese Moralkampagne ebenfalls primär die Frauen. Zugleich erneuerten sich aber auch die Kirchen; Ziel der Reformation war es ja gerade, „Missbräuche“ aller Art in der katholischen Kirche abzustellen. Diese wiederum erneuerte sich ebenfalls gründlich auf Konzil von Trient (1545-1563). Ein neuer moralischer Rigorismus griff in beiden Konfessionen um sich (vgl. Levack 2003, S. 105ff).

Selbstverständlich war es jetzt auch mit der spätmittelalterlichen Sinnlichkeit vollständig vorbei. Die Brüste durften nicht mehr gezeigt werden, die Anzahl der Badehäuser ging drastisch zurück. Im christlichen Spanien mussten die Frauen ihren Leib vollständig bis auf ein kleines Guckloch verhüllen (Manto) und durften nur noch schwarze Kleidung tragen. Mittels Bleiplatten mussten sie ihre Brüste unsichtbar machen. Ebenso war es ihnen streng verboten, in der Öffentlichkeit irgendwelche Emotionen zu zeigen. Der Gesichtsausdruck gefror zu einer Maske (vgl. Duerr 1985, S. 94). (Auch das ist ein von Historikern gerne „vergessenes“ Gräuel gegen Frauen. Interessant ist diese Tatsache auch im Kontext der gegenwärtigen Diskussion „aufgeklärtes“ Christentum gegen „barbarischen“ Islam. Anführungszeichen hinzugefügt von der Layouterin)

Vor diesem Hintergrund kam es zu den oben beschriebenen massiven Hexenverfolgungen. Claudia Opitz nennt mehrere Faktoren, die Frauen in diesen Verfolgungen besonders verwundbar machten:

1. Extreme Frauenfeindlichkeit der Theologen und Dämonologen

Zurecht wird die nicht zu überbietende Frauenfeindlichkeit der katholischen Theologen, Dämonologen und Hexenjäger für den hohen Frauenanteil der verurteilten Hexen verantwortlich gemacht. Entsprechende Aussagen des Hexenhammers wurden oben bereits dargestellt. Sie stehen damit in einer langen Tradition frauenfeindlicher Theologen, die bis auf Paulus von Tarsus zurückreicht.

Diese Tatsache allein hat allerdings lange Jahrhunderte noch keine Hexenverfolgungen ausgelöst. Die Furcht vor der Macht Satans auf Erden und vor den Frauen radikalisierte sich im Spätmittelalter mit dem Aufkommen von Ketzersekten, Krisen- und Zerfallserfahrungen nach der großen Pestepidemie und der oben beschriebenen Lockerung der Sitten im Spätmittelalter, die fromme, zölibatäre Kleriker nur als Wirken Satans erkennen konnten (vgl. Opitz 1995, S. 251ff). „Wegen eben jener besonderen Verführbarkeit und Wollüstigkeit des Weibes schien nun die gesamte Schöpfung bedroht; sie war quasi die Tür, durch welche der Teufel an die Weltherrschaft zu gelangen versuchte. Durch die Sekte war erstmals nicht nur die göttliche Herrschaft bedroht, sondern auch die des Mannes als Herr auf der Erde und über die Frau.“ (Pregesbauer 2008, S. 107)

Hans-Peter Duerr vermutet, dass die christliche Zivilisation in ihrem Inneren mit der Hexe genau dann das Bild eines dämonischen Ungeheuers schuf, nachdem die alten wilden Elemente des Heidentums langsam schwächer wurden (vgl. Duerr 1985, S. 84ff).

2. Benachteiligung vor Gericht

Die größere Zugänglichkeit vieler Berufe im Spätmittelalter für Frauen ging niemals so weit, dass sie irgendwelche öffentlichen Ämter in der Stadt oder auf dem Land ausüben durften. Sie unterstanden immer der häuslichen Gewalt eines Mannes, sei es der Vater, Ehemann oder Sohn. Demnach waren Frauen niemals Richterinnen, Schöffinnen oder Geschworene. Sie konnten vor Gericht nur als Angeklagte oder Zeuginnen auftreten.

Die Juristen und Richter waren allesamt Männer und als Angehörige der Bildungselite mit der elaborierten Hexenlehre vertraut. Das wiederum führte zu einem Teufelskreis von Anklagen, Prozessen und Verurteilungen gegen Frauen. Weil in der Regel Hexenprozesse gegen Frauen geführt wurden, gerieten diese bald zum klassischen Vorbild die nachfolgende Juristengeneration; weil andererseits Frauen kaum wegen anderer Kapitalverbrechen wie Mord und Raub vor Gericht standen, musste ihre hohe Präsenz bei den Hexenprozessen zur Überzeugung beitragen, Hexerei sei das weibliche Verbrechen per excellence.

Das wiederum musste dazu führen, dass gegen Frauen rascher und energischer Anklage erhoben und die Folter eingesetzt wurde, was in der Regel zu Geständnis und Schuldspruch führte und die Juristen in ihrer Vermutung bestätigte, die Frauen seien für die Verführungen des Teufels besonders anfällig (vgl. Opitz 1995, S. 257).

Auch wirkte es sich vor Gericht zu ihrem Nachteil aus, dass Frauen keine Bürgen stellen konnten. Männliche Angehörige waren aber häufig nicht bereit, solche Bürgschaften für Frauen, die der Hexerei angeklagt waren, zu stellen (vgl. Pregesbauer 2008, S, 102ff).

Frauen wurden in der Regel für Sittlichkeitsvergehen weitaus schwerer bestraft als Männer. Die hierdurch etablierte sprichwörtliche sexuelle Unersättlichkeit der Evatöchter spielte beim Vorwurf des Teufelspaktes ebenfalls eine wichtige Rolle. Das hat wohl die Vorstellung von der besonderen weiblichen Anfälligkeit für Verführungen des Teufels weiter genährt und bei Richtern die Bereitschaft zur Anklage und Verurteilung gestärkt (vgl. Opitz 1995, S. 259).

3. Geschlechtsspezifische Magiepraktiken und Alltagskonflikte

Auch im Volksglauben standen Frauen viel stärker als Männer im Verdacht der Ausübung von Magie. Frauen wurden bei Konflikten in der dörflichen Gemeinschaft häufig als Hexe und Hure beschimpft, die Beschuldigung eines sittlich verwerflichen Lebenswandels und der Ausübung von Magie gingen oftmals Hand in Hand und verstärkten einander.

Da man davon ausging, magische Kenntnisse und Praktiken würden ausschließlich unter Frauen – von der Mutter an die Tochter oder Schwiegertochter – weitergegeben, konnte dies zu einer verstärkten Verdächtigung weiblicher Gemeindemitglieder führen. Es kam häufig vor, dass alle weiblichen Familienmitglieder über mehrere Generationen hinweg ausgerottet wurden. Besonders häufig wurden Mutter-Tochter-Paare als Hexen verbrannt.

Häufig standen die Vorwürfe des Schadenszaubers gegen Frauen in einem engen Zusammenhang mit den Tätigkeiten, die ihnen im Rahmen der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung in der frühen Neuzeit zugewiesen waren: Sie versorgten das Kleinvieh, molken die Kühe, arbeiteten als Köchinnen, Hebammen und als Weise Frauen (vgl. Opitz 1995, S. 261ff).

„Als Köchinnen hatten sie nicht nur die Gelegenheit, die zum Zauber benötigten Kräuter zu sammeln, sondern sie verfügten auch über die Fähigkeit, daraus Tränklein und Salben herzustellen. Nicht zufällig werden Hexen oft vor großen Kesseln stehend dargestellt, in denen die Ingredienzien zusammengebraut wurden.“ (Levack 2003, S. 136) Das Hagelsieden oder Wettermachen hatte nach zeitgenössischer Vorstellung eine sehr große Ähnlichkeit mit dem Kochen von Suppen oder Eintöpfen in dickbäuchigen Kesseln. Nicht nur das Kochen war allein Frauensache, auch der Kessel galt als typisch weibliches Arbeitsgerät und als Symbol für den weiblichen Körper selbst. Da lag es nahe, beim Verderben von Frucht, Milch, Vieh oder Familienmitgliedern eine Frau als Verursacherin zu beschuldigen (vgl. Opitz 1995, S. 262).

Im frühneuzeitlichen Europa betätigten sich Frauen auch als Heilkundige und Hebammen. Dabei benutzten sie eine weite Palette der Volksmedizin, hauptsächlich Kräuter und Salben (vgl. Levack 2003, S. 137). Viele der verwendeten pflanzlichen Heilmittel sind pharmakologisch hoch wirksam, z.B.: Schwarze Tollkirsche (Atropa belladonna), Johanniskraut (Hypericum perforatum), Weidenrinde (Salix), Schlafmohn (Papaver somniferum), Roter Fingerhut (Digitalis purpurea). Sie heilten männliche Impotenz, weibliche Unfruchtbarkeit, führten Abtreibungen durch, stellten empfängnisverhütende Mittel zur Verfügung und berieten Frauen beim Stillen (vgl. Barstow 1994, S. 113).

Allerdings war ihre Tätigkeit immer prekär, da die Kirche den Frauen verboten hatte, zu heilen. Das gilt erst recht, wenn sie die natürlichen Ingredienzien zusammen mit Zaubersprüchen verabreichten. Dann hätten sie sich aus Sicht der Kirche des Götzendienstes und damit der schlimmsten Häresie schuldig gemacht. Hebammen gaben z.B. den Pilz Mutterkorn (Claviceps purpurea) oder pflanzliche Wirkstoffe gegen Geburtsschmerzen und zur Einleitung der Wehen. Damit haben sie nach Meinung der Kirche eine Todsünde begangen, heißt es doch bei Genesis 3,16: „Ich will die Mühen deiner Schwangerschaft sehr groß machen; mit Schmerzen sollst du Kinder gebären.“ Wer also die Geburt erleichtert, handelt direkt einem göttlichen Gebot zuwider. Auch Abtreibung und Empfängnisverhütung waren streng verboten und wurden als Mord mit dem Tode bestraft.

Wie die Kirche gegen heilkundige Frauen vorging, zeigen folgende Fälle:
Im Jahr 1417 wurde eine Frau aus Landshut wegen Ausübung der Heilkunst vor einem bischöflichen Gericht dazu verurteilt, ihrem Tun abzuschwören. Zudem wurde ihr eine strenge Kirchenbuße von zwei Jahren auferlegt. Sie musste zusätzlich an bestimmten Tagen im Jahr mit geschorenem Haupthaar und entblößtem Oberkörper vor einer großen Menschenmenge auf dem Kirchhof stehen. „Bessert“ sie sich dennoch nicht, soll sie ausgepeitscht und aus Landshut vertrieben werden (vgl. von Riezler 1895, S. 77f).

Im Jahr 1322 wurde Jacoba Felicie von der medizinischen Fakultät der Pariser Universität angeklagt, weil sie erfolgreich geheilt hatte. Das stehe einer Frau nicht zu (vgl. Ehrenreich / English 1995, S. 32).

Da die weisen Frauen ihren Nachbarn nützliche Dienste leisteten, wurden sie von ihnen meistens toleriert. Wenn jedoch Menschen in ihrem Umfeld erkrankten oder plötzlich starben, gerieten die Heilkundigen sehr schnell in Gefahr, des Schadenszaubers angeklagt zu werden. Analysen aus zahlreichen Ländern belegen, dass viele Frauen, die der Hexerei beschuldigt wurden, in Wirklichkeit solche weise Frauen waren. In Frankreich betraf das rund die Hälfte der Hexenprozesse, die dem Parlement von Paris zur Überprüfung vorgelegt wurden. (Parlements waren die obersten königlichen Gerichtshöfe im vorrevolutionären Frankreich.)

Auch zahlreiche Hebammen, wenn auch nicht so viele, wie man glaubte, wurden der Hexerei bezichtigt. Man machte sie für den damals nicht allzu seltenen Tod von Säuglingen verantwortlich. 1587 wurde in Dillingen eine Hebamme namens Walpurga Hausmännin beschuldigt, durch Zauberei den Tod von 40 Kindern verursacht zu haben, wobei einige Todesfälle 12 Jahre zurück lagen (vgl. Levack 2003, S. 137). In Köln wurden zwischen 1627 und 1630 die Hebammen der Stadt nahezu ausgerottet (vgl. Ranke-Heinemann 2004, S. 348).

Von der Geschichtswissenschaft geschlossen zurückgewiesen wird die These von Heinsohn und Steiger, die Hexenverfolgung diene primär der Ausrottung des Verhütungswissens der Weisen Frauen durch den frühabsolutistischen Staat, um auf diese Weise die Produktion der eigenen Bevölkerung zu steigern.

Hauptargumente sind, dass die europäischen Staaten damals zu solchen weitreichenden Eingriffen gar nicht in der Lage waren und dass das volkstümliche Verhütungswissen in dieser Zeit durchaus nicht verschwunden sei (vgl. Rummel 2006). Allerdings betrieben die absolutistischen und bürgerlichen Staaten einige Jahrhunderte später sehr wohl eine pronatalistische Bevölkerungspolitik und das volkstümliche Verhütungswissen ist dann doch in Vergessenheit geraten (vgl. Foucault 1983).