Mit ‘Rezension’ getaggte Artikel

Heide Göttner-Abendroth: Matriarchale Landschaftsmythologie, eine Besprechung – Teil II, geschrieben von Mara

Samstag, 07. März 2015

Das folgende Kapitel beschreibt den Landschaftstempel Dreisamtal im Schwarzwald bei Freiburg im Breisgau. Es ist neu für dieses Buch geschrieben worden.

Die letzten drei Kapitel des Buches beschäftigen sich mit den Landschaften Niederbayerns, also den Siedlungen an der Donau zwischen Regensburg und Passau, dem Bayerischen Wald und dem Böhmerwald, auch Hinterer Bayerischer Wald genannt. Mit 152 von 352 Seiten bilden sie den inhaltlichen Schwerpunkt des Bandes. Das ist auch kein Wunder, den Heide Göttner-Abendroth lebt im kleinen Ort Winzer an der Donau im Landkreis Deggendorf. Dort betreibt sie ihre Akademie HAGIA in einem Bauernhof außerhalb des Ortskerns. Teile der Kapitel sind bereits in Mythologische Landschaft Deutschlands erschienen, aber sie sind stark erweitert worden. Diese Abschnitte sind meiner Meinung nach die besten des Buches und bringen viele neue und verblüffende Erkenntnisse, von denen nur einige genannt werden können.

So stellt die Autorin eine hochentwickelte Megalithkultur im Osten Bayerns in der Überschwemmungsebene zwischen Landshut und Passau vor. Dort befinden sich sechs jungsteinzeitliche Kreisgrabenanlagen, die als Sonnenuhren und Kalenderbauten dienten. Damit waren sie auch Kultbauten. Sie entstanden alle in den Jahren zwischen 4800 und 4600 v.u.Z. und gelten als die frühesten Monumentalanlagen der Menschheit. In der Nähe dieser Anlagen gab es Siedlungen, die mit 10 ha eine beträchtliche Größe erreichten und als die ersten Städte auf deutschem Territorium gelten können. Die Siedlungen bestanden aus Langhäusern. Allein das legt nahe, dass ihre BewohnerInnen in matriarchalen Clans lebten.

Die Entdeckung der Kalenderbauten gilt als archäologische Sensation. Dennoch werden sie kaum herausgestellt, sondern von der Archäologie weitgehend totgeschwiegen. Wenn man das mit unglaublichen wissenschaftlichen und Propaganda-Aufwand vergleicht, der um das Massaker von Thalheim betrieben wurde, erkennt man, wie rigoros Geschichtspolitik auch mit unserer Vorgeschichte gemacht wird. Jedes Land möchte die eigene Geschichte durch archäologische Funde möglichst weit zurück datieren. Warum wird diese Megalith-Kultur dennoch verschwiegen? Vielleicht deshalb, weil sie zu friedlich ist, weil zu viel auf eine egalitäre Gesellschaft und das Matriarchat hindeuten. Das würde ja bedeuten, es gab eine Gesellschaft, in der die Menschen glücklicher als in der heutigen waren! Das darf nicht sein und wird mit dem Verdikt rückwärtsgewandte Utopie abgeschmettert.

Weitere Abschnitte beschreiben die zahlreichen Marienkirchen an der Donau, z.B. Maria Hilf in Passau. Hier kann Heide Göttner-Abendroth zeigen, dass sich auch in den verschiedenen Mariendarstellungen noch die alte Ikonographie der Dreifaltigen Göttin wiederspiegelt. Dem steht auch nicht entgegen, dass die meisten dieser Kirchen in Bayern aus dem Zeitalter des Barocks stammen. Vermutlich hat die einfache Bevölkerung die Große Göttin z.B. in der Gestalt von Perchta auf diesen Bergen auch noch im christlichen Mittelalter verehrt und dorthin „Wallfahrten“ unternommen, höchstens notdürftig christianisiert. Damals wurde das von der Kirche als Aberglauben abgetan und weitgehend ignoriert. Schließlich war es damals kaum von Bedeutung, wenn die einfache Bevölkerung die Feinheiten der Mariologie nicht verstand und sie de facto doch als Göttin verehrte. Im Zeitalter der Gegenreformation war diese Toleranz vorbei und jetzt ging es darum, diesen „Aberglauben“ auszurotten. Am einfachsten wäre es, wenn alle diese verdächtigen Berge mit Marienkapellen besetzt würden. Dafür hat die Kirche beträchtliche Mittel bereitgestellt, aber sie konnte auch hohe Einnahmen durch Spenden der Wallfahrer erwarten, zumindest in den ersten Jahrzehnten nach dem Bau der jeweiligen Kapelle oder Kirche.

Und schließlich werden auch die Berge des Böhmerwaldes als Göttinnen beschrieben. Die Lusen stellt die weiße, die Rachel die rote und die Arber die schwarze Göttin dar. Besonders interessant ist eine alte Steintreppe im Gipfelbereich der Lusen, von der angeblich niemand weiß, wie alt sie ist. Dass sie aus der Jungsteinzeit stammt, dafür sprechen die zahlreichen Näpfchenbohrungen auf den Treppenstufen. In einer späteren Epoche wären sie wahrscheinlich nicht mehr angelegt worden. Sie könnte im Zusammenhang mit alten Handelswegen nach Böhmen stehen, die bereits in der Jungsteinzeit begangen wurden. Überhaupt war das Gebiet des Bayerischen Waldes in der Jungsteinzeit und der Bronzezeit zwar nur sehr dünn besiedelt, aber längst nicht völlig menschenleer, wie die Kirche und später die Geschichtsschreibung behaupteten.

Heide Göttner-Abendroth verwendet für den hinteren Bayerischen Wald durchgehend dem Begriff Böhmerwald. Das ist treffender, denn das Gebirge ist ja erst nach dem zweiten Weltkrieg von der bayerischen Landesregierung umbenannt worden, da Böhmen eine Landschaft in der Tschechoslowakei war und damit zum Ostblock gehörte. Deshalb galt die Bezeichnung Böhmerwald nicht mehr als opportun.

Kritik

Es gibt allerding auch einige Aussagen, die kritisch hinterfragt werden müssen. So schreibt Heide Göttner-Abendroth, dass die Kelten die ersten kriegerischen Stämme waren, die eine noch weitgehend matriarchale Bevölkerung in Europa überrannten (S. 18). Das trifft wohl auf Westeuropa zu, wo die Kelten noch auf eine matriarchale Urbevölkerung trafen, aber nicht auf Mitteleuropa. Hier waren Indoeuropäer bereits ab 3100 v.u.Z. ansässig. Das heißt nun nicht, dass sie gleich das gesamte Gebiet erobert hätten. Das war ein langsamer Prozess, der durchaus Jahrhunderte oder auch ein Jahrtausend gedauert haben kann. Aber die Kelten haben sich wohl aus einem Indoeuropäischen Kontinuum erst ab 900 v.u.Z. ausgegliedert. Nach Marija Gimbutas stellt sich die Reihenfolge der Kulturen in Mitteleuropa wie folgt dar:

Jahr Name Bemerkungen
Ab 5500 v.u.Z. Bandkeramik Alteuropäisch, matriarchal
Ab 4500 v.u.Z. Rössener Kultur Alteuropäisch, möglicherweise in Teilen bereits indoeuropäisch beeinflusst
Ab 4200 v.u.Z. Trichterbecherkultur Wahrscheinlich alteuropäisch, möglicherweise aber auch indoeuropäisch beeinflusst
Ab 3100 v.u.Z. Kugelamphorenkultur undifferenziert Indoeuropäisch
Ab 2800 v.u.Z. Schnurkeramik (Streitaxtleute)
Ab 1300 v.u.Z. Urnenfelderkultur
Ab 900 v.u.Z. Kelten Ausgliederung aus der Urnenfelderkultur
Ab 600 v.u.Z. Germanen Ausgliederung aus indoeuropäischem Kontinuum bereits ab 2500 v.u.Z., ab 600 v.u.Z. Wanderung nach Süden

Vgl. Marija Gimbutas: Die Ethnogenese der europäischen Indogermanen, Innsbruck 1992

Des Weiteren finde ich einige Etymologien nicht nachvollziehbar. Nach einer alten Sage heißt die Nordsee, in die der Rhein mündet, Mutter Rahen (S. 135). Heide Göttner-Abendroth bringt dieses Wort mit der Urmutter Rahab zusammen, die in Altpalästina vorkam.

Den Bergnamen Rachel leitet die Autorin von der gleichnamigen jüdischen Urmutter ab (S. 317), ohne zumindest auch andere Etymologien zu diskutieren.

Wo mir die Etymologien bekannt sind, waren sie allerdings alle korrekt.

Fazit

Heide Göttner-Abendroth stellt eine Fülle von landschaftsmythologischen Beobachtungen vor. Es ist gut zu erkennen, dass sie daran eine lange Zeit gearbeitet haben muss. Das Buch lädt geradezu zu Wanderungen in den beschriebenen Gebieten ein.

Auch die Darstellung der Methode ist sehr wertvoll und ermöglicht eigenständige Forschungen in der Landschaftsmythologie, wie ich sie in der Serie Mythologische Landschaften Mitteleuropas auf Wurzelwerk versucht habe, freilich ohne das Buch zu kennen.

Selbst für diejenigen, die Mythologische Landschaft Deutschland von 1999 bereits kennen, bietet das Buch immer noch viele neue Erkenntnisse.

Heide Göttner-Abendroth: Matriarchale Landschaftsmythologie, eine Besprechung – Teil I, geschrieben von Mara

Samstag, 28. Februar 2015

Matriarchale Landschaftsmythologie heißt das neueste Buch der Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth. Es geht auf die zahlreichen Studien- und Wanderreisen von Besucherinnen der Akademie HAGIA zurück, die die Autorin leitete. Sie besuchten ab 1987 vor allem die Megalithanlagen aus der Jungsteinzeit, der klassisch matriarchalen Epoche, aber auch Museen mit Artefakten aus dieser Zeit.

Heide Göttner-Abendroth: Matriarchale LandschaftsmythologieStuttgart 2014, Kohlhammer
ISBN 978-3-17-022336-3

352 Seiten

Preis 29,90 E

Dabei kamen folgende Fragen auf:

  • Warum liegen solche Anlagen in einem bestimmten Platz in der Landschaft?
  • Was haben sich die Menschen aus jenen Kulturepochen dabei gedacht, wenn sie ein Bauwerk an diesen bestimmten Platz setzten?

Um diese Fragen zu beantworten, muss auch die Mythologie und Symbolik der Menschen jener Epoche berücksichtigt werden. Auf diese Weise können sich neue Erkenntnisse ergeben.

Die Menschen der Jungsteinzeit waren die ersten, die dauerhafte Siedlungen errichteten. Sie orientierten sich dabei nicht ausschließlich an Aspekten des Nutzens. Sondern sie betrachteten die Erde selbst als göttlich, als Mutter allen Lebens. Stellen, die einen bestimmten weiblichen Zug der Erdgöttin betonten, galten als besonders heilig und hier finden wir zahlreiche Kultbauten, z.B. Megalithen. Auch Sichtlinien, also die Anordnung dieser Kultbauten in geraden Linien, waren sehr wichtig. Sie dienten nicht zuletzt astronomischen Zwecken.

Bei der Landschaftsmythologie geht es also darum, zu verstehen, wie Menschen der früheren Epochen die Landschaft sahen. Sie hatte immer auch eine symbolische und mythologische Bedeutung. Der Begriff selbst wurde vom Schweizer Kurt Gerungs geprägt, aber Heide Göttner-Abendroth und andere Frauen praktizierten entsprechende Forschungen schon lange, bevor es diesen Begriff gab. Die Autorin nennt ihre Forschungen ausdrücklich matriarchale Landschaftsmythologie, da das matriarchale Weltbild Basis und Zentrum ihrer Forschungen ist.

Die Jungsteinzeit war die klassische Zeit des Matriarchats. Heide Göttner-Abendroth gibt im weiteren Verlauf des Buches eine ausführliche Definition dessen, was sie unter einem Matriarchat versteht. Dabei wird die ökonomische, soziale, politische und kultische Ebene berücksichtigt.

Methode

Im zweiten Kapitel stellt Heide Göttner-Abendroth die Methoden der matriarchalen Landschaftsmythologie vor. Damit regt sie auch zu eigenständigen Forschungen an. Sie geht in zehn Schritten vor:

  1. Begehen einer Landschaft
  2. Entdecken heiliger Hügel mit abgesenktem Horizont. Das sind Hügel, auf denen früher Megalithanlagen und heute vor allem Kirchen, Kapellen und Burgen zu finden sind. Diese Hügel ermöglichen einen weiten Blick in die Landschaft, vor allem nach Osten, Süden und Westen.
  3. Prüfen von Sichtlinien, die von diesem Hügel ausgehen. Besonders wichtig sind Linien, die zum Auf- und Untergang der Sonne zu Beginn der verschiedenen Jahreszeiten zeigen.
  4. Prüfen von Kultlinien: Gibt es auf den Sichtlinien vielleicht noch weitere Hügel mit Megalithanlagen, Kirchen, Burgen etc.?
  5. Archäologische Analyse: War die Landschaft bereits in der Jungsteinzeit besiedelt?
  6. Linguistische Analyse: Namenskunde dieser Hügel. Gibt es alte vorindoeuropäische Namen wie z.B. den Bergnamen Similaun? Konzentrieren sich hier Namen mit dem Bestandteil Frau, wie z.B. Frauenau, Frauenberg etc.?
  7. Kirchenforschung: Wichtig sind hier vor allem die Patrozinien, also die Benennung der Kirche. St. Michaels und St. Georgs-Kirchen können darauf hindeuten, dass diese christlichen Drachentöter Namenspaten wurden, um eine starke heidnisch-matriarchale Tradition zu bekämpfen. Mit Marienkirchen sollten vor allem alte Kultplätze der Göttin vereinnahmt werden.
  8. Sagen- und Mythenforschung: Welche Mythen gibt es zu dem Ort?
  9. Folklore-Forschung: Welche Gebräuche existieren an diesen Orten?
  10. Erforschung von Rückzugsgebieten und kulturellen Nischen.

Landschaften

Im Hauptteil des Buches stellt die Autorin mehrere Landschaften vor, die sie mit den oben genannten Methoden interpretiert hat. Allerdings sind im Buch längst nicht alle deutschen Landschaften vertreten, aber das könnte ein Mensch alleine nicht leisten.

Einige Kapitel sind allerdings schon in dem inzwischen vergriffenen Buch Mythologische Landschaft Deutschlands von Heide Göttner-Abendroth und Kurt Derungs aus dem Jahr 1999 erschienen, ohne dass darauf hingewiesen würde.

Im ersten Kapitel beschreibt sie die Megalithkultur auf Rügen. Dieses Kapitel ist weitgehend unverändert aus dem oben genannten Buch übernommen worden.

Im zweiten Kapitel geht es um die Heiligen Berge in Mitteldeutschland. Hier werden der Hohe Meißner, die thüringischen Holleberge und die beiden Gleichberge bei Römhild beschrieben. Alle diese Berge sind der Frau Holle heilig. Dieses Kapitel ist zwar auch schon in Mythologische Landschaft Deutschland erschienen, aber stark erweitert worden.

Das nächste, völlig neue Kapitel ist überschrieben mit: Der Strom der Frau Ley und meint den Rhein. Der Vater Rhein gilt als ein typisch männlicher Fluss. Aber es gibt alte Sagen, die eine Frau Ley erwähnen, sie soll die Gattin des Rheinkönigs sein. In diesen Sagen sind sie und ihre Töchter, die Witten-Ley (Lahn) und die Uhte-Ley (Mosel), die aktiv Handelnden, während sich der Vater Rhein nur in Sorgen ergeht. Das könnte darauf hindeuten, dass auch der Rhein in früheren Zeiten als weiblich gedacht wurde, wie fast alle anderen Flüsse Mitteleuropas.

Dass dies keineswegs unwichtig ist und selbst heute noch mit dem Geschlecht des Rheines Propaganda betrieben wird, zeigt der Kinofilm Rheingold (2014), der als Dokumentation den Fluss von der Quelle bis zur Mündung aus der Vogelperspektive begleitet. Hier tritt Vater Rhein persönlich auf und kommentiert seinen Lauf mit heiserer Stimme. Vom Alpenrhein berichtet er, dass frühere Völker ihre Neugeborenen in den Fluss geworfen haben, um mit einer Wasserprobe zu bestimmen, ob das Kind tatsächlich vom Ehemann stammt oder ob die Frau ihm „untreu“ geworden ist. „Legitime“ Kinder werden an das Ufer getragen, während „Kuckuckskinder“ vom Strom verschlungen werden. Fast hört man ein Bedauern in seiner Stimme, dass dieser schreckliche Brauch heute nicht mehr möglich ist. Unnötig zu erwähnen, dass keine der matriarchalen Sagen und Stätten am Rhein, die Heide Göttner-Abendroth beschreibt, in dieser Kino-Dokumentation auch nur erwähnt werden. So wurden z.B. viele und prächtige Matronensteine im Bonner Münster gefunden, das nahe am Rhein liegt.

(Anmerkung der Rezensentin: Im Buch wird der Film Rheingold nicht erwähnt. Im wollte mit diesem Absatz nur verdeutlichen, dass es auch heute keinesfalls unwichtig ist, ob der Rhein als männlich oder weiblich gedacht wird.)


Ende Teil I