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Runenorakel – Teil III, geschrieben von Eibensang

Samstag, 09. August 2014

Sinn der Sache

Womit gesagt sein soll: Ein Orakelbild, egal was es zeigt, ist kein Schicksalsspruch im Sinne einer garantiert eintreffenden Ereignisfolge. Alles andere als das! Es ist eine Momentaufnahme, aus der sich mögliche Folgen ableiten lassen – die ein Orakelbild durchaus mit anspricht. Warum überhaupt orakeln? Um sich das gegenwärtige Verhalten mehr oder minder bestätigen zu lassen – oder es zu ändern: in Erkenntnis, dass es, lässt mensch die Dinge weiter so laufen, nicht dorthin führt, wohin mensch will! Gerade „schicksalsgläubigen“ Menschen ist dieser Aspekt – der Selbstverantwortlichkeit und der eigenen Souveränität – unbedingt und ausdrücklich zu betonen. Allzuoft – so erlebe ich es immer wieder – sind gerade orakel-unerfahrene Leute geneigt, die Ergebnisse ihres Wurfs als „Weissagung“ misszuverstehen – und geneigt, aus dem Häuschen zu geraten, wenn das Bild „Übles voraussagt“. Aber es sagt eben nichts „voraus“! Es warnt höchstens. Und das hat nur Sinn, wenn Veränderungen stattfinden bzw. getätigt werden können. Die liegen immer in der Macht der Fragenden – meistens muss hex sie jedoch genau darauf hinweisen: so gut und so genau, bis die entsprechende Rückmeldung klarmacht, dass dieses Prinzip verstanden wurde und wird.

Jeder Atheistin aber, die darob den Eindruck bekommen könnte, dass ich die Runen dieserart nur als Aufhänger nehme, mit der ratsuchenden Person deren spezielles Thema zu erörtern, darf ich ein freundliches „na und?“ entgegenlächeln. Dass hinter jedem Orakelwurf das Wirken mächtiger Gottheiten steht, das sich recht zuverlässig aus der jeweiligen Runenkonstellation lesen lässt, ist ebenso Auffassungssache wie die, dass es sich bei derselben Konstellation um wahlloses Durcheinander handele, das der Zufall generierte. Was aber so oder so herum nicht mehr „Zufall“ genannt werden darf, ist der aus dem Orakel abgeleitete Rat. Der liegt in der Verantwortung der Person, die ihn gibt.

Bei dieser Gelegenheit sei allen mit Runen Orakelnden ein zu- und grundsätzlicher gegeben: Selbstverständlich sollte jedes noch so wüst erscheinende Orakelbild in einen Rat münden, aus dem sich etwas Konstruktives und irgendwie Ermutigendes ziehen lässt: für die Person, die ihn erfragt und benötigt – und mit ihrer Offenheit ein Vertrauen investiert, das gewürdigt und ernstgenommen werden muss, ganz unabhängig vom Inhalt der Themen oder irgendwelchen persönlichen Eindrücken wie Sympathie oder deren Abwesenheit (beides soll vorkommen. Wer diese Neutralität nicht aufbringt, sollte davon absehen, andere Menschen mit Ratschlägen zu behelligen). Einerseits.

Andererseits gilt: Es nützt nichts, ein möglicherweise stark dissonant oder spannungsgeladen daherkommendes Bild und die daraus resultierende Deutung derart in Watte zu verpacken, dass die beratene Person daraus schlussfolgern kann, dann sei ja doch alles halb so wild und geriete schon irgendwie gut und knuffig. Nicht, wenn Gegenteiliges dräut! Natürlich hören alle Menschen lieber gute Nachrichten als unangenehme – und jeglichen „Prophezeihungen“ bzw. Prognosen gegenüber ist diese Neigung besonders ausgeprägt. Die Versuchung, dieser urmenschlichen Neigung zu entsprechen, mag kommerziell mehr kitzeln, als zahlender Kundschaft klarzumachen, dass sie dabei ist, sich in einen Riesen-Mist zu verrennen – besonders, wenn dieser Mist erkennbar heißrennenden Wünschen derselben Kundschaft entspricht (von der hex ja möchte, dass sie wiederkommt – oder eine/n zumindest weiterempfiehlt).

Meine Orakelpraxis ist Jahrzehnte alt, mein damit verbundenes kommerzielles Bestreben noch jung. Ich hoffe dennoch, auch künftig sagen zu können: Nur ehrliche Geschäfte sind gute Geschäfte. Und nur ein ehrlicher Rat ist ein letztlich brauchbarer. Noch der schwierigste lässt sich so formulieren, behaupte ich, dass die beratene Person ihn nehmen kann: als etwas, das in ihrer Macht und Möglichkeit liegt. Selbst wenn der Inhalt mit zunächst unangenehmen Tatsachen oder Aussichten konfrontiert. Der Ton macht die Musik! Aber ehrlich muss er sein. Gerade Runen – genauer: die göttlichen Mächte, die durch sie sprechen – äußern sich gern einen ganzen Tick ruppiger und schroffer als andere Divinationsformen! Abermals gilt: Ohne Menschenkenntnis und Fingerspitzengefühl geht hier gar nichts.

Der große Wurf

Vor über 20 Jahren, als ich alltägliche Runenerfahrungen noch – tatsächlich auch – über vorwiegendes Orakeln erwarb, leitete ich meine Methoden erstmal vom Tarot ab: übertrug dort populäre „Legebilder“ aufs Runensystem, indem ich sie zuerst übernahm, um sie dann zunehmend zu verändern. Zusätzlich ließ ich mich von dieser und jener esoterischen Runenliteratur zu weiteren Orakelformen inspirieren – auch wenn ich die Runeninfo in den Büchern selbst meist eher kärglich, blödsinnig oder sonstwie daneben fand. Ich versuchte gewissermaßen, mir die „Perlen herauszupicken“ – besser: selber welche daraus zu generieren. Die einfachen Formen einzelner Runen verführten mich zudem dazu, ganze Orakelmuster bzw. „Legespiele“ in Runenform zu erhirnen. Nach einer Weile hatte ich ein dickes handgeschriebenes Büchlein zusammen: Würfe mit gern blumigen Titeln wie „Sleipnirs Wiehern“, dem „Feuerwurf“, „Lokis Eibenast“ – oder gar dem höchst aufwendigen „Charakterwurf“ (den ich mir nur ein einziges Mal antat), bei dem ich ein komplettes Futhark aufzeichnete und darauf ein komplett blind gezogenes Futhark Zeichen für Zeichen legen ließ, um aus den Beziehungen der Runen untereinander ein dadurch 48fach facettiertes „Charakterbild“ zu schlussfolgern – wozu ich in jenem Fall eine halbe Woche brauchte, von der grafischen und verbalschriftlichen Doku dazu ganz zu schweigen… Hex tut sich ja sonst nix an, wa. ;-)

In der Praxis stellte ich fest, dass ich ohnedies eine Vorauswahl treffen musste für meine Klientel – die in den allermeisten Fällen mit der Fülle der Wurf- bzw. Legemöglichkeiten heillos überfordert war. In jenen ersten Jahren meines bekennenden Heidentums hätte ich mich „nordisch orientiert“, aber noch nicht Ásatrú genannt – tat also genau das, was ich später nicht mehr so gut verstand: mich nämlich mit Runen zu beschäftigen, ohne mich der Kultur nahe oder gar zugehörig zu fühlen, der sie entstammen. Nach meinem definitiven Bekenntnis zu Ásatrú, dem Bund mit germanischen Gottheiten (der eine noch gewichtigere kulturell-gesellschaftliche Komponente hat als die Frage nach einer bestimmten spirituellen Orientierung – aber die Erörterung dieses Komplexes führte hier deutlich zu weit), vereinfachten sich meine Methoden so grundlegend wie sie sich plötzlich ungleich stärkerer Wirkung erfreuten. Im Klartext: Ich legte das dicke, zerfledderte Handbuch mit den 1001 selbsterknobelten „Runenwürfen“ auf irgendein Weißtenoch-Regal – und offerierte nurmehr zwei Wurfformen. Da der eine überhaupt nie gewählt wurde von irgendjemandem – nämlich drei Runen aus dem Beutel zu ziehen und die dann zu deuten – biete ich seit langem nur noch eine einzige Orakelform an, den so genannten „freien Wurf“: das blinde Erfühlen, Befummeln und alsbaldige Werfen aller 24 Runen des Älteren Futharks auf ein Leintuch (oder, in jüngerer Zeit, gern auf das große Fell meiner alten Rahmentrommel).

Das ergibt ein meist sehr differenziertes Bild auf-, über-, unter- und nebeneinander liegender Runen – etwas mühsam zu dokumentieren in veranschaulichend erinnernder Grafik, aber umso ergiebiger in der Deutung. Auffällig oft zeigt sich bei diesem Wurf nur ein Viertel bis ein Drittel der 24 Runen lesbar – der meist überwiegende Rest fällt aufs Gesicht und kann ignoriert werden – aber es gibt Ausnahmen. (Anmerkung: Ich benutze Holzscheibchen mit darauf eingebrannten Runenzeichen. Jüngst habe ich auch mit Runensets in Stabform experimentiert – und einige davon verkauft –, aber die Herstellung ist schwieriger für mich und die handwerkliche Gestaltung gelingt mir da weniger als bei den altvertrauten, meist mehr oder minder ovalen Scheibchen, die sich gut aus halbwegs geraden Ästchen dieses oder jenes Holzes sägen lassen.)

Werfen lasse ich die Runen in Nordrichtung – wichtig für die Lesart des Orakelbildes. (Weniger, dass es Norden sein muss, als vielmehr, dass ich das Bild aus derselben Raum- bzw. Richtungsperspektive der Person lese, die den Wurf getätigt hat.)

Neben teils eindeutig aufrecht, teils gestürzt lesbaren Zeichen kommen dabei etliche Runen in Schrägstellungen zu liegen, die interessante Zwischentöne ergeben. Nahezu waagrecht liegende Zeichen deute ich dabei als „wichtig fürs Thema, aber in neutraler, gewissermaßen noch zu entwickelnder Richtung“. Ansonsten messe ich schräg liegende Runen danach, ob sie graduell eher zum Kopfstand oder zur aufrechten Lage neigen – der jeweilige Neigungsgrad zu diesem oder jenem Zustand sagt zusätzlich etwas aus.

Zuweilen decke ich auf dem Gesicht liegende Scheibchen, die ihre Zeichen nicht zeigen (und sich dadurch als unerheblich ausweisen für die Orakelfrage), dennoch auf: um zu erfahren, welcher Aspekt KEINE Rolle spielt – was der genauesten Ratsfindung dienlich sein mag. Oder sichtbare Runen überdecken einander halb oder ganz, weil ihre „Datenträger“ ;-) mehr oder minder aufeinander zu liegen kamen: Hier zeigen sich eng verbundene Aspekte, die es zu deuten gilt. Wieder andere Runen mögen weiter entfernt liegen – während sich manche regelrecht stauen: All das fließt ins Lesen mit ein. Live und in Farbe: in laufendem Gespräch mit der Person, die das Orakel warf.

Ende Teil III

Runenorakel – Teil II, geschrieben von Eibensang

Samstag, 03. Mai 2014

Achtung, Gift!

Apropos neuzeitlich: Das heutzutage dank absolut unkritischer Eso-Schreiberlinge immer noch sehr weit verbreitete sog. „18er Runensystem“ ist überhaupt keins. Dieses auch „Armanen-Futhork“ genannte Zeichensystem aus 18 „Runen“, die Runen insofern täuschend ähnlich sehen, als sie willkürlich aus dem Jüngeren Futhark gefleddert wurden, hat sich eingangs des 20. Jh. der Ideologe Guido „von“ List ausgedacht – der den späteren Nazis und vergleichbaren Rassisten damit den okkulten Überbau für ihre höchst ungermanischen Ansichten und Umtriebe lieferte. Das „18er System“ ist so germanisch wie ein Smartphone, nur viel gefährlicher: Es existiert nur aus dem einen Grund, Menschen in „wertige“ und „unwerte“ „Rassen“ aufzuteilen. Es ist Bestandteil der Ariosophie, einer okkult konstruierten Lehre, die ebenfalls besagter Guido „von“ List verantwortet (und die das noch giftigere Kind der ebenfalls ziemlich menschenfeindlichen „Theosophie“ einer gewissen Helena P. Blavatsky ist – gleichwohl deren Unsinn zumindest in Versatzstücken bis heute durch alle möglichen esoterisch vernebelten Gehirne spukt und äußerst fragwürdige Urständ‘ feiert: dies gern auch ohne bewusstes Wissen der NachbeterInnen, deren Wahrheitsdurst in Wahrheit aus kontinuierlichem Wegschauen und anhaltender Denkverweigerung besteht). Letztlich rechtfertigt diese Lehre Kolonialismus – und die Ableitung zum „Herren- und Untermenschentum“ der Nationalsozialisten ist kein Unfall gewesen, sondern in dieser Denkart folgerichtig. Das „18er Runensystem“ oder „List-Futhork“ unterstützt diese Denke – und keine andere – magisch.

Nein, man stirbt nicht sofort bei Benutzung. Genausowenig wie von Genfood, Glutamat, dem Fleisch industriell gequälter Tiere oder dem Gebrauch von Atomstrom, der BILD- oder Kronen-„Zeitung“ und vergleichbaren Angstverstärker-Journaillen oder Heroin oder Crack oder permanentem Fernsehkonsum unter Ausschluss von Alternativen. Nicht alles, wovon abzuraten ist, hat sofort spürbare Direktfolgen für uns. Aber alles macht was. Verstehst‘! Von wegen „Bewusstsein“ und „ganzheitlicher“ Lebensführung und so!

Ebenfalls gewarnt sei vor dem als meditativ oder gar als kenntnisfördernd apostrophierten Nachstellen von Runenformen mit dem eigenen Körper, so genanntem „Runen-Yoga“ (zuweilen auch mit altnordisch klingenden Begriffen wie „Stadha / Stödhur“ belegt, was den Scheiß aber weder historischer noch irgendwie germanischer macht). All dieses Geturne und Genöhle, ohne das bis heute so gut wie kein esoterisches Runenbuch auskommt (freilich, ohne die Quelle zu nennen!), geht auf einen einzigen Menschen zurück: Friedrich Bernhard Marby. Seine 1934 erschienene Broschüre hieß – lasst euch den Titel auf der Zunge zergehen, bevor ihr ausspuckt und gründlich spült – „Rassische Gymnastik als Aufraffungsweg“. Und hat nur diese Bedeutung – samt magischem Flashback.

Es gibt m.E. keinen auch nur halbwegs vernünftigen Grund – zumindest nicht für magisch kundige oder interessierte Menschen, die doch sonst so gern auf „Zusammenhänge“ verweisen und wissen, dass alles „miteinander verbunden“ ist –, solchen Quellen durch Nachmachen oder Nachturnereien auch nur die geringste Energie zuzuführen.

Grundlagen des Orakelns

Aber nun endlich zum Thema: dem Orakeln mit eckigen germanischen Zeichen. Erklärungen, was die einzelnen Runen bedeuten (und was noch, und was unter bestimmten Umständen außerdem… von ihren Zusammenhängen ganz zu schwelgen), sprengten hier den Rahmen. Persönlichen Bezug zum verwendeten System (für die deutende Person. Die fragende braucht ja nicht unbedingt einen!), Kenntnis der Zeichen und ihrer Grundbedeutungen, idealerweise empirisch erprobte Ableitungen oder Varianten davon etc. – kurz: ein bisschen „praktische Orakelerfahrung“ – setze ich hier einfach mal voraus.

Was die meisten Orakelnden wissen dürften oder sollten, sei für alle anderen kurz zusammengefasst: keine suggestiven Fragen („wann werde ich reich / verliebe ich mich“ o.ä.), keine Ja-Nein-Fragen, keine Fragen nach definitiven Zeitpunkten oder sonstigen Zahlen-Ergebnissen, und am besten jeder fragenden Person nicht mehr als ein Orakel an ein- und demselben Tag deuten – ein jedes Orakelbild will erstmal „überschlafen“ werden, gerade auch, wenn das Ergebnis zu weiteren Fragen einlädt. Die Entscheidung, Menschen in erkennbar labilem Seelenzustand oder extrem aufgewühlter Gemütsverfassung einen – ja sonstwie ausfallen könnenden – Orakelwurf für den betreffenden Tag und Zustand eher zu verweigern, aus Gründen der Verantwortung, setze ich ebenfalls voraus.

Ein jedes Orakel ist (immer nur) so gut wie seine Deutung. Sie ist der Knackpunkt der Sache. Mir ist daher, bevor ich mein Runensäckchen auch nur anfasse, wichtig, worum es der Person, die ein Orakel möchte, geht. Viele Fragende müssen sich da erstmal ein wenig sortieren innerlich – was unabdingbar ist: Wie sollte hex ein Orakelbild lesen, dem anstatt einer klaren Frage ein ganzer Wirrwarr von Themen, womöglich ein verschlungenes Knäuel unterschiedlicher Problematiken zugrundeliegt? Was zu einer weiteren Grundregel führt: Die ausgesprochene Frage sollte so einfach wie nur irgend möglich formuliert sein – und es gehört zur Verantwortung der deutenden Person, der fragenden diese Formulierung nicht etwa vorab in den Mund zu legen, auch wenn das bis dahin gediehene Vorbereitungsgespräch vielleicht längst dazu einlädt. Gerade die Runen antworten immer und nur auf das Anliegen, das der fragenden Person wirklich und zutiefst am Herzen liegt – befindet sich die deutende in Unkenntnis darüber, kann die Erklärung, die Deutung des Bildes, nur in Blödsinn münden (der im besten Fall harmlos sein mag, genausogut aber schädlich ausfallen kann).

Hier sind sowohl Menschenkenntnis als auch Fingerspitzengefühl gefragt – und gegebenenfalls ein gerüttelt Maß Geduld: gerade Menschen gegenüber, die solch ein Prozedere – ihr persönliches Anliegen in einem griffigen, klaren Satz, möglichst ohne Nebensätze – zusammenzufassen, nicht gewohnt sind und sich damit zunächst etwas schwer tun. Das Finden bzw. Herausarbeiten des Fragesatzes ist die halbe Miete! Und nochmal: Es ist zwingend erforderlich, dass die betreffende Person ihren Satz ausschließlich selbst formuliert. Die gute Nachricht dabei: Oft helfen die dazu erforderlichen Gedanken und Überlegungen bereits, das Anliegen so zu konturieren, dass die spätere Deutung des Orakelwurfes eine wird, mit dem die Fragerin auch etwas anfangen kann. ;-) Selbstverständlich sollte hex bei der Findung der Fragestellung behutsam helfen – aber eben nicht durch eigenmächtige Vorformulierungen, auch wenn die Zunge juckt.

Wichtig: keine Negativformulierungen zulassen! Will sagen: immer auf klarer Positivformulierung bestehen! ;-) Das Unterbewusste kennt keine Verneinung. „Was muss ich tun, damit meine Beziehung nicht misslingt“ kann nur zu einem Bild führen, das, folgt die Person dem Rat, diese Beziehung sicher gegen die Wand fährt. Lieber nachfragen, was sich die Fragende unter einer gelungenen bzw. gelingenden Beziehung vorstellt – und anregen, dies knapp und prägnant auszudrücken. Je konkreter, klarer und einfacher die Formulierung ausfällt, desto deutlicher werden Orakelbild und daraus ableitbarer Rat.

Das zyklische Zeitverständnis

Hier kommen wir zu einer runenspezifischen Besonderheit. Vergesst die gewohnte Zeitachse „Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft“! In germanischer Denke existiert die so nicht, daher können Runen, nach einer „Zukunft“ befragt, nur ziemlichen Müll absondern. Ich habe an dieser Stelle bereits vor Jahren versucht (in meinem Essay „No future – warum das Germanische keine Zukunft hat“), das (von mir so genannte) „Nornenmodell“ zu erläutern: Die Schicksalsmächte, weiblich personifiziert als (allen Gottheiten weit übergeordnete Nornen namens) Urda, Verdandi und Skuld, verkörpern ein zyklisches Zeitbild. In Kurzform: Urda ist alles, was vergangen, bereits passiert ist. Das ist unveränderlich – und kann als Boden angesehen werden, auf dem wir stehen. Dabei ist es unerheblich, ob ein Ereignis länger zurückliegt oder erst soeben geschah: Passiert ist passiert. Zugriff haben wir ausschließlich auf die Gegenwart. Die verkörpert sich in Verdandi, der „Werdenden“: was eine Art Zukunft miteinschließt – allerdings nur die unmittelbare. Jener kurze Zeitraum, der noch direkt mit der Gegenwart verbunden und von ihr nicht wirklich trennbar ist. Im Grunde das, was gerade geschieht – und uns die einzig mögliche Eingriffsmöglichkeit aufs Schicksal gestattet: dafür eine überaus umfassende. Skuld verkörpert dann nicht etwa „Schuld“ im sittenchristlichen Sinne eines irgendwie „abbüßbaren“ Vergehens oder gar einer „Strafe“. Von solch moralischer Bewertung ist das Nornenmodell – oder germanisches Denken überhaupt – so weit entfernt wie der Papst vom Menstruieren als heiliger Handlung. Die Herleitung des Nornennamens Skuld aus „(etwas) schulden“ bezieht sich vielmehr und ausschließlich auf die – in sich völlig wertfreie – „Konsequenz der Tat“. Denn die Gegenwart – das, was du darin tust, was dort passiert – verändert dann doch die Vergangenheit: dahingehend, dass ihr durch die Gegenwart etwas hinzugefügt wird, das im nächsten Moment nicht mehr verändert werden kann, weil es im Augenblick seiner Manifestation Urd bereichert – wodurch sich der Nornenkreis schließt. Urd selbst ist nicht mehr beeinflussbar, Verdandi – die Gegenwart – ermöglicht uns jede Tat, jede Eingriffsmöglichkeit: immer nur jetzt – und aus der resultiert, ausgedrückt durch Skuld, diese und jene Veränderung.

Fürs Orakeln heißt das (wie auch, genau genommen, fürs „richtige Leben“): Eine Zukunft findet nicht statt – außer in der unmittelbaren Gegenwart, in Form unserer Wünsche und Ängste oder sonstwelcher Vorstellungen, die wir darüber entwickeln. Da die Eingriffsmöglichkeit immer nur im Jetzt besteht, ist es sinnvoll, auch die Orakelfrage möglichst im Präsens zu halten. Natürlich lassen sich Entwicklungstendenzen erfragen – aber sie gehen immer vom Jetzt aus. Und so weit sie auch in eine (erhoffte oder befürchtete, immer aber nur: gedachte, nie festzumachende) „Zukunft“ zielen mögen: Das Orakelbild zeigt lediglich auf, worauf es hinauslaufen könnte, wenn die fragende Person NICHTS weiter unternimmt, sondern in ihrem bisherigen Zustand verharrt bzw. bei ihrer momentanen Haltung, Strategie oder Taktik bleibt. Insofern ist das Orakelbild vergleichbar mit einer Tankanzeige: noch soundsoviel Kilometer unter diesen Umständen so weiter, dann geht dir voraussichtlich auf halber Strecke das Benzin aus – oder der Tank ist voll genug, das Ziel zu erreichen, ohne dass du dich weiter drum kümmern musst. Niemand betrachtet eine warnende Tankanzeige als Schicksalsschlag – auch Orakel sind ggf. als Hinweise zu lesen, bestimmte Dinge zu ändern: gerade dann, wenn sie auf Gefahren verweisen.