Mit ‘Samen’ getaggte Artikel

Ragweed – oder unser Immunsystem gegen das Kraut des Schreckens

Samstag, 01. August 2015

Was sich vielleicht anhört wie der Name eines B-Movies aus dem Horrorgenre, geistert tatsächlich mehr oder weniger mit dieser Bezeichnung durch die verschiedenen Medien. Alle Jahre wieder wird vor dem Allergie auslösenden Kraut Ragweed – Ambrosia artemisiifolia oder Beifußblättrige Traubenkraut gewarnt. Es werden Informationsfolder und Flugzettel gedruckt und verteilt, es gibt Zeitungs- und Fernsehberichte von gezielt durchgeführten Rodungsaktionen und Ärzte sprechen über die verheerende Wirkung des Ragweed auf unser Immunsystem. Was ich mich in diesem Zusammenhang immer Frage ist, ob das alles nicht nur Panikmache ist. Darum habe ich jetzt diesen Artikel zum Anlass genommen, mich mal etwas genauer über das Ragweed zu informieren.

Effektive Verbreitungsstrategien …

Die ursprüngliche Heimat dieser Pflanze aus der Familie der Korbblütler ist Nordamerika und sie wird bei uns als sogenannter „invasiver Neophyt“[1] bezeichnet. Nun habe ich ja schon einmal in einem Kräuterkistl-Artikel über Neophyten berichtet (Die Heißlände als Ein- und Auswanderungsgebiet – Donau, Traisen und die Au – Teil 3 – Oktober 2012) und bin auch dort zur Erkenntnis gelangt, dass Mechanismen die vom Menschen in Gang gesetzt wurden, nur ganz schwer (wenn überhaupt) wieder rückgängig gemacht werden können. Und so scheint es mir auch hier beim Ragweed zu sein. In Österreich registrierte man die ersten Vorkommen des Beifußblättrigen Traubenkrautes bereits im späten 19. Jahrhundert und durch die fortschreitende Technisierung beziehungsweise durch die Globalisierung kam und kommt es zu einer immer größeren Ausbreitung. Natürlich trägt auch die Pflanze selbst zu ihrer Verbreitung bei und hat hier ganz tolle Mechanismen geschaffen – mit Hilfe des Menschen geht es natürlich etwas schneller und effizienter.

Beifußblättriges Traubenkraut - gefiederte Blattstände

Beifußblättriges Traubenkraut - gefiederte Blattstände

Das Traubenkraut ist eine einjährige Pflanze und auf Grund dessen hat sie sich auf eine massenhafte Produktion von Samen verlegt, um das Überleben ihrer Art auch im nächsten Jahr zu sichern. Jede Pflanze kann zwischen 3.000 und 60.000 Samen produzieren und diese Samen sind bis zu 40 Jahre keimfähig. Das heißt, selbst wenn wir es schaffen diese Pflanze durch gezielte Aktionen in Österreich an ihrer derzeitigen Ausbreitung zu hindern, müssten wir diese Strategie mindestens noch weitere 40 Jahre mit der gleichen Vehemenz und Aufmerksamkeit verfolgen. Und dabei habe ich noch nicht die neuerliche Ansiedlung des Ragweed durch verschiedene, bereits in der Vergangenheit vorgekommene, Faktoren berücksichtigt.

… der Mensch hilft fleissig mit …

Die Verbreitung des Traubenkrautes fand in Österreich und in Europa in drei Wellen statt. Die erste Welle führte zwischen Ende des 19. Jahrhunderts und den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu ersten Vorkommen. Die langsame und kontinuierliche Ausbreitung in landwirtschaftlichen Flächen gab es in Österreich vor allem im Süden und Osten zwischen den Jahren 1965 und 1980 und später dann ab 1995. Die schnellste Ausbreitung fand entlang sogenannter linearer Korridore (Autobahnen, Wasserwege wie die Donau oder entlang von Bahnstrecken und in Bahnhöfen) ab dem Jahr 2000 statt und hält stetig an. Die kontinuierliche Ausbreitung auf landwirtschaftlichen Flächen ist vor allem auf verunreinigtes Saatgut beziehungsweise auf die Übertragung durch landwirtschaftliche Geräte zurück zu führen. Vor allem auf die durch die EU geförderte Brache (nicht landwirtschaftlich genutzte Fläche, damit es bei bestimmten Feldfrüchten zu keiner Überproduktion und dadurch zu einem Verfall des Preises kommt) wurde günstiges, nicht kontrolliertes Saatgut von zum Beispiel der Luzerne ausgebracht, dass oft mit Ragweed-Samen verunreinigt war. Durch das Mähen und spätere Einackern wurden auch gleichzeitig die auch auf den anderen landwirtschaftlich genutzten Flächen verwendeten Maschinen mit den Traubenkrautsamen „kontaminiert“. Eine weitere Verbreitung findet zum Beispiel durch verunreinigtes Vogelfutter im häuslichen Bereich statt[2]. Durch die vermehrt ab 2000 stattfindenden Überschwemmungen kam es zu einer Ausbreitung entlang der Flüsse und durch den Transport landwirtschaftlicher Produkte fand das Ragweed seinen Weg in Bahnhöfe (landwirtschaftliche Produkte werden oft in der Nähe von Bahnhöfen für den Weitertransport gesammelt und gelagert) und entlang des Schienennetzes. Das Mähen und Mulchen der Raine entlang der Hauptverkehrsrouten durch die Straßenmeisterei tat ein Übriges. Auch die Kompostierung und wieder Ausbringung von Kompostiererde trug zur Verbreitung bei.

… kleine Ursache – große Wirkung …

Was macht das Ragweed für uns Menschen jetzt so gefährlich. Die männlichen Blüten produzieren bis zu 8 Milliarden Pollen und diese sind es, die bei uns heftige allergische Reaktionen auslösen. Sie haben eine drei bis fünfmal stärkere Wirkung als Gräserpollen und es genügen fünf bis zehn Pollen pro Kubikmeter Luft um eine allergische Reaktion auszulösen. Zusätzlich können diese Pollen bis zu 1000 Kilometer weit verbreitet werden. Der Mensch reagiert mit Heuschnupfen, Bindehautentzündung, Husten, Kurzatmigkeit und/oder Hautausschlag auf diese Pollen. Laut einer Untersuchung von Professor Jäger von der Uni Wien im Jahr 2006 betrugen die durch Allergien ausgelösten Gesundheitskosten allein in Österreich 88 Millionen Euro pro Jahr.

Ragweed - rötliche Innenseite des Stängels

Ragweed - rötliche Innenseite des Stängels

Nun kann ich schon (aus eigener Erfahrung) nachvollziehen, dass es kein Spaß ist, wenn man von einer Allergie betroffen ist und es eine Beeinträchtigung beziehungsweise Einschränkung der Lebensqualität mit sich bringt. Allein ich glaube nicht, dass wir mit den derzeit durchgeführten Mitteln eine Pflanze wie das Ragweed langfristig ganz aus unserem Ökosystem entfernen können. Derzeit wird in den Informationskampagnen der Fokus auf die von der Allergie verursachten Kosten und die gesundheitlichen Schäden gelegt und es werden Anleitungen und Strategien entwickelt, wie die Ausbreitung am besten verhindert werden kann:

  • bei Entdeckung im Keimstadium Entfernung der Pflanze samt Wurzel oder Kartierung von größeren Beständen um diese später vor der Blüte zu Mähen,
  • im Stadium vor der Blüte ebenfalls Ausreißen beziehungsweise mehrmals mähen,
  • kein Kauf von billigem Vogelfutter,
  • Durchsuchen des Vogelfutters nach Ragweed-Samen,
  • Beobachten von Straßenrändern, Schutthalden, Deponien und Brachflächen

Wenn diese Strategien längerfristig (auch finanziell) durchgezogen werden, dann kann es meiner Meinung nach zu einer Eindämmung des Bestandes kommen. Aber ich glaube nicht, dass es zu einer Ausrottung der Pflanze kommt.

Ambrosia artemisiifolia - typischer Standort

Ambrosia artemisiifolia - typischer Standort

… und die Moral von der Geschichte …

Eine ganz andere Frage, die sich mir im Laufe der Beschäftigung mit dem Ragweed gestellt hat war folgende: Gibt es im Ursprungsland der Pflanze auch so große Probleme mit auftretenden Allergien bzw. sich rasant ausbreitenden Beständen? Hat unser europäisches Immunsystem nichts gegen diesen Allergieauslöser im Ärmel? Warum reagieren wir überhaupt immer sensibler auf unsere Umwelt?

Über die letzte Frage wurde schon viel geschrieben und geforscht. Sei es nun die steigende Zahl der Kaiserschnitte, die uns bei der Geburt schon weniger Grundimmunisierung mitgibt oder die immer sterilere Umgebung in der wir aufwachsen – längerfristig sollten wir Menschen uns eine (Überlebens)-Strategie in dieser Hinsicht zulegen, denn wenn es nicht das Ragweed ist, dann wird eine andere Pflanze kommen und unser Immunsystem herausfordern – einfach dadurch, dass sie durch unsere aktive Mithilfe (Verbreitung) gehäufter, als natürlicherweise geplant, vorkommt.

Quelle:
Unterlagen Ausbildung zum Natur- und Landschaftsführer – LFI St. Pölten
http://ragweed.boku.ac.at/


[1] Unter invasiven Neophyten versteht man eingewanderte Pflanzen die sich zu einem Problem entwickelt haben.

[2] Durch die Verwandtschaft mit der Sonnenblume kann die das Ragweed aus den Sonnenblumenfeldern nicht chemisch entfernt werden und die Samen gelangen dadurch gemeinsam ins Vogelfutter.

Die Heißlände als Ein- und Auswanderungsgebiet – Donau, Traisen und die Au – Teil 3

Samstag, 13. Oktober 2012

Überall dort wo es noch einen einigermaßen natürlichen Flusslauf gibt, sind immer wieder mal Schotterbänke, meist an den Randzonen der Flüsse zu sehen. Diese Zonen werden in  Österreich Heißländen und in Deutschland Brennen genannt. Sie werden einerseits durch die normalen Ablagerungen des Flusses (mitgeführter Schotter z.B. aus dem Quellgebiet) und andererseits durch den angeschwemmten Schotter bei Hochwasserereignissen gebildet. Solche Aufschüttungen bestehen aus wasserdurchlässigem und normalerweise nährstoffarmen Material, wo sich eine dünne Humusschicht erst mit der Ansiedlung von verschiedenen Pflanzen bildet. Durch die Überdüngung des Bodens gelangt allerdings immer mehr nähstoffreiches Material in die Flüsse, und dieses lagert sich auch in den Heißländen ab.

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Heißlände in der Traisen

Die ersten Siedler sind trockenheitsresistente, krautige Pflanzen denen anspruchsvollere folgen. Sobald die ersten Gehölze aufkommen und mit ihren Wurzeln Anschluss an das Grundwasser finden, wächst die Heißlände zu und wird zum Vorwald.

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Heißlände mit krautigem Bewuchs

I’m sexy and i know it …

Eines der ersten Gewächse, die die mittlerweile nährstoffreichere Heißlände bevorzugt, ist das Indische oder Drüsige Springkraut – Impatiens glandulifera. Wie der Name schon nahe legt, stammt diese Pflanze ursprünglich aus dem Himalaya-Gebiet, genauer gesagt aus Kaschmir und wurde im 19. Jahrhundert gezielt als Zier- und Gartenpflanze nach England eingeführt. Mittlerweile hat sie sich zu einem nicht mehr so gern gesehenen Gast in der freien Natur entwickelt. Das Drüsige Springkraut verfügt über etliche Verbreitungsmechanismen und ist dadurch in der Lage, viele der heimischen Pflanzen, wie zum Beispiel die Brennnessel, zu verdrängen.

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Indisches bzw. Drüsiges Springkraut

Das Indische Springkraut ist zwar nur eine einjährige Pflanze, aber sie erreicht in kürzester Zeit eine Wuchshöhe von bis zu 2 Meter und kann so etliche andere Pflanzen überdecken. Weiters produziert sie pro Stunde und pro Pflanze 40 mal so viel Nektar wie eine vergleichbare heimische Pflanze – dies merken sich auch die natürlichen Bestäuber wie z.B. die Hummel, die über ein ausgezeichnetes Langzeitgedächtnis bezüglich Futterpflanzen verfügt. Durch dieses Überangebot an Nektar wirkt das Indische Springkraut auf die bestäubenden Insekten um einiges sexuell attraktiver als der Rest der Pflanzen in ihrem Umkreis. Einen weiteren Vorteil sichert ihr die Verbreitung ihrer Samen durch einen Schleudermechanismus, der schon durch einen Regentropfen ausgelöst werden kann. Die Samen können bis zu 7 Meter weit weg geschleudert werden. Die Samenproduktion einer Pflanze liegt zwischen 1600 und 4300 Samen, und diese können bis zu 5 Jahre im Boden keimfähig bleiben. Zusätzlich können abgerissene Pflanzenteile, die durch Wind oder Wasser fortgetragen werden jederzeit wieder im Boden wurzeln.

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Bestäuber bei der Arbeit

All diese Mechanismen haben dazu geführt, dass das Indische Springkraut vielerorts als Bedrohung angesehen wird. Durch eine tiefe Mahd bzw. das Ausreißen der Pflanzen vor der Samenreifung und einer anschließenden Kompostierung können die Bestände aber sehr wohl in Zaum gehalten werden. Allerdings wäre ein Rückgang der Düngung und somit eine Reduzierung des Nährstoffgehaltes in unseren Flüssen viel effektiver. Dadurch hätte die heimische Flora die Möglichkeit, sich selbst gegen solche Neophyten wie das Drüsige Springkraut durch zu setzen.

Evolution goes on …

Eine weitere krautige Pflanzengattung, die die Heißländen, aber auch die normalen Uferzonen bzw. auch Bahndämme bevorzugt, ist die Goldrute – Solidago. In Europa war ursprünglich nur die Echte Goldrute beheimatet, aber der Bestand wurde durch die aus Amerika eingewanderte Riesen Goldrute – Solidago gigantea bzw. die Kanadische Goldrute – Solidago canadensis erweitert. Wie das Indische Springkraut zählt auch die Kanadische bzw. die Riesen Goldrute zu den invasiven[1] Neophyten, da sie andere Pflanzen, die eine enge Standortwahl haben und die damit verbundene Fauna verdrängen. Andererseits dient sie auch den Insekten, die sich an das veränderte Angebot angepasst haben als Nahrungsquelle. Solche Pflanzen beschleunigen zwar den Artenwandel in einem ökologischen System, auf der anderen Seite haben sie aber erst durch schon vorhandene Störungen (wie das aktive Eingreifen des Menschen) und Landschaftsschäden überhaupt die Möglichkeit bekommen, sich in diesem Maße auszubreiten.

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Goldrute

Generell werden die Pflanzen der Gattung Goldrute als harntreibende Mittel eingesetzt, weil sie die Wasserausscheidung im Körper fördern. Die Kanadische Goldrute wird auch als Färberpflanze verwendet.

Eine Pflanze wandert aus …

Auch der Gewöhnliche Blutweiderich – Lythrum salicaria ist auf der Heißlände beheimatet. Er wurde als Heil- und Gartenpflanze im 19. Jahrhundert von Europa nach Amerika eingeführt und gilt dort mittlerweile als lästiges Unkraut – obwohl nicht festgestellt werden konnte, dass er (wie bei andere Neophyten üblich) heimische Arten aus ihrem ökologischen System verdrängt.

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Gewöhnlicher Blutweiderich

Durch den hohen Gerbstoffgehalt besitzt die Pflanze blutstillende, harntreibende und bakterizide Eigenschaften, die quer durch die Jahrhunderte von der Volksmedizin genutzt wurden. Als Heilmittel wurde der Blutweiderich bei Ekzemen, Durchfall, Blutspeien, Ruhr und auch bei Choleraepidemien eingesetzt. Früher wurden Teile der Pflanze auch in Notzeiten dem Speiseplan hinzugefügt. Untersuchungen der Landbevölkerung im mediterranen Raum haben gezeigt, dass der Blutweiderich auch gegen Diabetes (Typ 2) schützt. Der Blutweiderichsaft wurde auch zum Gerben von Leder und zum Imprägnieren von Holz und Seilen gegen das Faulen im Wasser verwendet.

Und die Moral von der Geschicht …

Wie ihr hier in diesem Artikel sehen könnt, hat der Mensch wieder einmal einen großen Part in der Evolution übernommen. Einerseits durch das aktive Einführen von ursprünglich nicht heimischen Pflanzenarten und durch die Veränderung des Nährstoffgehaltes im Boden (Stichwort Düngung). Andererseits durch den Rückbau von Flüssen, was zur Wiedergewinnung von Landschaftsräumen für spezielle Pflanzen und Tieren führt. Vieles spielt bei der ökologischen Entwicklung zusammen – einige Auswirkungen kann man in einem ziemlich kurzen Zeitraum beobachten, und andere zeigen sich erst in etlichen Generationen. Meiner Meinung nach lässt sich dieses System nicht mehr in seinen ursprünglichen Zustand zurück versetzen – die „gute, alte Zeit“ ist vorbei!

Die von uns ausgelösten Veränderungen können meiner Meinung nach vielleicht etwas verlangsamt werden. Aber wir haben jetzt die Chance, aus der Vergangenheit zu lernen und uns durch die Beobachtungen der letzten Jahrzehnte und Jahrhunderte bewusst machen, welche Kettenreaktionen wir auslösen, wenn wir in bestehende Systeme eingreifen. Manchmal wird es sich wahrscheinlich nicht verhindern lassen, aber manchmal ist vielleicht ein Innehalten und „Nicht-Tun“ sinnvoller.

Im nächsten Artikel möchte ich euch noch ein paar Pflanzen der Heißlände, wie zum Beispiel die Rossminze und das Seifenkraut, und der Uferzonen, wie zum Beispiel den Sumpfhornklee und die Kohldistel vorstellen.

Quellen:
Kursunterlagen Natur- und Landschaftsführer, LFI St. Pölten
www.wikipedia.at


[1] Unter invasiven Neophyten versteht man eingewanderte Pflanzen die sich zu einem Problem entwickelt haben.

Der Moment (42)

Sonntag, 26. September 2010

mabon10

Eine gute Ernte wünschen wir Euch allen!