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Die acht neuheidnischen Jahreskreisfeste im Spiegel der Kulturen – Teil XXVIII, geschrieben von Mc Claudia

Samstag, 27. Dezember 2014

Walpurgisnacht, Maifest und Beltaine:

Für den inselkeltischen und britischen Raum kann man sicher annehmen, dass das heidnische Beltaine-Fest heutige Maifeste beeinflusst hat. Aber auch germanische (angelsächsische, wikingische, normannische) und spätere christliche oder auch säkulare (Tag der Arbeit) Einflüsse sind anzunehmen. Beltaine hatte für den Rest Europas keine Bedeutung.

Dass wir am 1. Mai überhaupt einen Feiertag haben, verdanken wir erst einmal der US-Arbeiterbewegung aus dem Jahre 1886. Am 1. Mai dieses Jahres streikten nämlich die Arbeiter/innen in Chicago für gerechtere Arbeitszeiten (Haymarket Riot). Der 1. Mai wurde auf diese Weise zum internationalen Kampftag der Arbeiterklasse und im Laufe der Zeit in den verschiedensten Staaten der Welt zu einem gesetzlichen Feiertag – auch in Österreich und Deutschland (im Jahre 1919).

Aber es gab auch schon vor dem „Tag der Arbeit“ (der Tag davor ist seit Kurzem zum „Tag der Arbeitslosen“ avanciert) zahlreiche Feierlichkeiten und Bräuche zum 1. Mai. Liebe, Frühlingsgefühle und die Fruchtbarkeit der Natur werden mit allerlei „heidnischen“ Bräuchen gefeiert. Dazu gehört das Aufstellen des Maibaums, der Bändertanz darum, das Erklettern desselben, das Stehlen (und Verhindern von Diebstahl) des Baums, die Wahl einer Maikönigin oder eines Maikönigspaares, diverse Liebes- und Anbandelbräuche, spezielle Getränke (Maibowle, Maibock), Schützenumzüge, Wallfahrten, Fahrzeugsegnungen etc. Kirchlich gesehen ist der Mai der Maria gewidmet und traditionell gibt es in diesem Monat viele Marienandachten.

Die erste Erwähnung eines Maibaums gibt es aus dem Jahre 1225 aus Aachen, wo die Bürger/innen einen Maibaum aufstellten und darum tanzten. Der Pfarrer sei darüber aber nicht erfreut gewesen und hätte den Maibaum mit einer Axt gefällt (und sich dabei sogar verletzt). Der Vogt aber hielt nichts von der Prüderie des Pfarrers und ließ einen noch größeren Maibaum aufstellen. Diese Erwähnung soll vom Zisterziensermönch Caesarius von Heisterbach stammen, der auch auf vorchristliche germanische Bräuche des Tanzes um ein Götzenbild, einen Hammel und einen Maibaum hinweist. Wenn der Mönch Recht hat, so haben wir hier einen Hinweis darauf, dass der Maibaum eine germanische Erfindung ist. (Allerdings bleibt offen, an welchem Datum genau die vorchristlichen Germanen im deutschen Gebiet den Maibaum aufstellten, da man ja auch hier von einem nicht-julianischen Kalender ausgehen muss.) So abwegig scheint es jedenfalls nicht, denn viele germanisch besiedelten Gebiete kennen diesen Brauch. Sogar in Irland, wo in vor-wikingischer Zeit keine Rede von Maibäumen ist, gibt es diesen Brauch in der heutigen Zeit. Das einzige germanische Maifest, das ich ausmachen konnte, ist das Sigrblot in Skandinavien. Aber auf dieses wird nicht näher eingegangen. Ob also das norwegische Sigrblot mit einem Maibaum gefeiert wurde, bleibt Spekulation. Noch komplizierter wird die Sache, wenn man bedenkt, dass der „Maibaum“ in Schweden ein Sonnwendbaum ist und Majstången (das „Maj“ heißt hier „Blumenschmuck“) heißt. Einen Maibaum am 1. Mai gibt es in Schweden meines Wissens aber nicht.

Einen weiteren wichtigen Einfluss auf das Maifest hat die katholische Heilige Walpurgis oder Walburga aus dem 8. Jhdt., deren heiliger Tag der 1. Mai ist. In der Walpurgisnacht, also in der Nacht von 30. April auf den 1. Mai, sollen laut Volksglauben die Hexen umgehen, auf den Brocken im Harzgebirge (und auf andere Berge) fliegen und dort ihren Hexensabbat feiern. Dieser Glaube dürfte seinen Ursprung im 15./16. Jhdt. haben, also mit Beginn der europäischen Hexenverfolgungen. Diese könnten auch für den Brauch verantwortlich sein, in der Walpurgisnacht symbolische Hexenverbrennungen durchzuführen, wobei eine Puppe verbrannt wird. Es kann sich aber auch um das symbolische Austreiben böser Geister handeln, um so Platz für den Wonnemonat Mai zu machen. Ob das römische Floralia-Fest ebenfalls Einfluss auf unser heutiges Maifest hat, entzieht sich meiner Kenntnis.

Johannistag und Litha:

Die Sonnwendfeuer und -feiern heutzutage finden für gewöhnlich nicht am 21. Juni statt sondern drei Tage später, am 24. Juni. Dies ist der Tag, der Johannes dem Täufer geweiht ist. Der Grund hierfür liegt im Evangelium. In Lukas 1,26 wird berichtet, dass Johannes sechs Monate vor Jesus geboren wurde. Nachdem man also Christi Geburt auf den 25. Dezember festgelegt hatte, rechnete man ein halbes Jahr nach vorn und hatte den Geburtstag von Johannes. Die Feststellung im Johannesevangelium (3,30), dass Johannes der Täufer abnehmen müsse, Jesus aber wachsen, wird mit Weihnachten und dem Johannestag an den Sonnenwenden wunderbar im Kirchenjahr symbolisiert. Laut Wikipedia ist das erste Johannisfeuer im 12. Jhdt. belegt.

Soviel zum christlichen Ursprung. Einen Hinweis auf christliche Festübernahme einer Sonnwendfeier fand ich beim hl. Eligius aus dem 7. Jhdt. Während seiner Missionsarbeit im germanisch besiedelten Flandern soll er laut einer Vita gegen die dortigen heidnischen Bräuche gewettert haben: „Kein Christ feiert die Sonnenwende mit Tänzen oder Sprüngen oder teuflischen Gesängen am Fest des hl. Johannes oder am Festtag eines anderen Heiligen.“ Dieser Hinweis, die heutige Beliebtheit von Sonnwendbräuchen in ehemals germanisch besiedelten Gebieten, vielleicht das schwedische Midsommar sowie das Althing in Island machen es wahrscheinlich, dass die Sommersonnenwende von vorchristlichen Germanen gefeiert wurde. Der neuheidnische Begriff Litha ist allerdings kein Hinweis auf Sonnwendfeiern, da er nur die angelsächsischen Sommermonate bezeichnete aber keine Feier dazu angegeben ist.

Auch die Feiern der Sommersonnenwende bei Slawen und Balten, die dort eine große Wichtigkeit haben, können heutiges Brauchtum beeinflusst haben. Vor allem für Österreich ist fraglich, welcher heidnische Einfluss für die Johannisfeiern in Frage kommt: Möglich wären sowohl germanische als auch slawische Einflüsse.

Petri Kettenfeier, Mariae Himmelfahrt und Lugnasad:

Das altirische Lugnasad-Fest hat im heutigen Festkalender der britischen Inseln seine Spuren hinterlassen. Im keltischen Gürtel gibt es Ende Juli/Anfang August zahlreiche Feste und Bräuche, die Rückschlüsse auf das heidnische Lugnasadfest zulassen (Puck Fair, Garland Sunday, Pardon of Ste Anne, St. Margaret’s Fair, Morvah Feast, …), und in Großbritannien ist an diesem Datum das Lammas-Fest (Brotlaibmesse) angesiedelt. (Siehe auch das Kapitel über die Kelten.)

Das christliche Fest, das auf den 1. August fällt, nennt sich Petri Kettenfeier (auch St. Peter in Ketten oder St. Peter ad Vincula). Es geht darum, dass der hl. Petrus durch Herodes Agrippa I. in Jerusalem festgenommen und in Ketten gelegt wurde. (Laut Mythos wurde er aber von einem Engel befreit.) Diese Ketten wurden auf wundersame Weise gefunden und kann man heute in der Kirche San Pietro in Vincoli in Rom besichtigen. Diese Kirche wurde am 1. August im 5. Jhdt. geweiht, daher auch das Festdatum. (Ob man dabei Anleihen beim heidnisch-römischen Fest der Spes (Hoffnung) und Victoria (Sieg) genommen hat, das am 1. August gefeiert wurde, ist bedenkenswert.) In Österreich hat dieses Fest keine Bedeutung, und 1960 wurde es (aus welchen Gründen immer) aus dem katholischen Kalender gestrichen.

Im August selbst gibt es außerdem zahlreiche Marienfeiertage, wobei der bekannteste Mariae Himmelfahrt am 15. August ist. Vom 15. August bis 12. September (Mariae Namen) wird auch manchmal der „Frauendreißiger“ begangen, eine Zeit des Kräutersammelns und der beginnenden Erntedankfeste. Laut Mythos ist Maria am 15. August in den Himmel aufgefahren und zur Himmelskönigin gekrönt worden. Das Fest am 15. August ist ca. ab dem 6. Jhdt. (auch für Gallien (Frankreich)) erwiesen, wobei die östlichen Kirchen am selben Datum feierten wie die katholische Kirche. Festgeschrieben hat dieses Fest Bischof Kyrill von Alexandria im 5. Jhdt. auf Basis verschiedener Hinweise in der Apokalypse und auch in apokryphen Schriften. In Wikipedia fand ich den Hinweis, dass der 15. August ein heidnisches Fest zu Ehren der Astraea (Sternengöttin) gewesen sein soll, die an diesem Datum in den Himmel (im Sternbild Jungfrau) versetzt worden sein soll. Ich habe dazu aber keine anderen Quellen gefunden.

Die frühe Etablierung der christlichen Feste Petri Kettenfeier und Mariae Himmelfahrt macht einen Zusammenhang mit dem Lugnasad-Fest unwahrscheinlich. Es handelt sich hier eher um zwei verschiedene Festtraditionen, wobei die christlichen Versionen des Lugnasad/Lammas-Festes auf die britischen Inseln beschränkt blieben. Konkrete heidnische Vorgänger für Petri Kettenfeier und Mariae Himmelfahrt konnte ich nicht ausmachen. (Das litauische Žolines-Fest am 15. August scheint mir eher eine neuheidnische Adaption des christlichen Festes zu sein.)

Mauritius, Erntedank und Mabon:

Mabon ist als Fest ja eine neuheidnische Erfindung, wie wir im Kapitel über die Festtagsnamen des achtfachen Jahres gesehen haben. Bei den Germanen ist genau an diesem Datum kein Fest überliefert, bei den Römern gibt es nur ein unbedeutendes Fest zu Ehren verschiedener Gottheiten, und das litauische Dagotuvés-Fest, das mit 21. September wiedergegeben wird, ist datumsmäßig auch nicht so gesichert (da es ja auch ein Monddatum sein könnte). Auch im katholischen Jahreskreis hat der Herbstbeginn keine besondere Bedeutung. (Natürlich gibt es auch am 22. und 23. September eine Menge Namenstage, aber keiner davon hat jetzt herausragende, pankatholische Bedeutung.) Von allen vier Sonnendaten ist also der Herbstbeginn das unwichtigste Datum.

Der bedeutendste Heilige, der am 22. September seinen Festtag hat (an dem er laut Legende starb), ist der heilige Mauritius aus Ägypten. Er war im Jahre 290 n. Chr. Anführer der thebäischen Legion unter der Herrschaft von Kaiser Maximian. Seine Legion erhielt den Befehl, über die Alpen zu ziehen und Christen zu verfolgen. Bei Agaunum (heute St. Maurice in Wallis/Schweiz) meuterten Mauritius und die christlichen Soldaten, da sie sich weigerten, den Befehl auszuführen. Daraufhin ließ Maximian mehrmals die Legion dezimieren und die Flüchtenden ebenfalls hinrichten. Mauritius und andere christliche Legionäre fielen der Dezimierung zum Opfer und wurden so zu Märtyrern. Ein Hinweis, dass der hl. Mauritius etwas mit dem Herbst und der Ernte zu tun haben könnte, liegt vielleicht in seiner Darstellung als dunkelhäutiger Afrikaner (analog zum Beginn der dunklen Jahreszeit – das bitte nicht rassistisch zu verstehen!) und darin, dass er unter anderem Schutzpatron des Weinbaus ist. Für Österreich hat die Verehrung des Mauritius keine Bedeutung.

Wenn man das Datum des Herbstäquinoktiums weitgehend außer Acht lässt, eröffnen sich natürlich eine Fülle von Erntedankfesten, die je nach Art des Ernteguts und der Örtlichkeit von August bis in den Oktober angesetzt sind. Auch in Österreich gibt es verschiedene Daten für das Erntedankfest, oft begleitet von Kirtagen und Jahrmärkten (siehe Anhang). Erntedankfeste aller Art finden wir natürlich auch bei den heidnischen Vorfahr/innen: Bei den Germanen das Fest der Tamfana und der angelsächsische Halig-Monath, bei den Slawen das Erntefest zu Ehren des Svantevit und in Litauen das Dagotuvés-Fest. Auch die großen Eleusinischen Mysterien aus Griechenland gehören dazu. Die Erntefeste der Römer sind im August angesiedelt, im alten Irland feierte man die Ernte zu Lugnasad und Erntedank zu Samain. Auch die nordischen Germanen dürften ihr Erntedankfest mit dem Winterbeginn (Ende Oktober) angesetzt haben.

Welches heidnische Erntedankfest für das heutige, christliche Erntedankfest Pate gestanden ist, und ob es überhaupt ein bestimmtes Fest war, konnte ich nicht herausfinden. Laut Kath.net und Wikipedia sind christliche Erntedankfeste seit dem 3. Jhdt. n. Chr. erwiesen. Natürlich kann auch das jüdische Erntedankfest Sukkot („Laubhüttenfest“ im Sept./Okt.) als Inspiration für die christlichen Erntedankfeiern gedient haben.

Allerheiligen, Allerseelen und Samain:

Die Wichtigkeit des Samain-Festes im alten Irland und das daraus entstandene Halloween-Fest wurden bereits im Kapitel über die Kelten behandelt. Das heutige Halloween und das heutige inselkeltische Samhain haben eindeutige Wurzeln im altirischen Neujahrsfest Samain. Wenn man aber von der weltweiten Halloween-Verbreitung in den letzten 15 Jahren absieht, ist dieses Fest nur für den inselkeltisch beeinflussten Raum, also die britischen Inseln (und später die USA) belegt.

Woher kommen aber die wichtigen katholischen Feiertage Allerheiligen und Allerseelen? Fakt ist, dass die Totensymbolik von Allerseelen in das heutige Halloween-Fest Einzug gehalten hat. (Das altirische Samain-Fest war in erster Linie eine große Volksversammlung mit Erntedankcharakter und von politischer Wichtigkeit. Von bösen Geistern und Totengedenken ist da kaum die Rede.)

Das Allerheiligenfest nimmt seinen Beginn in einem Problem, das für gewöhnlich nur wir Polytheist/innen haben: Bei einer Unzahl von Gottheiten (bzw. Heiligen) wird es irgendwann einmal unmöglich, allen gleichermaßen gebührend Respekt zu erweisen. In Rom hat man deswegen in heidnischer Zeit den noch heute erhaltenen Tempel für alle Gottheiten errichtet – das berühmte Pantheon (mit der weltweit größten Steinkuppel).

Die Ostkirchen haben auf dieses Problem als erstes reagiert und am Beginn des 4. Jhdts. ein Allerheiligenfest eingerichtet, und zwar am ersten Sonntag nach Pfingsten. Anfang des 7. Jhdts. hat die katholische Kirche nachgezogen, und Papst Bonifatius IV. machte aus dem heidnischen Pantheon eine christliche Kirche für „Maria und alle Märtyrer“. Dazu ordnete er ein Jahresfest für Freitag nach Ostern an. Papst Gregor III. verlegte das Fest hundert Jahre später, im 8. Jhdt., auf den 1. November, wobei er eine Kapelle in der Peterskirche allen Heiligen weihte. Im 9. Jhdt. war dieses Fest dann in der katholischen Kirche etabliert. Einen spezifisch christlichen Grund für das Datum konnte ich nicht finden. Zwar hätte es einige heidnische Vorbilder für das Festdatum gegeben, einerseits von christianisierten Kulturen, wie die der Römer (Ahnenfest Mania), der Inselkelten (Jahresbeginn Samain) und der meisten Germanen (Blot-Monath bei den Angelsachsen) andererseits von den noch heidnischen Kulturen, wie die der Wikinger (Dísablót, Álfablót), der Slawen (Mokosh-Fest) und der Balten (Velinës-Ahnenfest). Aber ich fand keinen Hinweis darauf, dass eines dieser Feste als Inspiration für Gregor III. gedient haben könnte. Es bleibt daher offen, ob das Allerheiligenfest heidnischen Ursprungs ist.

Dasselbe gilt für das Allerseelenfest am 2. November, das im Jahre 998 von Abt Odilo von Cluny für die dortigen Klöster festlegt wurde. Es dauerte nicht lange, und der Allerseelentag wurde in der ganzen katholischen Kirche gefeiert. Der Sinn des Allerseelenfestes liegt in der Vorstellung des Fegefeuers. Dort sollen nach katholischem Mythos die Seelen der Verstorbenen bis zum Tag des Jüngsten Gerichts verharren und geläutert werden. Hilfe erhalten sie von den lebenden Angehörigen und ihren Gebeten.
Ende Teil XXVIII

Die acht neuheidnischen Jahreskreisfeste im Spiegel der Kulturen von Mc Claudia – Teil XV

Samstag, 21. Juli 2012

Kelten und Celtic Recon

Kelten

Da uns die Neodruiden kaum etwas über die Kelten verraten, müssen wir leider in die historische Tiefe gehen. Erst einmal zur Quellenlage. Diese ist, was keltisch-heidnische Religion betrifft, nicht gerade günstig – um es vorsichtig auszudrücken. Weniger vorsichtig ausgedrückt: Wenn man sich das ganze Gebiet heidnisch-keltischer Religion als ein fertiges Puzzle-Bild vorstellt, haben wir von einem 1000-Teile-Puzzle vielleicht 100 Stück, die unregelmäßig auf der Bildfläche verteilt sind. Man kann also so eine Art „roten Faden“ erkennen, Zusammenhänge und Ähnlichkeiten und vielleicht errät man sogar das ganze Bild im Groben. Aber faktisch weiß man nicht, welche Teile die großen leeren Flächen füllen.

Um diese bescheidene Quellenlage besser verstehen zu können, hier erst einmal ein kurzer Abriss über die keltische Geschichte: Die Kelten – eine vielfältige Kultur mit gemeinsamem Sprachzweig (nämlich Keltisch – nona) – breiteten sich in der Antike seit ca. 700 v. Chr. über weite Teile Europas aus. Die antike keltische Zivilisation (Festlandkelten), die wegen ihrer großen Verbreitung und ihrer Aufsplitterung in verschiedene Stämme, Völker und Königreiche das Gegenteil von einheitlich war, ist archäologisch vor allem durch die La Tène-Kultur (teilweise auch durch die Hallstattkultur) fassbar. Dabei handelt es sich um eisenzeitliche Epochen. Mit der Unterwerfung unter das römische Reich um die Zeitenwende entwickelte sich eine reiche gallo-römische Mischkultur, welche ab ca. 500 n. Chr. durch Germanisierung, Völkerwanderung und Christianisierung verschwand bzw. assimiliert wurde. Die einzigen Gebiete, die seitdem noch keltisch besiedelt sind, beschränken sich auf Irland, Schottland, die Insel Man, Cornwall, Wales und die Bretagne. Die mittelalterliche bis neuzeitliche Kultur dieser Gebiete wird „inselkeltisch“ genannt, die Gebiete selbst als „keltischer Gürtel“. Das heidnische Keltentum fand ab ca. 400 n. Chr. nach und nach sein Ende, da die keltischen Gebiete (auch jene, die von den Römern unberührt blieben, wie Irland) zu den ersten gehörten, die christianisiert wurden.

Wir haben also drei historische Großgruppen: Die eisenzeitlichen Kelten, die durch archäologische Funde, griechische und römische Geschichtsschreiber und einer Handvoll keltischer Inschriften belegt sind. Die gallorömische Kultur, die trotz (und auch wegen) der Romanisierung die meisten keltischen Inschriften hinterlassen hat – auch hier haben wir zusätzlich archäologische Funde und schriftliche Aufzeichnungen römischer und griechischer Autoren. Und dann die Inselkelten, die selbst viel aufgeschrieben haben aber dummerweise schon christlich waren, als sie die Geschichten über ihre heidnischen Vorfahren zu Pergament brachten. Hier interessieren vor allem die mittelalterlichen irischen Handschriften, da sie die frühesten und umfassendsten inselkeltischen Aufzeichnungen darstellen (sprachlich teilweise bis ins 7. Jhdt. n. Chr. datierbar).

Für die Jahreskreisfeste stütze ich mich vor allem auf das Buch „Die hohen Feste der Kelten“ von Le Roux u. Guyonvarc’h, in dem alle historischen Hinweise zu diesem Thema herausgearbeitet sind. Ich kann dieses Buch für Keltenfans nur wärmstens empfehlen, da es zu diesem Thema auf Deutsch nichts Besseres gibt. Die Quellen zum Jahresfestkreis sind nämlich in allen möglichen mittelalterlichen Handschriften verstreut, die in dem genannten Werk zusammengetragen wurden.

Die ältesten Aufzeichnungen über den altirischen Jahresfestkreis finden wir bei Geoffrey Keating, einem irischen Gelehrten aus dem 17. Jhdt., in seinem Werk „History of Ireland“, der aus verschiedenen mittelalterlichen Handschriften, die zum Großteil heute verschollen sind, schöpfte. Dort wird beschrieben, wie der mythische Hochkönig Tuathal Techtmar, der im 1. Jhdt. n. Chr. gelebt haben soll, die kultische Zentralprovinz Meath (Midhe) gründete. Dafür teilte er die Provinz in vier Teile, wobei jeder Teil einer der anderen Provinzen zugeordnet wurde, und in jedem dieser Teile war ein Königssitz für den jeweiligen Provinzkönig. Und an jedem der vier Königssitze wurde eine Festversammlung im Jahr abgehalten:

Der König von Munster war am Königssitz von Tlachtga. Dort sollte jährlich am 1. November die Samain-Nacht gefeiert werden. Die Druiden kamen zusammen, um allen Gottheiten in einem Feuer Opfer darzubringen. Alle Feuer in den Häusern mussten gelöscht werden (wer es nicht tat, bekam eine Geldstrafe aufgebürdet), und vom Opferfeuer musste man sich dann neues Feuer holen.

Der König von Connaught saß in Uisneach. Die Versammlung dort fand an Beltaine am 1. Mai statt. Man opferte dem meistverehrten Gott Bel und hielt Markt ab, wo Güter getauscht wurden. Überall wurden zwei Feuer angezündet, um zwischen den Feuern ein krankes Tier jeder Gattung hindurchzuführen, was alles Vieh in Irland vor Krankheiten schützen sollte. Jeder Anführer, der zur Versammlung kam, musste Pferd und Ausrüstung als Steuer dem König überlassen.

Der König von Ulster weilte in Tailtiu (Teltown). Hier fand zu Lugnasad am 1. August ein Jahrmarkt statt. Ehen und Freundschaften wurden geschlossen, wobei die Eltern die Verträge für ihre Töchter und Söhne besiegelten, während sich diese nach Geschlechtern getrennt am Fest aufhalten mussten. Der Gott Lughaid Lamhfhada stiftete das Lugnasad-Fest für seine Ziehmutter Tailtiu, da sie gestorben war und in Teltown bestattet wurde. Ihr zu Ehren war das Fest. Jedes Paar, das hier vermählt wurde, musste dem König Steuern zahlen.

Der König von Leinster weilte in Tara. Alle drei Jahre fand hier am 1. November das Fest von Tara statt, wobei, wie zu Samain, allen Gottheiten geopfert wurde. Das königliche Fest wurde offiziell angekündigt. Es wurden Gesetze und Bräuche beschlossen, die Annalen und Altertümer Irlands verabschiedet. Alle Beschlüsse wurden von den obersten Geistlichen in das Buch der Könige verzeichnet. Jeder Brauch, der mit diesem Buch nicht übereinstimmte, wurde nicht als echt angesehen.

Soweit zum Gründungsmythos von Midhe. (Weitere historische Hinweise auf die Feste im Alten Irland sind im Anhang zu finden.) Auffällig ist, dass der 1. November mit zwei Festen belegt ist (Samain und das Fest von Tara – wobei beide im Sinn ähnlich sind) während Imbolc am 1. Februar fehlt. Das hängt wahrscheinlich damit zusammen, dass letzteres eher ein Familienfest gewesen sein dürfte und keine königliche Volksversammlung. Nichtsdestotrotz sind Samain, Imbolc, Beltaine und Lugnasad als markante Feste und Jahreszeitenbeginne in den mittelalterlichen irischen Schriften oft erwähnt. Man kann also flapsig sagen, dass die Hälfte der Feste des achtfachen Jahres von den Kelten beigesteuert wurde. Während aber für die drei Versammlungen Samain, Beltaine und Lugnasad zumindest einige Hinweise über Sinn und Ablauf der Feste zu finden sind, ist nichts dergleichen über Imbolc bekannt. Mehr als dass es sich wahrscheinlich um ein Fest der rituellen Reinigung zum Frühlingsbeginn, wo die Mutterschafe Lämmer bekommen und Milch geben, mit anschließendem Festmahl gehandelt hat, ist nicht bekannt. (Ein anderer Name für Imbolc, das mit „umfassender Reinigung“ übersetzt werden kann, ist „Oimelc“, was „Schafsmilch“ bedeutet.)  Fraglich ist damit auch, ob die heilige Brigit, die in christlicher Zeit am 1. Februar so einen großen Festtag hat, auch in heidnischer Zeit als diesbezügliche Festtagsgöttin so wichtig war. Denkbar ist es, da auch die Mythen um die Göttin und die Heilige Ähnlichkeiten aufweisen. Aber es gibt keinen literarischen Hinweis darauf.

Die vier Hochfeste des Alten Irland werden im keltischen Gürtel – und einige darüber hinaus – noch heute in christianisierter und/oder säkularer Form gefeiert. Samain hat sich zu Halloween entwickelt, wobei die Bräuche des neuzeitlichen Samhain mit denen des anglisierten Halloween identisch sind. Das Totengedenken zu Allerseelen hat ebenfalls auf das Samhain-/Halloween-Fest abgefärbt. Imbolc wurde zum Fest der hl. Brighid, das im goidelischen Raum (Irland, Schottland, Insel Man) gefeiert wird und um die Heilige zahlreiche Familienbräuche ausgebildet hat. Beltaine entwickelte sich zum Maifest, welches ähnliche Bräuche aufweist wie hierzulande. Und Lugnasad hat heutzutage mehrere Feste im keltischen Gürtel um den 1. August, das bekannteste ist vielleicht der Garland Sunday, der letzte Sonntag im Juli, wo unter anderem die Wallfahrt auf den Berg Croagh Patrick stattfindet. Die altirischen und neuzeitlichen Feste weisen teils Unterschiede auf (siehe Anhang).

Wie schon angemerkt, markieren die vier Feste auch den Beginn der Jahreszeiten. Samain ist der Beginn des Jahres überhaupt und auch der Beginn des Winters (die Bedeutung des Namens ist „Sommerende“), Imbolc ist der Frühlingsbeginn, Beltaine (Feuer des Bel) der Sommerbeginn und Lugnasad (Versammlung des Lug) der Herbstbeginn. Da zu Samain und zu Beltaine im alten Irland jeweils Notfeuerbräuche stattfanden (alle Herdfeuer mussten ausgemacht werden, und die Druiden (zu Samain) bzw. der König (zu Beltaine) entzündeten das neue Feuer für das Volk), markieren diese beiden Feste die Zeitpunkte zwischen den Jahreshälften: von Samain bis Beltaine ist die dunkle Zeit und von Beltaine bis Samain die helle Zeit.

Man mag sich nun wundern, warum die alten Iren so ausgefallene Jahreszeitenbeginne hatten. Von Sonnenwenden und Tagundnachtgleichen ist in den Handschriften jedenfalls nirgends die Rede. Die Antwort ist meines Erachtens vielleicht, dass es einen religiösen Grund hatte, denn auch wenn es in Irland durch den Golfstrom im Winter wärmer ist als in Kontinentaleuropa, ist das nicht unbedingt ein Grund, den Sonnenlauf zu ignorieren. Vielleicht kamen die vier Feste auch aus Spanien mit keltiberischen Einwanderern nach Irland, also aus einem mediterranen Klima. Sicher werden wir es wohl nie wissen.

Drei der vier Feste sind noch heute irische Monatsnamen: Bealtaine heißt der Mai, Lúnasa der August und Samhain der November. Die Namen für Juni (Meitheamh – Mitte des Sommers), September (Meán Fómhair – Mitte der Ernte) und Oktober (Deireadh Fómhair – Ende der Ernte) könnten darauf hinweisen, dass die Jahresaufteilung in den alten inselkeltischen Gebieten in 4 x 3 Monate geschah, wobei die vier Viertel vielleicht in „Anfang“, „Mitte“ und „Ende“ einer Jahreszeit aufgeteilt waren. (Ähnliche Monatsbezeichnungen gibt es auch in den anderen inselkeltischen Sprachen.) Wie auch immer – es gibt bei den Inselkelten keinen Hinweis auf einen vorchristlichen Mond- oder Sonnemondkalender. Ich nehme daher an, dass schon in heidnischer Zeit ein Sonnenkalender eingeführt wurde. Altirische Monatsnamen, geschweige denn heidnisch-inselkeltische Kalender, konnte ich bei meiner Recherche leider nicht finden. Im Gegenteil: Die irischen Kirchenväter verwendeten schon im frühen Mittelalter die lateinischen Monatsnamen.

Natürlich gab es auch bei den anderen Inselkelten Jahreskreisfeste. Die mittelalterlichen Schriften in diesen Gebieten geben aber meines Wissens zu diesem Thema kaum etwas her.

Die acht neuheidnischen Jahreskreisfeste im Spiegel der Kulturen von Mc Claudia – Teil VIII

Samstag, 09. Juli 2011

Herkunft und Bedeutung der Festtagsnamen

Gleich vorweg: Die Schreibweise, vor allem der mittelalterlichen Namensbezeichnungen der Festtage der Iren, Waliser, Angelsachsen, Wikinger etc. kann variieren. Da es damals keine einheitliche Rechtschreibung gab und es auch einen Unterschied macht, ob man das Fest in einer älteren oder neueren Schreibweise buchstabiert, gibt es oft mehrere Versionen, einen Namen zu schreiben, z. B. Samain (Altirisch), Samhain (modernes Irisch). Das soll aber weiter nicht stören.

Die üblichen neuheidnischen Namen der acht Jahreskreisfeste haben ihre Wurzeln vor allem im Wicca, wobei sich die Wiccas wiederum an traditionellen irischen, angelsächsischen, nordischen und britischen Festnamen orientieren (und im deutschsprachigen Raum auch an entsprechenden hiesigen, traditionellen Bezeichnungen). Manchmal sind die Festnamen auch Neuerfindungen.

Ich beginne mit den einfachen Bezeichnungen der Sonnenwenden und Tagundnachtgleichen: Wintersonnenwende (engl.: Winter Solstice), Frühlingstagundnachtgleiche/Frühlingsäquinoktium (engl.: Spring Equinox, Vernal Equinox), Sommersonnenwende (engl.: Summer Solstice) und Herbsttagundnachtgleiche/Herbstäquinoktium (engl.: Autumnal Equinox, Fall Equinox) sind einfach im Alltag übliche Bezeichnungen für die Tagundnachtgleichen und die Sonnenwenden.

Eindeutig christlicher Herkunft sind die Bezeichnungen: (Mariae) Lichtmess (engl.: Candlemas – „Kerzenmesse“), Brighid (Brighid bzw. Brigitte ist eine christliche Heilige), Lady Day – „Frauentag“ (Mariae Verkündigung), Walpurgisnacht (Walburga ist eine christliche Heilige), Lammas/Loaf Mass – „Brotlaibmesse“ und Halloween/Hallowmas – „(Abend vor) Allerheiligen“. (Näheres dazu im Kapitel über das Christentum.)

Die Bezeichnungen „Maifeiertag/May Day/Hohe Maien“ sowie „Herbstfest/Erntedankfest/ Harvest Home“ sind deutsche und englische Bezeichnungen, die für die ausgelassenen Frühlingsfeierlichkeiten am 1. Mai und für die diversen Erntedankfeste im September/Oktober im englischsprachigen und deutschsprachigen Raum üblich sind. Auch sie sind – auch wenn das Brauchtum teilweise recht heidnisch anmutet – eingebettet im christlichen Festkalender.

Der Begriff „Schnitterfest“ für Lugnasad dürfte eine neuheidnische Bezeichnung sein, die sich auf die Ernte, also das Schneiden des Getreides bezieht.

Die Festtagsnamen Mittwinter (engl.: Midwinter), Summerfinding – „Sommer-Findung“, Mittsommer (engl.: Midsummer) und Winter Finding – „Winter-Findung“ sind deutsche bzw. englische Bezeichnungen, die sich auf den germanischen Raum Skandinaviens und Islands (= nordischer Sprachraum) beziehen. Ebenfalls aus dem germanischen Raum kommen die Begriffe Jul (engl.: Yule) – Nordisch für „Zauber, Beschwörung“, Eostre (Altenglisch) und Ostara (rekonstruiertes Althochdeutsch) für „östlich, Osten“ und Litha – Altenglisch für „durchlaufen, gehen, vergehen“. (Näheres im Kapitel über die Germanen.)

Imbolc – „umfassende Reinigung, im Bauch“, Beltaine – „Bel‘s-Feuer“, Lug(h)nasad „Lug‘s-Versammlung“ und Sam(h)ain – „Sommerende“ sind altirische (und damit keltische) Bezeichnungen für die vier Hochfeste im alten Irland. (Siehe das Kapitel über die Kelten.)

February Eve, May Eve, August Eve und November Eve (also Februar-, Mai-, August- und November-Abend) sind die Namen der Feuerfeste, wie sie in Gardners Book of Shadows (siehe Quellenverzeichnis) zu finden sind. Da diese Festbezeichnungen für die jeweils an diesen Daten stattfindenden christlichen Feste eher unüblich sind (ich konnte nichts Diesbezügliches finden), dürfte es sich um Gardners Idee handeln, die Sabbate einfach nach ihrem jeweiligen Datum zu benennen.

Fast alle Festnamen haben also einen heidnisch oder christlich tradierten Ursprung oder sind logische Bezeichnungen (wie „Schnitterfest“ oder „May Eve“).

Bleibt der mysteriöseste Festtagsnamen, der nirgends hineinpasst, nämlich Mabon. Mabon vab Modron (übersetzt: „Mabon, Sohn der Modron“) ist ein Held im mittelalterlichen walisischen (und damit keltischen) Mythos Culhwch ac Olwen, wo er eine Nebenrolle spielt. Und zwar war er in einem Kerker eingesperrt (er war als Kleinkind von drei Jahren seiner Mutter geraubt worden), bis er von Kaiser Arthur (dem meistverfilmten König aller Zeiten) und seinen Mannen befreit wurde, um mit ihnen danach gemeinsam auf die Jagd nach dem gefährlichen Keiler Twrch Trwyth zu gehen. Mabon und Modron haben sogar Entsprechungen in der antiken festlandkeltischen Götterwelt: Der walisische Mabon leitet sich etymologisch vom gallischen Maponos ab, was „Sohn, Kind“ bedeutet. Von den Römern wurde er mit Apollon, dem Gott der Dichtkunst, der Orakel und der Sonne verglichen. Walisisch „Modron“ wiederum kommt vom gallischen Matrona – „große Mutter“. Diese Göttin ist als Singular ein Fluss (nämlich die Marne) und als Dreiergruppe von Göttinnen (Matronen) war sie im römischen Gallien (vor allem im Rheinland) äußerst populär.

Seitdem ich den Mythos kenne, frage ich mich, was genau jemanden veranlasst, ein Erntedankfest nach diesem Helden zu benennen. Man könnte spekulieren, dass das Eingesperrtsein vielleicht einen Initiationsritus oder den Abstieg in die Unterwelt symbolisiert – analog zur Sonne, die im Herbst in die Unterwelt wandert oder auch analog zu den Eleusinischen Mysterien. Vielleicht ist es auch die Eberjagd, weil im Herbst die Jagdsaison beginnt. Und dann gab es im alten Griechenland um diese Zeit noch das Fest Pyanopsia, das Apollon geweiht war.

Wie auch immer, Mabon als Name für ein walisisches (oder anderes keltisches) Fest ist nach meiner gründlichen Recherche historisch nicht erwiesen (weder im Herbst noch sonstwann, weder christlich noch heidnisch). Aber Modron sei Dank gibt es ja das englische Wikipedia. Im Eintrag „Wheel of the Year“ ist zu lesen, dass Aidan Kelly, ein neuheidnischer Autor, in den 1970er Jahren diesen Namen für das Herbstfest geprägt hätte. Warum er das gemacht hat, weiß ich aber nicht.

Auch wenn sich „Mabon“ längst als Festtagsname eingebürgert hat, möchte ich doch darauf hinweisen, dass er damit eine gewisse Asymmetrie bei der Namenswahl der acht Jahreskreisfeste verursacht. Denn die vier Feuerfeste haben keltische Bezeichnungen (Imbolc, Beltaine, Lugnasad und Samain), und drei der vier Sonnenfeste tragen germanische Namen (Jul, Ostara, Litha). Wäre es da nicht konsequent, auch dem Herbstäquinoktium einen schönen germanischen Namen zu geben? Ich finde z. B. „Tamfana“ sehr passend. Das ist eine südgermanische Göttin, die laut Tacitus Ende September vom Stamm der Marser mit einem Fest geehrt wurde. Damit hätten wir sogar einen historischen Namen!

Wie auch immer. Die kreative Namensgestaltung der acht Feste dürfte erst nach der Expansion der Wicca-Idee in verschiedenen Wicca-, Wicca-ähnlichen und anderen Traditionen stattgefunden haben. Schaut man sich nämlich die Namen der acht Sabbate in Gardners Book of Shadows an, muten diese sehr nüchtern an. Sie heißen einfach „…-Equinox“, „….-Solstice“ oder „…-Eve“, also eigentlich nur Datumsbeschreibungen. Warum er keine passenden keltischen oder germanischen Namen benutzte, die er sicherlich kannte, ist fraglich. Vielleicht wollte er keine kulturspezifischen Festtagsnamen einführen, um den Sabbaten einen universellen Charakter zu verleihen?

Die acht neuheidnischen Jahreskreisfeste im Spiegel der Kulturen von Mc Claudia – Teil VI

Samstag, 23. April 2011

Wenn Jahreskreisfeste um die Welt reisen

Kommen wir nun zu einer interessanten Problematik. Wir haben gesehen, dass die klimatischen Bedingungen und der Sonnenlauf meistens einen Haupteinfluss auf den Sinn der Jahreskreisfeste haben. In den traditionellen Religionen, die meist auf die jeweiligen Völker beschränkt geblieben sind, ist das weiter kein Problem. In dem Moment, wo aber Religionen oder Kulturen expandieren, missionieren oder sich anderweitig ausbreiten (z. B. durch Migration) werden natürlich auch Festtage und Mythen exportiert. Wenn es sich um Mythen oder Feiertage handelt, die keinen Bezug zu Natur und Klima des Heimatlandes haben, ist das nicht so schlimm. Wenn es aber Feste oder Bräuche sind, die mit der Vegetation oder dem Sonnenstand zu tun haben, wird es manchmal sehr grotesk.

Weihnachten, das ja absichtlich zur Wintersonnenwende installiert wurde, fällt auf der Südhalbkugel auf den Sommerbeginn. (Zum Weihnachtsdatum siehe das Kapitel über das Christentum.) Dessen ungeachtet wird auch auf der Südhalbkugel am 25. Dezember Weihnachten gefeiert, was irgendwie recht komisch anmutet. Noch krasser wird es, wenn Menschen außerhalb der entsprechenden kulturellen Heimat traditionelle oder neuheidnische Religionen praktizieren wollen, da diese oft unmittelbar mit dem Heimatland zu tun haben. Wie also z. B. brasilianische Keltenfans mit dem altirischen Kalender umgehen, wann Ásatruar in Australien nun Jul feiern, oder ob es viel Sinn hat, an der schönen blauen Donau den Beginn der Nilüberschwemmung zu feiern, bleibt fraglich.

Es gibt dafür grundsätzlich zwei Lösungsansätze: Der eine ist, dass man den Mythos von der irdischen Begebenheit abhebt und 1:1 einfach auf die andere Klimazone überträgt. Das heißt, Jul ist immer Jul, auch wenn grad auf der Südhalbkugel der längste Tag des Jahres stattfindet. Da alle Germanenfreaks auf der Nordhalbkugel auch am 21. Dezember Jul feiern, so die Idee, wirkt das Datum automatisch und ist daher auch richtig für die Südhalbkugel. Je mehr Menschen also zu einem bestimmten Datum das Fest feiern, desto mächtiger wird das Fest an sich – unabhängig von der tatsächlichen Jahreszeit und Vegetation. Auf diese Weise funktionieren dann auch die vier altirischen Feste im brasilianischen Regenwald, und die Donau muss eben kurz mal so tun, als wäre sie der Nil. Die zweite Möglichkeit ist, dass man die Kalender und Feste der jeweiligen klimatischen Realität anpasst. Das würde bedeuten, dass man auf der Südhalbkugel die Feste gegengleich feiert, also Jul am 21. Juni, weil das dort der kürzeste Tag ist. Das würde bedeuten, dass unser Keltenfan in Brasilien die dortigen Klimabedingungen als Kalendergrundlage für die keltischen Feste verwendet oder sogar, dass einheimische brasilianische Feste einen Synkretismus mit dem irischen Festkreis eingehen und dass die Donau vielleicht einfach so in einem angepassten ägyptischen Ritus gefeiert wird, ohne jetzt den Nil samt Überschwemmung bemühen zu müssen. Beide Lösungen haben gute Gründe und ihre Nachteile.

Das achtspeichige Jahresrad

Beschreibung

Die acht neuheidnischen Jahreskreisfeste (auch „achtspeichiges Jahresrad“ oder „achtfaches Jahr“ genannt) setzen sich im Prinzip aus zwei Festkreisen zusammen: die vier vom Sonnenstand beeinflussten Feste, nämlich Wintersonnenwende (21./22. Dezember), Frühlingsäquinoktium (20./21. März), Sommersonnenwende (21. Juni) und Herbstäquinoktium (22./23. September) einerseits, (die ich im Folgenden immer „Sonnenfeste“ nenne) und die Feste am 1. Februar, 1. Mai, 1. August und 1. November andererseits, (die ich im Folgenden immer „Feuerfeste“ nenne). Diese beiden Festkreise zusammengelegt ergeben das achtspeichige Jahresrad, hier vorgestellt mit den im Wicca (und verwandten neuheidnischen Traditionen) üblichen Namen, wobei ich mit der Wintersonnenwende beginne, weil ich das am passendsten finde:

21./22. Dezember:

Jul, Yule, Mittwinter, Midwinter, Wintersonnenwende, Winter Solstice

(Winterbeginn, Tod und Wiedergeburt der Sonne)

1. Februar:

Imbolc, Brighid, February Eve, Lichtmess, Candlemas

(Wintermitte, erstes Sonnenlicht)

20./21. März:

Ostara, Eostre, Summerfinding, Frühlingsäquinoktium, Spring Equinox,

Vernal Equinox, Lady Day

(Frühlingsbeginn, Vegetation ersteht neu)

1. Mai:

Beltaine, Walpurgisnacht, Maifeiertag, May Day, Hohe Maien, May Eve

(Frühlingsmitte, Natur erblüht und erstarkt)

21. Juni:

Litha, Mittsommernacht, Midsummer, Sommersonnenwende, Summer Solstice

(Sommerbeginn, Sonnenfest)

1. August:

Lughnasad, Schnitterfest, August Eve, Lammas, Loaf Mass

(Sommermitte, Erntefest)

22./23. September:

Mabon, Herbstfest, Erntedankfest, Harvest Home, Winter Finding,

Herbstäquinoktium, Autumnal Equinox, Fall Equinox

(Herbstbeginn, Erntedank, Vegetation verwelkt)

1. November:

Samhain, Halloween, Hallowmas, November Eve

(Herbstmitte, Nebel, Vegetation ist gestorben)

Wenn man ein Jahr wie ein Ziffernblatt darstellt und die acht Jahreskreisfeste darin markiert, ergibt sich ein fast symmetrisches Bild eines achtspeichigen Rades. Aber nur fast. Die zwei Einzeljahreskreise für sich genommen sind symmetrisch. Zusammengelegt schaut es ein bisschen schief aus, denn die Anzahl der Tage zwischen den einzelnen Festen variiert etwas:

21. Dez. – 1. Feb:       41 Tage

1. Feb. – 20. März:     46 Tage

20. März – 1. Mai:      41 Tage

1. Mai – 21. Juni:        50 Tage

21. Juni – 1. Aug.:      40 Tage

1. Aug. – 22. Sep.:     51 Tage

22. Sep. – 1. Nov.:     39 Tage

1. Nov. – 21. Dez:      49 Tage

Die Zwischenräume von einem Sonnenfest bis zum nächsten Feuerfest dauern durchschnittlich 40 Tage (ca. 10 Tage bis Monatsende plus ein ganzer Monat). Die Zwischenräume von einem Feuerfest bis zu einem Sonnenfest dauern durchschnittlich 49 Tage (ein Monat plus ca. 20 Tage), sind also neun Tage länger. Trotzdem kann man durchaus behaupten, dass die Feuerfeste etwa in der Mitte zwischen zwei Sonnenfesten liegen und umgekehrt. Das achtspeichige Jahresrad zeichnet sich also durch eine annähernde Symmetrie aus und auch durch sehr einfach einzuprägende Daten. (Ein Feuerfest fällt immer auf den Monatsersten des übernächsten Monats nach einem Sonnenfest).

Willkommen in der dunklen Zeit

Montag, 01. November 2010

Wir hoffen ihr alle hattet ein schönes Samhain und einen guten Wechsel in die dunkle Zeit des Jahres. Falls ihr noch feiern solltet, beispielsweise zum 0 Grad Skorpion, wünschen wir noch ein schönes und vor allem besinnliches Fest. Dies ist die Wende, wir tauchen ein in die Dunkelheit, die viele Umwälzungen und leider oftmals auch sehr viel Aufarbeitung und Stress bedeutet, auch schon vor Samhain.

Alles wird neu, alles wandelt.

Das passt in meinem Leben mal grade wieder sehr gut, denn das Feuer am Waldesrand Forum, welches sich zu einem der größten deutschsprachigen Diskussionsplattformen in Punkto Hexen- und Heidentum gemausert hat, wandelt sich. Wir ziehen um in den Lilienhain, werkeln, basteln und bauen – gespannt der Dinge harrend, die da noch kommen werden. Viel Arbeit, viel Stress und natürlich gemischte Gefühle bezüglich des Abschieds vom alten zuhause, das so lange Zeit unser gemütliches Feuerchen war. Wandel hat eben zwei Gesichter. Einerseits ist es die viele Arbeit, die wir hineinstecken, um etwas zu verändern, die Trauer, die Mühe und manches Mal auch die Verzweiflung, wenn wir einmal anstehen und nicht mehr weiter wissen. Andererseits die Freude, wenn ein Lichtfunke durch den Blätterwald scheint und man endlich erkennt, was man mit den eigenen Händen schon alles geschafft hat und alles genauso klappt, wie es sollte.

Natürlich – und das dürfen wir niemals vergessen – sind wir niemals alleine. Es gibt immer jemanden, der uns auf diesem Weg begleitet und den Wandel unterstützt, wie auch immer diese Unterstützung aussehen mag.

In diesem Sinne wünsche ich allen Wandels- und Umbauprojekten der dunklen Zeit viel Erfolg, einen nahrhaften Boden und viel Kraft und bedanke mich für alle Unterstützung, die ich für meine zahlreichen Wandlungen bekommen habe. Liebe Leserinnen und Leser, vergesst nicht darauf euch ab und an umzudrehen und zu betrachten, was ihr da nicht schon alles gemeistert habt, im Laufe eurer zahlreichen Metamorphosen. Ich bin mir sicher es ist ordentlich viel und das gibt auch Kraft für alle Hürden, die da noch kommen mögen ;)