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Vom Ursprung der Dinge – Teil III geschrieben von Merienptah

Samstag, 07. Juni 2014

Der heute als „ägyptischer Urmonotheismus“ bezeichnete Glauben Kemets besteht also in der Vorstellung dass das Göttliche am Anfang Eines war und in der Kosmogonie zu Vielem wurde, als Werk des Einen. Aus diesem Grund sprechen viele alte Texte nur von Gott, ohne einen bestimmten Namen zu nennen; dies verdeutlicht dass mit diesem Gott, alles Göttliche gemeint ist. Diese Sonderstellung des einen Schöpfers am Anfang allen Seins wird in den kemetischen Texten in geradezu monotheistischer Strenge durch immer neue Definitionen umschrieben, häufig in paradoxer Form. Er ist „der Eine, der seinen Erzeuger erzeugte, der seine Mutter hervorbrachte und seine Hand erschuf“, wie es in einem Sonnenhymnus des Neuen Reiches heißt, in Anspielung auf das Werk des Atum, der mit seiner Hand den ersten Samen hervorbrachte. Optisch erfassen lässt sich diese Weltsicht bei einem Blick auf die Sonne am Himmel, sie steht im Zentrum als alleiniger Ursprung allen Seins und aus ihr gehen Millionen Strahlen hervor. Wenn in der Kosmogonie von Memphis Ptah an den Anfang gesetzt wird, erscheint er als Vater des Atum, also als „Erzeuger des Einen, der keinen Erzeuger hat“ und als Ptah-Nun, um auch die Urflut vor der Schöpfung in sein Wesen mit aufzunehmen.

Diese Urflut, der Urozean Nun verkörpert das Nichtseiende, das als Wasser und Finsternis vor jeder Schöpfung, vor Raum und Zeit und auch vor dem Einen des Anfangs war. Die Redewendung „als ich noch im Nun war“ bedeutet: als die Welt noch nicht geschaffen war. Dies ist das für moderne Augen so paradoxe an der Schöpfung aus kemetischer Sicht: Der Schöpfer befindet sich im Nichts als er das Seiende ins Leben ruft. Er bringt sich selbst und die Welt aus einem Zustand der Nichtexistenz hervor. Aus Nichts wird Alles erschaffen, durch die reine Willenskraft des Schöpfers. Seine eine Seite ist Finsternis, die andere Licht. Er steht zwischen Nichtsein und Sein. Das kommt auch im Namen des Gottes Atum zum Ausdruck; der Wortstamm tem ist eine Umschreibung für „nicht sein“, kann aber auch „vollendet“ und „vollständig sein“ bedeuten. Der Ägyptologe Erik Hornung hat einmal als gemeinsamen Nenner „der Undifferenzierte“ vorgeschlagen. Als der Eine gehört der Schöpfer noch dem Nichtseienden an, durch seine Entfaltung im ersten Götterpaar Schu und Tefnut tritt er ins Sein; durch diese Entfaltung setzt sich der Schöpfungsprozess in Gang.

Der Beginn der Schöpfung ist nichts anderes als Differenzierung der Welt aus dem Einen des Anfangs. Diese Entfaltung des Seins wird einmal durch numerische Formeln umschrieben, wie „aus Eins wird Viel“; auf andere Weise wird diese Entfaltung anschaulich gemacht im Bild der Trennung von Himmel und Erde in der nächsten Göttergeneration, die im raumlosen Anfang noch ungetrennt waren.

Schu, der Sohn des Urgottes Atum, trennt die Himmelsgöttin Nut vom Erdgott Geb, die die Kosmogonie von Heliopolis als seine Kinder und die Eltern von Osiris und Isis benennt. Als sprachliches Bild ist diese Vorstellung der Trennung von Himmel und Erde bereits in den Pyramidentexten belegt, bildlich begegnet uns diese Darstellung, in der Schu die Göttin Nut -oftmals unterstützt von weiteren Göttern- in den Himmel über ihren Brudergemahl Geb emporhebt, jedoch erst in Totenbuchpapyri aus dem Neuen Reich. Diese „Hochhebung des Himmels“ vollendet die räumliche Schöpfung, die der Urgott begonnen hat, sie grenzt die gestaltete Welt gegen das immer noch Ungestaltete ab und Schafft den irdischen Raum.

Nach der Trennung von Himmel und Erde setzt sich die Schöpfung fort, die Himmelgöttin Nut gebiert die nächste Göttergeneration und die Erde bevölkert sich mit allerlei Wesen, wobei die Kosmogonien Kemets keinen gesonderten Wert auf die Erschaffung des Menschen legen oder diese besonders hervorheben. Nach kemetischer Sicht ist der Mensch nur einer von vielen Millionen Teilen aus denen sich die ganze Schöpfung zusammensetzt. Die Menschen werden nicht als von der Schöpfung losgelöst oder gar über sie erhaben betrachtet. Meist werden Götter und Menschen parallel genannt, beide sind vom Urgott erschaffen. Aus Freude am Wortspiel in der kemetischen Sprache, am Zusammenklang der Dinge und Namen, erwächst die Aussage, die Menschen seien aus den „Tränen“ des Schöpfers entstanden, da beide Worte im Kemetischen denselben Wortstamm (rem) haben. Aber das ist mehr als nur ein Anklang, es ist eine Erklärung für die zwiespältige Herkunft des Menschen, aus einer Trübung des Gottesauges, die der Urgott wieder überwunden hat. „Die Menschen gehören der Blindheit, die hinter mir ist“ sagt er in den Sargtexten, und damit ist subtil angedeutet, weshalb wir so oft mit Blindheit geschlagen sind. Oftmals behaupten die Mythen auch dass die Menschen durch ihre guten Taten den Schöpfer zu Tränen rühren oder ihn andererseits ob ihrer oftmaligen Unvernunft zum Weinen bringen, womit ein weiteres Spiegelbild des Wortspieles von Menschen und Tränen geschaffen wird.

Die Götter lassen die Mythen entsprechend aus dem Schweiß des Schöpfers entstehen. Bei den Göttern Kemets ist der Schweiß Träger des Wohlgeruches, der sie wie eine Aura umgibt und zugleich mit dem Glanz, der von ihnen ausstrahlt, ihre Anwesenheit verrät.

Am Anfang leben Götter und Menschen gemeinsam auf der Erde, unter der Herrschaft einer Götterdynastie, die den historischen Königen vorangeht. An ihrer Spitze steht der Sonnengott Re, der über alle Wesen herrscht. So können sich die Menschen und alle Wesen auf der Erde in dieser ersten Phase an der ständigen Gegenwart der Sonne erfreuen. Es gibt noch keinen Wechsel von Tag und Nacht, auch Tod und Unterwelt existieren noch nicht. Diese Zeit beschreiben die alten Texte als das „goldene Zeitalter“, die selige Urzeit (pa’ut), in der die Maat, die richtige, harmonische Ordnung der Dinge, in Gestalt der Tochter des Re zu den Menschen kommt und das Leben gemäß den Gesetzen der göttlichen Weltordnung bestimmt. Doch dieser perfekte Zustand der Welt sollte nicht für ewig andauern.

Im Buch von der Himmelskuh wird beschrieben, wie dieser vollkommene Anfangszustand nach Jahrtausenden sein Ende findet und der jetzige, keinesfalls ideale Zustand der Welt eintritt. Der Grund dafür liegt in der Alterung, der alles Seiende unterworfen ist. Die anfängliche Jugendfrische der Schöpfung erlahmt im Laufe der Zeit, der Sonnengott altert, während die Finsternis -als Urkraft aus dem Nichtseienden- niemals altern kann. Diese Texte beschreiben den Sonnengott Re als altgewordenen Greis, dem die Zügel der Herrschaft langsam entgleiten. Die Götter Kemets sind keineswegs im Besitz der Unsterblichkeit, auch sie sind dem Alterungsprozess der Welt unterworfen. Und so ruft die Altersschwäche des Sonnengottes Gegenkräfte auf den Plan. Die Menschen „ersinnen Anschläge und Aufstände gegen Re“ und müssen bestraft werden. Ein Teil von ihnen wird, wie der Mythos von der Vernichtung des Menschengeschlechtes berichtet, durch das „Feurige Auge“ des Gottes vernichtet. Doch ein Rest bleibt übrig, wird vom Sonnengott verschont und bevölkert die Welt aufs Neue. Der Sonnengott Re, betrübt und von den Menschen enttäuscht, entfernt sich auf dem Rücken der Himmelskuh von der Erde, es wird zum ersten Mal seit Anbeginn der Schöpfung wieder finster, die Menschen wenden sich in ihrer Blindheit gegeneinander und sind fortan von den Göttern getrennt. Diese ziehen sich mit dem Sonnengott in den Himmel zurück, nur Osiris erhält die Herrschaft über die Unterwelt, die jetzt erst geschaffen und eingerichtet wird. Denn die Alterung hat als unausweichliche Konsequenz den Tod zur Folge, er setzt auch der Herrschaft der Götter ein Ende; auf den Sonnengott, der den Mondgott Thot als seinen Stellvertreter eingesetzt hat, folgt sein Sohn Schu, auf Osiris folgt Horus.

Von nun an bestimmen Krieg und Gewalt das Leben der Menschen, sie haben die paradiesische Unschuld des Anfangs verloren, und die Welt der Götter wird ihnen erst im Tod wieder zugänglich. Diese „Rebellion“ der Menschen gegen ihren Schöpfer deutet die Gefahren an, die der Schöpfung und ihrem Fortbestand drohen. Es gibt Mächte der Auflösung, die den Lauf der Welt, symbolisiert durch den täglichen Lauf der Sonne, zum Stillstand bringen wollen. Diese Macht verkörpert sich im Gott Apophis, der die Fahrbahn der Sonnebarke trockenlegt und sie somit in ihrem Lauf aufhalten will, der aber durch die Macht der Zaubers immer wieder überwunden wird. Bis jetzt jedenfalls.

Die Drohung einer Aufhebung der Schöpfung äußert sich in der Vorstellung, der Himmel könne auf die Erde stürzen und damit aller Raum kollabieren; die Allvermischung des Uranfangs zurückkehren. Im Buch von der Himmelskuh werden sehr ausführlich die Bemühungen geschildert, den Himmel zu stützen und zu tragen, und das wichtigste dieser tragenden Elemente ist die Zeit.

Am Ende der Zeit werden sich Himmel und Erde wieder vereinen. Dann endet der Sonnenlauf, erfüllen Urflut und Urfinsternis aufs Neue das All, und nur der Schöpfer überdauert als schlangengestaltiges Urwesen, in das Chaos zurückkehrend, aus dem er hervorging. Diese Überlegungen zum Ende allen Seins werden nur selten in den kemetischen Texten direkt ausgesprochen, sie werden eher subtil angedeutet, wobei sie aber darauf hinweisen dass Anfang und Ende der Welt in einer gewissen Symmetrie zueinander stehen.

Die Schöpfung trägt in sich bereits den Keim des eigenen Verfalls, aber nur dadurch wird es möglich, dass sie sich verjüngt und regeneriert. Dies ist die tragende Idee der kemetischen Kultur, aus der sich viele ihrer schöpferischen Kräfte erklären. Die Schöpfung ist kein ein einmalig-abgeschlossener Akt, sie muss ständig wiederholt und neu bestätigt werden. Die gestaltete Welt ist umringt von der Uferlosigkeit des Ungestalteten, des Nichtseienden, welches das Sein mit Auflösung und völliger Auslöschung bedroht.

Bild 1: die Milchstraße (Copyright: NASA/DOE/Fermi LAT/D. Finkbeiner et al.)

Bild 2: Titelbild aus dem “Buch von der Himmelskuh”

Bild 3: Benu Reiher

Bild 4: Gold-/ Lapislazuliamulett des Gottes Chepre aus dem Grab von König Psusennes I.

Bild 5: Sonne am Mittagshimmel

Bild 6: Atum, Schu und Tefnut; Spruch 125 Totenbuch – Ausschnitt

Bild 7: Trennung von Himmel und Erde. Schu hebt Nut empor und trennt sie von Geb

Bild 8: die Göttin Maat

Bild 9: der schlangengestaltige Gott der Zerstörung Apophis stellt sich der Sonnenbarke in den Weg

Vom Ursprung der Dinge – Teil II geschrieben von Merienptah

Samstag, 26. April 2014

Urhügel, Urlotos oder Urkuh sind verschiedene Umschreibungen für den tragenden Grund der Schöpfung, sie verorten den Beginn des Seins und erlauben uns diesen Urakt der Schöpfung vor unserem inneren Auge zu visualisieren ohne dabei jedoch Anspruch darauf zu erheben die „einzig wahre Wahrheit“ in Form einer Aufzählung historischer Fakten zu vermitteln. Aus diesem Grund der Schöpfung steigt die Sonne auf und formt durch ihr Licht den Raum und durch ihren Lauf die Zeit. Der Startpunkt der Schöpfung ist definiert. Der Urkeim der Welt wird in anderen Schriften auch als „kosmisches Ei“ beschrieben, das sich am Uranfang noch im Leib des „großen Schreiers“ befindet, des Urvogels, dessen Schrei die Urstille durchbricht, noch bevor die Sonne aus seinem Ei emporsteigt. Diesen Vogel sieht man als den Reiher Benu, der sich als erstes Wesen überhaupt auf dem Urhügel niederlässt. Spätere Mythen setzen ihn mit dem Phoenix gleich.

So erscheint der Schöpfer in vielerlei Gestalten – als Mensch, als Vogel oder auch als Schlange, die ja das eigentliche Urwesen ist. In menschlicher Gestalt wird der Schöpfers als Atum verehrt, der mit seiner Hand den ersten Samen erzeugte oder das erste Götterpaar ausspuckte oder -nieste. Dieses erste Götterpaar sind in den Schöpfungsmythen Kemets Schu und Tefnut. Von Schu heißt es in den Sargtexten ausdrücklich, er sei „nicht in irgendeinem Ei gebildet“. Mit diesem ersten Götterpaar und dessen Nachkommen Geb und Nut beginnt der Lauf der natürlichen Fortpflanzung und Vermehrung, und mit den vier Gottheiten der folgenden Generation (Osiris, Isis, Seth und Nephthys) ist das System der „Neunheit“ abgeschlossen, die in den kemetischen Mythen vom Anbeginn eine so wichtige Rolle spielt – unabhängig von Ort und Zeit, auch wenn diese Neunheit und ihre Kosmogonie aufgrund ihres Urgottes Atum und dessen Hauptheiligtum in Heliopolis (dem alten Iunu) oft als „heliopolitanisch“ bezeichnet wird. Ihr wird dann oft eine sogenannte „memphitische“ Kosmogonie gegenüber gestellt, in der Hauptgott der alten Landeshauptstadt Memphis (Mennefer) Ptah, oder genauer Ptah-Tatenen als Schöpfer wirkt, der durch sein Wort die Welt erschuf; indem er die sie in seinem innersten ersann und durch den Ausspruch seiner Zunge ins Leben rief. Durch diesen Akt der willentlichen Schöpfung wurde Ra geboren, aus dem Schu und Tefnut hervorgingen und sich die Schöpfung wie bereits aus Heliopolis bekannt in Gang setzte.

Die Überlieferung der Schöpfung durch das Wort als Akt des Willens reicht unabhängig von diesem am memphitischen Hauptgott orientierten Mythos bis zu den Pyramidentexten zurück und ist keineswegs nur mit Ptah verbunden. In den alten Texten wird berichtet wie der Sonnengott durch planende Einsicht (Sia), schaffenden Ausspruch (Hu) und wirksamen Zauber (Heka) wirkt – diese drei Schöpferkräfte begleiten ihn auf seiner Fahrt und helfen ihm nachts in der Unterwelt sein Schöpfungswerk zu erneuern. In einem anderen Mythos war am Anfang das Wort des Amun, der als Urvogel seine Stimme erhob. In diesem Mythos handelt es sich beim Urvogel allerdings nicht um einen Reiher, sondern um einen Ganter, das heilige Tier des Amun, und sein Name wird mit „der große Schnatterer“ wiedergegeben. Auch der Göttin Neith wird in alten Mythen nachgesagt sie habe durch sieben Aussprüche die Welt ins Leben gerufen, andere Texte berichten allerdings davon dass es sich dabei um ein siebenfaches Lachen und demzufolge um eine eher ungeplante Initialzündung der Schöpfung gehandelt haben soll.

In der Gestalt der großen Göttin Neith tritt uns erneut eine weibliche Schöpfergottheit entgegen, eine Urmutter allen Seins, aus deren Schoß nach den alten Kosmogonien von Sais (Sau) und Esna (Iunyt / Senat) die Sonne geboren wurde. Ihre enge kultische Verbindung mit der Urkuh Mehet-weret führt uns wieder zur Vorstellung von der Himmelskuh zurück, welche die Sonne und alle Gestirne trägt. Als Universalgöttin taucht Neith auch oftmals bildlich, anders als gewohnt, nicht mit der roten Krone des Nordens sondern mit Kuhgehörn und Sonnenscheibe auf. Denkt man an die bedeutende Rolle, die Neith schon in der Frühzeit Kemets spielte, und an ihre alte Verkörperung in einem Käfer, so macht dies ihre Stellung im Zentrum alter kosmogonischer Vorstellungen deutlich, die später erst von anderen überlagert wurden; der Käfer der Neith verschwindet im Laufe der Zeit und weicht der Erscheinungsform des Sonnengottes Re als Skarabäus Chepri.

Erwähnenswert ist hier auch dass der Mythos um Neith wohl weitaus älter als der heliopolitanische ist und nie mit diesem oder den sich auf ihn beziehenden Kosmogonien verknüpft wurde; auch werden Neith oder ihre Nachkommen wie beispielsweise Chnum, Heket, Menhit oder Sobek, die alle gewisse „Schöpferqualitäten“ ihr Eigen nennen, niemals wirklich in den heliopolitanischen Götterhimmel integriert. Sie bilden eine eigenständige parallele Götterwelt. Also vom kemetischen Pantheon zu sprechen wäre genauso falsch wie von DEM kemetischen Schöpfungsmythos, da es davon in Kemet jeweils mehrere verschiedene gibt.

Neben Neith wird auch Chnum als Schöpfer verehrt. Es heißt er schafft durch das Werk seiner Hände, man sagt er ist derjenige Gott, der die Menschen oder gar das Urei und mit diesem die ganze Welt aus Ton auf seiner Töpferscheibe formt. Auch Ptah, in seiner Funktion als Gott der Handwerker und Künstler, wird als ein solcher Bildner gesehen, der nicht nur durch das Schöpferwort, sondern wie ein Künstler die Welt als sein Werk formt.

All diese verschiedenartigen Aussagen Kemets über Schöpfung und Schöpfer lassen sich weder in ein zeitliches Nacheinander noch ein geographisches Nebeneinander bringen. Sie durchdringen einander und ergänzen sich gegenseitig. Sie sind Versuche, die komplexe Weltentstehung möglichst differenziert zu beleuchten und so besser verständlich zu machen. So sind die Person des Schöpfers und die Art seines Wirkens im kemetischen Glauben nicht verbindlich festgelegt, aber es gibt dennoch eine ganze Reihe von gemeinsamen Aussagen. Der Schöpfer, ganz gleich welcher damit nun gemeint ist, ist „von selbst entstanden“ (cheper djesef); er hat keinen Vater und keine Mutter, sondern hat „sein Ei selber gebildet“, wie es in einem Hymnus zu Ehren Amuns so schön beschrieben wird. Die Schöpfergottheit gehört vor die geschlechtliche Differenzierung in männlich und weiblich, ist daher „Vater und Mutter“ in einem, oftmals androgyn dargestellt. Vor allem tritt der Schöpfer als der „Eine, neben dem nichts anderes ist“ in Erscheinung, der sich selbst zu dem „Einen, aus dem Millionen werden“ macht.

Ende Teil II

Von der Schöpfung der Welt – Teil I geschrieben von Merienptah

Samstag, 12. Oktober 2013

Das alte Kemet hat in seiner vieltausendjährigen Geschichte wohl mehr Schöpfungsmythen hervorgebracht als jede andere alte Kultur. Die scheinbare Ironie an der Sache ist, dass diese Kosmogonien und Theogonien auf den ersten Blick widersprüchliche Darstellungen ihrer mythischen Entstehung und Beherrschung des Kosmos beinhalten und dass sie im Laufe der gesamten Geschichte Kemets nie zu einer einzigen, allgemeingültigen Schöpfungsgeschichte verschmolzen wurden. Im Prinzip hatte jede größere Ortschaft mit ihrer lokalen Götterfamilie auch ihren eigenen Schöpfungsmythos, also ihre eigene Sicht auf die Entstehung der Welt, die diese meist in die Hand des lokalen Hauptgottes legte. Einig sind sich alle diese Mythen in der Beschreibung des Urzustandes vor der Schöpfung.

Am Anfang war das gesamte Universum von einem Urozean, genannt Nun, angefüllt. Dieses Urgewässer hatte weder Grenzen noch eine Oberfläche; es füllte das gesamte Universum aus und wird in den Mythen oft mit einem „kosmischen Ei“ umschrieben. Die Wasser des Nun standen und waren völlig bewegungslos. Die zweite Übereinstimmung aller Kosmogonien ist die Vorstellung von einem Urhügel, der sich am Beginn alles Seins durch Intervention des jeweiligen Schöpfergottes aus dem Urozean Nun erhob. Dieser Urhügel war die Verortung der jeweiligen Schöpfungsgeschichte. Diese Annahme lässt sich interessanterweise mit dem Zustand des Universums vergleichen, der der heutigen Kosmologie zufolge vor dem Urknall geherrscht hat. Der Urozean Nun steht also symbolisch für die ursprüngliche Singularität aus der beim Urknall, also dem Auftauchen des Urhügels, gemeinsam Materie, Raum und Zeit entstanden.

Die verschiedenen Mythen sind sich auch in der Ansicht einig, dass am Ende aller Zeiten das gesamte Universum wieder in diesen Urzustand zurückversetzt wird. Auch das deckt sich in gewisser Weise mit den Ansichten der modernen kosmologischer Wissenschaft innerhalb der Physik, die davon ausgeht, dass am Ende aller Zeit eine Art umgekehrter Urknall das Universum wieder in seinen Anfangszustand zurückversetzt.

Diese Gedankengänge zur Schöpfung lassen sich auch mit den ins kosmische übersteigerten Naturbeobachtungen im Niltal erklären, da jedes Jahr das aus den Fluten des Nils auftauchende Fruchtland bei der nächsten Nilschwelle wieder in den Wassern versank um danach erneut beim Absinken dieser Flut wieder aufzutauchen. Somit entsteht ein Bild eines fortwährenden Kreislaufes der Schöpfung.

Die Schöpfung wird in kemetischer Sicht auch nicht als plötzlicher Schöpfungsakt sondern mehr als langsamer und fortwährender Prozess verstanden. Wie unterschiedlich auch immer die Ereignisse der Schöpfung und deren Abfolge ausgelegt werden, so stimmen sie doch auch darin überein, dass die sogenannte „Erste Zeit“, also die Epoche, in der die Götter tatsächlich auf der Erde lebten und dort ihre Königreiche hatten, ein glückliches und goldenes Zeitalter gewesen ist, in dem vollständige Gerechtigkeit (Maat) auf der Erde herrschte. Der legitime Nachfolger dieser Götter auf der Erde, der König von Kemet, hat also die Aufgabe, die Herrschaft der Maat, der Richtigkeit und Gerechtigkeit, die oft auch als gerechte Weltordnung bezeichnet wird, zu bewahren.

Eine der ältesten Schöpfungsmythen ist die, die im Laufe der Zeit wohl die weiteste Anerkennung im alten Kemet fand, ohne allerdings die anderen Mythen gänzlich zu verdrängen; die Kosmogonie der Enneade (Neunheit) von Heliopolis, welches in alter Zeit Iunu genannt wurde.

Im alten Iunu, dem Hauptzentrum des Sonnenkultes, entwickelte sich eine Kosmogonie, die um die sogenannte Neunheit von Gottheiten errichtet war, die aus dem Sonnengott und acht seiner Nachkommen bestand. Die mit dieser Schöpfung für gewöhnlich verknüpfte Gestalt des Sonnengottes ist der oftmals als „Allherr“ bezeichnete Urgott Atum. Es heißt von ihm dass er im Urozean Nun bereits „in seinem Ei“ existierte. Im Moment der beginnenden Schöpfung wurde Atum durch die Kraft seines eigenen Willens als der „Selbstentstandene“ geboren und somit zur Quelle aller weiteren Schöpfung. Sein Name bedeutet in etwa „der Vollendete“ und somit kann er als personifizierter Urhügel betrachtet werden, der sich aus dem Urozean erhob und auf dem sich der Schöpfungsprozess einzig durch die Macht und den Willen Atums in Gang setzte.

Das Auftauchen des Atum wird als Erscheinen des Lichts interpretiert, das die chaotische Dunkelheit des Nun vertrieb. Atum musste, da er ja allein war, seine Nachkommenschaft ohne Gefährtin zeugen. Er erreichte sein Ziel durch Selbstbesamung, wobei „die Hand des Atum“ den weiblichen Part dieses Prozesses übernahm. Demzufolge wird Atum oft zweigeschlechtlich als „der große Er-Sie“ bezeichnet; als „Vater-Mutter der Götter“.

Seinen Sohn Schu gebar Atum indem er ihn ausspuckte, und seine Tochter Tefnut, indem er sie erbrach. Die Funktion des Schu als Gott der Luft wird dadurch abgeleitet wie er geboren wurde, also dem Luftzug der beim Ausspucken entstand, und Tefnut wurde aufgrund ihrer Geburtsweise zur Göttin der Feuchtigkeit und des Feuers; wohl vergleichbar mit dem Brennen im Hals beim Erbrechen und dem feuchten Endprodukt des Ganzen. Somit war das erste göttliche Paar entstanden. Während das Ka in Atum noch zweigeschlechtlich ist, trennt Atum durch diesen Schöpfungsvorgang das Ka in das männliche (Ka) und weibliche (Kat) Prinzip. Schu und Tefnut wurden so zu Göttern, die geeignet waren, den Schöpfungszyklus fortzusetzen. Schu und Tefnut als Urgötterpaar wurden von Nun, dem personifizierten Urozean aufgezogen und das Auge des Atum wachte über sie.

Das Auge von Atum konnte sich von seinem Körper lösen und war auch eigenständig im Handeln und Fühlen. Dieses Auge, das Udjat, spielt in wichtigen Mythen eine große Rolle. Der eine Mythos berichtet, dass die Kinder Schu und Tefnut in den dunklen Wasserwüsten des Nun aus dem Gesichtskreis des Atum verschwanden. Atum sandte daraufhin sein Auge aus, sie zu suchen und zurückzubringen. Während das Auge nach Schu und Tefnut forschte, hatte Atum es durch ein anderes, viel helleres ersetzt. Oftmals wird der Sonnengott Ra als das „junge Auge des Atum“ bezeichnet. Als das erste Auge bei seiner Rückkehr bemerkte, dass sein Platz besetzt war, erboste es. Atum nahm daher das erste Auge und setzte es an seine Stirn, wo es die ganze Welt, die er zu erschaffen im Begriff war, bewachen konnte. Oft wird das Stirnauge als zerstörerische und übelabwehrende Göttin dargestellt (ein Aspekt der brennenden Sonne). In dieser Gestalt wurde das Stirnauge zur Göttin Uto, der sich aufbäumenden Kobra, die in Gestalt der Uräusschlange auf der Stirn der späteren Könige Kemets als Symbol und Verteidigerin ihrer Macht prangte. Weitere Mythen berichten dass aus der Verbindung von Ra und Uto die beiden Göttinnen Maat, die Richtigkeit, und Isfet, das Chaos, hervorgegangen sind.

Ende Teil I

Kemetische Religiösität, oder: Den Göttern das Ihre geben! Teil I

Samstag, 07. Juli 2012

Diesmal möchte ich ein paar grundlegende Überlegungen zu den viel strapazierten und sich häufig vermischenden Begriffe „Spiritualität“ und „Frömmigkeit“ anstellen. Es lohnt sich diese beiden Begriffe genauer zu betrachten, da sie in der Umgangssprache oft ungenau verwendet werden. Dabei werde ich auch ganz kurz auf die jeweilige Begriffsgeschichte eingehen.

Überlegungen zum Begriff „Spiritualität“ und warum er im Bezug auf die kemetische Religiösität im Allgemeinen nicht anwendbar ist

Der Begriff „Spiritualität“ leitet sich von der christlichen Wortschöpfung „spiritualitas“ aus dem Mittelalter ab, der keineswegs auf eine individuelle subjektive religiöse Haltung abzielt, sondern auf die ursprüngliche Geistlichkeit, das innere Wesen, verstanden „als Leben aus und in dem Geist Gottes“. [GEO Religion, S.738]

Nach der Definition des Historikers Kaspar Elm ist Spiritualität „weder das Handeln von Individuen und Gruppen, noch die Methoden und Erfahrungen eines hochgespannten individuellen Frömmigkeitslebens, sondern das religiöse Spezifikum geistlicher Korporationen, ihre auf einen Gründer oder andere ihm vergleichbare Leitfiguren zurückgehende Orientierung auf bestimmte Forderungen des Glaubens oder Bedürfnisse von Kirche und Christenheit, die als normativ sowohl für die Gemeinschaft als auch für ihre Mitglieder verstanden wird.“ [Elm, S. 11]

Eine Haltung, die der kemetischen Religiosität weitgehend fremd ist. Fremd ist gerade auch die mystische Spiritualität, die auf eine Vereinigung von Subjekt und Gott/Göttern, bereits im Leben abzielt. Ebenso schließt sich eine Vereinigung mit „dem Göttlichen“ per se für den Kemeten grundsätzlich aus, denn:  „Dieses Göttlich- oder Gottgehörig-Sein ist stets eine Eigenschaft, die personal aufgefassten Göttermächten und ihren Ausstrahlungen zukommt, es ist niemals zu einem Abstraktum, einem personifizierten Begriff hinter, über oder neben den Göttern geworden. ‚Göttliches‘ schlechthin hat es, losgelöst von den konkreten Göttergestalten, für den Ägypter nicht gegeben – ein Grund für uns, diesen neutralen Begriff in der ägyptischen Religion mit äußerster Zurückhaltung zu verwenden oder, besser noch, ganz auf ihn zu verzichten.“ [Hornung, S.61]

Für uns Kemeten gibt es kein unpersönliches göttliches Abstraktum, kein unpersonifiziertes „Göttliches“. Es gibt „nur“ personifizierte Götter (m/w) und deren Wirken – und es ist die Empfindung dieses Wirkens der Götter, welche in seltenen und besonderen Situationen, auf die der einzelne Mensch keinen Einfluss hat, als netjeri, als göttlich, bezeichnet werden kann.

Spirituelles „Eins werden“ mit einem oder mehreren Göttern ist nach kemetischen Verständnis einerseits nicht nötig, da man nach dem Tod zu einem netjer („Gott“, „Ba des Verstorbenen“) wird und sich ggf. mit anderen netjeru (Pl.), vornehmlich aber mit Osiris, sowieso vereinigt – vorausgesetzt natürlich, der Verstorbene lebte ein frommes, d.h. ma’at-gerechtes Leben. Andererseits aber im Grunde auch überhaupt nicht denkbar ist, da das Subjekt nicht aus einer einzigen Seele, sondern aus vielen recht eigenständigen Seelenaspekten besteht! Der Kemet hat im Leben schon genug damit zu tun all diese Seelenaspekte, worunter eben auch der Körper, chet, gehört, „vereinigt“ zu halten, eine Vereinigung die in dieser Form nur im Leben möglich ist, so dass eine Vereinigung eines Seelenaspektes mit einem oder mehreren Göttern einem Zerreißen der individuellen Seeleneinheit gleich käme. Nach kemetischer Auffassung rückt nämlich der Wunsch sich mit den Göttern, den netjeru, auf rein geistiger Ebene vereinigen zu wollen stark in die Nähe einer Todessehnsucht, da im Tode die Vereinigung der Seelenaspekte, Ba, Ka, Ach, Chet, usw., zerrissen und durch magisch-religiöse Kulthandlungen mühselig wieder zusammengefügt werden müssen, um ein Weiterleben nach dem Tod zu ermöglichen.

Überlegungen zum Begriff „Frömmigkeit“ und warum er im Bezug auf die kemetische Religiösität vorzuziehen ist

Kaspar Elm hat in seinem 1993 erschienen Artikel über die „Spiritualität der geistlichen Ritterorden im Mittelalter“ herausgearbeitet, dass der Gedanke der Frömmigkeit im Mittelalter von den christlichen Denkern und Theologen aus der römischen und griechischen Antike übernommen wurde. Der Gedanke, der eigentliche Gegenstand, bzw. Begriff hinter dem Wort Frömmigkeit, ist also deutlich älter, als das Christentum, und wurde von den frühen Christen als religiöse Haltung bereits vorgefunden und  das Wort Frömmigkeit selbst lässt sich etymologisch auf das mittelhochdeutsche „vrum“/“vrom“ zurückführen, was „nützlich“, „tüchtig“, „tapfer“ bedeutet und erst etwa ab dem 15. Jhd. n.Chr. im christlich-religiösen Kontext verwendet wird. Frömmigkeit meint eine „komplexe seelisch-geistige Grundhaltung und Gestimmtheit des religiösen Menschen in Ehrfurcht, Verehrung und Hingabe“ einem oder mehreren Göttern gegenüber und prägt das Denken, Handeln und Fühlen des religiösen Menschen. „Als allgemeinste Bestimmung von Frömmigkeit erscheint in den verschiedenen Religionen ‚den Göttern das Ihre geben‘, eine äußere rituelle Konformität.“ [GEO Religion, S.192]

Und genau darum geht es im Grunde in der gesamten kemetischen Religion: Den Göttern das Ihre geben! Selbst das allgegenwärtige Prinzip der Ma’at, dass zwar im Sinne Elms durchaus für die Gesellschaft normative Elemente enthält und gewisse Handlungsforderungen stellt, lässt sich auf diese Kurzformel bringen! Wer nach dem Prinzip der Ma’at lebt, gibt der Göttin Ma’at das Ihre, nämlich „Wahrheit, Gerechtigkeit, Weltordnung, Richtigkeit“. Doch ist das Prinzip der Ma’at kein spirituelles Prinzip, es enthält nichts Mystisches mit dem man sich zu „verbinden“ suchen könnte. Es ist ein frommes Prinzip, da es das Denken, Handeln und Fühlen desjenigen prägt, der nach dem Prinzip der Ma’at lebt, und weil man sich immer wieder bewusst für ma’at-gerechte Handlungen und Reden entscheiden muss. Es ist keine kontemplative Technik, die einem ma’at-gerecht werden ließe (Spiritualität), sondern ein idealisierter Appell an den Einzelnen und die Gruppe sich ma’at-gerecht zu Verhalten, was sowohl die Möglichkeit des Scheiterns, als auch die Möglichkeit des nicht- ma’at-gerecht Verhaltens, mit all seinen Konsequenzen im Diesseits und im Jenseits, implizit enthält (Frömmigkeit).

So sind z.B. Geistreisen nach kemetischer Auffassung zwar durchaus möglich, aber das gewaltsame Auseinanderreißen der Seelenaspekte (was eine Trennung eines Seelenteils vom Körper nun mal ist) ist der Ma’at zuwider. Da solche Geistreisen viel Schaden anrichten können werden sie von den dafür langjährig ausgebildeten Priestern nur in aller äußersten Notsituationen angewandt und ausschließlich um die Ma’at wieder herzustellen und Gefahren abzuwenden! Ich denke, in dem Punkt sind sich die kemetischen Priester und die nativen Schamanen recht einig: Geistreisen sind kein Spielzeug zum Vergnügen, sondern eine bitter ernste und gefährliche Angelegenheit, die ausschließlich entsprechend geschulte Fachkräfte ausführen dürfen.

Resümee

Die kemetische Religion ist eine strikt hierarchisch gegliederte Religion mit einer klaren Struktur im Priesterwesen und im Tempelkult. Allerdings gab und gibt es so etwas wie ein Gemeindewesen, wie es z.B. aus dem Christentum bekannt ist, bei den Kemeten nicht. Die meisten Kulthandlungen finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit im innersten Tempel, der eine Residenz der jeweiligen Gottheiten darstellt, statt. Solche Riten sind vor allem Schöpfungserhaltender, bzw. -in-Gang-haltender Natur und sind oft sehr komplex. Sie nehmen häufig z.T. Stunden bis zu mehreren Tagen in Anspruch und sind deshalb nur nach einer jahrelangen Ausbildung durchführbar. Darüber hinaus sind diese Riten für den Otto-Normal-Kemeten nicht, oder nur indirekt, von Belang.

Viel wichtiger für den Einzelnen ist das Gelingen des persönlichen individuellen Lebens, d.h. sein Leben nach dem Prinzip der Ma’at auszurichten. Dazu gehört eben auch mit beiden Beinen im Leben zu stehen und seine individuellen Kenntnisse und Fähigkeiten auszubilden, weiter zu entwickeln und, ganz entscheidend, zum Wohle aller, oder zumindest möglichst vieler, einzusetzen. Dadurch, nämlich durch seine konkrete Lebensführung, trägt der Einzelne entschieden dazu bei den sich stets wiederholenden Schöpfungsprozesses im Gang zu erhalten – die Tempelriten der Priesterschaft sind sozusagen die religiöse Fixierung, die Kür, aber das Entscheidende, ohne die die Riten kaum mehr als frommer Wunsch und heiße Luft wären, ist die konkrete Lebensführung eines jeden Einzelnen und sein Bestreben seine individuellen Veranlagungen in Einklang mit dem Prinzip der Ma’at zu bringen. Natürlich kommt auch dem Kemeten immer wieder der Wunsch nach göttlichem Beistand, die Furcht vor der Intervention böser (chaotischer/Isfet’scher) Mächte, und/oder das Bedürfnis den Göttern für etwas zu danken oder ihnen etwas zu klagen. Doch wie diese Formen „persönlicher Frömmigkeit“ aussehen und gestaltet sein können, und was es bedeutet den Göttern das ihre zu geben, darauf werde ich in einer späteren Folge eingehen.

Literatur:

GEO Themenlexikon Band 15 – 16: Religion; Gaede, Peter-Mathias, GEO und Bibiliographisches Institut & F.A. Brockhaus AG (Hg); Mannheim 2007.

Elm, Kaspar: Die Spiritualität der geistlichen Ritterorden des Mittelalters. Forschungsstand und Forschungsprobleme, in: Die Spiritualität der geistlichen Ritterorden im Mittelalter; Nowak, Zenon, Hubert (Hg); Toruń 1993, S. 7-44.

Hornung, Erik: Der Eine und die Vielen, Altägyptische Götterwelt; 7. Auflage, unveränderter Nachdruck der 6., vollständig überarbeiteten und erweiterten Auflage 2005; Darmstadt, Mainz 2011.

Geist – Seele – Bewusstsein – Körper oder Das Eine und die Vielen – Teil XII von Questing Wolf

Samstag, 19. Mai 2012

Jede individuelle Seele, ist eine Inkarnation ein und derselben Urseele, eine Inkarnation des Mysteriums.

Wir sind alle Inkarnationen ein und derselben Urseele. In unserem Allerinnersten sind wir alle Eins. Ich = Du und Du = Ich.

Aus dem Mysterium ist also das Ur-Syzygy Bewusstsein – Psyche „entstanden“. Der weibliche Pol (Göttin, Psyche), der sich in die vielen, vielen einzelnen Psychen „aufgespalten“ hat bzw. sich als die individuellen Psychen manifestiert (zwei Umschreibungen für ein und dasselbe mit Worten de facto Nichtbeschreibbare), befindet sich in einem ständigen Prozess des Werdens, der ständigen Weiternetwicklung, in einem Prozess des Erkennens seiner wahren Natur, d.h. in einem Prozess des spirituellen Erwachsens und nähert sich dadurch der Erkenntnis des Mysteriums.

Diese wahre Natur, unsere essentielle Natur, ist das „reine Bewusstsein“; ich sollte besser Bewusst-SEIN schreiben, der göttliche Funke, die Monade, die unsere aller Allerinnerstes IST. In Platos Sinne gehört dieses Bewusst-SEIN zur idealen Welt. Es IST einfach das, was wir SIND und sieht sich selbst als Psyche, die sich im Prozess der Bewusst-WERDUNG dessen befindet, was sie wirklich IST. Unsere Wahre Natur, die Inkarnation des Mysteriums als „Gott in uns“, als „reines Bewusst-SEIN in uns“, beobachtet sich selbst als Psyche, die sich allmählich dessen bewusst WIRD, was sie IST. Die Psyche gehört in Platos Sinn zur realen Welt, welche wie schon beschrieben, nur ein Abbild, ein Zerrbild, nur eine Projektion der idealen Welt ist.

Zeit ist eine Illusion, wenn auch eine sehr hartnäckige.
Albert Einstein [i]

Der Gott steht für EWIGES SEIN. Die Göttin steht für ZEITLICHES WERDEN.

Der Gott repräsentiert das Wesen des Mysteriums, das seine Wahre Natur, seinen Ursprung kennt.

Die Göttin repräsentiert die vielfältigen Erscheinungen, die unvollständigen Abbilder des Mysteriums, die sich im Prozess des spirituellen Erwachens ständig weiter vervollkommnen.

Bewusstsein IST, Psyche WIRD. Werden ist ein zeitlicher Vorgang. Werden bedeutet Veränderung und Veränderung ist ein Maß für das Vergehen von Zeit. Veränderung schafft die Illusion der Zeit. Tatsächlich gibt es auch eindeutige physikalische Hinweise darauf, dass Zeit eine Illusion ist. Einstein hatte ja wie schon erwähnt bereits gezeigt, dass es keine absolute sondern bestenfalls eine relative zeit gibt. Die Quantenmechanik kennt den Begriff der Zeit eigentlich gar nicht. [ii] Zeit ist eine Projektion, ein Phänomen der realen Welt, das es in der ideellen Welt nicht gibt. Die Illusion der Zeit kommt dadurch in die Welt, dass sich die Psyche-Inkarnationen des Mysteriums weiterentwickeln müssen, also WERDEN müssen, um zu ihrem Ursprung zurückzufinden.

Kabbala und Kosmogonie

Indem wir aber Theile des Pleroma sind, so ist das Pleroma auch in uns.
Auch im kleinsten Punkt ist das Pleroma unendlich, ewig und ganz, denn klein und groß sind Eigenschaften,
die in ihm enthalten sind.
Es ist dies Nichts, das überall ganz ist und unaufhörlich.
Daher rede ich von der Creatur als einem Theile des Pleroma, nur sinnbildlich,
denn das Pleroma ist wirklich nirgends geteilt, denn es ist das Nichts.
Wir sind auch das ganze Pleroma, denn sinnbildlich ist das Pleroma der kleinste nur angenommene,
nicht seiende Punkt in uns und das unendliche Weltgewölbe um uns. [iii]

Kabbalistisch lässt sich die Entstehung der materiellen Welt in sieben [!] Schritten beschreiben. Sie entsprechen den sieben kabbalistischen Ebenen und auf sie bezieht sich die so genannte Siebenerklassifikation der Esoterischen Anatomie, von der später noch die Rede sein.

I

Kabbalistisch wird das Mysterium durch die Sephirah Kether repräsentiert. Kether ist die Sphäre der Schöpfung und die spirituelle Erfahrung, die dieser Sephirah zugeordnet wird, ist die der Wiedervereinigung mit unserem Ursprung. Kether die nicht-duale Welt, in der Kabbala „Aziluth“ genannt; das ist die erste kabbalistische Welt. Kether, das primäre SEIN, IST aus dem Nicht-Seienden hervorgegangen. Kether IST auf dem Hintergrund des Nicht-Seiens (welches, da es nicht-existent ist, eigenschaftslos, daher unveränderlich und somit „unendlich beständig“ ist); Kether ist der Grund der Manifestation auf dem Hintergrund des Nicht-Manifesten.

Jeder Sephirah im Baum des Lebens wird ein (hebräischer) „Name Gottes“ zugeordnet. Kether wird der Name „EHEJEH“ zugeordnet; dieser Name bedeutet „ICH BIN“.

II

Kether bringt Chockmah und Binah hervor.

Gott und Göttin werden auf der archetypischen Ebene durch die Sephiroth Chockmah (männlich; Gott) und Binah (weiblich; Göttin) repräsentiert. Chockmah und Binah verkörpern die ideelle Welt, die Idee der Welt, ihre Matrix, ihren Bauplan, in der Kabbala „Beriah“ genannt, das ist die zweite kabbalistische Welt. Göttin und Gott repräsentieren auf dieser Stufe die Matrix der Welt, quasi den Bauplan für alles, was im Laufe der Involution noch folgen soll. Ich verwende bewusst den Begriff „Involution“ und nicht „Evolution“, denn mit dem Akt der Selbstreflexion hat der Akt der Manifestation, sprich der Verdichtung und Materialisation, die Immanentwerdung, der Fall des Geistes in die Materie begonnen.

Chockmah symbolisiert den Gott, den Vater, die Weisheit, das Wissen, die Idee der Kraft. Binah symbolisiert die Göttin, die Mutter, das Verstehen, die Idee der Form. Der Sephirah Chockmah wird die spirituelle Erfahrung der „Vision des Ursprungs, den wir suchen“, zugeordnet und astrologisch wird sie als die Sphäre der Fixsterne (Zodiac) gesehen. Die spirituelle Erfahrung, die zu Binah gehört ist die „Vision von Kummer, Leid, Reue, Schmerz und Trauer“ und ihre astrologische Zuordnung ist die Sphäre des Saturns. Im klassischen geozentrischen Weltbild (die Erde im Zentrum, Sonne, Mond, Planeten und Fixsterne in konzentrischen Sphären um die Erde herum angeordnet) ist die Sphäre der Fixsterne die aller äußerste Sphäre, jenseits derer das Nicht-Beschreibbare, dass Un-Fassbare liegt, genau so wie es Flammarions Holzschnitt darstellt (Abbildung 1). Die Sphäre des Saturn ist die zweit-äußerste Sphäre und tatsächlich ist ja der Saturn aus der Sicht des heutigen heliozentrischen Weltbildes (Sonne im Zentrum, die Planeten umkreisen die Sonne) der äußerste Planet, der noch mit bloßem Auge gesehen werden kann und damit ist er auch der äußerste (am weitesten von der Sonne entfernte) Planet, der in der Antike gesehen werden konnte (das Fernrohr wurde erst 1608 erfunden).

Kether, Chockmah und Binah sind die drei spirituellen Sephirot. Sie liegen jenseits („oberhalb“) des Abyss, des Abgrunds, der die spirituelle Welt von der materiellen Welt trennt.

III

Wissen im Zusammenspiel mit Verstehen – das ist die Antriebskraft aller Veränderung und Veränderung sorgt dafür, dass Neues entsteht. In einem fortschreitenden dialektischen Prozess entstehen aus der Urpolarität weitere Polaritäten, immer dichtere Manifestationen des ursprünglichen „Reinen Geistes“, Kether, welche gewissermaßen als Kinder und Kindeskinder aus der ursprünglichen Vereinigung von Gott und Göttin hervorgehen.

So entstehen aus der Interaktion von Chockmah und Binah die Polaritäten Geburah (Dynamik, männlich) und Chesed (Form, Gefäß; weiblich) als Repräsentationen (Spiegelbilder) von Gott und Göttin auf der nächst unteren, der ersten materiellen Ebene. Sie repräsentieren den „oberen Teil“ von Jezirah, der gestaltenden Welt; das ist die dritte der kabbalistischen Welten. Geburah und Chesed stehen symbolisch für den ersten Teil der Ausführung des Bauplans. Diese Ebene stellt eine Vorstufe der stofflichen Welt dar; sie ist gewissermaßen das Skelett der stofflichen Welt, das es mit Fleisch (im wörtlichen Sinn) zu überziehen gilt; der Rahmen, den es auszufüllen gilt. Chesed entspricht der spirituellen Erfahrung „der Vision der Liebe; zu Geburah gehört „die Vision der Kraft“. Chesed ist die Sphäre des Jupiters, Geburah die des Mars. Diese sind, heliozentrisch betrachtet, die beiden nächst inneren Planeten nach Saturn.

IV

Durch die Interaktion dieser beiden Polaritäten Geburah und Chesed, Liebe und Kraft, wird Tiphereth, geboren, das erste direkte Spiegelbild des Ursprungs Kether. Dass es sich bei Tipheret um ein Spiegelbild Kethers handelt, geht u.a. auch aus Abbildung 12 hervor. Tipheret ist die Sphäre der Sonne und des geopferten und wiederauferstehenden (Sonnen-) Gottes respektive Gottmenschen. Die spirituellen Erfahrungen von Tiphereth sind „die Vision von der Harmonie aller Dinge“ und die „des Verstehens des Mysteriums des Opfers“ (der geopferte Gott).

V

Aus Tiphereth gehen die beiden Polaritäten Netzach (Elementarenergie; männlich) und Hod (Formgebung; weiblich) als weitere Spiegelbilder von Gott und Göttin hervor. Sie repräsentieren den „unteren Teil“ der gestaltenden Welt (Jezirah) und stehen für den zweiten Teil der Ausführung des Bauplans, die zur Entstehung der feinstofflichen (astralen) Welt führt. Zu Netzach gehört die spirituelle Erfahrung „der Vision der triumphierenden Schönheit“, zu Hod „die Vision der Pracht, der Herrlichkeit“. Netzach ist die Sphäre des Planeten Venus, des zweit-innersten Planeten des Sonnensystems, Hod ist die Sphäre des Merkurs, des innersten Planeten.

VI

Durch die Interaktion der beiden Polaritäten Netzach und Hod, Form und Energie, Schönheit und Herrlichkeit, wird schließlich Jesod geboren, das Fundament für die materielle Welt und nach Tipheret ein weiteres Spiegelbild des Ursprungs Kether (siehe z.B. wieder Abbildung 12). Jesod ist das Prinzip des Lebens, der Lenker der physischen Welt. Die spirituelle Erfahrung von Jesod ist „die Vision vom Aufbau des Universums“, „die Vision dessen, was die Welt im Innersten zusammenhält“. Jesod ist die Sphäre des Mondes, und der aller unterste Teil von Jezirah, nämlich die astralen Welten.

VII

Jesod ist der Schoß, aus dem die Kräfte von Netzach in die materielle Welt (kabbalistisch Malkuth) hineingeboren werden. Das ist sinnbildlich der Urknall, die erste physische Inkarnation des Lebens. Aus reiner Energie entsteht Materie, entsteht Assiah, die Materielle Welt; das ist die vierte kabbalistische Welt. In der Kabbala wird die materielle Welt durch die Sephirah Malkuth repräsentiert, deren spirituelle Erfahrung „die „Vision des Höheren Selbst (Holy Guardian Angel [iv])“ ist. Die astrologische Zuordnung ist, wie sollte es anders sein, die Erde.

Bewusstsein / Geist / Leben inkarniert in Materie, die im Laufe des Fortschreitens der Evolution immer komplexere Formen annimmt.

Materie ist kristallisiertes Bewusstsein, inkarniertes Leben. Alle Materie ist daher beseelt und belebt.

Bewusstsein bringt Materie hervor.

Das Universum ist mental – ist Bewusstsein! Und wir sind Fleisch gewordenes Wort (ICH BIN).


[i] Es handelt sich um ein Zitat, das Einstein in den Mund gelegt wird. Ob er wirklich so gesagt hat, sei mal noch dahingestellt. Es wird auch immer wieder einmal in der Variante „Die Realität ist eine Illusion, wenn auch eine sehr hartnäckige“ kolportiert.

[ii] In der Quantenmechanik gibt es für jede messbare und somit (zumindest mathematisch) beschreibbare Größe, Observable genannt, einen so genannten Operator (ein mathematische Gebilde, dessen genaue Struktur und Bedeutung in diesem Kontext nicht wichtig sind). Es gibt aber keine Observable der Zeit und keinen Operator der Zeit. Salopp gesagt: in der Quantenmechanik gibt es keine Zeit.

[iii] C.G.Jung: Die sieben Predigten an die Toten (Septem Sermones ad Mortuos); aus der ersten Predigt

[iv] Damit ist nicht der Schutzengel gemeint.

Ende Teil XII