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Schamanismus im Alten Ägypten

Samstag, 25. April 2015

Es ist nicht leicht schamanische Aspekte in der altägyptischen Kultur zu entdecken, unter anderen weil der Begriff Schamane oder Schamanismus ebenfalls in seiner Auslegung variiert, je nachdem welche Autoren man heranzieht. Und noch schwerer ist es die schamanischen Elemente so stichhaltig zu belegen, dass man den aktuell anerkannten Stand der Geschichtswissenschaften überstimmen könnte. Dieser ist nämlich, dass es im Alten Ägypten keinerlei veränderte Bewusstseinszustande im Kult gegeben haben soll. Damit wäre einer der wichtigsten Aspekte der schamanischen Arbeit, die Trance, der Seelenflug oder die Ekstase bereits von vorn herein ausgeschlossen.

Elliott Rivera, Sangoma der Afro-kubanischen Santeria, Wikimedia Commons

Animismus, Totemismus, Götter

Schamanismus ist jedoch oft in einen animistischen Kontext eingebettet und dieser lässt sich durchaus in der altägyptischen Theologie finden. Die Annahme des Alles-Beseelten zeigt sich in mannigfaltigen Vergöttlichungen verschiedenster Erscheinungen der Wirklichkeit. Sogar so abstrakte Begriffe wie „Lebensdauer“ oder „Einsicht“ fanden die Form einer eigenständigen Gottheit. Hier muss man jedoch auch einräumen, dass der Begriff „netjer“ (= altägyptisch Gott) nicht mit dem heutigen, meist monotheistisch geprägten Verständnis von Gott vergleichbar ist. Vielmehr bezeichnet „netjer/netjeri/netjeru“ eine ganze Sphäre von Heiligkeit, die geistartiger Qualität ist und vor allem durch ihr Wirken in Erscheinung tritt. So ist z.B. die Hieroglyphe für „netjer“ ein Fähnchen. Wie der Wind das Fähnchen „belebt“ treten auch die Götter in der Natur in Erscheinung. Auch ist der Mensch durchaus nicht die Krone der Schöpfung. Tiere wurden zum Teil als lebende Avatare der Gottheiten betrachtet und entsprechend behandelt und später fürstlich bestattet. In Darstellungen des Alten Reiches finden sich grafische Deifizierungen menschlicher Wesen in Form von tierischen Attributen, wie Flügel, Tierkörper, Tierköpfe etc.

Schamanismus vs. Tempelkult

Schamanische Arbeit im offiziellen Tempelkult zu suchen – der mit Abstand am besten belegt ist – dürfte ein schwieriges Unterfangen sein, denn es kennzeichnet Schamanen meist im Besonderen, dass er seine andersweltliche Arbeit überwiegend im Kreis überschaubarer sozialer Gruppen durchführte. Die Grenzen zwischen Diesseits und Jenseits für eine Gruppe von Menschen aufzuheben erfordert geradezu einen intimeren Kreis insbesondere, wenn dabei Bewusstseinsmodifikationen herangezogen werden, deren oft schwer kontrollierbare Eigendynamik Zugewandheit und Vertrautheit erfordert. Dies zu gewährleisten ist aber wiederrum unter anderem die Aufgabe von Ritualen und ritualisierten Handlungen. Rituale bieten eine Möglichkeit Wahrnehmung, Verhalten und in der Folge Empfindung auf mehreren Ebenen für viele Teilnehmer zu synchronisieren. Menschen, die schon einmal auf einem Rockkonzert waren, werden diese Massendynamik, synchronisiert durch die Musik, sicher bereits schon einmal gespürt haben. Die Tatsache, dass man im Verlauf der ägyptischen Geschichte großen Wert auf die korrekte und konsistente Durchführung vom Kultritus legte, hat weniger mit Dogmatismus zu tun sondern mit dem Wunsch die Wirkung dieser Handlungen dauerhaft zu erhalten. Und eine der Hauptwirkungen war selbstverständlich der Kontakt mit den Göttern und Wesen der nicht-diesseitigen Welt. Die Grenzen zwischen dem Diesseits und dem Jenseits aufzuheben, war ein Produkt einer ständig wiederkehrenden kultischen Interaktion. Götter waren weder omnipräsent noch omnipotent und ihr Wirken bedurfte der Unterstützung durch den Menschen.

Zwei-Klassen-Mystik

Die altägyptische Gesellschaft entstand aus schamanisch geprägten Nomadenvölkern der Sahara, die zunehmend am Nil seßhaft wurden als die Sahara immer mehr zur unbewohnbaren Wüste wurde. So entstand ein konzentrierter multikultureller Staat aus vielen einzelnen Kulturkeimzellen, die einander anerkannten. Hier liegt auch nicht zuletzt der so unüberschaubar große und vielschichtige ägyptische Polytheismus begründet, denn kaum eine Gottheit musste der anderen weichen. Die ägyptische Kultur verfolgte stets eine Mentalität der Einbeziehung und Erweiterung, statt der Zwangsfusion und Exklusion. Dennoch gab es natürlich im Zuge politischer Schachzüge auch immer wieder Synkretisierungen und Verschmelzungen, doch geschah dies häufig auf staatspolitischer Ebene – und blieb im Großen und Ganzen auch dort. Selbst zur Amarnazeit, als Amenophis IV – besser bekannt als Echnaton – den Sonnengott Aton zum einzigen Gott Ägyptens ausrief, beeindruckte das den normalen ägyptischen Bürger recht wenig, der nach wie vor seine ihm vertrauten Hausgottheiten verehrte. Von den Auseinandersetzungen zwischen Königshaus und Priesterschaft blieb er weitestgehend unbeeindruckt, was nicht zuletzt auch ein infrastrukturelle Gründen haben mag. Auch hier liegt eine nicht zu unterschätzende Grundlage des schier unerschütterlichen Polytheismus.

Diese spirituelle Eigenständigkeit des ägyptischen Volkes legt auch die Vermutung nahe, dass sich in puncto Magie und andersweltlichem Handeln wohl ebenso unabhängig vom großen Staatskult verhalten haben mag. Magische Praktik war dem einfachen Ägypter ja keineswegs untersagt, im Gegenteil, jeder bediente sich gleichermaßen dieser Mittel, wie auch die Priester in den Tempeln. So wäre es fast naiv anzunehmen, dass es im ägyptischen Volk nicht auch Personen gegeben hat, die ihre übersinnlichen Fähigkeiten zum Wohle der engeren Gemeinschaft einsetzten. Für das Gesundheitswesen ist dies z.B. gut belegt. Die Überlieferungen der Arbeiterstadt Set-Ma’at zeigen recht deutlich, dass die altägyptischen Arbeiter trotz organisierter medizinischer Versorgung und Infrastruktur, die Pflege in medizinischen Belangen meist selbst und innerhalb der Familie übernahmen. Da Erkrankungen stets als andersweltliches, magisches Wirken interpretiert wurden, darf man also ruhig davon ausgehen, dass die Versorgung unter Einbeziehung dieser Dimension erfolgte.

Die ägyptische Gesellschaft war entgegen aller idealisierten überlieferten Darstellungen eine Zweiklassengesellschaft und nicht jedem war die Teilnahme am Staatskult mit all seinen Ausprägungen möglich. Dies zeigt sich am deutlichsten an den Begräbnisgepflogenheiten, deren Standesunterschiede größer nicht sein könnten. Dabei ist die Mumifizierung bereits aus der Prädynastik belegt, selbst wenn die Verstorbenen hier auch mal notdürftig in Tierhäute geschlagen wurden. Gerade deshalb finden sich aber unzählige Spuren, die auf eine rege Anwendung von einfachster Magie im Volkskult schließen lassen. Fetische, Amulette, Hausschreine und einiges mehr gehörte zur andersweltlichen Ausrüstung des ägyptischen Bürgers. Im Allgemeinen geht man davon aus, dass der Staatskult den Volkskult inspiriert hat und der durchschnittliche Ägypter versucht den „Großen“ des Staates nachzueifern. Für die Frühzeit ist jedoch zumindest auch die Frage berechtigt, ob dies nicht sogar genau umgekehrt gewesen sein mag und der Volkskult Pate für den Staatskult gestanden hat.

Sem-Priester

Sem Priester mit Pantherfell der eine Wasservase hoch hält, Ausschnitt aus einer Totenstele ca. 1400 - 1350 v. Chr., Walters Arts Museum, Wikimedia Commons Sem Priester mit Pantherfell der eine Wasservase hoch hält
Ausschnitt aus einer Totenstele ca. 1400 – 1350 v. Chr.
Walters Arts Museum, Wikimedia Commons

Für einen Priester gilt das im besonderen, nämlich den Sem, ein altägyptischer Totenpriester, der aus der Prädynastik belegt ist und als einziger Priester mit einem Trance- oder Meditationsartigen Zustand arbeitet, der sog. Schlaf des Sem. Seine Rolle zieht sich nahezu unverändert bis in die Spätzeit hinein, was die Wichtigkeit seiner Funktion deutlich macht. In ihm konzentriert sich der Schnittpunkt zwischen Diesseits und Jenseits.

Die häufigste Interpretation dieses Kultaktes ist, dass der Sem symbolisch die Rolle des Sohnes des Verstorbenen übernimmt und dessen Bild in einen Stein projeziert um dann Bildhauern genaue Anweisungen zur Herstellung einer Statue zu geben. Dazu benutzt er eine Art Netz, der man i.d.R. rein handwerkliche Funktionen zuschrieb, doch einige Historiker legen den Verdacht nahe, dass es sich dabei auch um ein kultisches Werkzeug gehandelt haben könnte, welches ähnlich einem Fischernetz Einsatz fand um die Seele des Verstorbenen sicher aus der Duat zu „fischen“. Denn es bestand die Sorge, dass die Toten in der Duat, die von einem Fluß durchzogen war, verloren gingen und so der Rechtfertigung nicht unterzogen werden konnten, die nötig war um im Reich das „Westens“ als gerechtfertigter Ahnengeist, als Ach, das ewige Leben zu verbringen. Es gibt fast keinen Gegenstand im ägyptischen Kult, der nicht auch magisch-mystische Bedeutung hat. Oftmals ist diese nachträglich neu hinzugefügt oder modifiziert worden, doch man darf mit Recht annehmen, dass nichts nur rein weltliche, praktische Bedeutung hatte, was in den Riten Anwendung fand.

Kultische Spurensuche

Hinsichtlich des prädynastischen Usus Leichname in Tierhäute einzuhüllen, kann man sich ebenfalls erfolgreich auf Spurensuche nach schamanischen Elementen begeben. Das Einhüllen in Tierhäute wird in einem weiteren Ritus vermutet, nämlich das Fest zur Verjüngung des Königs, das sog. Sed Fest, dessen Ursprünge weit vor die Zeit der Frühdynastik zurückreichen. Das Netjeret oder Ba-Ani, das Pantherfell, gehörte zum festen Ornat des Königs und stellte den Geist des Himmelspanthers dar, der Duatgöttin Mafdet, die die Toten schützte aber auch richten konnte. Außerdem trug der Pharao einen Stierschwanz an seinem Ritualgewand von dem angenommen wird, dass es ein Überbleibsel einer kompletten Tierhaut ist.

Eine Verjüngung findet auch regelmäßig für den Sonnengott Re statt, der nachts die Unterwelt mit seiner Barke durchfährt um am nächsten Morgen wieder im Osten seine Himmelsfahrt anzutreten und Re war im Alten Reich das Vorbild aller Verstorbener, die hofften an seinen Verjüngungsfahrten teilnehmen zu dürfen. Hier lässt sich also bereits eine Diesseits/Jenseits Thematik erkennen, die möglicherweise auch Bestandteil des Sed Festes war.

Darstellung eines Tekenu Darstellung eines Tekenu

Die Grenzen zwischen dem Diesseits und Jenseits überschreiten und sogar auflösen zu können, mit den drüberen Wesenheiten in Kontakt zu treten ist eine wichtige Aufgabe der Schamanen vieler Kulturen. Weiters gibt es ein Element des ägyptischen Totenkultes bei dem der sog. „Tekenu“ den Verstorbenen auf der Barke zu seinem Haus der Ewigkeit begleitet. Der Tekenu taucht in den Darstellungen als ein in Tierhäute gewickelter Haufen auf, mit einem menschlichen Gesicht. Einige Interpretationen vermuten eine Art „Ersatzkörper“ mit Köderfunktion, die negative Energien auf sich ziehen und vom Verstorbenen fernhalten soll, andere Historiker sehen aber die Möglichkeit, dass es sich dabei um den oben erwähnten Sem handeln könnte, der in Tierhäute gehüllt und damit für die Jenseitsreise gewappnet, die Reise des Verstorbenen auch von jenseitiger Perspektive überwachte. Das Kleiden in Tierfelle ist aus vielen schamanischen Kulturen bekannt und stellt häufig eine rituelle Verschmelzung mit einem andersweltlichen Wesen oder/und eines Tiergeistes dar oder dient einfach als Schutz. Die Parallele zum Pantherfell, dem schützenden Geist des Himmelspanthers, der bezeichnenderweise wie eine „Umarmung“ mit den Fellpfoten getragen wird, ist hier offensichtlich.

Sistrum, Britisches Museum, Wikimedia Commons

Forscht man noch weiter so entdeckt man noch mehr Hinweise auf die einst schamanische Rolle des Pharaos. Eines seiner Machtsymbole, das Sechem-Zepter (sechem=Macht), ist identisch mit einem Sistrum, einem Rasselinstrument bestehend aus einem Metallbügel und Metallscheiben, welches in der Frühzeit zusammen mit  dem Pantherfell, zur Ausrüstung des Königs gehörten. Vom Sistrum wird angenommen, dass es in der Prädynastik als kultisches Instrument diente um mit Ahnenseelen Kontakt aufzunehmen und somit in seiner Form als Zepter die Fähigkeit demonstrierte, die Grenze zum Jenseits zu überschreiten. Rasselinstrumente sind neben Trommeln als schamanische Werkzeuge in vielen Traditionen üblich.

Das Sistrum ist auch eine wichtige Insignie für eine weitere Gottheit nämlich, Sachmet, „die Mächtige“ und löwengestaltige Göttin die einen weiteren Hinweis auf schamanische Elemente liefert, nämlich den veränderten Bewusstseinszustand.

Rausch, Trance, Ekstase

Sachmet zu Ehren hielt man nämlich ein Fest des heiligen Rausches ab, das Fest der Trunkenheit, dessen Name Programm ist. Das heisst, es wurde in der Tat exzessiv Alkohol getrunken. Sich den Riten zu entziehen wurde schwer mißbilligt, Kontrollverlust galt als unschicklich, jedoch war es völlig akzeptabel sich bis zum Erbrechen zu betrinken.

emetic

Allerdings liegt dem ein Mythos zu Grunde, der deutlich weniger amüsant ist, als es das feuchtfröhliche Fest vermuten lässt. Der Mythos berichtet vom Aufstand der Menschen gegen die Götter insbesondere gegen den inzwischen alterschwachen Sonnengott Re. Manche planen sogar ihn zu töten und verweigern Opfergaben.

DSC_0284 Sachmet, Ägyptisches Museum München

Re beschließt die Menschheit zu vernichten und beauftragt nach einem Götterrat, Sachmet mit dieser Mission zu betrauen, während er sich auf dem Rücken der Himmelskuh in Sicherheit brachte.

Sachmet gerät in einen Blutrausch und kurz bevor sie die gesamte Menschheit ausrottet, überkommt Re Reue und er bittet Thoth um Hilfe. Dieser färbt zusammen mit Re Bier mit rotem Ocker und schüttet es auf die Erde. Sachmet merkte in ihrem Rausch nicht, dass es sich um Bier handelte und trinkt gierig bis sie sturzbetrunken einschläft. Sie erwacht als sanftmütige Hathor, die Göttin des Festes, der Musik und der Trunkenheit. Und das Sistrum ist einer der wichtigsten Hathor Insignien überhaupt.

Schamanismus und moderne kemetische Praxis

Die Suche nach Schamanismus in Ägypten bleibt sicherlich eine Suche nach Indizien, jedoch lohnt es sich als kemetisch Praktizierender diesen Sprung ins Mutmaßliche zu wagen. Viele Lücken in der Kultpraxis lassen sich auf diese Weise überraschend gut schließen, kulturgeschichtliche Fragestellungen, die für die kemetische Praxis von historischer Seite meist nur unbefriedigend beantwortet werden können, finden hier spannende und vor allem praktikable Ergänzungen. Die ägyptische Religion, so überwältigend, kulturell entwickelt und prunkvoll sie auch wirken mag, bleibt im Kern doch eine Naturreligion für deren Beständigkeit der einfache Ägypter und seine selbstbewusste mystisch-magische Auseinandersetzung mit den natürlichen Gegebenheiten über Jahrtausende hinweg sorgte.

Literatur:
Hartwig Altenmüller – die Wandlungen des Sem Priesters
Sabine Neureiter – Schamanismus im Alten Ägypten
Jeremy Naydler – Schamanic Wisdom in the Pyramid Texts
Jan Assmann – Tod und Jenseits im Alten Ägypten
Erik Hornung – Der Eine und die Vielen: Altägyptische Götterwelt

Vom Tod, der Welt danach und dem Totenkult Kemets, geschrieben von Merienptah – Teil V

Samstag, 04. Oktober 2014

Weitere Opfergaben werden am Grab niedergelegt und Weihrauch wird verbrannt, dies soll gemeinsam mit den Ritualen des Sem-Priesters den Ba des Verstorbenen zurückrufen. Durch verschiedene Kulthandlungen und Rituale werden Ka, Ba und der gerechtfertigte Schut aufgefordert in den Körper des Toten zurückzukehren um sich dort auf ewig wiederzuvereinigen um als Ach wiedergeboren zu werden.

Der Widergeborene und nun im Körper des Verstorbenen gefangene Ach muss rituell „belebt“ und vom Körper „befreit“ werden um auf ewig weiterleben zu können. Dafür vollzieht der Sem-Priester an der auf reinem, weißen Sand vor dem Grab aufgestellten Totenstele das sogenannte Upet-ra (Mundöffnungsritual). „Ich öffne deinen Mund, damit du mit ihm redest, deine Augen, damit du Re erblickst, deine Ohren, damit du die Verklärung hörst, dass du deine Beine habest zum Gehen, dein Herz und deine Arme um deine Feinde abzuwehren.“ Damit werden dem Ach alle Fähigkeiten wiedergegeben, die er benötigt um sein jenseitiges Leben beginnen zu können. Darauf folgt dann Das Ritual der „Loslösung“ vom Körper, das es dem Ach ermöglicht den Leichnam zu verlassen um sich zu den „Gefilden der Iaret“ (Sechet iaru) aufzumachen oder um in den Himmel emporzusteigen um in der Barke des Sonnengottes seinen Platz einzunehmen.

Nach dem Abschluss der Zeremonien und Totenrituale folgt ein Festmahl, mit Musik und Tanz. Hier wird der Charakter dieses Festes als Wiedergeburtsfest deutlich. Wesentlich ist hier der Fokus auf der Feier einer neuen Geburt, Gedanken an Trauer und Verlust sind kein Bestandteil dieses Festes. Als letzter offizieller Akt des Festes wird die Totenstele von den Erben des Verstorbenen an die Priesterschaft übergeben, die diese in feines Leinen einhüllen und sie in den Tempel mitnehmen wo sie in den Archiven aufbewahrt wird.

Oftmals werden diese Zeremonien aus verschiedenen Gründen räumlich vom Grab getrennt durchgeführt. Einzig ein Priester, der die „Loslösung vom Körper“ vollzieht agiert direkt an der Grabstätte, die übrigen Rituale und Feierlichkeiten werden in einer Art Zelt im Tempelhof, wenn es sich bei dem Verstorbenen um ein Mitglied der Priesterschaft handelte, oder wenn der Verstorbene eine Privatperson war in einem Festsaal durchgeführt. Umfang und Aufwand der Feierlichkeiten hängt heute wie damals oftmals von der gesellschaftlichen Stellung und dem Geldbeutel des Verstorbenen ab. Im Übrigen wird auch das Grab im Nachhinein etwas anders behandelt als es hierzulande eigentlich üblich ist. Eine Grabbepflanzung und intensive Grabpflege findet nicht statt da das Grab eines Kemeten mit einer einfachen Steinplatte abgedeckt wird, Pflanzschalen oder gar aufwendige Bepflanzungen findet man nicht.

In den letzten Jahrzehnten macht sich in Kemet ein langsamer Renaissance-Trend bemerkbar, eine den Möglichkeiten der Moderne geschuldete oder zu verdankende Wiederbelebung alter Bestattungstraditionen, wie zum Beispiel die Beigabe von Ushebtis, die dem Verstorbenen in den „Gefilden der Iaret“ (Sechet iaru) die Arbeit gänzlich abnehmen sollen. Auch dass beispielsweise „Klageweiber“ den Trauerzug bei der Bestattung begleiten und ihre lautstarke Totenklage erklingen lassen kommt wieder „in Mode“. Auch verschiedene andere altkemetische Rituale finden langsam wieder ihren Weg zurück in die moderne Bestattungspraxis, was allerdings in Deutschland beispielsweise durch die recht strengen Bestattungsgesetze erheblich ausgebremst wird. Durch die gesetzlich bestimmten Rahmenbedingungen unterscheiden sich die Bestattungspraktiken der modernen Kemeten, also die Ausführung und die rituelle Ausgestaltung der Bestattung und des Totenfestes mittlerweile von Land zu Land teilweise recht stark voneinander. Aber trotz aller regionalen Unterschiede bleibt der religiöse Hintergrund der gleiche.