Mit ‘Sia’ getaggte Artikel

Vom Ursprung der Dinge – Teil II geschrieben von Merienptah

Samstag, 26. April 2014

Urhügel, Urlotos oder Urkuh sind verschiedene Umschreibungen für den tragenden Grund der Schöpfung, sie verorten den Beginn des Seins und erlauben uns diesen Urakt der Schöpfung vor unserem inneren Auge zu visualisieren ohne dabei jedoch Anspruch darauf zu erheben die „einzig wahre Wahrheit“ in Form einer Aufzählung historischer Fakten zu vermitteln. Aus diesem Grund der Schöpfung steigt die Sonne auf und formt durch ihr Licht den Raum und durch ihren Lauf die Zeit. Der Startpunkt der Schöpfung ist definiert. Der Urkeim der Welt wird in anderen Schriften auch als „kosmisches Ei“ beschrieben, das sich am Uranfang noch im Leib des „großen Schreiers“ befindet, des Urvogels, dessen Schrei die Urstille durchbricht, noch bevor die Sonne aus seinem Ei emporsteigt. Diesen Vogel sieht man als den Reiher Benu, der sich als erstes Wesen überhaupt auf dem Urhügel niederlässt. Spätere Mythen setzen ihn mit dem Phoenix gleich.

So erscheint der Schöpfer in vielerlei Gestalten – als Mensch, als Vogel oder auch als Schlange, die ja das eigentliche Urwesen ist. In menschlicher Gestalt wird der Schöpfers als Atum verehrt, der mit seiner Hand den ersten Samen erzeugte oder das erste Götterpaar ausspuckte oder -nieste. Dieses erste Götterpaar sind in den Schöpfungsmythen Kemets Schu und Tefnut. Von Schu heißt es in den Sargtexten ausdrücklich, er sei „nicht in irgendeinem Ei gebildet“. Mit diesem ersten Götterpaar und dessen Nachkommen Geb und Nut beginnt der Lauf der natürlichen Fortpflanzung und Vermehrung, und mit den vier Gottheiten der folgenden Generation (Osiris, Isis, Seth und Nephthys) ist das System der „Neunheit“ abgeschlossen, die in den kemetischen Mythen vom Anbeginn eine so wichtige Rolle spielt – unabhängig von Ort und Zeit, auch wenn diese Neunheit und ihre Kosmogonie aufgrund ihres Urgottes Atum und dessen Hauptheiligtum in Heliopolis (dem alten Iunu) oft als „heliopolitanisch“ bezeichnet wird. Ihr wird dann oft eine sogenannte „memphitische“ Kosmogonie gegenüber gestellt, in der Hauptgott der alten Landeshauptstadt Memphis (Mennefer) Ptah, oder genauer Ptah-Tatenen als Schöpfer wirkt, der durch sein Wort die Welt erschuf; indem er die sie in seinem innersten ersann und durch den Ausspruch seiner Zunge ins Leben rief. Durch diesen Akt der willentlichen Schöpfung wurde Ra geboren, aus dem Schu und Tefnut hervorgingen und sich die Schöpfung wie bereits aus Heliopolis bekannt in Gang setzte.

Die Überlieferung der Schöpfung durch das Wort als Akt des Willens reicht unabhängig von diesem am memphitischen Hauptgott orientierten Mythos bis zu den Pyramidentexten zurück und ist keineswegs nur mit Ptah verbunden. In den alten Texten wird berichtet wie der Sonnengott durch planende Einsicht (Sia), schaffenden Ausspruch (Hu) und wirksamen Zauber (Heka) wirkt – diese drei Schöpferkräfte begleiten ihn auf seiner Fahrt und helfen ihm nachts in der Unterwelt sein Schöpfungswerk zu erneuern. In einem anderen Mythos war am Anfang das Wort des Amun, der als Urvogel seine Stimme erhob. In diesem Mythos handelt es sich beim Urvogel allerdings nicht um einen Reiher, sondern um einen Ganter, das heilige Tier des Amun, und sein Name wird mit „der große Schnatterer“ wiedergegeben. Auch der Göttin Neith wird in alten Mythen nachgesagt sie habe durch sieben Aussprüche die Welt ins Leben gerufen, andere Texte berichten allerdings davon dass es sich dabei um ein siebenfaches Lachen und demzufolge um eine eher ungeplante Initialzündung der Schöpfung gehandelt haben soll.

In der Gestalt der großen Göttin Neith tritt uns erneut eine weibliche Schöpfergottheit entgegen, eine Urmutter allen Seins, aus deren Schoß nach den alten Kosmogonien von Sais (Sau) und Esna (Iunyt / Senat) die Sonne geboren wurde. Ihre enge kultische Verbindung mit der Urkuh Mehet-weret führt uns wieder zur Vorstellung von der Himmelskuh zurück, welche die Sonne und alle Gestirne trägt. Als Universalgöttin taucht Neith auch oftmals bildlich, anders als gewohnt, nicht mit der roten Krone des Nordens sondern mit Kuhgehörn und Sonnenscheibe auf. Denkt man an die bedeutende Rolle, die Neith schon in der Frühzeit Kemets spielte, und an ihre alte Verkörperung in einem Käfer, so macht dies ihre Stellung im Zentrum alter kosmogonischer Vorstellungen deutlich, die später erst von anderen überlagert wurden; der Käfer der Neith verschwindet im Laufe der Zeit und weicht der Erscheinungsform des Sonnengottes Re als Skarabäus Chepri.

Erwähnenswert ist hier auch dass der Mythos um Neith wohl weitaus älter als der heliopolitanische ist und nie mit diesem oder den sich auf ihn beziehenden Kosmogonien verknüpft wurde; auch werden Neith oder ihre Nachkommen wie beispielsweise Chnum, Heket, Menhit oder Sobek, die alle gewisse „Schöpferqualitäten“ ihr Eigen nennen, niemals wirklich in den heliopolitanischen Götterhimmel integriert. Sie bilden eine eigenständige parallele Götterwelt. Also vom kemetischen Pantheon zu sprechen wäre genauso falsch wie von DEM kemetischen Schöpfungsmythos, da es davon in Kemet jeweils mehrere verschiedene gibt.

Neben Neith wird auch Chnum als Schöpfer verehrt. Es heißt er schafft durch das Werk seiner Hände, man sagt er ist derjenige Gott, der die Menschen oder gar das Urei und mit diesem die ganze Welt aus Ton auf seiner Töpferscheibe formt. Auch Ptah, in seiner Funktion als Gott der Handwerker und Künstler, wird als ein solcher Bildner gesehen, der nicht nur durch das Schöpferwort, sondern wie ein Künstler die Welt als sein Werk formt.

All diese verschiedenartigen Aussagen Kemets über Schöpfung und Schöpfer lassen sich weder in ein zeitliches Nacheinander noch ein geographisches Nebeneinander bringen. Sie durchdringen einander und ergänzen sich gegenseitig. Sie sind Versuche, die komplexe Weltentstehung möglichst differenziert zu beleuchten und so besser verständlich zu machen. So sind die Person des Schöpfers und die Art seines Wirkens im kemetischen Glauben nicht verbindlich festgelegt, aber es gibt dennoch eine ganze Reihe von gemeinsamen Aussagen. Der Schöpfer, ganz gleich welcher damit nun gemeint ist, ist „von selbst entstanden“ (cheper djesef); er hat keinen Vater und keine Mutter, sondern hat „sein Ei selber gebildet“, wie es in einem Hymnus zu Ehren Amuns so schön beschrieben wird. Die Schöpfergottheit gehört vor die geschlechtliche Differenzierung in männlich und weiblich, ist daher „Vater und Mutter“ in einem, oftmals androgyn dargestellt. Vor allem tritt der Schöpfer als der „Eine, neben dem nichts anderes ist“ in Erscheinung, der sich selbst zu dem „Einen, aus dem Millionen werden“ macht.

Ende Teil II

UPG, Doxa oder „Aber für MICH ist das so….“

Samstag, 23. März 2013

Es gibt kaum eine Internet-Diskussion in einem wie auch immer gearteten mystisch-magischen oder spirituellen Kontext, die ohne die gewichtigen Worte „Aber für mich ist das so…“ auskommt um damit als leicht pikiertes Totschlag(pseudo)argument jeden weiteren sachlichen Diskurs auszuhebeln. Denn würde man sich sachlich argumentativ gegen diesen vehementen Ausdruck persönlichen Erlebens auflehnen, bekäme man die Rolle des unsensiblen, dogmatischen Gefühlsklotzes gleich gratis mitgeliefert. Persönliche Erfahrungen mit dem „Übersinnlichen“ kritisch zu hinterfragen, stellt für die meisten einen direkten Angriff auf die Integrität ihrer Person als spirituelles Wesen dar. Ob eine solche (Über)Bewertung individueller Offenbarungen als Identifikationsgrundlage immer so gesund ist, wäre natürlich noch hinterfragbar…

Die Begriffe „UPG“  und „Doxa“ hört man recht selten in deutschsprachigen Foren, was ich für einen großen Verlust halte, ermöglichen sie doch eine konstruktive Unterscheidung sowie einen souveränen Umgang mit persönlichen Erfahrungen und Erkenntnissen mit dem Ungewöhnlichen und Außerordentlichen im tradierten Rahmen wiederbelebter antiker Kulte und Religionen.

UPG – „unverfied personal gnosis“

Ein UPG ist eine „nicht-verifizierte persönliche Erkenntnis“. Ursprünglich kommt dieser Begriff aus dem Wicca Kontext und wird erstmals von Kaatryn MacMorgan in ihrem Buch „Wicca 333: Advanced Topics in Wiccan Belief (2003)“ genannt. Gemeint sind damit persönliche Offenbarungen, Erkenntnisse und Erfahrungen im Rahmen einer spirituellen oder religiösen Praxis, die nicht durch historische oder mythologische Quellen eindeutig belegbar bzw. der Tradition zuzuordnen sind. Gerade im Umgang mit rekonstruierten antiken Traditionen hat dieser Begriff in der internationalen Pagan-Szene einen festen Stellenwert erlangt und erweist sich als ausgesprochen nützlich um persönliches Erleben von tradierten Inhalten sauber zu trennen, ohne das eine oder das andere grundsätzlich zu negieren. Je nach persönlichem Geschmack oder je nach Ausrichtung kann sich die individuelle Praxis vermehrt auf die traditionellen Aspekte oder die individuellen Erfahrungsinhalte stützen. Beides hat seine unumstößliche Bedeutung, eines der beiden Aspekte als kategorisch „falsch“ zu bewerten, wäre äußerst kurzsichtig und einfältig gedacht.

Doxa

Auch „Doxa“ ist erstaunlicherweise hierzulande ein selten verwendeter Begriff, obwohl er wesentlich älter ist. Er stammt nämlich aus der griechischen Antike, genauer gesagt von Platon, und taucht heute in Begriffen wie „Orthodoxie“ oder „paradox“ auf. Gemeint ist hier nun Doxa als populäre Meinung bzw. verbreiteter Glaubenssatz, der eine Art Zwischenstufe zwischen Wissen und Nichtwissen bildet. Doxa kann dabei ein Glaubensinhalt sein, der durch logische Argumentation erhärtet, aber letztlich nicht eindeutig bewiesen werden kann. Vor allem aber erhält eine Doxa ihr Gewicht durch die Zahl ihrer Vertreter und deren wiederholtes Verkünden selbiger. Eine derartige Meinung kann daher auch das Glaubensfundament ganzer Kollektive bilden und dabei ein wichtiger gemeinsamer Identitätsbildner werden. Als solche ist sie auch zweifelsohne ernst zu nehmen.

Oftmals bilden sich solche Glaubengrundsätze in bestimmten sozialen Kontexten von ganz allein, wenn Einzelaussagen und Meinungsfragmente ein gewisses Potential zur Popularität besitzen (was nicht zwangsläufig für ihre Qualität spricht). Es gibt eine Reihe solcher „Glaubenssatz-Evergreens“ die in der spirituellen Szene immer wieder gern unhinterfragt abgespult werden und über kurz oder lang als fester Bestandteil einer Tradition wahrgenommen werden, selbst wenn sie mit der historischen Realität kaum übereinstimmen.

Doch ist dies durchaus kein modernes Phänomen, denn auch in der von Jan und Aleida Assmann definierten „Mnemohistorie“ bilden gerade diese Glaubenssätze ein wichtiges Objekt zur Untersuchung kultureller Entwicklungen. Mnemohistorie beschäftigt sich nicht mit historischen Fakten, sondern damit, wie Geschichte erinnert wird, wie sich diese Erinnerung im Laufe der Zeit verändert hat und welche Faktoren dafür maßgeblich waren.

Manchmal resultieren aus Ansammlungen einzelner Meinungsfragmente unterschiedlicher Glaubens- und Praxisrichtungen auch neue mehr oder weniger fest umschriebene Glaubenssysteme, die dann gern als „eklektisch“ überschrieben werden, wobei man im religiösen Kontext korrekterweise von „Synkretismus“ sprechen müsste. Der leicht ironische Begriff „Patchwork-Religion“ stellt recht bildhaft dar, was hiermit gemeint ist.

In der platonischen Philosophie bildete Wissen und Doxa ein (funktionales) Gegensatzpaar, was in der modernen Wissenschaft sogar noch zu „Irrtum und Wahrheit“ verschärft wurde. Ein Irrtum hat allerdings schon die Qualität eines „Fehlers“ und wertet damit die Inhalte einer Doxa unnötigerweise ab. Es wäre vielleicht passender Doxa zunächst einmal als eine Form von Illusion zu verstehen, die sich als Folge unterschiedlicher innerer Prozesse des Betrachters ergibt und vielleicht nicht so sehr über die Wirklichkeit wohl aber über diese Denkprozesse Aufschluss geben kann und als solches nicht unbedeutend ist.

Umgang mit UPGs und Doxas im Kemetismus

Wie geht man nun im Rahmen einer so reichhaltigen Kulttradition wie der kemetischen mit solchen Dingen um? Der Rahmen in dem sich persönliche Offenbarungen abspielen, ist gerade im Kemetismus oft recht eng gesteckt, will man den traditionellen Inhalten noch gebührend Rechnung tragen und nicht etwa der esoterischen Ägyptomanie bezichtigt werden. Gleichzeitig liefern aber die mannigfaltigen zum Teil widersprüchlichen mythischen Inhalte auch wiederrum viel neue Inspirationen zur individuellen Interpretation.

Ich denke, die Herausforderung besteht vor allem darin eine Balance zwischen dem Erhalt der Tradition und individueller Interpretation zu finden und damit letztlich eine konstruktive, organische Entwicklung zu ermöglichen. Ein festgeschriebener traditioneller Kontext lädt in gewisser Hinsicht geradezu dazu ein, ihn durch spirituelle Eigenerfahrung aufzubrechen und damit letztlich auch immer wieder neu zu beleben. Gleichermaßen bildet die festgeschriebene Kulttradition auch ein solides Fundament zu dem jederzeit aus geistigen Höhenflügen sicher zurückgekehrt werden kann.

Hier liegt für mich auch der ganz wesentliche Unterschied von klassischer Ägyptologie und Kemetismus. Wissenschaft und spirituelles Erleben müssen einander – obgleich sie als gegensätzlich erlebt werden können – nicht ausschließen, sondern können sich gegenseitig positiv bereichern.

Sia – die Einsicht

Auch die kemetische Tradition besitzt die Erkenntnis als spirituelle Größe. Gemeint ist hier die Personifikationsgottheit Sia zu deren Qualitäten Verstand, Weisheit und Einsicht gezählt werden. Sie steht in Verbindung mit einer weiteren Personifikationsgottheit nämlich Hu (=der göttliche Ausspruch). Damit wird schon etwas klarer um welche Art von Einsicht es sich hier handelt, nämlich um Eingebungen aus einer Sphäre göttlicher Weisheit. Das interessante dabei ist, dass Sia nicht nur eine eigenständige Gottheit ist, sondern gleichermaßen auch eines der Seelenaspekte jedes einzelnen Menschen. Erkenntnis wird also nicht nur als Ereignis betrachtet, sondern als substanzieller Teil des Individuums und seiner Integrität als Person. Daher lässt sich vermuten, dass Sia des einen Menschen nur unscharf abgegrenzt ist von Sia eines anderen Menschen. Vielmehr sind sie über Weisheit, Verstand und Einsicht miteinander interaktiv verbunden, durch eine Art kollektives (göttliches) Bewusstsein deren Ursprung in einer Sphäre außerhalb der vom Menschen im Alltag erfahrbaren Welt zu suchen ist.

Hu und Sia stellen die wichtigsten Aspekte der Schöpfungskraft (=heka) des Sonnengottes dar. Der Ägyptologe Siegfried Schott bezeichnet sie auch als „Hilfsgötter der Willensbildung“. Im Hinblick auf ihre Qualitäten „Weisheit, Verstand und Einsicht“ wird schon erahnbar, dass es hier nicht um eine Willensbildung im Sinne niederer Triebe und gieriger Bedürftigkeiten geht, sondern um eine höhere Form der Willensbildung. Nämlich der auf Einsicht und Weisheit beruhende Wille, der kosmischen Ordnung der Ma’at – also dem dynamischen Ideal der allverbindenden Gerechtigkeit und Weisheit – gerecht zu werden.

Dieser Artikel ist im Rahmen eines internationalen Blog Projektes namens „Kemetic Round Table“ entstanden. Auf der KRT Mainpage sind zu diesem Thema aktuell  noch weitere Artikel der inzwischen 16 teilnehmenden Blogs aus aller Welt verlinkt. Wir freuen uns, wenn Ihr mal vorbeischaut und vielleicht sogar den einen oder anderen Kommentar hinterlasst. Senebty!

Die kemetischen Seelenaspekte

Samstag, 31. März 2012

Um die kemetischen Seelenaspekte besser erfassen zu können, erweist es sich als sinnvoll sich von der verbreiteten „Körper-Seele-Trennung“ ein wenig zu lösen. Diese scharfe Abgrenzung gibt es im kemetischen Bewusstsein auf das Individuum bezogen ebenso wenig, wie auf die Schöpfung im Allgemeinen. Sehr viel zutreffender ist die Vorstellung von der beseelten und damit lebendigen Materie, in der sich der Schöpfungsprozess im Kleinen wie im Großen unentwegt von Neuem vollzieht. Auch gibt es kein „Gesamtkonzept“ der Seele. Die Vorstellung von miteinander verbundenen bzw. sich überschneidenden Einzelteilen kehrt im kemetischen Glauben an vielen Stellen wieder.

Einige der Seelenaspekte sind dem was man gemeinhin als Materie wahrnimmt deutlich näher, andere wiederrum von luftiger/geistartiger Qualität, manche sind eher ein Zustand, andere wiederrum durchaus wesenhaft und damit sehr nah an der Vorstellung eines eigenständigen Individuums. Einige beziehen sich vorwiegend auf die Sozialsphäre, andere wiederrum auf die Individualsphäre. Die Übergänge sind hier natürlich ebenfalls fließend.

Ka
Das Ka steht für das, was man auch als soziale Identität umschreiben könnte, bezieht sich dabei aber stark auf das individuelle Handeln in einem sozialen Kontext und weniger auf das So-Sein eines Menschen. Als solches bleibt es in der Erinnerung an einen Menschen auch nach dem Tod erhalten und wird gleichzeitig zum Schutzgeist des Verstorbenen. Man spricht ja auch heutzutage vom „Geist des Künstlers XY“ der in seinem Werk weiterlebt. Genauso verhält es sich auch mit dem Ka.

Ka-Statue des Horawibra
(Ägyptisches Museum, Kairo)

Ka ist auch die wesenhafte Lebenskraft, sowohl der Menschen als auch der Götter. Da Lebenskraft für die Kemeten gleichbedeutend ist mit prozesshafter, also sich fortwährend aufs Neue vollziehender Konnektivität, ist Ka auch so etwas wie die „Ma’at des Körpers“. Als solches ist Ka (als soziale Identität) natürlich auch in die Ma’at (als soziales Prinzip) untrennbar eingebunden. Tut etwas dem Ka nicht gut, wie etwa boshafte Zeitgenossen, üble Nachrede, Neid, Habgier, aber auch brennende Sehnsucht oder Liebeskummer, gefährdet dies auch immer die Gesundheit des Körpers. Hierin zeigt sich auch wieder das kemetische Bewusstsein über die Lebensnotwendigkeit der positiven und wohlwollenden Gemeinschaft.

Götter wie auch Könige haben oft mehrere Kas (kemetisch Kau), besonders post mortem, da das Ka dann als vervielfältigbar gilt. Das Ka bewohnt die unzähligen Bildnisse, die einem Verstorbenen geschaffen wurden, weswegen in Kemet auch ein ausdrückliches BilderGEbot herrscht um das Gedenken einer Person, aber auch eines Gottes aufrecht zu erhalten und damit die Unsterblichkeit des Ka zu sichern. Die Gemeinschaft als Lebensgrundlage löst sich damit also auch nach dem Tod nicht auf, sondern bleibt über diesen hinaus bestehen. In der Notwendigkeit des Bildnisses drückt sich wiederrum das Bewusstsein von der beseelten Materie aus. Damit erhält der Tod selbst auch einen sehr diesseitigen Aspekt.

Das spezifische Wirken einer Gottheit drückt sich ebenfalls durch Ka aus z.B. ist der Wind, das Ka des Luftgottes Schu oder das Wasser des Nils und dessen fruchtbarer Schlamm das Ka des Osiris.

Ba
Die frei bewegliche Individualseele Ba, wird als Falke mit einem Menschenkopf dargestellt. Ba hat einen engen Bezug zum Leib Chet. Besonders nach dem Tod und nach vollzogenem Totenkult braucht das Ba den Leib um immer wieder dorthin zurückzukehren und sich zu verjüngen. Diese Verjüngung hat seine Parallele im Sonnenlauf. Der Sonnengott Re durchfährt nachts die Unterwelt mit seiner Barke um am nächsten Morgen verjüngt wieder im Osten seine Himmelsbahn anzutreten. Den Toten wünscht man, dass sie einen Platz auf der Barke des Re erhalten mögen um an diesen Verjüngungsfahrten des Sonnengottes teilzunehmen und damit in den Zyklus der fortwährenden Verjüngung und somit des ewigen Lebens einzutreten.

Ach
„Der göttliche Glanz“ oder der Ahnengeist der die Verklärung durch den Totenkult erfahren hat ist das Ach. Es handelt sich dabei also um einen herbeigeführten Zustand des Ba, welcher aber auch Züge einer eigenen Wesenhaftigkeit hat und den Verstorbenen zu einem überirdischen Wesen macht – zu einem Gott, einem netjer. Damit weicht auch der menschenferne Gottesbegriff nach monotheistischem Verständnis etwas auf und die Götter (netjeru) rücken deutlich näher in die menschliche Sphäre und können teilweise sogar als eine Art Urahnen verstanden werden. Ihre Macht und Bedeutung hängt damit also nicht allein von ihrer Bezeichnung als Götter ab, sondern von ihrem Wirken und Handeln, was wiederrum dem Prinzip der Ma’at und dem darin enthaltenen Primat der Tat entspricht. So konnte zum Beispiel auch der berühmte Arzt und Würdenträger unter König Djoser Imhotep nach seinem Tod zu einem weithin verehrten mächtigen Heilsgott werden.

Der Schopfibis als Symbol für das Ach
(Ramesseum, Theben)


Chet

Für die Kemeten macht es zunächst keinen Unterschied ob der Leib tot oder lebendig ist. Chet ist der Leib und damit das perfekte Abbild eines Menschen. Durch den Erhalt des Leibes, die Mumifizierung, wird also ein vollkommenes Denkmal, geschaffen. Oft gab man den Verstorbenen aus diesem Grund auch Ersatz-Leiber in Form von Statuen mit auf den Weg ins Jenseits für den Fall, dass der mumifizierte Leib zerstört würde.

Das Chet ist wiederrum beseelt und damit belebt von Ba und Ka, welche ihrerseits auch das Chet benötigen um ein irdisches Leben zu führen und die Körperlichkeit zu erfahren. Den Toten wünscht man  sogar, dass sie durch die Vereinigung ihres Bas mit dem Chet der körperlichen Lust frönen mögen, denn dazu ist aus kemetischer Sicht ein Leib unverzichtbar.

Die Wichtigkeit und Heiligkeit des Körpers ist für Nicht-Kemeten oftmals ungewohnt und nicht leicht zu verstehen. Viele Religionen und Kulturen lehnen die Verehrung des Körpers und der Körperlichkeit ab oder sehen darin zumindest nichts von außerordentlicher Wichtigkeit. Oft gilt der Körper aufgrund seiner Anfälligkeit und Vergänglichkeit als wenig bedeutsam, mitunter sogar als Quelle allen Übels oder trägt lediglich die Bedeutung eines vorübergehenden Vehikels. Dies trifft in Kemet nicht zu. Man kann durchaus von einem regelrechten „Körperkult“ sprechen, was sich nicht zuletzt auch in einer sehr freien, unbeschwerten Haltung zur Sexualität äußert und sich aufs allerdeutlichste im Totenkult und der Mumifizierung manifestiert.

Sah
Chet wird durch Mumifizierung zu Sah, man spricht auch vom „Mumienadel“. Sah ist also nicht so sehr die Mumie selbst, sondern eher ein Zustand der Ehrung oder „Veredelung“ des Körpers, der von allem weltlichen gereinigt wurde und damit zu einem Sitz eines Gottes wird. Das was also mit dem Ba geschieht, wenn es zu Ach wird, ist eine Parallele zu dem was mit dem Chet geschieht, wenn es zu Sah wird.

Die mythologische Parallele ist hier das Zusammensetzen, Verbinden und neu beleben des ermordeten Osiris durch seine Gattin Isis, seine Schwester Nephthys, vor allem aber auch seinen Sohn Anubis. Auch hier stellt sich das Leben wiederrum als Inversion des Zerrissen-oder Zerstückeltseins dar. Die Mumienbinden können daher als Metapher für das Verbinden der einzelnen Körperglieder gesehen werden.

Ib
Das Herz ist für die Kemeten der Sitz des Fühlens und Denkens sowie Mittelpunkt des konnektiven Prinzips, das sowohl Körper- also auch Seelenaspekte zusammenhält. Eine etwas amüsante Bedeutung kam aus der Sicht der altägyptischen Medizin dem Gehirn zu, welches wir ja in der modernen Welt an der Spitze der physiologischen Hierarchie sehen: es war nämlich lediglich für die Schleimproduktion der Nase zuständig und damit nach der Mumifizierung verzichtbar. Es wurde durch die Nase entfernt.

Das Ib ist so etwas wie die „Blackbox“ eines Menschen, das sämtliche Herzensregungen seines Lebens enthält. Beim Totengericht wird es gegen die Feder der Ma’at aufgewogen und fungiert als eine Art Lügendetektor während der Verstorbene sich für sämtliche Taten seines Lebens vor dem Göttergremium rechtfertigt. Besteht der Verstorbene diesen Test, wird ihm sein Ib zurückgegeben und er darf ins ewige Leben als „Gott unter Göttern“ eintreten. Parallel dazu wird an der Mumie die Rückgabe des Herzens vollzogen, das eigene für die Ewigkeit konservierte Herz wird dieser also wieder in den mumifizierten Leib zurück gelegt. Erst später wurde es getrennt von der Mumie in Kanopen aufbewahrt,  jedoch mit dieser gemeinsam bestattet.

Sia
Die Erkenntnis oder göttliche Eingebung wird Sia genannt. Interessant ist hier, dass die kemetische Religion eine göttliche Offenbarung nicht als etwas vom Menschen getrenntes sieht, sondern als Seelenaspekt des Individuums. Damit ist Sia auch so etwas, wie der dem Menschen innewohnende göttliche Funke. Sia ist aber gleichzeitig auch eine eigene Gottheit und reiht sich damit in eine besondere Art von Personifikationsgottheiten ein, zu welchen auch Shai (das Schicksal, die Lebensdauer) oder Hu (der göttliche Ausspruch) gehören. Gerade in Zusammenhang mit Hu, tritt Sia sehr häufig auf.

Ren

Der Name eines Menschen wird als Ren Bezeichnet. Nach kemetischem Verständnis, kann niemand ohne Namen vollständig ins Leben treten. Man könnte sagen, Ren ist das, was sich als Empfindung des „Sich-gemeint-Fühlens“ manifestiert, wenn man den eigenen Namen hört oder ausspricht. Ren ist, was man an der Schwelle des Seienden in das Noch-Nicht-Seiende „hineinruft“ um jemanden ins Leben zu holen.

Oft enthalten altägyptische Namen auch einen eindeutigen Bezug zu Gottheiten, die auf diese Weise zu Lebensbegleitern werden. Solche Namen lauten z.B. Sat-Amun („Tochter des Amun“), Sahure („Re gelangt zu mir“), Amenhotep („Amun ist zufrieden“), Heqa-Ptah („Ptah ist mein Herrscher“). Andere Namen beziehen sich nicht auf Gottheiten, sondern sagen etwas über den Namensinhaber aus, wie z.B. Hatschepsut („Die erste der edlen Damen“) oder Nechetnebef („Der Starke seines Herrn“), Djoser („Der Erhabene“)

Kartusche mit dem Thronnamen Ramses II., Karnak-Tempel
User-maat-Re-setep-en-Re („Mächtig ist die Ma’at des Re, Erwählter des Re“)


Schut

Schut ist der beseelte Schatten und gehört zu den Seelenaspekten die mit am schwersten zu erfassen sind. Man könnte den Schatten es als eine Art Untermauerung des Seins erklären. Etwas das ist, wirft auch Schatten. Zwischen Ka und Schut besteht eine große Ähnlichkeit, jedoch ist Schut deutlich subtiler, aber dennoch unübersehbar vorhanden. Schut hat außerdem eine Schutzfunktion für den Menschen um Übel von ihm fernzuhalten.

Der Mensch aus kemetischer Sicht
In diesem Seelenmodell spiegelt sich die kemetische Auffassung vom Menschsein in allen Facetten wieder. Diese sieht den Menschen im fortwährenden Spannungsfeld zwischen Individualität und Kollektivität, Bewegung und Stille, Stofflichkeit und Geist, Leben und Tod. Dabei versucht es die Balance nicht in einem Ausgleich vermeintlicher Gegensätze zu finden, sondern darin das gesamte Spektrum zur gleichen Zeit zuzulassen, ihm Struktur zu geben und damit die Vielschichtigkeit der menschlichen Natur in vollem Umfang anzuerkennen.

Literatur:
Jan Assmann, Tod und Jenseits im Alten Ägypten
Hans Bonnet, Lexikon der ägyptischen Religionsgeschichte
Eberhard Kusber, Dissertation: Der altägyptische Ka – Seele oder Persönlichkeit?

Fotos und Hieroglyphen, Wikimedia Commons:
Relief  am Ramesseum in Theben, von Rémih
Ka-Statue des Horawibra, von Jeff Dahl
Thronname Ramses II., von Dapaan