Mit ‘Sonnenlauf’ getaggte Artikel

Ma’at als soziales Prinzip

Samstag, 10. März 2012

 

Ma’at ist ein schwer fassbarer Begriff. Jeder Versuch sie kurz und knapp zu Beschreiben muss notwendig zu kurz greifen. Das Problem liegt zum einen in der prinzipiellen Unübersetzbarkeit des Begriffes „Ma’at“, was ungefähr übersetzt „Wahrheit, Gerechtigkeit, Weltordnung, Richtigkeit“ bedeutet, wobei die vier Übersetzungsvorschläge in vielen Punkten nicht klar getrennt werden können und nahtlos ineinander übergehen. Zum anderen durchzieht das Prinzip der Ma’at praktisch jeden Bereich des Lebens, sowohl in der Welt der Götter, in jener der Menschen, als auch im Reich der Toten (hier sind die Übergänge ebenfalls fließend) – das Prinzip der Ma’at ist ein ganzheitliches Prinzip. 

Sat-Maat hat in ihrem Artikel „Ma’at als Schöpfungsprinzip“ bereits skizziert, dass die Schöpfung nichts ist, was einmal vom Urgott Atum getan wurde und seit dem einfach vor sich hin existiert, sondern der Schöpfungsakt Atums war „das Erste Mal“, d.h. die Schöpfung muss stetig wiederholt werden. Und tatsächlich: Jedes mal, wenn ein Samen keimt, ein Lebewesen geboren wird, oder ein Stern entsteht, widerholt sich dieser Akt der Schöpfung. Ma’at ist etwas, dass immer wieder getan werden muss! Sowohl von den Göttern in der Natur (zb. Nilflut, Sonnenlauf, Jahreskreis, Werden und Vergehen von Lebewesen jeder Art), aber auch von ihren Kindern, den Menschen – und zwar vom zwischenmenschlichen Bereich und Gesellschaft bis hin zur abstraktesten Form menschlichen Zusammenlebens: Dem Staat. Es geht um die Grundlagen menschlichen Zusammenlebens. Zivilisation und Kultur ist nichts, was einmal für alle Zeiten errungen wurde, sondern ein stetiger Prozess, der von den Menschen aktiv immer und immer wieder erhalten werden muss. 

Eine Besonderheit des Prinzips der Ma’at, ist ihr Bezugspunkt in der Endlichkeit des menschlichen Lebens. Man kann sich diesen Bezugspunkt, um einen Begriff aus der perspektivischen bildenden Kunst zu gebrauchen, auch als eine Art „Fluchtpunkt des Handelns“ vorstellen, der sich in die Ewigkeit, nach dem eigenen Tod, fortsetzt. Alles, was wir tun, oder unterlassen, hat Folgen über unser eigenes Leben hinaus. So wurden soziale Verhaltensweisen, „richtiges“ Handeln, selbst der Kultbetrieb in den Tempeln bis hin zum Schalten und Walten der Staatsbeamten und des Pharaos, mit Blick auf den Tod über diesen hinaus gedacht. Das eigene Handeln sollte so gestaltet werden, dass man nach seinem Tod in „guter Erinnerung“ bleibt. 

„Das Denkmal eines Mannes ist seine Tugend, der mit schlechtem Charakter aber wird vergessen.“ (aus der biograf. Inschrift d. Mentuhotep) 

Da das eigene Handeln, im Guten wie im Schlechten und weit über unseren Tod hinaus reichend, keine isolierte Aktion ist, und im Kontext von vorangegangenen Handlungen steht, ist die Eigenverantwortung ein wesentlicher Aspekt kemetischen Handelns! Denn beim Totengericht vor Osiris und Anubis, wo das Herz (Ib) gegen die Feder der Ma’at gewogen wird, gibt es keine Vergebung. Führte man kein ma’atgerechtes Leben, wenn man also Isfet (etwa: „Lüge, Ungerechtigkeit, Chaos“) anstelle der Ma’at setzte, wird man unweigerlich von der Seelenfresserin Ammit gefressen und stirbt einen zweiten, endgültigen Tod. 

Wie nun aber eine ma’atgerechte Lebensführung, die den eigenen Namen, das eigene Ansehen (in Kemet als „Ach“ bezeichnet, einer von neun eigenständigen Seelenaspekten) über den Tod hinaus am Leben, in „guter Erinnerung“, erhält, aussieht, lässt sich vereinfacht an drei zentralen Aspekten des ganzheitlichen Prinzips der Ma’at skizzieren. Die Aspekte der Ma’at dienen als Orientierungshilfen, Verhaltensregeln und Lebensweisheiten für ein harmonisches und friedvolles Leben als Teil der Gemeinschaft, die die Aufgabe hat sich selbst und damit den Einzelnen zu schützen, denn – dass wussten bereits die alten Ägypter – der Einzelne braucht die Anderen, braucht die Gesellschaft, um wirklich lebendig zu sein. 

Die Ma’at sagen“ 

Unerlässlich für jede Art gesellschaftlichen Zusammenlebens ist die Kommunikation – das galt vor 5000 Jahren genau so wie heute – da ohne sie eine Gesellschaft nicht gelingt. Nach kemetischer Auffassung ist der bedeutsamste Teil der Kommunikation das aufmerksame Zuhören! In den Lehren des Ptahhotep steht um 2200 v.Chr. dazu: 

Du sollst keine Verleumdung weitergeben und sollst sie (auch) nicht anhören, (denn) sie entspringt dem „Hitzigen“. Gib nur weiter, was du gesehen, nicht was du gehört hast. Wenn es unbeachtet blieb, rede auch nicht darüber – nur was dir vor Augen liegt, ist wissenswert.“ 

Hüte dich, mit Worten Schlimmes auszurichten (…). Halte dich an die Wahrheit, (aber) übertreibe sie nicht; man berichtet Herzensergüsse nicht weiter. Rede keinen Klatsch über irgend jemand, hoch oder gering – das ist dem Ka ein Gräuel!“ 

Verleumdung, Klatsch und, wie wir heute sagen, üble Nachrede sind Gift für jede Gesellschaft, da sie auf Dauer die Zugewandtheit und gesellschaftliche Harmonie untergräbt und Misstrauen und Abgrenzung an ihre Stelle treten. Aber ebenso ist schlechte Rede auch gefährlich für den, der die schlimmen Worte spricht! Wer lügt und ständig auf vermeintliche Fehler pocht und andere Menschen schlecht redet, wird irgendwann isoliert von der Gesellschaft sein und in der Einsamkeit versinken, weil niemand ihn in seiner Nähe ertragen möchte. Einsamkeit, gesellschaftlich isoliert zu sein, ist für den Kemeten wie lebendig tot zu sein. Deshalb ist schlechte Kommunikation „dem Ka ein Gräuel“ (das Ka ist ein weiterer Seelenaspekt, der ungefähr „Lebenskraft“ bedeutet); sie führt zu Unfrieden und ist sowohl für die Gesellschaft, als auch für den Einzelnen, destruktiv. Im Zweifelsfall ist es besser zu schweigen, als schlecht zu reden. 

Wenn du ein Beamter in leitender Stellung bist, dann höre geduldig auf die Worte des Bittstellers. Weise ihn nicht ab, (…), bis er (alles) gesagt hat, was er vorbringen wollte. Wer Kummer hat, möchte lieber sein Herz erleichtern, als mit seinen Bitten Erfolg haben. Wer einen Bittsteller entmutigt, von dem sagt man: „Weshalb will er ihm schaden?“ Nicht alles, worum er bittet, kann gewährt werden, aber (schon) gut Zuhören tut dem Herzen wohl.“ 

Was für Beamte gilt, gilt natürlich auch für den „Normalkemeten“, für Freunde und Familienmitglieder, Kollegen, usw. Einfach „nur“ Zuhören kann das Herz eines Menschen oft schon so weit erleichtern, dass jene Herz beschwerenden Umstände sich als weit weniger drückend erweisen. Ein Mensch mit erleichtertem Herzen wirkt aber wiederrum positiv auf die Gesellschaft. Wenn wir uns gut und erleichtert fühlen, fällt es uns auch wesentlich leichter gute Handlungen und Taten zu tun. 

Die Ma’at tun“ 

Kommunikation und aktive Handlungen gehen nahtlos ineinander über. So schreibt Ptahhotep: 

Sei nicht eingebildet auf dein Wissen, (sondern) unterhalte dich mit dem Unwissenden wie mit dem Wissenden. Nie erreicht man die Grenze der Kunst, und es gibt keinen Künstler, dem Vollkommenheit eignet. Die Redekunst ist verborgener als ein kostbarer Stein, (aber) man kann sie bei den Dienerinnen über dem Mahlstein finden.“ 

Kein Mensch ist besser, oder schlechter, weil er von einer Sache mehr versteht oder einen höheren Grad an Bildung besitzt! In Kemet konnte jeder ungeachtet seiner sozialen Herkunft Schreiber und Beamter werden und damit sozial aufsteigen. Sozialer Aufstieg geschieht aber nicht um seiner selbst willen, sondern unterliegt einer großen Verantwortung! Sämtliche Regeln und Gebote der Ma’at dienen letztlich auch einem ganz wichtigen Punkt: Dem Schutz der Schwachen vor den Starken! Das bedeutet, wenn man an etwas Überfluss hat, sei es Wissen, Reichtum oder Fähigkeiten, dann darf man diesen Überfluss nicht für egoistische Motive verwenden, sondern steht in der gesellschaftlichen Verantwortung diesen Überfluss zum Wohle anderer zu verwenden. 

Die Ma’at geben“ 

Vielleicht kann man sich diesen Aspekt als einen Fluss vorstellen, der von den sozial höchsten Punkten hinab zu den geringsten fließt. Wie der Nil, die Lebensader Ägyptens, durchfließt die Ma’at die gesamte menschliche Kultur. Wie der Nil tritt auch die Ma’at, der Fluss des Lebens, über die Ufer und es entstehen Feste, Feiern und all die Freuden, die über das Notwendige hinaus das Leben lebenswert machen. Doch wie jeder Fluss kann auch der Fluss der Ma’at gestaut werden. Geschieht dies nicht, um brachliegende Felder zu bewässern, also Menschen, die aus irgendeinem Grund nicht an der Gesellschaft teilnehmen können wieder mit einzubeziehen, sondern aus rein egoistischen Motiven, versiegt der Fluss: Kein fruchtbarer Schlamm erreicht mehr die Felder, kein Leben fließt durch die Gesellschaft. Vor diesem Bild wird deutlich, warum die größte Sünde gegen die Ma’at die Habgier ist. 

Wenn du willst, dass deine Führung vollkommen sei, dann halte dich fern von allem Bösen und sei gewappnet gegen die Habgier…“ (Lehre des Ptahhotep) 

Die Ma'at mit ihrem Attribut, die Feder, im Tempel von Edfu

Assmann, Jan: „Ma’at – Gerechtigkeit und Unsterblichkeit im Alten Ägypten“; 2. TB-Auflage, München 2006

 Assmann, Jan: „Ma’at“, in: Assmann, Schmidt-Glintzer, Krippendorf (Hsg): „Ma’at, Konfuzius, Goethe“; Frankfurt a.M. & Leipzig 2006.

 Hornung, Erik (Hsg): „Der weise Ptahhotep“ in: „Altägyptische Dichtung“; Reclam Stuttgart 2006.

 Abbildung: Ma’at mit ihrem Attribut, der Feder, im Tempel von Edfu; Fotograf: Rémih, Wikimedia Commons.

 

Die acht neuheidnischen Jahreskreisfeste im Spiegel der Kulturen von Mc Claudia – Teil VI

Samstag, 23. April 2011

Wenn Jahreskreisfeste um die Welt reisen

Kommen wir nun zu einer interessanten Problematik. Wir haben gesehen, dass die klimatischen Bedingungen und der Sonnenlauf meistens einen Haupteinfluss auf den Sinn der Jahreskreisfeste haben. In den traditionellen Religionen, die meist auf die jeweiligen Völker beschränkt geblieben sind, ist das weiter kein Problem. In dem Moment, wo aber Religionen oder Kulturen expandieren, missionieren oder sich anderweitig ausbreiten (z. B. durch Migration) werden natürlich auch Festtage und Mythen exportiert. Wenn es sich um Mythen oder Feiertage handelt, die keinen Bezug zu Natur und Klima des Heimatlandes haben, ist das nicht so schlimm. Wenn es aber Feste oder Bräuche sind, die mit der Vegetation oder dem Sonnenstand zu tun haben, wird es manchmal sehr grotesk.

Weihnachten, das ja absichtlich zur Wintersonnenwende installiert wurde, fällt auf der Südhalbkugel auf den Sommerbeginn. (Zum Weihnachtsdatum siehe das Kapitel über das Christentum.) Dessen ungeachtet wird auch auf der Südhalbkugel am 25. Dezember Weihnachten gefeiert, was irgendwie recht komisch anmutet. Noch krasser wird es, wenn Menschen außerhalb der entsprechenden kulturellen Heimat traditionelle oder neuheidnische Religionen praktizieren wollen, da diese oft unmittelbar mit dem Heimatland zu tun haben. Wie also z. B. brasilianische Keltenfans mit dem altirischen Kalender umgehen, wann Ásatruar in Australien nun Jul feiern, oder ob es viel Sinn hat, an der schönen blauen Donau den Beginn der Nilüberschwemmung zu feiern, bleibt fraglich.

Es gibt dafür grundsätzlich zwei Lösungsansätze: Der eine ist, dass man den Mythos von der irdischen Begebenheit abhebt und 1:1 einfach auf die andere Klimazone überträgt. Das heißt, Jul ist immer Jul, auch wenn grad auf der Südhalbkugel der längste Tag des Jahres stattfindet. Da alle Germanenfreaks auf der Nordhalbkugel auch am 21. Dezember Jul feiern, so die Idee, wirkt das Datum automatisch und ist daher auch richtig für die Südhalbkugel. Je mehr Menschen also zu einem bestimmten Datum das Fest feiern, desto mächtiger wird das Fest an sich – unabhängig von der tatsächlichen Jahreszeit und Vegetation. Auf diese Weise funktionieren dann auch die vier altirischen Feste im brasilianischen Regenwald, und die Donau muss eben kurz mal so tun, als wäre sie der Nil. Die zweite Möglichkeit ist, dass man die Kalender und Feste der jeweiligen klimatischen Realität anpasst. Das würde bedeuten, dass man auf der Südhalbkugel die Feste gegengleich feiert, also Jul am 21. Juni, weil das dort der kürzeste Tag ist. Das würde bedeuten, dass unser Keltenfan in Brasilien die dortigen Klimabedingungen als Kalendergrundlage für die keltischen Feste verwendet oder sogar, dass einheimische brasilianische Feste einen Synkretismus mit dem irischen Festkreis eingehen und dass die Donau vielleicht einfach so in einem angepassten ägyptischen Ritus gefeiert wird, ohne jetzt den Nil samt Überschwemmung bemühen zu müssen. Beide Lösungen haben gute Gründe und ihre Nachteile.

Das achtspeichige Jahresrad

Beschreibung

Die acht neuheidnischen Jahreskreisfeste (auch „achtspeichiges Jahresrad“ oder „achtfaches Jahr“ genannt) setzen sich im Prinzip aus zwei Festkreisen zusammen: die vier vom Sonnenstand beeinflussten Feste, nämlich Wintersonnenwende (21./22. Dezember), Frühlingsäquinoktium (20./21. März), Sommersonnenwende (21. Juni) und Herbstäquinoktium (22./23. September) einerseits, (die ich im Folgenden immer „Sonnenfeste“ nenne) und die Feste am 1. Februar, 1. Mai, 1. August und 1. November andererseits, (die ich im Folgenden immer „Feuerfeste“ nenne). Diese beiden Festkreise zusammengelegt ergeben das achtspeichige Jahresrad, hier vorgestellt mit den im Wicca (und verwandten neuheidnischen Traditionen) üblichen Namen, wobei ich mit der Wintersonnenwende beginne, weil ich das am passendsten finde:

21./22. Dezember:

Jul, Yule, Mittwinter, Midwinter, Wintersonnenwende, Winter Solstice

(Winterbeginn, Tod und Wiedergeburt der Sonne)

1. Februar:

Imbolc, Brighid, February Eve, Lichtmess, Candlemas

(Wintermitte, erstes Sonnenlicht)

20./21. März:

Ostara, Eostre, Summerfinding, Frühlingsäquinoktium, Spring Equinox,

Vernal Equinox, Lady Day

(Frühlingsbeginn, Vegetation ersteht neu)

1. Mai:

Beltaine, Walpurgisnacht, Maifeiertag, May Day, Hohe Maien, May Eve

(Frühlingsmitte, Natur erblüht und erstarkt)

21. Juni:

Litha, Mittsommernacht, Midsummer, Sommersonnenwende, Summer Solstice

(Sommerbeginn, Sonnenfest)

1. August:

Lughnasad, Schnitterfest, August Eve, Lammas, Loaf Mass

(Sommermitte, Erntefest)

22./23. September:

Mabon, Herbstfest, Erntedankfest, Harvest Home, Winter Finding,

Herbstäquinoktium, Autumnal Equinox, Fall Equinox

(Herbstbeginn, Erntedank, Vegetation verwelkt)

1. November:

Samhain, Halloween, Hallowmas, November Eve

(Herbstmitte, Nebel, Vegetation ist gestorben)

Wenn man ein Jahr wie ein Ziffernblatt darstellt und die acht Jahreskreisfeste darin markiert, ergibt sich ein fast symmetrisches Bild eines achtspeichigen Rades. Aber nur fast. Die zwei Einzeljahreskreise für sich genommen sind symmetrisch. Zusammengelegt schaut es ein bisschen schief aus, denn die Anzahl der Tage zwischen den einzelnen Festen variiert etwas:

21. Dez. – 1. Feb:       41 Tage

1. Feb. – 20. März:     46 Tage

20. März – 1. Mai:      41 Tage

1. Mai – 21. Juni:        50 Tage

21. Juni – 1. Aug.:      40 Tage

1. Aug. – 22. Sep.:     51 Tage

22. Sep. – 1. Nov.:     39 Tage

1. Nov. – 21. Dez:      49 Tage

Die Zwischenräume von einem Sonnenfest bis zum nächsten Feuerfest dauern durchschnittlich 40 Tage (ca. 10 Tage bis Monatsende plus ein ganzer Monat). Die Zwischenräume von einem Feuerfest bis zu einem Sonnenfest dauern durchschnittlich 49 Tage (ein Monat plus ca. 20 Tage), sind also neun Tage länger. Trotzdem kann man durchaus behaupten, dass die Feuerfeste etwa in der Mitte zwischen zwei Sonnenfesten liegen und umgekehrt. Das achtspeichige Jahresrad zeichnet sich also durch eine annähernde Symmetrie aus und auch durch sehr einfach einzuprägende Daten. (Ein Feuerfest fällt immer auf den Monatsersten des übernächsten Monats nach einem Sonnenfest).

Die acht neuheidnischen Jahreskreisfeste im Spiegel der Kulturen von Mc Claudia – Teil III

Samstag, 26. März 2011

Jahreskreisfeste – Feiern der zyklischen Zeit

Jahreskreisfeste sind alljährlich wiederkehrende Feiertage. Darunter fallen Geburtstage, politische Feiertage, Gedenktage, religiöse Feste, Feierlichkeiten zum bäuerlichen Jahr, Jahreszeitenfeste und Ähnliches.
Feiern, so behaupte ich, ist ein urmenschliches Bedürfnis. Es macht Spaß, hebt den Alltagstrott auf, vermittelt durch die verschiedensten Bräuche und Rituale (spirituelle) Hochgefühle, bindet an die Gemeinschaft und stärkt den Gruppengeist, trägt dazu bei, dass man die Familie und Freund/innen wieder einmal alle beisammen hat, schenkt neue Kraft und Lebensfreude, ist sinnlich und wirkt berauschend, befriedigt den Spieltrieb, erzeugt gute Gefühle und ist fröhlicher Ausdruck des hinter dem Feiern stehenden Sinns (sei dieser nun religiös, politisch oder anderweitig kulturell bedingt). (Gut, ich gebe zu, manchmal arten Feiern auch in Gewalt, Burn-Outs und andere Katastrophen aus, aber diese „Nebenwirkungen“ kann man durch entsprechende Vorkehrungen minimieren.)

Eine Kultur ohne Feiern ist fast nicht vorstellbar. OK, ad hoc fallen mir die Zeugen Jehovas ein, die eine eher feierfaule Religionsgemeinschaft darstellen. Und auch den Islamisten sieht man am angestrengten Dauerernst im Gesicht an, dass sie von Feiern eher wenig halten. Aber im Normalfall stellen Feste und Feiern ein weltweites kulturelles Phänomen dar.

Was Jahreskreisfeste selbst betrifft, so denke ich, dass ihr grundsätzlicher Sinn sich durch das Phänomen Zeit ausdrückt. Und zwar Zeit als zyklischer Begriff, nicht als linearer. Jahreskreisfeste werden jährlich wiederholt. Das beste Symbol für einen Jahresfestzyklus ist also ein Kreis oder Rad, das das gesamte Jahr abbildet. Das Rad dreht sich, und alle Feste auf diesem Kreis werden kontinuierlich und verlässlich wiederholt. Durch das Begehen von jährlich wiederkehrenden Festen versucht man, das Phänomen Zeit in geordnete Bahnen zu bringen und so Zeitsicherheit zu schaffen. Jahreskreisfeste sind der sichere, vertraute Hafen im unberechenbaren, diffusen Zeitstrom.

Wichtige Begebenheiten in der Vergangenheit (z. B. Gedenktage, Geburtstage, mythische oder politische Ereignisse etc.), werden gefeiert, um diese bzw. die daran beteiligten menschlichen oder göttlichen Personen zu ehren und um sie in Erinnerung zu behalten. Im Ritual wird die vergangene Episode nachempfunden, die Vergangenheit in die Gegenwart geholt, um sich so die Kraft dieses Ereignisses zu vergegenwärtigen, damit man den Segen des Ereignisses bzw. der geehrten Personen heraufbeschwört.

Das Thema der Gegenwart drückt sich im Feiern unmittelbarer Ereignisse, die sich jährlich wiederholen, aus. Erntedankfeiern oder der Frühlingsbeginn, Freude über den Sommer oder das Schlachtfest im Herbst. Hier mag der Gedanke dahinterstehen, dass es Glück und Segen bringt, wenn man wichtige jährliche Ereignisse mit einem Fest begeht, da sie so magisch verstärkt werden. Diese Magie soll dafür sorgen, dass auch nächstes Jahr die Ernte gut werde, der Frühling beginne, der Sommer freudvoll sei und genug fette Tiere zum Schlachten im Herbst vorhanden sind.

Damit kommen wir zur Zukunft. Diese ist rational gesehen absolut unberechenbar und unbeherrschbar. Niemand weiß wirklich, wie das Wetter morgen wird, ob uns ein Komet eines Tages auf den Kopf fällt oder wann die nächste Wirtschaftskrise oder Naturkatastrophe kommt. Die Zukunft ist fies, weil alles möglich ist aber nichts sicher. Orakelspezialist/innen und Fachmenschen in wissenschaftlichen Prognosen rätseln um die Wette über das Aussehen der Zukunft – mit mäßigem Erfolg. Jahreskreisfeste dienen dazu, die Unberechenbarkeit der Zukunft berechenbar zu machen – zumindest in unserem inneren Gefühl. Da wir jedes Jahr immer wiederkehrende Ereignisse und Feste feiern, fühlt sich die Zukunft insgesamt auch zyklisch an und scheint sich zu wiederholen, weshalb sie so weniger beängstigend wirkt.

Um die Jahreskreisfestlogik in einem Fazit auf die Spitze zu treiben: Das Feiern von Jahreskreisfesten soll von einem Jahr zum nächsten immer auf’s Neue eine glückliche Zukunft garantieren. Mythisch überhöht heißt das auch, dass durch das Wiederholen wichtiger vergangener Ereignisse die Zukunft gesichert wird, die Welt in Harmonie gehalten wird. Die Festtage sind dann Zeitlöcher, die unmittelbar zum zu feiernden Ursprungsereignis hinführen bzw. das Ereignis magisch heraufbeschwören, auf dass es Heil bringe. Die Zeit ist am Festtagstermin verdichtet, außerhalb der Norm. Die Menschen der Festgemeinschaft sind für die Festzeit selbst Teilnehmende am ursprünglichen Ereignis, verbinden sich so direkt und unmittelbar mit dem Ursprung. Im Umkehrschluss heißt das aber auch, dass das Nichtfeiern oder missglückte Feste (bzw. schlechte Omen, Katastrophen etc.) nichts Gutes für das kommende Jahr bedeuten können.

Jahreskreisfeste, vor allem große, waren in kriegerischen Zeiten (das Gros der Antike könnte man als „kriegerisch“ bezeichnen) auch Garanten für einen – wenn auch begrenzten – Frieden oder zumindest Waffenstillstand. Ob der gebotene Festfrieden beim Umzug der germanischen Göttin Nerthus auf einer Ostseeinsel (Tacitus gibt dazu leider keinen Festtagstermin an), der Friedensappell beim altirischen Lugnasad-Fest oder der pangriechische Frieden zu den Olympischen Spielen – Feiern und Krieg-Führen schließen einander definitiv aus, da ein Fest nicht stattfinden kann, wenn die Organisator/innen und die Besucher/innen nicht vor gewalttätigen Angriffen geschützt sind. Der Festfrieden war also etwas Heiliges, das zu stören den Zorn der Gottheiten heraufbeschworen hätte.


Jahreskreisfeste in der Urgeschichte

Annähernd jede Kultur und Religion auf der Welt kennt jährlich wiederkehrende Feste. Auch bei historisch fassbaren alten, längst ausgestorbenen Kulturen und Religionen (z. B. die der Kelten, Germanen, Römer, Griechen, Ägypter, Babylonier, Perser etc.) lassen sich Kalender und dazugehörige Jahresfeiern und Zeremonien feststellen.

Schwieriger wird der Nachweis von Jahreskreisfesten bei jenen alten Kulturen, die unter das Label „Urgeschichte“ fallen, das heißt, dass ihre kulturellen Überbleibsel sich ausnahmslos in archäologischen Funden zeigen, weil keine für uns verständlichen schriftlichen Aufzeichnungen über sie (oder von ihnen) existieren. Dazu zählt fast die gesamte Menschheitsgeschichte: das Altpaläolithikum bzw. ältere Altsteinzeit (4.000.000 bis ca. 40.000 v. Chr. – Zeit der menschlichen Vorfahren, wie z. B. Australopithecus, Neandertaler …), das Jungpaläolithikum bzw. die jüngere Altsteinzeit (ca. 40.000 bis 10.000 v. Chr. – Eiszeit, Wildbeutergesellschaften), das Neolithikum bzw. die Jungsteinzeit (in Europa ca. 10.000 bis 2.500 v. Chr. – Sesshaftwerdung, Ackerbau, Viehzucht), die Bronzezeit (in Europa ca. 2.500 – 1.000 v. Chr. – Erfindung der Bronze) und auch das Gros der europäischen Eisenzeit (ca. 1.000 v. Chr. bis zur Zeitenwende im Jahre Null – Erfindung des Eisens).

Hinweise auf Jahreskreisfeste bzw. auf Kalender in der Urgeschichte lassen sich aufgrund archäologischer Funde lediglich erahnen. Anordnungen einer bestimmten Anzahl von Linien oder anderen Symbolen, die auf Gerätschaften oder in Felsen geritzt wurden, könnten auf Kalender hinweisen. So hält die altsteinzeitliche „Venus“ von Laussel ein Horn in ihrer erhobenen Hand, auf das 13 Linien eingraviert sind, die vielleicht die Anzahl der Mondmonate oder auch der Menstruationszyklen im Jahr anzeigen, und der bronzezeitliche sogenannte Berliner Goldhut besteht aus Reihen von Ringverzierungen, die ebenfalls auf einen Kalender deuten könnten. Im Neolithikum finden sich mit den Kreisgrabenanlagen (v.a. in Niederösterreich), den megalithischen Steinkreisen (wie z. B. Stonehenge in England), den megalithischen Grabanlagen (z. B. Newgrange in Irland) oder den megalithischen Tempeln (z. B. auf Malta) vielleicht Riesenkalender, in denen offenbar zu bestimmten Tagen (z. B. den Sonnenwenden und/oder Äquinoktien (das sind die Tagundnachtgleichen)) Versammlungen – welcher Art auch immer – abgehalten worden sind. Die Beliebtheit von Sonnen- und Radsymbolen in der Bronze- und Eisenzeit kann auf Sonnenverehrung hindeuten und vielleicht auch auf Feste zu den Sonnenwenden und/oder Tagundnachtgleichen.

In unseren neuheidnischen Kreisen wird auch immer wieder die Wichtigkeit von natürlichen Landmarken als Peilobjekte für die Bestimmung der Sonnenwenden oder Äquinoktien postuliert. Bei einigen Landmarken, die entsprechende Namen tragen, wie z. B. der Peilstein am Ostrong im Waldviertel, kann man sicher darauf schließen, dass sie in unseren Zeiten so eine Peilfunktion haben, wobei aber auch die Funktion als Orientierungshilfe für Reisende denkbar wäre. Natürlich ist aber das Aufgehen (und auch das Untergehen) der Sonne hinter besonderen Landmarken ein romantisches, schönes Ereignis, und wenn die Sonne genau zu einer Sonnenwende so markant aufgeht und die Sonnenwende auch gefeiert wird, wird man der Landmarke wahrscheinlich auch eine bestimmte Bedeutung gegeben haben. Bedenken muss man natürlich, dass es immer darauf ankommt, wo man selbst steht, wenn man einen Peilstein anschaut. Das Anpeilen in Bezug auf Sonnenauf- und –untergänge funktioniert nur dann, wenn man sich korrekt in Bezug zum Peilungspunkt aufstellt.

Zum Kalendieren jedenfalls braucht und brauchte auch die ländliche Bevölkerung spätestens seit dem Mittelalter solche Landmarken nicht mehr, da seit damals Kalender verwendet werden. Früher waren es Stab- oder Brettchenkalender (also Kalender in Form von langen Holzstäben oder –täfelchen, in die die Tage geschnitzt waren und die katholischen Feste besonders markiert waren), und mit der Erfindung des Buchdrucks waren es normale Kalender aus Papier (der typische Bauern- oder Mandlkalender ist so ein Exemplar). Ob und wie Landmarken vor der bäuerlichen Kalenderverbreitung als Zeitmesser verwendet wurden, ist zumeist nicht bekannt. Die Möglichkeit besteht aber natürlich.

Welcher Art aber könnten die Jahreskreisfeste in der Urgeschichte gewesen sein? Für das Neolithikum und alle Folgezeiten würde ich annehmen, dass es sich um Feste im bäuerlichen Jahr gehandelt hat, ähnlich wie auch die meisten heutigen Jahresfeste in landwirtschaftlichen Kulturen (die das Gros der Kulturen auf der Welt darstellen). Die Jahreszeiten und der Sonnenstand sind zur Berechnung der richtigen Zeiten für Aussaat und Ernte natürlich sehr wichtig. Daher wahrscheinlich auch die riesigen Sonnenobservatorien a’la Stonehenge und überhaupt die Wichtigkeit des Sonnenlaufs durchs Jahr, der sich vielleicht in den Radsymbolen der Bronze- und Eisenzeit niederschlägt.
Was die Wildbeuter/innengesellschaften der Eiszeit betrifft, so könnte man spekulieren, dass vielleicht der Frühling begrüßt wurde, weil damit der strenge Winter eine kurze Pause machte. Vielleicht wurde auch das Erscheinen der Mammutherden gefeiert oder ein jährliches Treffen aller benachbarten Familienclans. Wer weiß …? Solange jedenfalls keine Zeitmaschine erfunden wird, mit der man in die urgeschichtlichen Epochen reisen kann, bleiben alle Annahmen über damalige Jahreskreisfeste Spekulation.

Ende Teil III