Mit ‘Tod’ getaggte Artikel

Für Ailo Gaup – Gedanken über das Leben und Sterben aus schamanischer Sicht, geschrieben von Hildegard Fuhrberg

Samstag, 22. November 2014

WIE LEBEN WIR TRAUER HEUTE?

Dass alles was geboren wird ganz sicher auch stirbt, das ist kein Geheimnis. Dennoch haben wir in Europa, wie in allen wohlhabenden westlichen Ländern, ein sehr eigenartiges Verhältnis zu unserer Sterblichkeit entwickelt.

Einerseits leugnen wir unsere eigene Sterblichkeit und kreieren eine knallbunte Spaßwelt. Andererseits werden wir aus dem Gleis geworfen, wenn der Goldhamster tot im Käfig liegt, obwohl wir schon x TV Sendungen mit gerichtsmedizinischen Einzelheiten von Leichen gesehen haben. Tod ist so etwas Schreckliches, dass eine riesige Industrie von Medizin und Pharmafirmen davon lebt,  Gegenmittel anzubieten. Weit verbreitet ist die Sichtweise, dass mit dem letzten Atemzug auch der gesamte Mensch ins Nichts verschwindet. Eine Zeitlang halten wir uns noch an den sogenannten sterblichen Überresten, dem toten Körper, fest. Der Friedhofskult spiegelt das wieder. Dann bleibt noch die Erinnerung. Und wenn auch die verblichen ist? Soweit denken wir kaum.

Hilflos klammern wir uns an hirn – und fühllose Überlieferungen wie: „ Man darf über Tote nichts Schlechtes sagen!“ oder „nur wer viel weint, trauert richtig!“ und andere Vorstellungen über die „Ehre“ der Verstorbenen, die wir mit Beerdigungspomp ausdrücken möchten.

Trauer wird in unserer Kultur nach einer kurzen Zeit der höflichen Rücksicht, oft ignoriert und geleugnet. „Das Leben muß ja weiter gehen!“ Trauernde leiden darunter oft viele Jahre stumm. Doch wie sollte es auch möglich sein der Trauer und dem schmerzhaften Verlust zu entkommen? Ungeheilte, verdrängte Trauer wird dann leicht zu einer möglichen Ursache für viele spätere Krankheiten wie Depressionen, Panikattacken, autoaggressive Krankheiten, Herzattacken, Bluthochdruck usw. Das wird  in unserem Medizinsystem noch sehr wenig berücksichtigt.

Und so feiern und arbeiten wir uns eben so gut es geht durchs Leben. Am Ende wartet eben der Sensenmann auf uns und säbelt uns grinsend ab. Das ist eine beängstigende Vorstellung. Kirchen heben deshalb warnend den Zeigefinger und mahnen zu gottgefälligem Lebenswandel, damit wir wenigstens im Jenseits sicher sind. Aber der strafende Gott, bzw. das „Karma“, der wie ein böser Mathelehrer schlechte Noten für ungenügende Leistungen verteilt, ist wahrlich kein Trost. Das gilt mit Variationen, auch für viele Weltreligionen die heilige Bücher, Priester und Mönche kennen.

Auch die Psychotherapie ist bei diesem Thema an ihren Grenzen angekommen. Alles was über reines Zuhören wirklich hinausgeht, verweist sie in den Bereich von Theologie und Philosophie. Psychologie ist eine naturwissenschaftlich orientierte Geisteswissenschaft. Das „Jenseits“ passt da nicht hinein. Das gilt für die meisten Formen der Mainstream Psychologie.

Bleibt also auf der Suche nach Trost noch die Esoterikecke im Buchladen. Da wird von Engeln geredet und vom Licht, in das wir alle gehen. Das klingt wunderbar. Und doch erlöst es unsere Ängste und unsere Trauer nicht wirklich. Es ähnelt mehr einem schönen Bildband. Die Bilder tragen nicht, wenn es dunkel wird.

Und so stehen wir ratlos da und sind gegebenenfalls bereit, unsere Aufgaben an Bestatter abzugeben. Für uns gehen nach der Beerdigung einfach viele Kerzen aus und unser Weg verliert sich im Nebel von Unwissenheit und Schmerz.

Dieser elende Zustand ist auch unserer westlichen Kulturgeschichte zu verdanken. Die Naturwissenschaft, ein Kind der Aufklärung, hat dafür gesorgt, dass ein menschlicher Körper zu einer Maschine und Gefühle zu Hormonwirkungen wurden. Das Leben wurde bar jeder Freude, nackt und entzaubert zu einem Klumpen Materie. Da ist kein Trost und keine Heilung zu finden.

WAS KÖNNEN WIR VON SCHAMANISCHEN KULTUREN ÜBER TOD UND TRAUER LERNEN?

Die Mythologie verschiedener schamanischer Kulturen wusste schon immer davon in bildhaften Erzählungen zu berichten, dass alles Wesentliche, der Grund der Existenz, nicht greifbar ist. Die Quantenphysik würde das heute  so formulieren: Nur 5 % der gesamten Materie ist sichtbar. Nur ein Millionstel dieser sichtbaren Materie, ist Masse. Masse besteht aber letztlich aus Energie und Information. Materie ist eine hartnäckige Illusion die aus Energie und Information entsteht. Nur Energie und Bewusstsein sind wirklich. Wenn aber der materielle Körper eine Illusion ist, dann ist auch der Tod reine Illusion.

Dies entspricht dem Brauchtum und den Riten in schamanischen Kulturen völlig. Dort wird Materie sehr liebevoll als wandelbare göttliche Gabe geachtet. Nahrung wird, wie auch der Körper, geschmückt und mit Gebeten der Dankbarkeit geweiht. Menschen sind dort Geister die mit einem Körper durch das Leben reisen, nicht Körper die Geist nebenbei produzieren. In diesen Kulturen ist alles mit allem immer verbunden. Auch die Menschen sind immer mit ihren verstorbenen Vorfahren und ihren ungeborenen Nachfahren verbunden. Deshalb ist es leicht möglich mit ihnen zu kommunizieren und sie mit Gaben auf den Altären zu ehren. Dies ist in Sibirien gut zu erleben. Die Navajo (Dine`) in den USA sind davon überzeugt, dass man aus einem Todesfall kein allzu tränenreiches Drama machen darf. Das macht dem geliebten Menschen den Abschied nur schwer und Reisende soll man nicht aufhalten. So wie eine Mutter, deren erwachsenes Kind auszieht, sich auch aus Zuneigung eine Träne verdrückt. Dies ist ein Liebesdienst an unsere scheidenden Lieben und tut uns deshalb in der Seele gut, auch wenn es schwer ist.

In Mexiko wird der Respekt genauso wie der Grusel vor toten Körpern als besonders absurd betrachtet. Es gibt dort Bonbons in Totenkopfform oder Knochen werden manchmal bunt bemalt. Der tote Körper ist wieder Erde und Erde ist wertvoll und schön. Ein Leichnam soll behandelt werden wie ein kostbares Kleidungsstück in der Altkleidersammlung. Aber es ist niemals der „Vater“ der beerdigt wird. Es ist nur seine Hülle.

Tod wird in schamanischen Kulturen nicht als Versagen der Heilkunde betrachtet. Tod ist die Ankunft am Ziel des Lebens. Das ist bei den Völkern des amazonischen Waldes in Peru sehr deutlich.

In Korea finden wir große Abschiedszeremonien, die von Schamaninnen geleitet werden. Kleidung von Verstorbenen wird verbrannt, um den Abschied für alle Hinterbliebenen wirklich begreiflich zu machen. Seine oder ihre Verdienste im Leben werden anhand eines langen Tuches mit vielen Knoten begeistert gewürdigt, bis eine eher fröhliche Stimmung entsteht und Dankbarkeit sich verbreitet.

Viele traditionelle Kulturen die in Gebieten gelebt werden in denen hinduistische oder buddhistische Einflüsse vorherrschen, kennen die Vorstellung von Reinkarnation so wie wir Europäer uns das auch vorstellen. Das trifft aber nicht auf alle schamanisch geprägten Gesellschaften zu. In manchen Ländern in West und Südafrika z. B. wird vorrangig der Ahnenkult gelebt. Verstorbene Vorfahren sind dort für alle Angelegenheiten der Familie zuständig und manchmal wird in einem Kind ein wiedergekehrter Ahne erkannt. Eine ausgeprägte Theorie zur Reinkarnation fehlt aber oft. Auch bei den Navajo ( Dine`) wird das Leben als ewiger Kreislauf betrachtet. Ihre Mythen erzählen von vielen Welten die vor unserer heutigen bereits existiert haben. Und auch unsere jetzige Welt wird vermutlich nicht die letzte sein. Ob es aber eine Wiederkehr als Person mit einer individuellen Geschichte gibt, dazu wollen sie sich nicht äußern. Es gibt für sie durchaus Dinge die man auch einfach nicht weiß.

In allen schamanischen Kulturen wird das Vermächtnis der Verstorbenen hoch geachtet und alle unerfüllten Aufgaben des Verstorbenen werden verantwortlich von den Trauernden übernommen. Diese Aufgaben sind sehr heilsam, weil sie die Chance bieten etwas zu tun.

Die Hinterbliebenen, Familie, Freunde, Nachbarn, haben die Möglichkeit mit Unterstützung eines oder einer Schamanin sich davon zu überzeugen, ob die Verstorbenen im Kreise ihrer Vor und Nachfahren in der nicht alltäglichen Wirklichkeit angekommen sind oder nicht. Wenn das noch nicht der Fall ist, erfolgt ein Seelengeleit durch die schamanische Zeremonie. Ethnologen nennen das „Psychopompos“, die Arbeit des schamanischen Seelenführers. Mit „ins Licht schicken“ ist es selten getan. Auf diese Weise lernen die Seelen das, was ihnen zu Lebzeiten noch gefehlt hat. Auch im Leben sehr junge oder streitsüchtige und betrügerische Menschen, wandeln sich so in Wesen voller Wissen und Weisheit. Mit denen können und sollten wir eng zusammen arbeiten. Denn nur dann sind wir selbst vollständige Menschen. Alles ist, wie schon gesagt, immer mit allem verbunden und das soll gelebt werden. Dieses spirituelle Brauchtum war auch in Europa früher verbreitet.

In vielen traditionellen Gesellschaften schamanischer Prägung werden trauerende Hinterbliebene besonders fürsorglich in die Gemeinschaft geholt. Sie werden z. B. täglich zum Essen in ein anderes Haus eingeladen. Es kommt auch vor, dass Trauernde rituell neu in die Gemeinschaft aufgenommen werden. Während die sogenannte Trauerarbeit bei uns meist auf das Individuum bezogen ist, nimmt schamanisches Brauchtum mehr die Gemeinschaft aktiv in die Pflicht.

All diese Ansätze können wir auf die Trauer um Ailo und sein Vermächtnis übertragen. Dass er „zuhause“ angekommen ist, davon habe ich mich persönlich überzeugt.

Wir können:

  • Ailo danken für das, was wir mit ihm erleben und von ihm lernen konnten
  • Akzeptieren, dass Ailo das Recht hatte zu gehen, wann es für ihn richtig war
  • Uns weiterhin mit unseren Fragen an ihn als Lehrer wenden
  • Von ihm lernen, dass Leben unendlich ist
  • Ailos Vermächtnis und die von ihm autorisierten Lehrenden akzeptieren
  • Weiter an der gemeinsamen Vision von schamanischer Arbeit in Europa arbeiten

Aus dieser weiteren Zusammenarbeit mit Ailo entsteht nach und nach die Heilung der Trauer und eine dankbare, fröhliche und fruchtbare Gemeinschaft der Lebenden und der Toten. Diese Art von gemeinsamer Trauerarbeit ist aufbauend und versorgt unsere Trauer mit guter Medizin.

Diese Aufgabe zu bewältigen, ist für uns europäisch geprägte Menschen allerdings eine enorme Herausforderung. Auf diesem neuen Weg entwickeln wir uns hin zu vollständigen Menschen und heilen so unsere Wunden.

Ich selbst habe mit Ailo des öfteren gearbeitet und mich mit ihm in langen Gesprächen und Mails sehr persönlich ausgetauscht. Wir haben gemeinsam an einer Reise zum Oberlauf des Amazonas in Peru teilgenommen.

Vom Tod, der Welt danach und dem Totenkult Kemets, geschrieben von Merienptah – Teil V

Samstag, 04. Oktober 2014

Weitere Opfergaben werden am Grab niedergelegt und Weihrauch wird verbrannt, dies soll gemeinsam mit den Ritualen des Sem-Priesters den Ba des Verstorbenen zurückrufen. Durch verschiedene Kulthandlungen und Rituale werden Ka, Ba und der gerechtfertigte Schut aufgefordert in den Körper des Toten zurückzukehren um sich dort auf ewig wiederzuvereinigen um als Ach wiedergeboren zu werden.

Der Widergeborene und nun im Körper des Verstorbenen gefangene Ach muss rituell „belebt“ und vom Körper „befreit“ werden um auf ewig weiterleben zu können. Dafür vollzieht der Sem-Priester an der auf reinem, weißen Sand vor dem Grab aufgestellten Totenstele das sogenannte Upet-ra (Mundöffnungsritual). „Ich öffne deinen Mund, damit du mit ihm redest, deine Augen, damit du Re erblickst, deine Ohren, damit du die Verklärung hörst, dass du deine Beine habest zum Gehen, dein Herz und deine Arme um deine Feinde abzuwehren.“ Damit werden dem Ach alle Fähigkeiten wiedergegeben, die er benötigt um sein jenseitiges Leben beginnen zu können. Darauf folgt dann Das Ritual der „Loslösung“ vom Körper, das es dem Ach ermöglicht den Leichnam zu verlassen um sich zu den „Gefilden der Iaret“ (Sechet iaru) aufzumachen oder um in den Himmel emporzusteigen um in der Barke des Sonnengottes seinen Platz einzunehmen.

Nach dem Abschluss der Zeremonien und Totenrituale folgt ein Festmahl, mit Musik und Tanz. Hier wird der Charakter dieses Festes als Wiedergeburtsfest deutlich. Wesentlich ist hier der Fokus auf der Feier einer neuen Geburt, Gedanken an Trauer und Verlust sind kein Bestandteil dieses Festes. Als letzter offizieller Akt des Festes wird die Totenstele von den Erben des Verstorbenen an die Priesterschaft übergeben, die diese in feines Leinen einhüllen und sie in den Tempel mitnehmen wo sie in den Archiven aufbewahrt wird.

Oftmals werden diese Zeremonien aus verschiedenen Gründen räumlich vom Grab getrennt durchgeführt. Einzig ein Priester, der die „Loslösung vom Körper“ vollzieht agiert direkt an der Grabstätte, die übrigen Rituale und Feierlichkeiten werden in einer Art Zelt im Tempelhof, wenn es sich bei dem Verstorbenen um ein Mitglied der Priesterschaft handelte, oder wenn der Verstorbene eine Privatperson war in einem Festsaal durchgeführt. Umfang und Aufwand der Feierlichkeiten hängt heute wie damals oftmals von der gesellschaftlichen Stellung und dem Geldbeutel des Verstorbenen ab. Im Übrigen wird auch das Grab im Nachhinein etwas anders behandelt als es hierzulande eigentlich üblich ist. Eine Grabbepflanzung und intensive Grabpflege findet nicht statt da das Grab eines Kemeten mit einer einfachen Steinplatte abgedeckt wird, Pflanzschalen oder gar aufwendige Bepflanzungen findet man nicht.

In den letzten Jahrzehnten macht sich in Kemet ein langsamer Renaissance-Trend bemerkbar, eine den Möglichkeiten der Moderne geschuldete oder zu verdankende Wiederbelebung alter Bestattungstraditionen, wie zum Beispiel die Beigabe von Ushebtis, die dem Verstorbenen in den „Gefilden der Iaret“ (Sechet iaru) die Arbeit gänzlich abnehmen sollen. Auch dass beispielsweise „Klageweiber“ den Trauerzug bei der Bestattung begleiten und ihre lautstarke Totenklage erklingen lassen kommt wieder „in Mode“. Auch verschiedene andere altkemetische Rituale finden langsam wieder ihren Weg zurück in die moderne Bestattungspraxis, was allerdings in Deutschland beispielsweise durch die recht strengen Bestattungsgesetze erheblich ausgebremst wird. Durch die gesetzlich bestimmten Rahmenbedingungen unterscheiden sich die Bestattungspraktiken der modernen Kemeten, also die Ausführung und die rituelle Ausgestaltung der Bestattung und des Totenfestes mittlerweile von Land zu Land teilweise recht stark voneinander. Aber trotz aller regionalen Unterschiede bleibt der religiöse Hintergrund der gleiche.

Vom Tod, der Welt danach und dem Totenkult Kemets – Teil II geschrieben von Merienptah

Samstag, 26. Juli 2014

Wenn nun also der physische Tod eintritt und der Körper stirbt, lösen sich die Wesensteile von ihm und lassen ihn allein zurück. Bleibt es über einen längeren Zeitraum (mehr als 70 Tage) bei diesem Zustand der Trennung bedeutet das die endgültige Auslöschung des Verstorbenen. Der Ka bleibt nach dem physischen Tod als „Schutzgeist“ in der Nähe des Leichnams, wo er von den Hinterbliebenen durch Totenopfer versorgt werden muss um nicht zu sterben und der Ba fliegt in Vogelgestalt davon. Der Schut begibt sich auf eine gefährliche Reise durch die Unterwelt Duat um in der bereits erwähnten Halle der Wahrheit vor das Gericht des Totengottes Osiris zu treten.

Hier ist wiederrum ein kleiner aber feiner Unterschied zu den Ansichten des alten Kemet vorzufinden. Die alten Totentexte berichten davon dass der Ba in die Unterwelt eingeht und die Reise durch die Duat antritt um sich vor dem Tribunal der 42 Götter zu rechtfertigen. In unserer Auffassung verlässt der freigewordene Ba den Körper und fliegt davon um an die „Orte der Sehnsucht“ zu gelangen, also die Orte an die der Verstorbene zu Lebzeiten gern gegangen wäre, die er aber nie erreichte und der Schatten Schut begibt sich auf die gefährliche Reise in die Unterwelt.

Diese Reise in die Duat wird bereits in den alten Unterweltsbüchern Kemets ausführlich beschrieben. Diese Unterwelt ist aber kein angenehmer Ort und die Reise zur Gerichtshalle des Osiris ist auch keine Spazierfahrt durch grüne Gefilde, sie führt durch die Regionen der 12 Nachtstunden in denen unzählige Dämonen leben, durch Wüsten und vorbei an den Feuerseen in denen die Seelen der Verdammten auf ewig schmoren. Diese Region dürfte dem christlichen Bild der Hölle Pate gestanden haben. Durch dieselbe Gegend führt die „Nachtfahrt“ des Sonnengottes, der nachts die Duat durchquert um am Ende der Reise verjüngt wiedergeboren zu werden.

Getrennt sind diese 12 Bereiche durch von messerbewehrten Dämonen gut bewachte Tore, die „Pforten der Duat“, die nur denjenigen durchlassen, der die Namen dieser Wächter kennt.

In der 7. Stunde der Duat, nach der Hälfte des Wegs, begegnet der Schut dann dem großen Widersacher des Sonnegottes Ra, Apep (Apophis), ebenso wie Ra muss er den „Vernichter“ erst überwinden um weiterreisen zu können. Die Barke des Ra wird während ihrer Nachtfahrt vom Gott Sutech (Seth) vor Apep geschützt, der Shut muss die geheimen Zauberformeln des Sutech kennen um an Apep vorbei zu kommen.

Hilfsmittel auf dieser Reise durch die Unterwelt sind die Totentexte, die dem Verstorbenen als eine Art Spickzettel mitgegeben werden und die Namen der Torwächter, genau wie die Zauberformeln zur Überwindung des Apep enthalten. Kein Kemet käme auf die Idee sich ohne diese Gedächtnisstütze bestatten zu lassen. In einem dieser Unterweltsführer, dem Amduat, dem „Buch von dem was in der Duat ist“, heißt es einleitend über den Inhalt des Buches:

Zu kennen die Wesen der Unterwelt; die geheimen Wesen; die Tore und Wege, auf denen der große Gott wandelt; zu kennen, was getan wird, was in den Stunden ist und ihre Götter; zu kennen den Lauf der Stunden und ihre Götter; zu kennen ihre Verklärungssprüche für Ra; zu kennen, was er ihnen zuruft; zu kennen die Gedeihenden und die Vernichteten“

Diese Schrift ist sozusagen ein Reiseführer durch die Unterwelt, damit der Schut am Ende der Reise auch tatsächlich unbeschadet die Gerichtshalle erreichen kann. Diese Schriften, die oft als „Totenbuch“ bezeichnet werden sind heutzutage die einzige unabdingbare Grabbeigabe. Dazu muss man aber sagen dass es „das Totenbuch“ überhaupt nicht gibt. Das was heute gemeinhin als das Totenbuch bezeichnet wird ist eine Sammlung von Beschwörungsformeln, liturgischen Anweisungen und Zaubersprüchen die im Kemetischen unter dem Titel „Sprüche, die vom Hinausgang der Seele berichten zum vollen Lichte des Tages“ oder kurz unter „Sprüche vom Heraustreten ins Tageslicht“ zusammengefasst werden. Auch die Nummerierung der Kapitel dieser Spruchsammlung ist eine moderne Erfindung, im Kemetischen trägt jedes dieser Kapitel einen eigenen Namen und keine Nummer, ebenso sind die Kapitel in ihrer Reihung variabel. Eine festgeschriebene Abfolge von Kapiteln gibt es nicht. Der berühmte Spruch 125, der das Totengericht beschreibt, heißt im Kemetischen einfach „verneinen der Sünden“ und ist heute auch als „negatives Sündenbekenntnis“ bekannt.

Wenn der Shut dann alle Pforten und Regionen der Duat durchquert und die Gerichtshalle, die „Halle der vollständigen Wahrheit“, erreicht hat, so sagen die Totentexte, wird er von Heru (Horus) an der letzten Pforte in Empfang genommen und vor ein Tribunal aus 42 Göttern geführt, diese 42 Götter gilt es ebenfalls wie die Torwachen der Pforten zu kennen und zu benennen. Vor jeder dieser Gottheiten muss eine bestimmte Sünde verneint werden, nach diesem „negativen Sündenbekenntnis“ übergibt der Shut sein Herz an Inpu (Anubis), der es unter Aufsicht des Totenrichters Usir-Wennenefer (Osiris) auf die Waagschale der Maat legt und gegen die Feder der Maat aufwiegt. Während dieses „Wägens des Herzens“ sind neben Inpu, Heru und Usir-Wennenefer noch der Gott Djehuti (Thot) anwesend, der das Ergebnis schriftlich festhält, als Zeugen des Totengerichtes die beiden Schwestern Aset und Nebethat (Isis und Nephthys) sowie für den Fall, dass das Herz diese Überprüfung nicht übersteht ist auch Ammit, die krokodilköpfige „Totenfresserin“ anwesend.

Sollte der Verstorbene das Totengericht nicht von seinem maatgerechten Lebenswandel überzeugen können, wird er zur endgültigen Vernichtung verurteilt, sein Herz wird von der Totenfresserin verschlungen und sein Shut der ewigen Verdammnis in den Feuerseen der Duat übergeben. Dadurch wird eine Wiedervereinigung mit seinem Ka und Ba unmöglich gemacht und er stirbt den endgültigen Tod. Das ist für einen Kemeten das Schlimmste was überhaupt passieren kann.

Unerlässlich ist auch dass der Verstorbene vor diesem Tribunal seinen eigenen Namen (Ren) nennen kann. Sollte ihm sein Name aufgrund eines besonders schweren Vergehens zu Lebzeiten schon von einem kemetischen Gerichtshof genommen werden (Kemet hat eigene interne Gerichte die über Vergehen gegen die Maat ein Urteil fällen und die durch Rituale dem Schuldigen ihren Namen nehmen können um ihm ein Weiterleben nach dem Tode zu versagen), ist es ihm unmöglich das Tribunal der Götter in der „Halle der vollständigen Wahrheit“ zu bestehen und er wird ebenfalls endgültig vernichtet. Aus diesem Grund achtet ein gläubiger Kemet auch schon während seines irdischen Lebens sehr darauf sich keiner Verstöße gegen die Maat schuldig zu machen, denn sollte er seinen Namen verlieren nutzen ihm auch alle vorgesehenen Hilfsmittel (dazu später mehr) auch nichts mehr.

Wenn der Verstorbene das Totengericht aber von seiner Rechtschaffenheit überzeugen konnte erhält er von Usir-Wennenefer (Osiris), dem Vorsitzenden des Totengerichtes und Herrscher der Unterwelt den Titel „Gerechtfertigter“ (maa-cheru), wörtlich übersetzt eigentlich „wahr an Stimme“, also „der der die Wahrheit spricht“. Danach wird er vom „Öffner der Wege“ Wepwaut (Upuaut) aus der Duat zurück zum Leichnam geführt um sich aufs Neue mit ihm, seinem Ka und seinem Ba vereinigen zu können um zu einem Ach zu werden.

Während der Shut seine gefährliche Reise durch die Unterwelt bestreitet und seine Rechtfertigung vor dem Tribunal der Totenrichter ablegt, bleibt der Ka immer in der Nähe des Leichnams um diesen zu bewachen und zu beschützen. Da er aber nun vom Körper getrennt ist und nicht mehr von ihm genährt wird, muss er in dieser 70-tägigen Zeit des Wartens auf die Rückkehr des gerechtfertigten Shut von den Angehörigen des Verstorbenen ernährt werden. In dieser Zeit muss der Ka täglich mit Speise- und Trankopfern versorgt werden damit er nicht stirbt. Stirbt der Ka weil er nicht mit Nahrung versorgt wird bedeutet dies das Ende des Verstorbenen, da eine Verbindung mit Shut und Ba zu einem Ach nicht mehr stattfinden kann.

Ebenso bedarf auch der Ba in dieser Zeit einer gewissen besonderen Fürsorge. Er löst sich nach dem Tode zwar vom Körper und entfliegt zu den „Orten der Sehnsucht“, dort ist er aber schutzlos und wird nach 70 Tagen sterben wenn er nicht zum Leichnam zurückgerufen wird. Ebenso ist der Ba wie bereits eingangs erwähnt, nicht unverletzlich; er kann gepackt und gefangengesetzt, ja sogar vernichtet werden. Die Vernichtung des Ba oder seine Gefangennahme, die ihn daran hindern würde zum Leichnam zurückzukehren bedeutet für den Verstorbenen genau das gleiche wie der Tod des Ka oder ein nichtbestehen des Totengerichtes. Mit täglichen Totenritualen, die den magischen Schutz gewährleisten, soll verhindert werden dass der Ba in dieser gefährlichen Zeit vor der Wiedergeburt als Ach irgendwelchen Schaden nimmt.

Das Weiterleben nach den Tode hängt also nicht nur davon ab, ob der Shut das Totengericht besteht und als „Gerechtfertigter“ zum Leichnam zurückkehrt, sondern in besonderem Maße auch davon, dass die Angehörigen oder Hinterbliebenen des Verstorbenen den Ka in dieser Zeit am Leben erhalten und dass sie durch magische Rituale dafür Sorge tragen dass dem Ba kein Leid geschieht.

Ist dieser Vorgang der Wiedergeburt als Ach dann abgeschlossen, wozu besondere Totenriten vonnöten sind, die genau 70 Tage nach dem Tod des Verstorbenen an seinem Grab abgehalten werden, kann der Ach dann sein Jenseitsleben beginnen wobei er zwei verschiedene Wahlmöglichkeiten hat. Erstens ist es dem Ach möglich nun in den Himmel aufzusteigen, um dort unter den Göttern zu leben und zu einem strahlenden Stern zu werden. In Gestalt dieses neuen Sterns reiht sich der Verstorbene nun in das Gefolge des Sonnengottes ein und begleitet ihn für alle Zeiten auf seiner Fahrt über den Himmel.

Die zweite Möglichkeit ist nach der „Wiedergeburt als Ach“ in die „Gefilde der Iaret“ (Sechet iaru), auch „Binsengefilde“ genannt, einzugehen und dort sein Leben für „Millionen von Jahren“ fortzusetzen.

Sechet iaru im Grab des Sennedjem

Diese Gefilde liegen im Lande „Ta-djeser“, der von Usir-Wennenefer (Osiris) beherrschten Unterwelt und sind ein paradiesisches Spiegelbild der irdischen Welt, allerdings ohne die negativen Dinge wie Alter, Krankheit oder Tod. Sie sind ein fruchtbarer Garten, umrahmt und durchzogen von Kanälen, in denen das Getreide 7 Ellen (knapp 3,5 Meter) hoch wächst, wo es weder Hunger noch Durst gibt, die Sonne nie durch Wolken verdeckt wird und wo Lüge, Neid und Betrug unbekannt sind. Dort führt der Verstorbene dann als ewig Jugendlicher ein dem irdischen Leben recht ähnliches, aber ein um ein Vielfaches angenehmeres und idyllischeres Dasein. Er pflanzt Getreide und allerlei Feldfrüchte an, fährt paradiesische Ernten ein (diese anstrengende Arbeit übernehmen aber die sogenannten Horusdiener für ihn), sitzt gemütlich im Schatten immer fruchttragender Obstbäume und Palmen oder unternimmt Bootsfahrten zur Muße oder um zu fischen auf den Kanälen von „Sechet iaru“.

Vom großen „Danach“ geschrieben – Teil I von Väinäsisu

Samstag, 08. Februar 2014

Obwohl es wohl das Thema ist, über das jeder und jede früher oder später ins Grübeln kommt, hat es sich in 15 Jahren aus irgendeinem Grund nie ergeben, mich darüber mit anderen Praktizierenden auszutauschen. Das Folgende ist demgemäß höchst subjektiv – wobei ich allerdings davon ausgehe dass es einige Gemeinsamkeiten mit den Erfahrungswerten anderer gibt.


Das „Land der Toten“

Wie ich es für mich nenne – oder im Sinne germanisch-heidnischen Denkens das Totenreich „Hel“, dessen Schilderungen in der Edda man wohl vor dem Hintergrund der Glorifizierung des Schlachtentods in der Wikingerzeit und auch einfließenden christlichen Vorstellungen betrachten muss, hat in meiner praktischen Erfahrung nichts, aber auch gar nichts mit den Schilderungen in den schriftlichen Quellen zu tun.

Zunächst mal ist dieses eine Totenreich (nebst anderen) meinen Eindrücken nach nur Teil der verschiedenen Regionen und Ebenen der Unteren Welt…wozu erwähnt sei, dass an dieser Stelle eigentlich etwas Grundsätzliches über Topographie und Bewohner der Anderswelt geplant war – aber da komm ich derzeit nicht recht voran; Zum Anderen ist mir persönlich nur eine Möglichkeit, bzw. ein Grund begegnet, warum man es überhaupt betreten sollte:

Wenn man…in diesem Falle ich…mal damit konfrontiert wurde, Verstorbene – oder Seelenteile Verstorbener (auf die Thematik „Seelenverluste“ bzw. „-rückführung“ gehe ich zu anderer Zeit nochmal ein) ins Totenreich zu begleiten, dann ging diese Reise ansich immer nur bis an eine klar definierte Grenze, nämlich die zum Totenreich selbst.

Entsprechend ist der einzige mir bekannte nennenswerte Grund diese Region überhaupt zu betreten, der – Seelenteile noch Lebender zurückzuholen, etwa weil sie mit dem Tod eines geliebten Menschen „versehentlich“ auf die andere Seite mit hinüber gewechselt sind. Ich belass es an dieser Stelle mal bei diesem zugegeben unvollständigen Beispiel; Alles darüber Hinausgehende würde jetzt zu weit in den Bereich der Möglichkeiten für Verluste von Seelenteilen hineinreichen.

Wie erwähnt ist das Totenreich meinen Eindrücken nach „nur“ ein eindeutig abgegrenzter Teil der Unteren Welt; Übersehen oder versehentlich überschreiten kann man diese Grenze nicht; und auch wenn ich grundsätzlich eine kultivierte Neugier befürworte, was das Reisen in die Anderswelt angeht, nehme ich den Bereich hinter dieser Grenze aus dem einfachsten aller Gründe aus: Die Lebenden haben dort per se nichts zu suchen !

Um genau zu sein, wurde ich seinerzeit von meinen Spirits auf ihre Initiative hin auf den ersten Eintritt in diesen Bereich in einer sehr spezifischen Weise vorbereitet – und auch das hat (für mich jedenfalls) offenbar seine Gründe. Ob ich darauf noch mal genauer eingehe, überlege ich mir noch.

Was ist also auf der anderen Seite – oder näher an der eigentlichen Frage:


Was passiert nach dem physischen Tod?

Sofern ich Verstorbene an die Grenze zum Totenreich führte, hatte ich oft das Erleben, dass sie von ihnen bekannten Personen in Empfang genommen wurden; Hinter dieser „Wand“ allerdings gestalteten sich meine Erfahrungswerte etwas anders:

Bei den Gelegenheiten, in denen ich dieses „Reich“ tatsächlich betreten habe, waren die für mich berührendsten Momente, dass ich – soweit ich mich entsinne – immer das Lachen spielender Kinder hörte; Als Vater weiß ich, wie das klingt.

Auch habe ich bei diversen Gelegenheiten Menschen gesehen, die hingebungsvoll verschiedenen Alltagstätigkeiten nachgingen – etwa das Hegen eines Schrebergarten Beets.

In der Summe haben mir diese Erlebnisse den Eindruck vermittelt, dass zumindest manche Menschen an diesem Ort in den Erinnerungen weiterleben dürfen, was ihnen zu Lebzeiten am Herzen lag.

Es gab auch andere Situationen, die ich gesehen habe – aber alles in allem lief es immer darauf hinaus, dass dieser Aufenthaltsort grundsätzlich ein Ort der Heilung ist !

Auch die Wesenheit…die Totengöttin – als germanisch orientierter Heide nenne ich sie „Hel“ – war in meinen Augen eine in dunkelblau gekleidete mütterlich-fürsorgliche Person.

Daraus ergibt sich für mich persönlich die Frage: Sollte der Tod das Ende von allem sein – wozu bräuchte es dann einen solchen Ort der Heilung ?!

Auf der anderen Seite bin ich trotz etwaiger Erfahrungen, die in eine solche Richtung deuten doch immer noch sehr ambivalent, was das Thema „Wiedergeburt“ angeht. Die modellhaften Erklärungen, die mir diesbezüglich im Lauf der Jahre untergekommen sind, haben im besten Falle an irgendeiner Stelle gehinkt – im schlimmsten Falle haben sich mir innerlich die Zehennägel aufgerollt. Und auch mit dem Begriff „Karma“ im Sinne einer Lebensspanne übergreifenden Aufgabenstellung kann ich persönlich nichts anfangen – aber das muss ich ja auch nur für mich entscheiden, wie jede_r Andere auch.

Auch die Überzeugung, dass Ahnen zuweilen ihre noch lebenden Angehörigen aufsuchen können, scheint vor der relativen Endgültigkeit dieses Aufenthaltsortes eher paradox…aber man muss auch nicht alles rational erklären können, denk ich – auch das hat seine Grenzen.

Spätestens wenn man nun eine gewisse Erfahrung mit dem Reisen hat, macht man irgendwann die Feststellung, dass sich manche Erlebnisse im Sinne einer Überzeugung festsetzen. So geht es mir unter anderem mit ebendiesem Ort. Dass ihm eine friedvolle Atmosphäre anhaftet – und dass er, so denke ich – eine glaubensübergreifende Existenz hat. Dass ich ihn halt „Hel“ nenne, ist nur Sache meines persönlichen Geschmacks.


Ende Teil I

Grabstätten und Grabsteine Teil III – Sarg-Kunst in Ghana

Samstag, 23. November 2013

Können Sie sich vorstellen in einer riesigen Kakaobohne beerdigt zu werden? Oder in einen gigantischen Huhn aus Holz, oder in einem knallroten Holz-Sportwagen? Die Bewohner des Südosten Ghanas können das, und sehen in dieser einzigartigen Form der letzten Ruhestätte, ihren Verstorbenen gegenüber, einen ganz speziellen Liebesbeweis.

Extravaganz über den Tod hinaus

Im Südosten Ghanas (Region von Greater Accra) befindet sich einige Ateliers, meist als Familienbetriebe geführt, die den Verstorbenen einen letzte Ruhestätte der besonderen Art zimmern. Hier können Verwandte die irrwitzigsten Särge bauen lassen. Jeder Sarg wird exakt nach den Vorstellungen der Hinterbliebenen gebaut und eigens von einem Künstler der Region handbemalt. Natürlich ist die Wahl des Motivs eines Sarges angelehnt an das Leben der Verstorbenen. So beerdigte man den Besitzer einer Kaffeebohnenplantage -wie sollte es anders sein- in einer bunten und fröhlichen Holz-Kaffeebohne. Eine Dame bestellte für ihre gluckenhafte und kürzlich verstorbene Mutter einen Sarg in der Form eines Riesenhuhns.

Sarg-Kunst Huhn

Wie das Sarg Bauen zur Kunst wurde

Diese Form der Sarg-Kunst findet ihren Ursprung in einer Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts, in der sich die Häuptlinge in speziellen Sänften durch die Gegend tragen ließen. Diese Sänften stellten -je nach Clan und Vorliebe des Oberhauptes- die unterschiedlichsten Figuren dar und waren wichtige Status-Symbole. Ein Häuptling wünschte sich zur Zuschaustellung seiner wirtschaftlichen Kraft, eine Sänfte in Form einer riesigen Kakaobohne. Da er aber noch vor deren Fertigstellung starb, gab man ihm die Sänfte einfach mit ins Grab. Es ist zwar nicht bewiesen, doch gut vorstellbar, dass dies der Ursprung der Sarg-Kunst Ghanas war. So entwickelte sich eine derart spezielle Tradition, wie es sie kein zweites Mal auf der Welt gibt – ein Rückgang der Bestellungen ist für die Sargtischler nicht zu erwarten. Zumal sich die Bestellungen längst nicht mehr auf Ghana beschränken. Mittlerweile gehen Aufträge aus aller Welt ein. Trinkfreudige Bier-Liebhaber aus Deutschland wollen in Bierflaschen beerdigt werden, amerikanische Geschäftsmänner in überdimensionalen Handys. Der Phantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt. Die Ausführung der handgefertigten Särge hat oft etwas mit dem Beruf des Verstorbenen zu tun oder auch mit dessen Hobbies und Vorlieben. So stellten die ghanaischen Sarg-Künstler unter anderem bereits Särge in Form von Fischen, Flaschen, Dosen, Hühnern, Tomaten, Autos, Flugzeugen, Schuhen, Früchten und sogar einer Canon Digitalkamera her. Die Ehre in einer Raubkatze beerdigt zu werden, wird allerdings nur Würdenträgern -Oberhäuptern des Clans- zu Teil.

Sarg-Kunst Canon

Der bekannteste Sarg-Künstler war Seth Kane Kwei (1925 – 1992), der das Handwerk wohl von deinem Onkel Ataa Oko erlernte, die Quellen dazu sind nicht eindeutig belegbar. Kane Kwei führte gemeinsam mit seinem Bruder von 1951 an eine Sargmanufaktur in Teshie. Mittlerweile wurde diese von seinem Sohn Cedi Anang Kwei und später von seinem Enkel Eric Adjetey Anang übernommen. Seit die Särge in den 70er Jahren von einem Amerikaner in Teshie entdeckt wurden, erlangten sie auch außerhalb von Ghana große Bekanntheit. Erstmals wurde Seth Kane Kwei 1972 nach Kalifornien eingeladen, um seine Särge als Kunstwerke auszustellen. Die Ausstellung lief unter dem Namen „The Egg and The Ey“ und fand in Los Angelos statt. Seither folgten weitere internationale Ausstellungen der diversen Sarg-Künstler in den USA, in Europa sowie in Asien, beispielsweise 2011 unter dem Titel „Miracles of Africa“ in Finnland.

Besänftigung der Toten

Die aufwendige Gestaltung der Särge hängt natürlich stark mit den Vorstellungen über das Jenseits zusammen. Nach dem Glauben der Ghanaer geht das Leben im Jenseits auch nach unserem Tod in etwa so weiter, wie hier im Diesseits. Allerdings haben die Verstorbenen in ihrem neuen Status als Ahnen größere Macht und ebenso einen Einfluss auf das Leben ihrer noch lebenden Verwandten. Man glaubt also, die Verstorbenen durch einen besonders exklusiven und kunstvollen Sarg positiv stimmen zu können. Hier spielt natürlich auch der materielle Wert eine Rolle, denn so ein Sarg ist nicht ganz billig, wenn man sich das Durchschnitts-Einkommen dieser Region ansieht. In etwa 500 US Dollar müssen die Hinterbliebenen für ihre extravaganten Sarg-Wünsche bezahlen.

Sarg-Kunst Fisch

Es beschleicht einen das Gefühl, die Menschen in Westafrika gingen mit dem Tod ganz anders um, als wir hier in Europa. Es scheint, als wäre der Tod viel mehr als Teil des Lebens anerkannt als bei uns und würde genauso gefeiert werden wie das Leben selbst. Sieht man die Bilder der bunten und phantasievollen Särge, könnte man meinen, in Ghana würden die Menschen auch mitten in der Trauer um die Verstorbenen, ihre Lebensfreude und vor allen Dingen auch ihren Humor nicht verlieren.

Beerdigung im Fisch

Quellen:
Regula Tschumi: Die vergrabenen Schätze der Ga. Sarg-Kunst aus Ghana. Bern 2006.
TV-Dokumentation: Ghana – Wie das Sein, so der Sarg. Frankreich 2010.
http://www.fr-online.de/panorama/seltsame-saerge-begrabt-mich-in-einer-gebaermutter,1472782,3354456.html;
http://www.spiegel.de/reise/fernweh/sarg-kunst-in-ghana-flaschenpost-ins-jenseits-a-800719.html

Bildquellen:
http://www.arte.tv/guide/de/046335-000/ghana-wie-das-sein-so-der-sarg;
http://www.spiegel.de/fotostrecke/figurensaerge-in-ghana-tot-im-fisch-fotostrecke-75695.html