Mit ‘Totenbuch’ getaggte Artikel

Vom Tod, der Welt danach und dem Totenkult Kemets, geschrieben von Merienptah – Teil IV

Samstag, 13. September 2014
  • Ich habe nie als Gottloser gehandelt
  • Ich habe nie grausame Gewalttaten verübt
  • Ich habe nie roh an den Menschen gehandelt
  • Ich habe nie einen Raub verübt
  • Ich habe nie meinen Mitmenschen wissentlich geschadet
  • Ich habe niemals den Kornscheffel vermindert
  • Ich habe nie wissentlich einen Betrug verübt
  • Ich habe nie geraubt, was den Göttern gehört
  • Ich habe nie wissentlich die Unwahrheit gesprochen
  • Ich habe nie meinen Mitmenschen ihre Nahrung entzogen
  • Ich habe nie jemanden verleumdet
  • Ich bin niemals streitsüchtig oder rechthaberisch gewesen
  • Ich habe niemals das den Tempeln gehörende Vieh angetastet oder getötet
  • Ich habe niemals die Menschen begaukelt oder beschwindelt
  • Ich habe mir niemals unbefugt Land angeeignet
  • Ich habe niemals an den Türen gelauscht
  • Ich habe mich nie durch zu viel Gerede versündigt
  • Ich habe nie einen Menschen verwünscht
  • Ich habe niemals meine Ehe gebrochen
  • Ich habe nie aufgehört in der Einsamkeit Keuschheit zu wahren
  • Ich habe nie unter den Menschen Furcht und Schrecken verbreitet
  • Ich habe nie die Ordnung der Zeiten gestört
  • Ich habe nie dem Jähzorn nachgegeben
  • Ich habe nie meine Ohren verschlossen vor dem Ruf nach Gerechtigkeit
  • Ich war niemals zanksüchtig
  • Ich habe nie dafür Schuld getragen, dass meine Mitmenschen Tränen vergossen
  • Ich habe mich nie wider die Natur mit Kindern versündigt
  • Ich erlag nie der Ungeduld
  • Ich habe nie einen Menschen beleidigt oder verhöhnt
  • Ich habe nie Streitereien oder Schlägereien gesucht
  • Ich habe nie mit Übereile gehandelt
  • Ich habe es nie an Ehrfurcht für die Götter fehlen lassen
  • Ich habe nie in meinen Reden durch Wortschwall gesündigt
  • Ich handelte nie unehrlich oder mit boshafter Absicht
  • Ich habe nie meinen Herren verflucht
  • Ich habe niemals die Gewässer entweiht und verschmutzt
  • Ich war in meinen Reden nie hochmütig
  • Ich habe nie die Götter gelästert oder ihnen geflucht
  • Ich war weder anmaßend noch übermütig
  • Ich habe nie um mich zur Geltung zu bringen Ränke geschmiedet
  • Ich habe mich nie auf unerlaubte Art und Weise bereichert
  • Ich habe nie die Götter missachtet

Als Abschluss dieses negativen Sündenbekenntnisses folgt noch eine Anrufung an die 42 Richter des Tribunals die nochmal betont dass der verstorbene frei von Sünden ist und dass die Götter ihn davor bewahren mögen vernichtet zu werden. Auszug:

„ … Möge mich also kein Unheil heimsuchen, denn genährt ward ich mit Gerechtigkeit und Wahrheit. In Eintracht mit den guten Sitten war immer mein Tun und den Göttern gefällig. … „

„ … Ihr himmlischen Wesen, befreit mich, beschützt mich! Beschuldigt mich nicht vor dem Gott, dem gewaltigen! Rein ist mein Mund, rein meine Hände… „

Die Bestattungspraxis

Ähnlich wie in alter Zeit betreibt auch der moderne Kemet einen gewissen Aufwand was seine Bestattung angeht obwohl sich dieser Aufwand doch erheblich von der Bestattungspraxis des alten Kemet unterscheidet.

Usir-Wennenefer

Wie bereits erwähnt verzichten wir zwar heute auf die Mumifizierung und auf prächtig ausgerüstete Totenhäuser mit all ihren Beigaben, aber dennoch sind gewisse Vorkehrungen zu treffen um zu gewährleisten dass sich Ka, Ba und Schut im Chet für ein ewiges Leben von „Millionen von Jahren“ zum Ach vereinen können. Dafür ist es unerlässlich dass der Körper (Chet) des Verstorbenen in der Zeit nach dem physischen Tod und vor der Achwerdung nicht zerstört wird. Wir lehnen deshalb jede Form von Bestattung ab, die den Körper zerstört oder seine Unversehrtheit beschädigt. Ebenso werden Autopsien oder ähnliche Untersuchungen, die den Leichnam beschädigen von uns strikt abgelehnt, solange sie nicht von Gesetzes wegen zwingend vorgeschrieben sind.

Noch lange bevor der physische Tod eintritt werden bereits erste Vorkehrungen getroffen. Um zum Beispiel zu gewährleisten dass der Ka vor der Achwerdung nicht stirbt, was eine Wiedergeburt als Ach unmöglich machen würde, wird durch die Tempelpriester eine sogenannte „Totenstele“ angefertigt. Diese bestehen aus einem Bild- und einem Textfeld. Das Bildfeld zeigt den Verstorbenen bei einem Opfer vor den Totengöttern und das Textfeld enthält die sogenannte „Opferformel“. Sie beinhaltet eine Anrufung an die Totengötter, in erster Linie Usir-Wennenefer (Osiris, im nebenstehenden Bild von Isis und Thot begleitet), die gewährleisten soll, dass dem Ka des Verstorbenen beispielsweise „1000 an Brot, 1000 an Bier, 1000 an Rind, 1000 an Geflügel, 1000 an Weihrauch, 1000 an Wasserspenden, 1000 an allen guten Dingen“ als Opfergaben zur Verfügung stehen mögen damit er versorgt ist und nicht stirbt. Diese Stelen erfüllen auch noch einen weiteren Zweck, auf ihnen ist der Name (Ren) des Verstorbenen festgehalten der nicht in Vergessenheit geraten darf. Diese Stelen werden dann nach dem Tod in den Archiven der Tempel eingelagert und dort beschützt um auf ewig zu gewährleisten dass der Name nicht in Vergessenheit gerät. An den Totenfesten des kemetischen Kalenders werden diese Stelen dann Jahr um Jahr von der Priesterschaft aus den Archiven hervorgeholt damit sie, stellvertretend für den Toten selbst, an den alljährlich vollzogenen Totenopfern und -ehrungen teilhaben können.

Des Weiteren gibt man schon zu Lebzeiten in den Tempelwerkstätten eine Schriftrolle in Auftrag die die „Sprüche vom Heraustreten ins Tageslicht“ enthält (heute als Totenbuch bekannt), die der Schut benötigt um unbeschadet seine Reise durch die Duat zu bewältigen und die ihm dabei helfen sollen das Totengericht in der „Halle der vollständigen Wahrheit“ zu bestehen.

Auch wird der sogenannte „Herzskarabäus“ in den Tempelwerkstätten angefertigt, der verhindern soll dass das Herz beim Totengericht gegen den Verstorbenen aussagt. Diese beiden Gegenstände, die Spruchsammlung und der Herzskarabäus, sind die einzigen Beigaben die wir heutzutage unseren Toten noch mit ins Grab geben.

Wenn der Tod dann eintritt, geht es bei uns erst mal nicht viel anders vonstatten als bei jedem anderen Todesfall, doch noch bevor ein Arzt hinzugezogen wird, der den Tod amtlich festhält und den Totenschein ausstellt, wird der Leichnam des Verstorbenen von einem Priester rituell gereinigt und für die 70 Tage später folgende Achwerdung vorbereitet. Nachdem dann der Tod ärztlich bestätigt wurde wird eine Totenwache abgehalten die den Leichnam solange bewacht bis dieser durch das Bestattungsunternehmen abgeholt und für die Bestattung vorbereitet wird. Meist übernehmen diese Totenwache zwei Priesterinnen, eine Stellvertretend für die Göttin Aset (Isis) die andere stellvertretend für die Göttin Nebethat (Nephthys). Danach geht es wieder den üblichen Gang, der Sarg und die Grabstätte werden ausgewählt, und alles weitere für die Erdbestattung vorbereitet.

Vom Zeitpunkt des Todes an werden täglich von den Erben des Verstorbenen, und wenn keine Erben vorhanden sind durch einen Priester, vor der Totenstele in der Wohnung des Verstorbenen die Opfer für den Ka vollzogen. Täglich wird der Ka mit Speise- und Trankopfern versorgt, ebenso wie reinigende Weirauchopfer durchgeführt werden. Durch allabendliche Riten wird der Ba daran erinnert, sich nicht zu weit vom Leichnam zu entfernen und den Namen des Verstorbenen nicht zu vergessen, damit er den Weg zurück zum richtigen Körper findet um sich dort später wieder mit dem Ka und dem Schut vereinigen zu können.

Sothis

An der eigentlichen Bestattung die in der Regel zwei bis acht Tage nach dem Tod stattfindet, nehmen nur die engsten Familienangehörigen Teil, keine Freunde, keine Priester und auch niemand sonst. Die Beisetzung als solche ist absolute Privatsache und nur den engsten Angehörigen vorbehalten. Anders verhält es sich mit der eigentlichen Bestattungsfeier, dem Totenfest, das genau 70 Tage nach dem Tod stattfindet. Diese 70-Tagesfrist ist noch ein Überbleibsel aus den alten Tagen Kemets, denn die Mumifizierung und die Vorbereitung des Grabes für die Bestattung nahmen einen Zeitraum von etwa 70 Tagen in Anspruch. Mythologisch lässt sich diese Frist weiterhin dadurch erklären dass die Sterngöttin Sopdet (Sothis), die am Himmel als der hellste Stern Sirius zu sehen ist, im Jahresverlauf für genau 70 Tage nicht am Himmel über Ägypten zu sehen ist. Ihr Widererscheinen am Himmel, zeitgleich mit dem Sonnenaufgang (heliakischer Aufgang) fiel damals mit der alljährlichen Nilflut zusammen und stand damit für Regeneration und Wiedergeburt. Somit wird auch der Verstorbene, ebenso wie die Göttin, 70 Tage nach seinem Verschwinden, dem Tod, wiedergeboren. Dieser Zeitraum blieb bis heute unverändert als Trauerfrist in der kemetischen Bestattungspraxis erhalten.

Im Gegensatz zur eigentlichen Bestattung, die im engsten Kreis der Angehörigen und ohne großes Zeremoniell stattfindet, ist das Totenfest ein großes Fest, an dem Familie, Freunde, Bekannte und auch die Priester teilhaben, die an dem Tag die Totenriten vollziehen. Es beginnt bereits bei Sonnenaufgang. Der Sem-Priester erscheint in der Wohnung des Verstorbenen und Vollzieht dort die letzten Versorgungsopfer für den Ka des Verstorbenen. Danach begibt sich die Trauergesellschaft zum Grab und schmückt dieses mit Blumen.

Ende Teil IV

Vom Tod, der Welt danach und dem Totenkult Kemets – Teil II geschrieben von Merienptah

Samstag, 26. Juli 2014

Wenn nun also der physische Tod eintritt und der Körper stirbt, lösen sich die Wesensteile von ihm und lassen ihn allein zurück. Bleibt es über einen längeren Zeitraum (mehr als 70 Tage) bei diesem Zustand der Trennung bedeutet das die endgültige Auslöschung des Verstorbenen. Der Ka bleibt nach dem physischen Tod als „Schutzgeist“ in der Nähe des Leichnams, wo er von den Hinterbliebenen durch Totenopfer versorgt werden muss um nicht zu sterben und der Ba fliegt in Vogelgestalt davon. Der Schut begibt sich auf eine gefährliche Reise durch die Unterwelt Duat um in der bereits erwähnten Halle der Wahrheit vor das Gericht des Totengottes Osiris zu treten.

Hier ist wiederrum ein kleiner aber feiner Unterschied zu den Ansichten des alten Kemet vorzufinden. Die alten Totentexte berichten davon dass der Ba in die Unterwelt eingeht und die Reise durch die Duat antritt um sich vor dem Tribunal der 42 Götter zu rechtfertigen. In unserer Auffassung verlässt der freigewordene Ba den Körper und fliegt davon um an die „Orte der Sehnsucht“ zu gelangen, also die Orte an die der Verstorbene zu Lebzeiten gern gegangen wäre, die er aber nie erreichte und der Schatten Schut begibt sich auf die gefährliche Reise in die Unterwelt.

Diese Reise in die Duat wird bereits in den alten Unterweltsbüchern Kemets ausführlich beschrieben. Diese Unterwelt ist aber kein angenehmer Ort und die Reise zur Gerichtshalle des Osiris ist auch keine Spazierfahrt durch grüne Gefilde, sie führt durch die Regionen der 12 Nachtstunden in denen unzählige Dämonen leben, durch Wüsten und vorbei an den Feuerseen in denen die Seelen der Verdammten auf ewig schmoren. Diese Region dürfte dem christlichen Bild der Hölle Pate gestanden haben. Durch dieselbe Gegend führt die „Nachtfahrt“ des Sonnengottes, der nachts die Duat durchquert um am Ende der Reise verjüngt wiedergeboren zu werden.

Getrennt sind diese 12 Bereiche durch von messerbewehrten Dämonen gut bewachte Tore, die „Pforten der Duat“, die nur denjenigen durchlassen, der die Namen dieser Wächter kennt.

In der 7. Stunde der Duat, nach der Hälfte des Wegs, begegnet der Schut dann dem großen Widersacher des Sonnegottes Ra, Apep (Apophis), ebenso wie Ra muss er den „Vernichter“ erst überwinden um weiterreisen zu können. Die Barke des Ra wird während ihrer Nachtfahrt vom Gott Sutech (Seth) vor Apep geschützt, der Shut muss die geheimen Zauberformeln des Sutech kennen um an Apep vorbei zu kommen.

Hilfsmittel auf dieser Reise durch die Unterwelt sind die Totentexte, die dem Verstorbenen als eine Art Spickzettel mitgegeben werden und die Namen der Torwächter, genau wie die Zauberformeln zur Überwindung des Apep enthalten. Kein Kemet käme auf die Idee sich ohne diese Gedächtnisstütze bestatten zu lassen. In einem dieser Unterweltsführer, dem Amduat, dem „Buch von dem was in der Duat ist“, heißt es einleitend über den Inhalt des Buches:

Zu kennen die Wesen der Unterwelt; die geheimen Wesen; die Tore und Wege, auf denen der große Gott wandelt; zu kennen, was getan wird, was in den Stunden ist und ihre Götter; zu kennen den Lauf der Stunden und ihre Götter; zu kennen ihre Verklärungssprüche für Ra; zu kennen, was er ihnen zuruft; zu kennen die Gedeihenden und die Vernichteten“

Diese Schrift ist sozusagen ein Reiseführer durch die Unterwelt, damit der Schut am Ende der Reise auch tatsächlich unbeschadet die Gerichtshalle erreichen kann. Diese Schriften, die oft als „Totenbuch“ bezeichnet werden sind heutzutage die einzige unabdingbare Grabbeigabe. Dazu muss man aber sagen dass es „das Totenbuch“ überhaupt nicht gibt. Das was heute gemeinhin als das Totenbuch bezeichnet wird ist eine Sammlung von Beschwörungsformeln, liturgischen Anweisungen und Zaubersprüchen die im Kemetischen unter dem Titel „Sprüche, die vom Hinausgang der Seele berichten zum vollen Lichte des Tages“ oder kurz unter „Sprüche vom Heraustreten ins Tageslicht“ zusammengefasst werden. Auch die Nummerierung der Kapitel dieser Spruchsammlung ist eine moderne Erfindung, im Kemetischen trägt jedes dieser Kapitel einen eigenen Namen und keine Nummer, ebenso sind die Kapitel in ihrer Reihung variabel. Eine festgeschriebene Abfolge von Kapiteln gibt es nicht. Der berühmte Spruch 125, der das Totengericht beschreibt, heißt im Kemetischen einfach „verneinen der Sünden“ und ist heute auch als „negatives Sündenbekenntnis“ bekannt.

Wenn der Shut dann alle Pforten und Regionen der Duat durchquert und die Gerichtshalle, die „Halle der vollständigen Wahrheit“, erreicht hat, so sagen die Totentexte, wird er von Heru (Horus) an der letzten Pforte in Empfang genommen und vor ein Tribunal aus 42 Göttern geführt, diese 42 Götter gilt es ebenfalls wie die Torwachen der Pforten zu kennen und zu benennen. Vor jeder dieser Gottheiten muss eine bestimmte Sünde verneint werden, nach diesem „negativen Sündenbekenntnis“ übergibt der Shut sein Herz an Inpu (Anubis), der es unter Aufsicht des Totenrichters Usir-Wennenefer (Osiris) auf die Waagschale der Maat legt und gegen die Feder der Maat aufwiegt. Während dieses „Wägens des Herzens“ sind neben Inpu, Heru und Usir-Wennenefer noch der Gott Djehuti (Thot) anwesend, der das Ergebnis schriftlich festhält, als Zeugen des Totengerichtes die beiden Schwestern Aset und Nebethat (Isis und Nephthys) sowie für den Fall, dass das Herz diese Überprüfung nicht übersteht ist auch Ammit, die krokodilköpfige „Totenfresserin“ anwesend.

Sollte der Verstorbene das Totengericht nicht von seinem maatgerechten Lebenswandel überzeugen können, wird er zur endgültigen Vernichtung verurteilt, sein Herz wird von der Totenfresserin verschlungen und sein Shut der ewigen Verdammnis in den Feuerseen der Duat übergeben. Dadurch wird eine Wiedervereinigung mit seinem Ka und Ba unmöglich gemacht und er stirbt den endgültigen Tod. Das ist für einen Kemeten das Schlimmste was überhaupt passieren kann.

Unerlässlich ist auch dass der Verstorbene vor diesem Tribunal seinen eigenen Namen (Ren) nennen kann. Sollte ihm sein Name aufgrund eines besonders schweren Vergehens zu Lebzeiten schon von einem kemetischen Gerichtshof genommen werden (Kemet hat eigene interne Gerichte die über Vergehen gegen die Maat ein Urteil fällen und die durch Rituale dem Schuldigen ihren Namen nehmen können um ihm ein Weiterleben nach dem Tode zu versagen), ist es ihm unmöglich das Tribunal der Götter in der „Halle der vollständigen Wahrheit“ zu bestehen und er wird ebenfalls endgültig vernichtet. Aus diesem Grund achtet ein gläubiger Kemet auch schon während seines irdischen Lebens sehr darauf sich keiner Verstöße gegen die Maat schuldig zu machen, denn sollte er seinen Namen verlieren nutzen ihm auch alle vorgesehenen Hilfsmittel (dazu später mehr) auch nichts mehr.

Wenn der Verstorbene das Totengericht aber von seiner Rechtschaffenheit überzeugen konnte erhält er von Usir-Wennenefer (Osiris), dem Vorsitzenden des Totengerichtes und Herrscher der Unterwelt den Titel „Gerechtfertigter“ (maa-cheru), wörtlich übersetzt eigentlich „wahr an Stimme“, also „der der die Wahrheit spricht“. Danach wird er vom „Öffner der Wege“ Wepwaut (Upuaut) aus der Duat zurück zum Leichnam geführt um sich aufs Neue mit ihm, seinem Ka und seinem Ba vereinigen zu können um zu einem Ach zu werden.

Während der Shut seine gefährliche Reise durch die Unterwelt bestreitet und seine Rechtfertigung vor dem Tribunal der Totenrichter ablegt, bleibt der Ka immer in der Nähe des Leichnams um diesen zu bewachen und zu beschützen. Da er aber nun vom Körper getrennt ist und nicht mehr von ihm genährt wird, muss er in dieser 70-tägigen Zeit des Wartens auf die Rückkehr des gerechtfertigten Shut von den Angehörigen des Verstorbenen ernährt werden. In dieser Zeit muss der Ka täglich mit Speise- und Trankopfern versorgt werden damit er nicht stirbt. Stirbt der Ka weil er nicht mit Nahrung versorgt wird bedeutet dies das Ende des Verstorbenen, da eine Verbindung mit Shut und Ba zu einem Ach nicht mehr stattfinden kann.

Ebenso bedarf auch der Ba in dieser Zeit einer gewissen besonderen Fürsorge. Er löst sich nach dem Tode zwar vom Körper und entfliegt zu den „Orten der Sehnsucht“, dort ist er aber schutzlos und wird nach 70 Tagen sterben wenn er nicht zum Leichnam zurückgerufen wird. Ebenso ist der Ba wie bereits eingangs erwähnt, nicht unverletzlich; er kann gepackt und gefangengesetzt, ja sogar vernichtet werden. Die Vernichtung des Ba oder seine Gefangennahme, die ihn daran hindern würde zum Leichnam zurückzukehren bedeutet für den Verstorbenen genau das gleiche wie der Tod des Ka oder ein nichtbestehen des Totengerichtes. Mit täglichen Totenritualen, die den magischen Schutz gewährleisten, soll verhindert werden dass der Ba in dieser gefährlichen Zeit vor der Wiedergeburt als Ach irgendwelchen Schaden nimmt.

Das Weiterleben nach den Tode hängt also nicht nur davon ab, ob der Shut das Totengericht besteht und als „Gerechtfertigter“ zum Leichnam zurückkehrt, sondern in besonderem Maße auch davon, dass die Angehörigen oder Hinterbliebenen des Verstorbenen den Ka in dieser Zeit am Leben erhalten und dass sie durch magische Rituale dafür Sorge tragen dass dem Ba kein Leid geschieht.

Ist dieser Vorgang der Wiedergeburt als Ach dann abgeschlossen, wozu besondere Totenriten vonnöten sind, die genau 70 Tage nach dem Tod des Verstorbenen an seinem Grab abgehalten werden, kann der Ach dann sein Jenseitsleben beginnen wobei er zwei verschiedene Wahlmöglichkeiten hat. Erstens ist es dem Ach möglich nun in den Himmel aufzusteigen, um dort unter den Göttern zu leben und zu einem strahlenden Stern zu werden. In Gestalt dieses neuen Sterns reiht sich der Verstorbene nun in das Gefolge des Sonnengottes ein und begleitet ihn für alle Zeiten auf seiner Fahrt über den Himmel.

Die zweite Möglichkeit ist nach der „Wiedergeburt als Ach“ in die „Gefilde der Iaret“ (Sechet iaru), auch „Binsengefilde“ genannt, einzugehen und dort sein Leben für „Millionen von Jahren“ fortzusetzen.

Sechet iaru im Grab des Sennedjem

Diese Gefilde liegen im Lande „Ta-djeser“, der von Usir-Wennenefer (Osiris) beherrschten Unterwelt und sind ein paradiesisches Spiegelbild der irdischen Welt, allerdings ohne die negativen Dinge wie Alter, Krankheit oder Tod. Sie sind ein fruchtbarer Garten, umrahmt und durchzogen von Kanälen, in denen das Getreide 7 Ellen (knapp 3,5 Meter) hoch wächst, wo es weder Hunger noch Durst gibt, die Sonne nie durch Wolken verdeckt wird und wo Lüge, Neid und Betrug unbekannt sind. Dort führt der Verstorbene dann als ewig Jugendlicher ein dem irdischen Leben recht ähnliches, aber ein um ein Vielfaches angenehmeres und idyllischeres Dasein. Er pflanzt Getreide und allerlei Feldfrüchte an, fährt paradiesische Ernten ein (diese anstrengende Arbeit übernehmen aber die sogenannten Horusdiener für ihn), sitzt gemütlich im Schatten immer fruchttragender Obstbäume und Palmen oder unternimmt Bootsfahrten zur Muße oder um zu fischen auf den Kanälen von „Sechet iaru“.

Vom Ursprung der Dinge – Teil III geschrieben von Merienptah

Samstag, 07. Juni 2014

Der heute als „ägyptischer Urmonotheismus“ bezeichnete Glauben Kemets besteht also in der Vorstellung dass das Göttliche am Anfang Eines war und in der Kosmogonie zu Vielem wurde, als Werk des Einen. Aus diesem Grund sprechen viele alte Texte nur von Gott, ohne einen bestimmten Namen zu nennen; dies verdeutlicht dass mit diesem Gott, alles Göttliche gemeint ist. Diese Sonderstellung des einen Schöpfers am Anfang allen Seins wird in den kemetischen Texten in geradezu monotheistischer Strenge durch immer neue Definitionen umschrieben, häufig in paradoxer Form. Er ist „der Eine, der seinen Erzeuger erzeugte, der seine Mutter hervorbrachte und seine Hand erschuf“, wie es in einem Sonnenhymnus des Neuen Reiches heißt, in Anspielung auf das Werk des Atum, der mit seiner Hand den ersten Samen hervorbrachte. Optisch erfassen lässt sich diese Weltsicht bei einem Blick auf die Sonne am Himmel, sie steht im Zentrum als alleiniger Ursprung allen Seins und aus ihr gehen Millionen Strahlen hervor. Wenn in der Kosmogonie von Memphis Ptah an den Anfang gesetzt wird, erscheint er als Vater des Atum, also als „Erzeuger des Einen, der keinen Erzeuger hat“ und als Ptah-Nun, um auch die Urflut vor der Schöpfung in sein Wesen mit aufzunehmen.

Diese Urflut, der Urozean Nun verkörpert das Nichtseiende, das als Wasser und Finsternis vor jeder Schöpfung, vor Raum und Zeit und auch vor dem Einen des Anfangs war. Die Redewendung „als ich noch im Nun war“ bedeutet: als die Welt noch nicht geschaffen war. Dies ist das für moderne Augen so paradoxe an der Schöpfung aus kemetischer Sicht: Der Schöpfer befindet sich im Nichts als er das Seiende ins Leben ruft. Er bringt sich selbst und die Welt aus einem Zustand der Nichtexistenz hervor. Aus Nichts wird Alles erschaffen, durch die reine Willenskraft des Schöpfers. Seine eine Seite ist Finsternis, die andere Licht. Er steht zwischen Nichtsein und Sein. Das kommt auch im Namen des Gottes Atum zum Ausdruck; der Wortstamm tem ist eine Umschreibung für „nicht sein“, kann aber auch „vollendet“ und „vollständig sein“ bedeuten. Der Ägyptologe Erik Hornung hat einmal als gemeinsamen Nenner „der Undifferenzierte“ vorgeschlagen. Als der Eine gehört der Schöpfer noch dem Nichtseienden an, durch seine Entfaltung im ersten Götterpaar Schu und Tefnut tritt er ins Sein; durch diese Entfaltung setzt sich der Schöpfungsprozess in Gang.

Der Beginn der Schöpfung ist nichts anderes als Differenzierung der Welt aus dem Einen des Anfangs. Diese Entfaltung des Seins wird einmal durch numerische Formeln umschrieben, wie „aus Eins wird Viel“; auf andere Weise wird diese Entfaltung anschaulich gemacht im Bild der Trennung von Himmel und Erde in der nächsten Göttergeneration, die im raumlosen Anfang noch ungetrennt waren.

Schu, der Sohn des Urgottes Atum, trennt die Himmelsgöttin Nut vom Erdgott Geb, die die Kosmogonie von Heliopolis als seine Kinder und die Eltern von Osiris und Isis benennt. Als sprachliches Bild ist diese Vorstellung der Trennung von Himmel und Erde bereits in den Pyramidentexten belegt, bildlich begegnet uns diese Darstellung, in der Schu die Göttin Nut -oftmals unterstützt von weiteren Göttern- in den Himmel über ihren Brudergemahl Geb emporhebt, jedoch erst in Totenbuchpapyri aus dem Neuen Reich. Diese „Hochhebung des Himmels“ vollendet die räumliche Schöpfung, die der Urgott begonnen hat, sie grenzt die gestaltete Welt gegen das immer noch Ungestaltete ab und Schafft den irdischen Raum.

Nach der Trennung von Himmel und Erde setzt sich die Schöpfung fort, die Himmelgöttin Nut gebiert die nächste Göttergeneration und die Erde bevölkert sich mit allerlei Wesen, wobei die Kosmogonien Kemets keinen gesonderten Wert auf die Erschaffung des Menschen legen oder diese besonders hervorheben. Nach kemetischer Sicht ist der Mensch nur einer von vielen Millionen Teilen aus denen sich die ganze Schöpfung zusammensetzt. Die Menschen werden nicht als von der Schöpfung losgelöst oder gar über sie erhaben betrachtet. Meist werden Götter und Menschen parallel genannt, beide sind vom Urgott erschaffen. Aus Freude am Wortspiel in der kemetischen Sprache, am Zusammenklang der Dinge und Namen, erwächst die Aussage, die Menschen seien aus den „Tränen“ des Schöpfers entstanden, da beide Worte im Kemetischen denselben Wortstamm (rem) haben. Aber das ist mehr als nur ein Anklang, es ist eine Erklärung für die zwiespältige Herkunft des Menschen, aus einer Trübung des Gottesauges, die der Urgott wieder überwunden hat. „Die Menschen gehören der Blindheit, die hinter mir ist“ sagt er in den Sargtexten, und damit ist subtil angedeutet, weshalb wir so oft mit Blindheit geschlagen sind. Oftmals behaupten die Mythen auch dass die Menschen durch ihre guten Taten den Schöpfer zu Tränen rühren oder ihn andererseits ob ihrer oftmaligen Unvernunft zum Weinen bringen, womit ein weiteres Spiegelbild des Wortspieles von Menschen und Tränen geschaffen wird.

Die Götter lassen die Mythen entsprechend aus dem Schweiß des Schöpfers entstehen. Bei den Göttern Kemets ist der Schweiß Träger des Wohlgeruches, der sie wie eine Aura umgibt und zugleich mit dem Glanz, der von ihnen ausstrahlt, ihre Anwesenheit verrät.

Am Anfang leben Götter und Menschen gemeinsam auf der Erde, unter der Herrschaft einer Götterdynastie, die den historischen Königen vorangeht. An ihrer Spitze steht der Sonnengott Re, der über alle Wesen herrscht. So können sich die Menschen und alle Wesen auf der Erde in dieser ersten Phase an der ständigen Gegenwart der Sonne erfreuen. Es gibt noch keinen Wechsel von Tag und Nacht, auch Tod und Unterwelt existieren noch nicht. Diese Zeit beschreiben die alten Texte als das „goldene Zeitalter“, die selige Urzeit (pa’ut), in der die Maat, die richtige, harmonische Ordnung der Dinge, in Gestalt der Tochter des Re zu den Menschen kommt und das Leben gemäß den Gesetzen der göttlichen Weltordnung bestimmt. Doch dieser perfekte Zustand der Welt sollte nicht für ewig andauern.

Im Buch von der Himmelskuh wird beschrieben, wie dieser vollkommene Anfangszustand nach Jahrtausenden sein Ende findet und der jetzige, keinesfalls ideale Zustand der Welt eintritt. Der Grund dafür liegt in der Alterung, der alles Seiende unterworfen ist. Die anfängliche Jugendfrische der Schöpfung erlahmt im Laufe der Zeit, der Sonnengott altert, während die Finsternis -als Urkraft aus dem Nichtseienden- niemals altern kann. Diese Texte beschreiben den Sonnengott Re als altgewordenen Greis, dem die Zügel der Herrschaft langsam entgleiten. Die Götter Kemets sind keineswegs im Besitz der Unsterblichkeit, auch sie sind dem Alterungsprozess der Welt unterworfen. Und so ruft die Altersschwäche des Sonnengottes Gegenkräfte auf den Plan. Die Menschen „ersinnen Anschläge und Aufstände gegen Re“ und müssen bestraft werden. Ein Teil von ihnen wird, wie der Mythos von der Vernichtung des Menschengeschlechtes berichtet, durch das „Feurige Auge“ des Gottes vernichtet. Doch ein Rest bleibt übrig, wird vom Sonnengott verschont und bevölkert die Welt aufs Neue. Der Sonnengott Re, betrübt und von den Menschen enttäuscht, entfernt sich auf dem Rücken der Himmelskuh von der Erde, es wird zum ersten Mal seit Anbeginn der Schöpfung wieder finster, die Menschen wenden sich in ihrer Blindheit gegeneinander und sind fortan von den Göttern getrennt. Diese ziehen sich mit dem Sonnengott in den Himmel zurück, nur Osiris erhält die Herrschaft über die Unterwelt, die jetzt erst geschaffen und eingerichtet wird. Denn die Alterung hat als unausweichliche Konsequenz den Tod zur Folge, er setzt auch der Herrschaft der Götter ein Ende; auf den Sonnengott, der den Mondgott Thot als seinen Stellvertreter eingesetzt hat, folgt sein Sohn Schu, auf Osiris folgt Horus.

Von nun an bestimmen Krieg und Gewalt das Leben der Menschen, sie haben die paradiesische Unschuld des Anfangs verloren, und die Welt der Götter wird ihnen erst im Tod wieder zugänglich. Diese „Rebellion“ der Menschen gegen ihren Schöpfer deutet die Gefahren an, die der Schöpfung und ihrem Fortbestand drohen. Es gibt Mächte der Auflösung, die den Lauf der Welt, symbolisiert durch den täglichen Lauf der Sonne, zum Stillstand bringen wollen. Diese Macht verkörpert sich im Gott Apophis, der die Fahrbahn der Sonnebarke trockenlegt und sie somit in ihrem Lauf aufhalten will, der aber durch die Macht der Zaubers immer wieder überwunden wird. Bis jetzt jedenfalls.

Die Drohung einer Aufhebung der Schöpfung äußert sich in der Vorstellung, der Himmel könne auf die Erde stürzen und damit aller Raum kollabieren; die Allvermischung des Uranfangs zurückkehren. Im Buch von der Himmelskuh werden sehr ausführlich die Bemühungen geschildert, den Himmel zu stützen und zu tragen, und das wichtigste dieser tragenden Elemente ist die Zeit.

Am Ende der Zeit werden sich Himmel und Erde wieder vereinen. Dann endet der Sonnenlauf, erfüllen Urflut und Urfinsternis aufs Neue das All, und nur der Schöpfer überdauert als schlangengestaltiges Urwesen, in das Chaos zurückkehrend, aus dem er hervorging. Diese Überlegungen zum Ende allen Seins werden nur selten in den kemetischen Texten direkt ausgesprochen, sie werden eher subtil angedeutet, wobei sie aber darauf hinweisen dass Anfang und Ende der Welt in einer gewissen Symmetrie zueinander stehen.

Die Schöpfung trägt in sich bereits den Keim des eigenen Verfalls, aber nur dadurch wird es möglich, dass sie sich verjüngt und regeneriert. Dies ist die tragende Idee der kemetischen Kultur, aus der sich viele ihrer schöpferischen Kräfte erklären. Die Schöpfung ist kein ein einmalig-abgeschlossener Akt, sie muss ständig wiederholt und neu bestätigt werden. Die gestaltete Welt ist umringt von der Uferlosigkeit des Ungestalteten, des Nichtseienden, welches das Sein mit Auflösung und völliger Auslöschung bedroht.

Bild 1: die Milchstraße (Copyright: NASA/DOE/Fermi LAT/D. Finkbeiner et al.)

Bild 2: Titelbild aus dem “Buch von der Himmelskuh”

Bild 3: Benu Reiher

Bild 4: Gold-/ Lapislazuliamulett des Gottes Chepre aus dem Grab von König Psusennes I.

Bild 5: Sonne am Mittagshimmel

Bild 6: Atum, Schu und Tefnut; Spruch 125 Totenbuch – Ausschnitt

Bild 7: Trennung von Himmel und Erde. Schu hebt Nut empor und trennt sie von Geb

Bild 8: die Göttin Maat

Bild 9: der schlangengestaltige Gott der Zerstörung Apophis stellt sich der Sonnenbarke in den Weg