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Träume und Schlaf im Alten Ägypten

Samstag, 04. April 2015

Träume aus der Sicht der Psychologie

„Ein Traum ist eine psychische Aktivität während des Schlafes. Er wird als besondere Form des Erlebens im Schlaf charakterisiert, das häufig von lebhaften Bildern begleitet und mit intensiven Gefühlen verbunden ist. Der Träumende kann sich nach dem Erwachen meist nur teilweise oder gar nicht erinnern.“ (Definition Wikipedia)

In der modernen Psychologie werden Träume ausschließlich als Erscheinungen des individuellen Bewusstseins betrachtet. Alltagseindrücke, Ereignisse der Vergangenheit, einschneidende Erlebnisse, aber auch Erkrankungen psychischer wie physischer Art führen zu verschiedensten bildhaften und fühlbaren Erscheinungen während des Schlafes. Lediglich psychoaktive Substanzen oder andere pharmakologische Präparate finden als äußere Einflüsse die Akzeptanz der modernen Psychologie und Neurologie. Träume sind dabei das komplexe Resultat dessen, was das individuelle Gehirn mit all seinen Prägungen, bewussten und unbewussten Erinnerungen, Wissensspeichern und Emotionen aus den Sinneseindrücken des Wachzustandes geformt hat. In gewisser Weise entspricht damit der Traum auch dem was der gängigen Definition nach Mythos ist, nämlich die Verknüpfung von Fakten, Erlebtem und Empfundenem und individuell Interpretiertem und Erdachtem, ohne näher bestimmen zu wollen was Faktum und was Erscheinung des Geistes ist. Wie viele der modernen Ansätze geschieht dies auf der Grundlage des Descart’schen Modells einer dualen Körper-Geist-Trennung. Alles Reale ist physisch greifbar oder zumindest meßbar, alles Geistige ist höchstens erahnbar und nur eingeschränkt bis gar nicht verifizierbar.

Der Albtraum (18./19. Jh. unbekannter Künstler) Wikimedia Commons

Innen oder Außen, Eigenes oder Fremdes?

Die Annahme, dass alles Surreale eine Erscheinung des eigenen Geistes darstellt, ist tröstlich, impliziert es doch auch eine grundsätzliche Kontrollierbarkeit der Erscheinungen. Erst wenn der Geist außer Kontrolle gerät und sich deren Auswirkungen auch in der physischen Welt manifestieren, gerät dieKontrollierbarkeit ins Wanken. Die Grenze zum Pathologischen ist damit überschritten und es werden Mittel und Wege gesucht die Kontrolle wieder zu erlangen. Dennoch bleibt das Szenario auf das individuelle Körper-Seele-Kontinuum beschränkt. Das Problem ist ein Individuelles, selten findet es wie beispielsweise in systemischer oder soziopsychologischer Arbeit auch eine kollektive Dimension. Auch in der modernen Spiritualität wird immer noch gern an dem Grundsatz festgehalten, dass alle geistigen Erscheinungen die eigenen sind. Die Jungianische Archeytpenlehre bietet sich da geradezu als Denkmodell an und die Verbandelung von Mythologie, einer großen Begeisterung für’s Übersinnliche und noch junger medizinischer Forschung an der Seele sind letztlich auch der Stoff aus dem Jungs Theorien gestrickt sind. Um jedoch den altägyptischen Wirklichkeitsbegriff zu verstehen muss man ein wenig weiter zurück gehen als bis zur vorletzten Jahrhundertwende und die klassische Leib-Seele-Einteilung verlassen um sich einem Weltbild des Allesbeseelten zuzuwenden.

Wandel des Wirklichkeitsbegriffs

Man muss sogar weiter als bis zu jener Zeit zurückgehen, die Karl Jaspers als „Achsenzeit“ bezeichnet und die von einer globalen philosophischen und spirituellen Selbstreflexion und zunehmendem religiösen Individualismus geprägt war. Zwar ist der Begriff der Achsenzeit eher ein sehr theorethisches und durchaus kritisierbares Denkmodell, dennoch ist es hilfreich um sich das andere Realitätsbewusstsein naturnaher und Natur-deifizierender Völker zugänglich zu machen. Der altägyptische Wirklichkeitsbegriff spielt sich in einer Zeit ab, in der die Notwendigkeit der Gemeinschaft als Überlebensgarant noch in aller Menschen Bewusstsein ist und die vor der Schwelle zum Jenseitigen oder Göttlichen keineswegs Halt macht. Soziale und spirituelle Realität ist geprägt von fortwährender Interaktion mit Menschen, Göttern und Geistern. Denn diese Dinge sind es, die für den Altägypter kultur- und nicht zu letzt identitätsbildend sind, anstatt – wie es heute oft der Fall ist – die ständige psychosoziale und spirituelle Selbstbeschau, die nicht selten bis hin zur Selbstmystifizierung geht.

Ägyptische Kosmologie – Detail aus dem Greenfield Papyrus (Totenbuch des Nesitanebtashru). Der Luftgott Schu und der widderköfpige Gott Heh deities halten die Göttin des Himmelsgewölbes Nut , während sich der Erdgott Geb unter ihr ausbreitet (ca. 950 V. Chr. aufgenommen im British Museum, London) – Wikimedia Commons

So ist es nicht verwunderlich, dass im Alten Ägypten viele Erscheinungen des Bewusstseins ganz natürlich im Außen verortet wurden, jedoch weitaus weniger mystifiziert als man nach heutigem Verständnis von Mystik annehmen mag. Die Begegnung mit dem Anders- und Überweltlichen war vielmehr normaler Alltag und erforderte einen ebenso koordinierten und pragmatischen Umgang wie mit den alltäglich Herausforderungen des Diesseitigen. Das altägyptische Weltbild kann seine animistischen Wurzeln hier nicht verbergen, alles ist beseelt, wenn nicht sogar vergöttlicht, was in den zahlreichen als „netjer“(=Gott) bezeichneten Phänomenen zum Ausdruck kommt, egal ob es sich dabei um einen Frosch, einen Fluss oder die aufgehende Sonne handelt.

Schlaf als Zwischenwelt

Träume galten als Übergangswelt zwischen dem Jenseits und dem Diesseits, der Schlaf als Zone zwischen Leben und Tod, was ihn zu einem recht ambivalenten Gebiet machte. Tatsächlich war der Tod auch physischer Ort, denn das Westufer des Nils, dem Standort vieler Nekropolen war im Grunde schon Totenreich. Dort wo die grüne Oase des Nils aufhörte und die Wüste begann, war auch die Grenze zum Nichtkontrollierbaren für den Menschen, das Reich des Geheimnisvollen und nur noch Erahnbaren, dass sich im flimmernden Horizont ins Unendliche verlor. So sind auch gerade viele Gottheiten, die der Wüste zugeordnet werden, meist sehr ambivalente Gottheiten, die grausam und zerstörerisch, aber auch schützend und kriegerisch sein können. Die wohl bekannteste aller Wüstengottheiten ist der Gott Seth, der den Sonnengott Re auf seiner Verjüngungsfahrt durch die Unterwelt vor der dämonischen Schlange Apophis schützt, die diesen zu verschlingen droht. Doch auch Hasen, Löwen, Schlangen, Falken tauchen in ihrer vergöttlichten Form als typische Götter der Wüste auf.

Tod, des Schlafes Bruder

Der Tod an sich war in Ägypten geradezu unaussprechlich, ein Tabu also, was ungewöhnlich erscheinen mag, da die gesamte altägyptische Kultur auf den Tod ausgerichtet zu sein scheint. Tatsächlich aber zielt der ausschweifende Kult auf eine Überwindung des Todes ab, der ebenfalls als eine Art Schlafzustand interpretiert wurde, aus dem man erweckt werden konnte. Nicht etwa um als Mensch wieder ins Diesseits in das gewohnte Leben zurückzukehren, wie heutige Reinkarnationsideen häufig beschaffen sind, sondern um ein transfigurierter sog. „verklärter“ Ahnengeist zu werden, der den Göttern gleich zwischen Unterwelt, Diesseits und Welt der Götter ungehindert umher wandeln konnte. Die Welt der Toten, Duat genannt, war ein wenig einladender Ort und man war bemüht die Verstorbenen mittels Totenkult schnell von ihrem dortigen Dasein als „ungerechtfertigter Ahnengeist“ zu erlösen. Dennoch wusste man wiederrum, dass die Durchquerung der Duat auch notwendig war, der Prozess des Todes durchlaufen werden musste um – gleich dem Sonnengott – am Ende der Reise verjüngt wieder in das nun ewige Leben zu treten. Die alten Ägypter waren sich der wunderbaren, aber auch gefährlichen Aspekte von Tod und Geburt durchaus bewusst und sahen darin keinen Widerspruch. Die verschiedenen Unterweltsbücher stellen den wichtigsten Teil der Totenliteratur dar und waren eine Art Reiseführer, die den Toten zusammen mit vielen Amuletten und magischen Schutzformeln mit auf den Weg ins Jenseits gegeben wurden.

Mache dein Haus im Westen trefflich
statte reichlich aus Deinen Sitz in der Nekropole
Nimm dies an, denn gering gilt uns der Tod,
nimm dies an, denn hoch steht uns das Leben.
Aber das Haus des Todes dient ja dem Leben.
(Lehre des Hordjedef, Sohn des Cheops, 4. Dynastie)

Feindselige Totengeister als Verursacher von Albträumen

Jene ungerechtfertigten Totengeister waren es, die man für Albträume zur Verantwortung zog. In Träumen, so glaubte man, war der Mensch in der Lage in die Duat einzutreten. Zeigten sich ihm dort Götter, galt dies als etwas positives, obgleich auch durchaus nicht alle Götter ein stets freundliches und wohlwollendes Wesen besaßen. Jedoch konnte sich dem Träumenden auch gleichermaßen feindseligen Ahnengeister zeigen, ihm den erholsamen Schlaf rauben und ihn sogar bis in den Tag verfolgen und im schlimmsten Fall auch dort für Unglück sorgen. So erklärt sich, dass man sehr bemüht war die Rechtfertigung der Totenseelen vor dem Göttergericht in die Wege zu leiten, selbst wenn es dafür nötig war in Grabmalereien und -schriften ein wenig zu flunkern und den Lebenswandel des Verstorbenen arg zu beschönigen. Hier zeigt sich auch deutlich der Unterschied von einem Totenkult zum Ahnenkult. Im Allgemeinen war man beruhigter, wenn die Toten dort blieben, wo sie hingehörten: im Jenseits.

Totenkult oder Ahnenkult?

Lediglich im Neuen Reich manifestierte sich ganz untypisch für die vorhergehende Zeit im Alten und Mittleren Reich geradezu ein echter Ahnenkult und man war sogar darum bestrebt den Verstorbenen das sog. Herausgehen am Tag so angenehm wie möglich zu gestalten, gerade um sie zu besänftigen, aber auch um sich ihre Hilfe im Jenseits zu Nutze zu machen. Regelmäßige Opferungen an den Grabstätten, das Einrichten von Scheintüren an den Grabdenkmälern und sogar das Pflanzen von ganzen Gärten mit kultspezifischen Pflanzen, die die Ahnengeister zum Verweilen einluden waren allgemeiner Usus im neuen Reich. Die wohlwollenden und gerechtfertigten Ahnengeister, die „Akhu“, wurden als Berater und Helfer in andersweltlichen Belangen herangezogen, gerade wenn es Konflikte mit böswilligen Ahnengeistern gab oder auch als Mediatoren im Dialog mit den Göttern selbst. Unzählige Briefe von Lebenden an die Verstorbenen zeugen noch heute davon.

Die Duat („Binsengefilde“) Pap. Ani (ca. 1275 v. Chr.)
Wikimedia Commons

Praktischer Umgang mit dem Andersweltlichen

Die Traumwelt wurde also als eine Welt gesehen, die vom Träumenden nicht unmittelbar kontrollierbar war, also mussten Umwege und indirekte Maßnahmen ergriffen werden um sich vor den negativen Erscheinungen der Duat zu schützen, die sich unter Anderem in Form von Albträumen zeigten. Die Inhalte von Albträumen sind kaum oder nur vage angedeutet überliefert, denn genau wie der Tod selbst, waren auch Albträume tabuisiert. Das Tabu hat nichts mit einer Form der kollektiven Verdrängung zu tun, sondern ist bereits eine Art magische Intervention und wie eine Art damnatio memoriae zu verstehen. Das Aussprechen, Benennen und insbesondere das Aufschreiben von Dingen galt bereits als magisch-manifestierender Akt, den man hier natürlich so gut wie möglich zu verhindern suchte.

Interessanterweise gab es auch keine Gottheit, die für Träume zuständig war. Weder als Verursacher noch als Beschützer. Jedoch wurden unterschiedliche Gottheiten in diesen Belangen um Hilfe gebeten und typische Volksgottheiten wie Bes oder Tawaret, die in Hausschreinen verehrt wurden, waren auch mit der Aufgabe betraut Dämonen und böse Geister von Heim und Familie fernzuhalten. Vor allem um Schwangere und Kinder sorgte man sich dabei. Weitere Nachtwächter konnten auch in Gestalt von Krokodilen, Löwen, Panthern, Nilpferden und sogar Seth in seiner Tierform auftauchen.

Faience-Figur der Göttin Tawaret mit Uräusschlange aus der Spätzeit,
British Museum, Wikimedia Commons

Das Feuer galt als äußerst wirksam gegen nächtliche Heimsuchungen, zum einen da es die Nacht erhellen konnte und zum anderen weil Feuer das Bannungselement nach altägyptischem Verständnis schlechthin ist, da es in der Mythologie vielfach dazu dient die Feinde der Ma’at, der kosmischen Ordnung, zu bekämpfen. So wird nachvollziehbar, warum Bettpfosten und Bettpanelen häufig Schlangensymbolik zierte, da Kobras zum einen ein Symbol kosmischer Ordnung waren wie die Uräusschlange, Schutzgottheiten wie die Kronengöttin Wadjet und außerdem durch ihren „Feueratem“ in der Lage waren Feinde zu bekämpfen. Der Feueratem der Schlangen ist auf das brennende Gift der Schlangen zurückzuführen, welches Kobras auch über beachtliche Entfernungen ausspeien können. Die altägyptische Form von „Traumfängern“ waren aus Ton geformte Uräen mit denen Schlafräume ausgestattet wurden.

Grün glasiertes Kobra-Amulett aus Keramik, Neues Reich,
Harrogate Museums and Arts, Wikimedia Commons

.
Aus einer Totenklage im Grab eines Nefersecheru zur Zeit Ramses‘ II

Das Haus derer im Westen,
es ist tief und dunkel
Keine Tür, kein Fenster ist in ihm,
kein Licht zum Erhellen
kein Nordwind, das Herz zu erfrischen.
Die Sonne geht dort nicht auf.
Sie werden allzeit im Schlafe liegen
wegen der Finsternis auch bei Tage.

Die Nachtwächter in Form von Panthern sind besonders interessant, da das Pantherfell zur traditionellen Ausstattung des sog. Sem Priesters gehörte, der damit seine Fähigkeit zwischen dem Diesseits und dem Jenseits zu wandeln demonstrierte. Der Sem Priester kommt in seiner kultischen Aufgabe den Schamanen der Prädynastik am nächsten, den er bedient sich auch als einziger eines meditativen- oder tranceartigen Zustandes um in die Duat zu reisen und dort die Seelen der Verstorbenen während des Totenrituals einzufangen, zu geleiten und in ihren ewigen Wohnsitz als verklärter Ahnengeist zu überführen. Man nennt diesen Abschnitt des Totenkultes auch den „Schlaf des Sem“, dessen Ursprünge weit in das Alte Reich, evtl. sogar in die Prädynastik zurückreichen. Das Pantherfell steht auch in Verbindung mit einer Gottheit des Alten Reiches, nämlich der Himmelspanther, auch verehrt als die Duatgottheit Mafdet, deren Wirken als lebenserhaltend, die Toten schützend aber durchaus auch rächend und richtend galt.

Der Schlaf als Schwelle und kultisches Element

Der leitende Priester spricht im Verlauf des Totenrituals zum Sem:

„Verhüte, dass er [der Verstorbene] umherirre. Daß keine Störung mit ihm sei.“

Und der Sem spricht stellvertretend als Sohn des Verstorbenem zu diesem:

„Ich bin gekommen Dich zu suchen/umarmen, ich bin Horus. Ich habe Dir deinen Mund eingefügt, ich bin Dein Sohn der Dich liebt.“

Danach legt der Sem das Pantherfell an und projiziert den Geist des Verstorbenen in eine Statue, die in einer Prozession unter Schutz und Aufsicht des Sem und der Priesterschaft zum Grabmal getragen wird.

Sem Priester mit Pantherfell der eine Wasservase hoch hält
Ausschnitt aus einer Totenstele ca. 1400 – 1350 v. Chr.
Walters Arts Museum, Wikimedia Commons

An der Sphäre des Traumes wird deutlich wie fließend die Grenze zwischen dem Diesseitigen und dem Jenseitigen für die Alten Ägypter war. Vielmehr ergibt sich eine Dynamik parallel erscheinender interagierender Seinszustände des Individuums, die auch an der altägyptischen Seelenmatrix in Erscheinung tritt. Ohnmacht, Bewusstlosigkeit, Schlaf sind Zustände die dem Tode ähneln und potentiell bedrohlich sind, aber auch den Übertritt in die Welt der Götter ermöglichen und natürlicher Bestandteil des Lebens sind. Der Kontakt mit den Göttern und Geistern, war daher durchaus nicht nur dem Klerus und dem Pharao vorbehalten, er war lediglich in den Tempeln institutionalisiert und organisiert um den Göttern den Aufenthalt unter den Menschen angenehm zu gestalten und zu verhindern, dass sie sich entfernten und der Staatspolitik den religiösen Überbau zu verleihen. Zahlreiche religiöse Fetische aus dem Bereich der Volksmagie zeigen, dass auch der einfache Ägypter den Göttern nicht fern war und ihre Präsenz zu seiner alltäglichen Wirklichkeit gehörte. Letztlich ist auch dies ein Hauptfaktor für die erstaunliche Beständigkeit des Polytheismus in Ägypten, denn wie auch immer der Staatskult gerade beschaffen war, welche Gottheit auch immer gerade oberste Staatsgottheit war, die Ägypter waren emanzipiert genug in ihrer persönlichen Spiritualität, dass sie mit den Geistern und Göttern selbst zu interagieren wussten.

Literatur:

Die Wandlungen des Sem-Priesters im Mundöffnungsritual. Hartwig Altenmüller
Tod und Jenseits im Alten Ägypten, Jan Assmann
Nightmares in Ancient Egypt, Kasia Szpakowska
Die Unterweltsbücher der Ägypter, Erik Hornung

Mein Blog: „Kemetic Insights“

Vom Tod, der Welt danach und dem Totenkult Kemets, geschrieben von Merienptah – Teil V

Samstag, 04. Oktober 2014

Weitere Opfergaben werden am Grab niedergelegt und Weihrauch wird verbrannt, dies soll gemeinsam mit den Ritualen des Sem-Priesters den Ba des Verstorbenen zurückrufen. Durch verschiedene Kulthandlungen und Rituale werden Ka, Ba und der gerechtfertigte Schut aufgefordert in den Körper des Toten zurückzukehren um sich dort auf ewig wiederzuvereinigen um als Ach wiedergeboren zu werden.

Der Widergeborene und nun im Körper des Verstorbenen gefangene Ach muss rituell „belebt“ und vom Körper „befreit“ werden um auf ewig weiterleben zu können. Dafür vollzieht der Sem-Priester an der auf reinem, weißen Sand vor dem Grab aufgestellten Totenstele das sogenannte Upet-ra (Mundöffnungsritual). „Ich öffne deinen Mund, damit du mit ihm redest, deine Augen, damit du Re erblickst, deine Ohren, damit du die Verklärung hörst, dass du deine Beine habest zum Gehen, dein Herz und deine Arme um deine Feinde abzuwehren.“ Damit werden dem Ach alle Fähigkeiten wiedergegeben, die er benötigt um sein jenseitiges Leben beginnen zu können. Darauf folgt dann Das Ritual der „Loslösung“ vom Körper, das es dem Ach ermöglicht den Leichnam zu verlassen um sich zu den „Gefilden der Iaret“ (Sechet iaru) aufzumachen oder um in den Himmel emporzusteigen um in der Barke des Sonnengottes seinen Platz einzunehmen.

Nach dem Abschluss der Zeremonien und Totenrituale folgt ein Festmahl, mit Musik und Tanz. Hier wird der Charakter dieses Festes als Wiedergeburtsfest deutlich. Wesentlich ist hier der Fokus auf der Feier einer neuen Geburt, Gedanken an Trauer und Verlust sind kein Bestandteil dieses Festes. Als letzter offizieller Akt des Festes wird die Totenstele von den Erben des Verstorbenen an die Priesterschaft übergeben, die diese in feines Leinen einhüllen und sie in den Tempel mitnehmen wo sie in den Archiven aufbewahrt wird.

Oftmals werden diese Zeremonien aus verschiedenen Gründen räumlich vom Grab getrennt durchgeführt. Einzig ein Priester, der die „Loslösung vom Körper“ vollzieht agiert direkt an der Grabstätte, die übrigen Rituale und Feierlichkeiten werden in einer Art Zelt im Tempelhof, wenn es sich bei dem Verstorbenen um ein Mitglied der Priesterschaft handelte, oder wenn der Verstorbene eine Privatperson war in einem Festsaal durchgeführt. Umfang und Aufwand der Feierlichkeiten hängt heute wie damals oftmals von der gesellschaftlichen Stellung und dem Geldbeutel des Verstorbenen ab. Im Übrigen wird auch das Grab im Nachhinein etwas anders behandelt als es hierzulande eigentlich üblich ist. Eine Grabbepflanzung und intensive Grabpflege findet nicht statt da das Grab eines Kemeten mit einer einfachen Steinplatte abgedeckt wird, Pflanzschalen oder gar aufwendige Bepflanzungen findet man nicht.

In den letzten Jahrzehnten macht sich in Kemet ein langsamer Renaissance-Trend bemerkbar, eine den Möglichkeiten der Moderne geschuldete oder zu verdankende Wiederbelebung alter Bestattungstraditionen, wie zum Beispiel die Beigabe von Ushebtis, die dem Verstorbenen in den „Gefilden der Iaret“ (Sechet iaru) die Arbeit gänzlich abnehmen sollen. Auch dass beispielsweise „Klageweiber“ den Trauerzug bei der Bestattung begleiten und ihre lautstarke Totenklage erklingen lassen kommt wieder „in Mode“. Auch verschiedene andere altkemetische Rituale finden langsam wieder ihren Weg zurück in die moderne Bestattungspraxis, was allerdings in Deutschland beispielsweise durch die recht strengen Bestattungsgesetze erheblich ausgebremst wird. Durch die gesetzlich bestimmten Rahmenbedingungen unterscheiden sich die Bestattungspraktiken der modernen Kemeten, also die Ausführung und die rituelle Ausgestaltung der Bestattung und des Totenfestes mittlerweile von Land zu Land teilweise recht stark voneinander. Aber trotz aller regionalen Unterschiede bleibt der religiöse Hintergrund der gleiche.

Vom Tod, der Welt danach und dem Totenkult Kemets – Teil III geschrieben von Merienptah

Samstag, 16. August 2014

Damit ist die Sache aber nicht zu Ende. Die Achu (Mehrzahl von Ach), können diese Gefilde aber auch zeitweise verlassen und in die irdische Welt zurückkehren um mit ihren hier lebenden Angehörigen in Kontakt zu treten, sie zu beschützen, zu warnen, ihnen zu helfen, aber auch um sie für Sünden zu bestrafen. Die Achu können gar als Rachegeister oder Gespenster in die Welt der lebenden zurückkehren und diejenigen heimsuchen, die sich gegen die Gesetze der Maat versündigen oder Rache an denjenigen nehmen, die ihnen zu ihren irdischen Lebzeiten ein Leid angetan haben.

Aus diesem Grunde wird ihnen im Totenkult gehuldigt und durch Gebete und Opfergaben versucht, sie gnädig zu stimmen. Oft wird der Ach eines Ahnen auch angerufen, um Schutz vor Verwünschungen und Beistand vor Gericht zu erbitten. Ein Ach hat ja nun das Gericht der Gerichte in der „Halle der vollständigen Wahrheit“ bestanden und kann wie kein anderer hilfreiche Tipps geben um eine Gerichtsverhandlung auch erfolgreich zu bestehen.

Und nun kommen wir zum wichtigsten Punkt dieses Wiederbelebungsprozesses und zum wesentlichsten Unterschied zwischen dem Totenglauben des alten Kemets und dem der heutigen Zeit. Die „Achwerdung“ aus heutiger Sicht unterscheidet sich durchaus von den Auffassungen über diesen Prozess in den alten Tagen Kemets und somit ergeben sich auch unübersehbare Unterschiede in der Bestattungspraxis zwischen heute und damals.

Wenn der Shut das Totengericht bestanden hat, der Ka weiterhin am Leben und der Ba unbeschadet nach 70 Tagen von seiner Reise zurückgekehrt ist, findet die „Achwerdung“ statt. Dafür ist allerdings ein unversehrter Leichnam notwendig. Denn diese Wiedergeburt als Ach findet im Inneren des Körpers (Chet) statt, andernorts ist sie unmöglich da sich der Ka, der Ba, der gerechtfertigte Shut und der Ren nur im Chet zum Ach vereinen können. Ohne den unversehrten Körper als der „gottgegebenen wahren Heimstatt der Wesensteile“ ist diese magische Neuverbindung und somit die Wiedergeburt als Ach nicht möglich. Die Zerstörung des Leichnams wäre gleichbedeutend mit dem endgültigen Tod als einer absoluten Vernichtung des Verstorbenen und somit das größte anzunehmende Übel überhaupt.

Das ist der Grund dafür dass alle Kemeten jedwede Form von Bestattung kategorisch ablehnen, die den Leichnam zerstört oder den natürlichen Zersetzungsprozess beschleunigt. Im Unterschied zum alten Kemet ist aber in unserem modernen Totenkult der Körper nur noch zu diesem Zeitpunkt notwendig. Im alten Kemet bestanden Ka, Ba, Shut und Ren nach der Achwerdung weiterhin als eigenständige Wesenheiten fort. Diese Wesenheiten benötigten den unversehrten Körper als Schnittstelle um sich immer wieder zusammenzufinden. Dafür musste der Leichnam für alle Zeit erhalten werden, was die Mumifizierung notwendig machte; dieser benötigte eine Stätte an der er sich aufhalten konnte, was eine ewige Grabstatt voraussetzte und da Ka und Ba für alle Zeit versorgt werden mussten um nicht doch noch zu sterben, waren Grabbeigaben mit allerlei notwendigen Dingen von Nöten. Das ist heute nicht mehr so.

Unser moderner Glaube sagt aber nun das Ka, Ba und der gerechtfertigte Shut im Körper zum Ach verschmelzen, diesen dann endgültig verlassen und danach nicht mehr brauchen. Eigenständig bestehen diese Wesenheiten dann nicht weiter fort und bedürfen deswegen auch keiner „ewigen Versorgung“. Einzig der Ach bleibt weiterhin bestehen. Deswegen verzichtet Kemet heute auf die Mumifizierung, die Anlage von großen Grabstätten als „Wohnung für die Ewigkeit“, und bis auf die Spruchsammlung der Totenbücher und eventuell einen Herzskarabäus gibt es auch keine weiteren Beigaben mehr um den Verstorbenen zu versorgen.

Diese verschiedenen Komponenten sind unerlässlich dafür dass der Verstorbene zum Ach werden und bis in alle Ewigkeit entweder als Stern im Gefolge des Sonnengottes oder als Verklärter in den Binsengefilden des Herrschers der Unterwelt weiterleben kann.

Das Totengericht

Der bereits erwähnte Spruch 125 („verneinen der Sünden“) beschreibt das Totengericht als ein Bekenntnis der nicht begangenen Sünden vor einem Tribunal aus 42 Totenrichtern, die unter dem Vorsitz des Herrschers der Unterwelt UsirWennenefer (Osiris) ihr Urteil über den Verstorbenen fällen. Der Verstorbene muss jeweils vor jeden dieser Richter treten, sich ihm mit seinem Namen vorstellen, ihn mit Namen ansprechen und die zu ihm gehörende Sünde verneinen. Während er dies tut wird als Zeuge seiner Aussage sein Herz, der Sitz des Gewissens, vom Gott Inpu (Anubis) gegen die Feder der Göttin Maat abgewogen, die Wahrheit und Rechtschaffenheit symbolisiert. Sollte der Verstobene bei der „Anhörung“ lügen wird das Herz als Zeuge der Wahrheit schwerer sein als die Feder der Maat und somit die Lüge offenlegen. Manch einer behauptet dass die heute noch geläufige Redewendung „schweren Herzen sein“ ihren Ursprung in diesem Wiegen des Herzen hat.

Passiert das ist die Anhörung vorbei und das Herz des Verstorbenen wird der dämonischen Totenfresserin Ammit übergeben die dies verschlingt und somit den verstorbenen endgültig auslöscht.

Das Totengericht (125. Kapitel des Totenbuches)

Als einen kleinen Rettungsanker für den Verstorbenen könnte man verstehen, dass eigentlich in diesem Spruch 84 Sünden erwähnt werden, die man nicht begangen haben sollte um als wahrhaft maatgerecht zu gelten, dass man aber ganz individuell „nur“ 42 vor den Richtern verneinen muss.

Wer also schon mal einen Brotlaib gestohlen hat (was eine der 84 Sünden ist) sollte nicht unbedingt vor dem Tribunal behaupten „ich habe nie einen Laib Brot gestohlen“, derjenige sollte diesen Punkt dann besser durch einen anderen ersetzen.

Ein weiteres Mittel beim Totengericht ein wenig zu schummeln, falls man nicht mal in der Lage ist 42 Sünden, also die Hälfte der Vergehen verneinen zu können, die das Tribunal als maßgebend erachtet, ohne Gefahr zu laufen von seinem Herzen der Lüge überführt zu werden ist es, wenn man dem Verstorbenen auf seine Reise einen Herzskarabäus mitgibt. Auf diesem ist Spruch 30 („Spruch damit das Herz des Verstorbenen nicht zurückgewiesen wird“) notiert, ein Zauberspruch, der dem Herzen aufträgt nicht gegen seinen Besitzer auszusagen.

Um einmal zu verdeutlichen wie dieses negative Sündenbekenntnis aussieht und was es beinhaltet hier mal ein Beispiel von 42 Bekenntnissen, allerdings der Einfachheit halber ohne die Namen und Herrschersitze der Richter des Tribunals:

Ende Teil III

Vom Tod, der Welt danach und dem Totenkult Kemets – Teil II geschrieben von Merienptah

Samstag, 26. Juli 2014

Wenn nun also der physische Tod eintritt und der Körper stirbt, lösen sich die Wesensteile von ihm und lassen ihn allein zurück. Bleibt es über einen längeren Zeitraum (mehr als 70 Tage) bei diesem Zustand der Trennung bedeutet das die endgültige Auslöschung des Verstorbenen. Der Ka bleibt nach dem physischen Tod als „Schutzgeist“ in der Nähe des Leichnams, wo er von den Hinterbliebenen durch Totenopfer versorgt werden muss um nicht zu sterben und der Ba fliegt in Vogelgestalt davon. Der Schut begibt sich auf eine gefährliche Reise durch die Unterwelt Duat um in der bereits erwähnten Halle der Wahrheit vor das Gericht des Totengottes Osiris zu treten.

Hier ist wiederrum ein kleiner aber feiner Unterschied zu den Ansichten des alten Kemet vorzufinden. Die alten Totentexte berichten davon dass der Ba in die Unterwelt eingeht und die Reise durch die Duat antritt um sich vor dem Tribunal der 42 Götter zu rechtfertigen. In unserer Auffassung verlässt der freigewordene Ba den Körper und fliegt davon um an die „Orte der Sehnsucht“ zu gelangen, also die Orte an die der Verstorbene zu Lebzeiten gern gegangen wäre, die er aber nie erreichte und der Schatten Schut begibt sich auf die gefährliche Reise in die Unterwelt.

Diese Reise in die Duat wird bereits in den alten Unterweltsbüchern Kemets ausführlich beschrieben. Diese Unterwelt ist aber kein angenehmer Ort und die Reise zur Gerichtshalle des Osiris ist auch keine Spazierfahrt durch grüne Gefilde, sie führt durch die Regionen der 12 Nachtstunden in denen unzählige Dämonen leben, durch Wüsten und vorbei an den Feuerseen in denen die Seelen der Verdammten auf ewig schmoren. Diese Region dürfte dem christlichen Bild der Hölle Pate gestanden haben. Durch dieselbe Gegend führt die „Nachtfahrt“ des Sonnengottes, der nachts die Duat durchquert um am Ende der Reise verjüngt wiedergeboren zu werden.

Getrennt sind diese 12 Bereiche durch von messerbewehrten Dämonen gut bewachte Tore, die „Pforten der Duat“, die nur denjenigen durchlassen, der die Namen dieser Wächter kennt.

In der 7. Stunde der Duat, nach der Hälfte des Wegs, begegnet der Schut dann dem großen Widersacher des Sonnegottes Ra, Apep (Apophis), ebenso wie Ra muss er den „Vernichter“ erst überwinden um weiterreisen zu können. Die Barke des Ra wird während ihrer Nachtfahrt vom Gott Sutech (Seth) vor Apep geschützt, der Shut muss die geheimen Zauberformeln des Sutech kennen um an Apep vorbei zu kommen.

Hilfsmittel auf dieser Reise durch die Unterwelt sind die Totentexte, die dem Verstorbenen als eine Art Spickzettel mitgegeben werden und die Namen der Torwächter, genau wie die Zauberformeln zur Überwindung des Apep enthalten. Kein Kemet käme auf die Idee sich ohne diese Gedächtnisstütze bestatten zu lassen. In einem dieser Unterweltsführer, dem Amduat, dem „Buch von dem was in der Duat ist“, heißt es einleitend über den Inhalt des Buches:

Zu kennen die Wesen der Unterwelt; die geheimen Wesen; die Tore und Wege, auf denen der große Gott wandelt; zu kennen, was getan wird, was in den Stunden ist und ihre Götter; zu kennen den Lauf der Stunden und ihre Götter; zu kennen ihre Verklärungssprüche für Ra; zu kennen, was er ihnen zuruft; zu kennen die Gedeihenden und die Vernichteten“

Diese Schrift ist sozusagen ein Reiseführer durch die Unterwelt, damit der Schut am Ende der Reise auch tatsächlich unbeschadet die Gerichtshalle erreichen kann. Diese Schriften, die oft als „Totenbuch“ bezeichnet werden sind heutzutage die einzige unabdingbare Grabbeigabe. Dazu muss man aber sagen dass es „das Totenbuch“ überhaupt nicht gibt. Das was heute gemeinhin als das Totenbuch bezeichnet wird ist eine Sammlung von Beschwörungsformeln, liturgischen Anweisungen und Zaubersprüchen die im Kemetischen unter dem Titel „Sprüche, die vom Hinausgang der Seele berichten zum vollen Lichte des Tages“ oder kurz unter „Sprüche vom Heraustreten ins Tageslicht“ zusammengefasst werden. Auch die Nummerierung der Kapitel dieser Spruchsammlung ist eine moderne Erfindung, im Kemetischen trägt jedes dieser Kapitel einen eigenen Namen und keine Nummer, ebenso sind die Kapitel in ihrer Reihung variabel. Eine festgeschriebene Abfolge von Kapiteln gibt es nicht. Der berühmte Spruch 125, der das Totengericht beschreibt, heißt im Kemetischen einfach „verneinen der Sünden“ und ist heute auch als „negatives Sündenbekenntnis“ bekannt.

Wenn der Shut dann alle Pforten und Regionen der Duat durchquert und die Gerichtshalle, die „Halle der vollständigen Wahrheit“, erreicht hat, so sagen die Totentexte, wird er von Heru (Horus) an der letzten Pforte in Empfang genommen und vor ein Tribunal aus 42 Göttern geführt, diese 42 Götter gilt es ebenfalls wie die Torwachen der Pforten zu kennen und zu benennen. Vor jeder dieser Gottheiten muss eine bestimmte Sünde verneint werden, nach diesem „negativen Sündenbekenntnis“ übergibt der Shut sein Herz an Inpu (Anubis), der es unter Aufsicht des Totenrichters Usir-Wennenefer (Osiris) auf die Waagschale der Maat legt und gegen die Feder der Maat aufwiegt. Während dieses „Wägens des Herzens“ sind neben Inpu, Heru und Usir-Wennenefer noch der Gott Djehuti (Thot) anwesend, der das Ergebnis schriftlich festhält, als Zeugen des Totengerichtes die beiden Schwestern Aset und Nebethat (Isis und Nephthys) sowie für den Fall, dass das Herz diese Überprüfung nicht übersteht ist auch Ammit, die krokodilköpfige „Totenfresserin“ anwesend.

Sollte der Verstorbene das Totengericht nicht von seinem maatgerechten Lebenswandel überzeugen können, wird er zur endgültigen Vernichtung verurteilt, sein Herz wird von der Totenfresserin verschlungen und sein Shut der ewigen Verdammnis in den Feuerseen der Duat übergeben. Dadurch wird eine Wiedervereinigung mit seinem Ka und Ba unmöglich gemacht und er stirbt den endgültigen Tod. Das ist für einen Kemeten das Schlimmste was überhaupt passieren kann.

Unerlässlich ist auch dass der Verstorbene vor diesem Tribunal seinen eigenen Namen (Ren) nennen kann. Sollte ihm sein Name aufgrund eines besonders schweren Vergehens zu Lebzeiten schon von einem kemetischen Gerichtshof genommen werden (Kemet hat eigene interne Gerichte die über Vergehen gegen die Maat ein Urteil fällen und die durch Rituale dem Schuldigen ihren Namen nehmen können um ihm ein Weiterleben nach dem Tode zu versagen), ist es ihm unmöglich das Tribunal der Götter in der „Halle der vollständigen Wahrheit“ zu bestehen und er wird ebenfalls endgültig vernichtet. Aus diesem Grund achtet ein gläubiger Kemet auch schon während seines irdischen Lebens sehr darauf sich keiner Verstöße gegen die Maat schuldig zu machen, denn sollte er seinen Namen verlieren nutzen ihm auch alle vorgesehenen Hilfsmittel (dazu später mehr) auch nichts mehr.

Wenn der Verstorbene das Totengericht aber von seiner Rechtschaffenheit überzeugen konnte erhält er von Usir-Wennenefer (Osiris), dem Vorsitzenden des Totengerichtes und Herrscher der Unterwelt den Titel „Gerechtfertigter“ (maa-cheru), wörtlich übersetzt eigentlich „wahr an Stimme“, also „der der die Wahrheit spricht“. Danach wird er vom „Öffner der Wege“ Wepwaut (Upuaut) aus der Duat zurück zum Leichnam geführt um sich aufs Neue mit ihm, seinem Ka und seinem Ba vereinigen zu können um zu einem Ach zu werden.

Während der Shut seine gefährliche Reise durch die Unterwelt bestreitet und seine Rechtfertigung vor dem Tribunal der Totenrichter ablegt, bleibt der Ka immer in der Nähe des Leichnams um diesen zu bewachen und zu beschützen. Da er aber nun vom Körper getrennt ist und nicht mehr von ihm genährt wird, muss er in dieser 70-tägigen Zeit des Wartens auf die Rückkehr des gerechtfertigten Shut von den Angehörigen des Verstorbenen ernährt werden. In dieser Zeit muss der Ka täglich mit Speise- und Trankopfern versorgt werden damit er nicht stirbt. Stirbt der Ka weil er nicht mit Nahrung versorgt wird bedeutet dies das Ende des Verstorbenen, da eine Verbindung mit Shut und Ba zu einem Ach nicht mehr stattfinden kann.

Ebenso bedarf auch der Ba in dieser Zeit einer gewissen besonderen Fürsorge. Er löst sich nach dem Tode zwar vom Körper und entfliegt zu den „Orten der Sehnsucht“, dort ist er aber schutzlos und wird nach 70 Tagen sterben wenn er nicht zum Leichnam zurückgerufen wird. Ebenso ist der Ba wie bereits eingangs erwähnt, nicht unverletzlich; er kann gepackt und gefangengesetzt, ja sogar vernichtet werden. Die Vernichtung des Ba oder seine Gefangennahme, die ihn daran hindern würde zum Leichnam zurückzukehren bedeutet für den Verstorbenen genau das gleiche wie der Tod des Ka oder ein nichtbestehen des Totengerichtes. Mit täglichen Totenritualen, die den magischen Schutz gewährleisten, soll verhindert werden dass der Ba in dieser gefährlichen Zeit vor der Wiedergeburt als Ach irgendwelchen Schaden nimmt.

Das Weiterleben nach den Tode hängt also nicht nur davon ab, ob der Shut das Totengericht besteht und als „Gerechtfertigter“ zum Leichnam zurückkehrt, sondern in besonderem Maße auch davon, dass die Angehörigen oder Hinterbliebenen des Verstorbenen den Ka in dieser Zeit am Leben erhalten und dass sie durch magische Rituale dafür Sorge tragen dass dem Ba kein Leid geschieht.

Ist dieser Vorgang der Wiedergeburt als Ach dann abgeschlossen, wozu besondere Totenriten vonnöten sind, die genau 70 Tage nach dem Tod des Verstorbenen an seinem Grab abgehalten werden, kann der Ach dann sein Jenseitsleben beginnen wobei er zwei verschiedene Wahlmöglichkeiten hat. Erstens ist es dem Ach möglich nun in den Himmel aufzusteigen, um dort unter den Göttern zu leben und zu einem strahlenden Stern zu werden. In Gestalt dieses neuen Sterns reiht sich der Verstorbene nun in das Gefolge des Sonnengottes ein und begleitet ihn für alle Zeiten auf seiner Fahrt über den Himmel.

Die zweite Möglichkeit ist nach der „Wiedergeburt als Ach“ in die „Gefilde der Iaret“ (Sechet iaru), auch „Binsengefilde“ genannt, einzugehen und dort sein Leben für „Millionen von Jahren“ fortzusetzen.

Sechet iaru im Grab des Sennedjem

Diese Gefilde liegen im Lande „Ta-djeser“, der von Usir-Wennenefer (Osiris) beherrschten Unterwelt und sind ein paradiesisches Spiegelbild der irdischen Welt, allerdings ohne die negativen Dinge wie Alter, Krankheit oder Tod. Sie sind ein fruchtbarer Garten, umrahmt und durchzogen von Kanälen, in denen das Getreide 7 Ellen (knapp 3,5 Meter) hoch wächst, wo es weder Hunger noch Durst gibt, die Sonne nie durch Wolken verdeckt wird und wo Lüge, Neid und Betrug unbekannt sind. Dort führt der Verstorbene dann als ewig Jugendlicher ein dem irdischen Leben recht ähnliches, aber ein um ein Vielfaches angenehmeres und idyllischeres Dasein. Er pflanzt Getreide und allerlei Feldfrüchte an, fährt paradiesische Ernten ein (diese anstrengende Arbeit übernehmen aber die sogenannten Horusdiener für ihn), sitzt gemütlich im Schatten immer fruchttragender Obstbäume und Palmen oder unternimmt Bootsfahrten zur Muße oder um zu fischen auf den Kanälen von „Sechet iaru“.

Vom Tod, der Welt danach und dem Totenkult Kemets – Teil I geschrieben von Merienptah

Samstag, 28. Juni 2014

Das Thema Sterben und Tod beherrscht viele Kulturen und Religionen, doch keine andere hat sich wohl im Laufe der Zeit einen so komplizierten Totenkult erdacht wie das alte Kemet. Dieser Totenkult hat all das hervorgebracht was die moderne Welt mit unserer Kultur verbindet, die gewaltigen Pyramiden, die Mumien, die goldenen Särge und die Schätze unserer Könige, die tief in den Fels gehauenen und wundervoll ausgemalten Gräber im ganzen Land; all das hätte es ohne den ausgeprägten Totenglauben im alten Kemet nie gegeben.

Pyramide des Chufu

Und auch wenn es so aussieht als wäre dieser Totenkult von Anfang an in seiner vollen Ausprägung dagewesen und über die Jahrtausende hinweg nicht verändert worden, so war er doch in den letzten 5500 Jahren oft Veränderungen und Anpassungen unterworfen, und das ist bis heute so geblieben.

Über den Totenkult des alten Kemet ist vielfach geschrieben worden, es gibt zahllose Publikationen über die Pyramidenfelder, die Mumien, die Gräber im Tal der Könige und die Beamtennekropolen im ganzen Land. Ebenso sind auch unsere alten Toten- und Unterweltsbücher weithin bekannt.

Doch der Totenkult Kemets hat sich im Laufe der Jahrtausende stark verändert. Das heutige Kemet unterscheidet sich in diesem Punkt doch recht deutlich vom Totenglauben der alten Zeit; die Bestattungspraxis ist heute eine gänzlich andere. Begründet liegen diese Unterschiede sicherlich im räumlichen Exil Kemets, in der verstrichenen Zeit und der damit einhergehenden Weiterentwicklung, dem Einfluss anderer Religionen und natürlich in der Gesetzeslage der Länder, in denen wir heute unser Heim haben.

Der Totenglaube

Ausgangspunkt unserer Reise in die Totenwelt Kemets ist der allabendliche Sonnenuntergang. Die Sonne entschwindet unserem Blick, verlässt die unsrige Welt und trägt das Licht in unsichtbare Tiefen hinab. In ihrer Nachtfahrt durchquert sie das Reich der Toten, dem sie jeden Morgen verjüngt und erneuert wieder entsteigt. Daraus kann man nach kemetischem Glauben die beruhigende Gewissheit schöpfen, dass der Tod nur ein Durchgang oder Übergang zu neuem, verjüngten Leben ist und dass auch die Verstorbenen jede Nacht ihren Anteil an dem Lebensspendenden Licht und der Lebenskraft unseres Sonnengottes erhalten.

Den Jenseitsvorstellungen Kemets zufolge weilt auch der Schlafende und der Träumende in jener Tiefe, wo es tatsächlich möglich wird, den Göttern und Verstorbenen real zu begegnen.

Die religiösen Grundlagen des Totenglaubens haben sich bis in die heutige Zeit tatsächlich kaum verändert, die Hauptunterschiede liegen eher in der praktischen Umsetzung. Der auffälligste Unterschied zwischen heute und damals ist in der Beisetzungspraxis zu finden. Die Erhaltung des Körpers ist für einen Fortbestand nach dem Tod und eine Erneuerung des Lebens nach heutiger Ansicht nicht mehr unbedingt notwendig, demzufolge werden unsere Toten im Gegensatz zu früher auch nicht mehr mumifiziert.

Damit einher geht auch dass genau aus diesem Grund für die Toten keine „Totenhäuser“ mehr angelegt werden, was Beisetzungen mit reichen Grabbeigaben also ausschließt. Das heißt allerdings nicht dass sich Kemet gänzlich von den zum Totenkult gehörenden Grundüberlegungen verabschiedet hätte, allerdings wurden diese im Laufe der Zeit einfach den realen Gegebenheiten angepasst. Der Körper des Verstorbenen (Chet) ist uns noch immer genau so heilig wie damals und er wird auch von uns mit derselben Sorgfalt behandelt wie in alter Zeit.

Da er das Behältnis für die Seelenteile ist, (im kemetischen Weltbild gibt es nicht eine Seele, sondern mehrere – interessanterweise bedeutet Chet im Kemetischen neben „Körper“ auch „Weinkrug“) gilt er als heilig und darf nicht durch Menschenhand zerstört werden Das bedeutet im Umkehrschluss das gläubige Kemeten alle modernen Bestattungspraktiken ablehnen, die den Körper beschädigen oder sogar gänzlich vernichten, oder die den Verfall des Körpers in irgendeiner Weise beschleunigen. Also eine Feuerbestattung, bei der der Leichnam verbrannt und somit vernichtet wird, ist aus kemetischer Sicht ein Sakrileg.

Wie bereits erwähnt besteht nach kemetischer Sicht der Mensch, oder besser gesagt das Wesen eines Menschen aus verschiedenen Teilen. Die bedeutendsten unter ihnen sind der Körper (Chet), die Individiual- und Charakterseele Ka und die Exkursionsseele Ba. Weitere wichtige Bestandteile sind der Name (Ren) und der Schatten (Schut). Diese Wesensteile werden beim Tod des Körpers voneinander getrennt.

Dem Totenkult Kemets liegt der Wunsch zugrunde, dass sich die durch den physischen Tod auseinandergerissenen Teile erneut vereinen und als Verklärter (Ach) in die Unterwelt (Duat) eingehen um dort wiedergeboren zu werden und „Millionen von Jahren“ unter den Göttern zu leben.

Chenmu erschafft den Körper und den Ka

Der Ka ist ebenso wie der Ba keine präexistente, universelle Seele, sondern entsteht zusammen mit dem Körper, das heißt, er wird während der Schwangerschaft vom Gott Chenmu (Chnum) als „Doppel“ des Körpers geformt. Er ist die Quelle der Lebenskraft; durch seine Anwesenheit ist der Mensch beseelt und belebt. Nach dem Tod bleibt der Ka in der Nähe des Leichnams um ihn zu beschützen. Das Ziel des Totenkultes ist es, dass sich der Ka im Körper erneut mit den anderen Wesensteilen verbindet um ihn als Verklärter (Ach) „wiederzubeleben“. Die endgültige Trennung eines Toten von seinem Ka gilt als größtmögliches Unglück.

Das Hauptmerkmal des Ba ist seine große Beweglichkeit. Sie kommt in seiner Vogelgestalt zum Ausdruck. Der Ba wird gewöhnlich als Vogel mit Menschenkopf dargestellt, er kann aber auch andere Gestalten annehmen, darunter die menschliche des Verstorbenen. Zu Lebzeiten des Menschen ist der Ba im Körper eingeschlossen, beim Tod löst er sich vom Körper. (im Traum kann sich der Ba ebenfalls zeitweise vom Körper lösen und ihn verlassen, deswegen bezeichnet man den Ba auch als Exkursionsseele).

Der Verstorbene vor seinem Ba

Ziel der Totenliturgien Kemets ist es den Ba nach dem Tode, ebenso wie auch schon den Ka wieder mit dem Körper zu vereinen. Der Ba ist keineswegs von Natur aus unsterblich und unverletzlich; er kann gepackt und gefangengesetzt, ja sogar vernichtet werden, was zur endgültigen Vernichtung des Menschen führt.

Der Schut, beziehungsweise der Schatten eines Menschen ist das Äquivalent zu dessen Ka und damit ein Teil seines Wesens. Nach dem Tod löst sich dieser ebenfalls vorübergehend vom Körper. Der Schut ist nach unserem Totenkult, der Teil des Menschen der nach dem physischen Tod direkt in die Duat wandern soll um dort den Weg zur Halle der Wahrheit, dem Ort des Totengerichts zurückzulegen. Also Sinn und Zweck unserer Totenrituale ist es den Körper Chet erneut mit den Wesensteilen Ka, Ba, und Schut zu vereinen um ein Ach zu werden.

Der Schut

Ende Teil I