Mit ‘Urhügel’ getaggte Artikel

Vom Ursprung der Dinge – Teil II geschrieben von Merienptah

Samstag, 26. April 2014

Urhügel, Urlotos oder Urkuh sind verschiedene Umschreibungen für den tragenden Grund der Schöpfung, sie verorten den Beginn des Seins und erlauben uns diesen Urakt der Schöpfung vor unserem inneren Auge zu visualisieren ohne dabei jedoch Anspruch darauf zu erheben die „einzig wahre Wahrheit“ in Form einer Aufzählung historischer Fakten zu vermitteln. Aus diesem Grund der Schöpfung steigt die Sonne auf und formt durch ihr Licht den Raum und durch ihren Lauf die Zeit. Der Startpunkt der Schöpfung ist definiert. Der Urkeim der Welt wird in anderen Schriften auch als „kosmisches Ei“ beschrieben, das sich am Uranfang noch im Leib des „großen Schreiers“ befindet, des Urvogels, dessen Schrei die Urstille durchbricht, noch bevor die Sonne aus seinem Ei emporsteigt. Diesen Vogel sieht man als den Reiher Benu, der sich als erstes Wesen überhaupt auf dem Urhügel niederlässt. Spätere Mythen setzen ihn mit dem Phoenix gleich.

So erscheint der Schöpfer in vielerlei Gestalten – als Mensch, als Vogel oder auch als Schlange, die ja das eigentliche Urwesen ist. In menschlicher Gestalt wird der Schöpfers als Atum verehrt, der mit seiner Hand den ersten Samen erzeugte oder das erste Götterpaar ausspuckte oder -nieste. Dieses erste Götterpaar sind in den Schöpfungsmythen Kemets Schu und Tefnut. Von Schu heißt es in den Sargtexten ausdrücklich, er sei „nicht in irgendeinem Ei gebildet“. Mit diesem ersten Götterpaar und dessen Nachkommen Geb und Nut beginnt der Lauf der natürlichen Fortpflanzung und Vermehrung, und mit den vier Gottheiten der folgenden Generation (Osiris, Isis, Seth und Nephthys) ist das System der „Neunheit“ abgeschlossen, die in den kemetischen Mythen vom Anbeginn eine so wichtige Rolle spielt – unabhängig von Ort und Zeit, auch wenn diese Neunheit und ihre Kosmogonie aufgrund ihres Urgottes Atum und dessen Hauptheiligtum in Heliopolis (dem alten Iunu) oft als „heliopolitanisch“ bezeichnet wird. Ihr wird dann oft eine sogenannte „memphitische“ Kosmogonie gegenüber gestellt, in der Hauptgott der alten Landeshauptstadt Memphis (Mennefer) Ptah, oder genauer Ptah-Tatenen als Schöpfer wirkt, der durch sein Wort die Welt erschuf; indem er die sie in seinem innersten ersann und durch den Ausspruch seiner Zunge ins Leben rief. Durch diesen Akt der willentlichen Schöpfung wurde Ra geboren, aus dem Schu und Tefnut hervorgingen und sich die Schöpfung wie bereits aus Heliopolis bekannt in Gang setzte.

Die Überlieferung der Schöpfung durch das Wort als Akt des Willens reicht unabhängig von diesem am memphitischen Hauptgott orientierten Mythos bis zu den Pyramidentexten zurück und ist keineswegs nur mit Ptah verbunden. In den alten Texten wird berichtet wie der Sonnengott durch planende Einsicht (Sia), schaffenden Ausspruch (Hu) und wirksamen Zauber (Heka) wirkt – diese drei Schöpferkräfte begleiten ihn auf seiner Fahrt und helfen ihm nachts in der Unterwelt sein Schöpfungswerk zu erneuern. In einem anderen Mythos war am Anfang das Wort des Amun, der als Urvogel seine Stimme erhob. In diesem Mythos handelt es sich beim Urvogel allerdings nicht um einen Reiher, sondern um einen Ganter, das heilige Tier des Amun, und sein Name wird mit „der große Schnatterer“ wiedergegeben. Auch der Göttin Neith wird in alten Mythen nachgesagt sie habe durch sieben Aussprüche die Welt ins Leben gerufen, andere Texte berichten allerdings davon dass es sich dabei um ein siebenfaches Lachen und demzufolge um eine eher ungeplante Initialzündung der Schöpfung gehandelt haben soll.

In der Gestalt der großen Göttin Neith tritt uns erneut eine weibliche Schöpfergottheit entgegen, eine Urmutter allen Seins, aus deren Schoß nach den alten Kosmogonien von Sais (Sau) und Esna (Iunyt / Senat) die Sonne geboren wurde. Ihre enge kultische Verbindung mit der Urkuh Mehet-weret führt uns wieder zur Vorstellung von der Himmelskuh zurück, welche die Sonne und alle Gestirne trägt. Als Universalgöttin taucht Neith auch oftmals bildlich, anders als gewohnt, nicht mit der roten Krone des Nordens sondern mit Kuhgehörn und Sonnenscheibe auf. Denkt man an die bedeutende Rolle, die Neith schon in der Frühzeit Kemets spielte, und an ihre alte Verkörperung in einem Käfer, so macht dies ihre Stellung im Zentrum alter kosmogonischer Vorstellungen deutlich, die später erst von anderen überlagert wurden; der Käfer der Neith verschwindet im Laufe der Zeit und weicht der Erscheinungsform des Sonnengottes Re als Skarabäus Chepri.

Erwähnenswert ist hier auch dass der Mythos um Neith wohl weitaus älter als der heliopolitanische ist und nie mit diesem oder den sich auf ihn beziehenden Kosmogonien verknüpft wurde; auch werden Neith oder ihre Nachkommen wie beispielsweise Chnum, Heket, Menhit oder Sobek, die alle gewisse „Schöpferqualitäten“ ihr Eigen nennen, niemals wirklich in den heliopolitanischen Götterhimmel integriert. Sie bilden eine eigenständige parallele Götterwelt. Also vom kemetischen Pantheon zu sprechen wäre genauso falsch wie von DEM kemetischen Schöpfungsmythos, da es davon in Kemet jeweils mehrere verschiedene gibt.

Neben Neith wird auch Chnum als Schöpfer verehrt. Es heißt er schafft durch das Werk seiner Hände, man sagt er ist derjenige Gott, der die Menschen oder gar das Urei und mit diesem die ganze Welt aus Ton auf seiner Töpferscheibe formt. Auch Ptah, in seiner Funktion als Gott der Handwerker und Künstler, wird als ein solcher Bildner gesehen, der nicht nur durch das Schöpferwort, sondern wie ein Künstler die Welt als sein Werk formt.

All diese verschiedenartigen Aussagen Kemets über Schöpfung und Schöpfer lassen sich weder in ein zeitliches Nacheinander noch ein geographisches Nebeneinander bringen. Sie durchdringen einander und ergänzen sich gegenseitig. Sie sind Versuche, die komplexe Weltentstehung möglichst differenziert zu beleuchten und so besser verständlich zu machen. So sind die Person des Schöpfers und die Art seines Wirkens im kemetischen Glauben nicht verbindlich festgelegt, aber es gibt dennoch eine ganze Reihe von gemeinsamen Aussagen. Der Schöpfer, ganz gleich welcher damit nun gemeint ist, ist „von selbst entstanden“ (cheper djesef); er hat keinen Vater und keine Mutter, sondern hat „sein Ei selber gebildet“, wie es in einem Hymnus zu Ehren Amuns so schön beschrieben wird. Die Schöpfergottheit gehört vor die geschlechtliche Differenzierung in männlich und weiblich, ist daher „Vater und Mutter“ in einem, oftmals androgyn dargestellt. Vor allem tritt der Schöpfer als der „Eine, neben dem nichts anderes ist“ in Erscheinung, der sich selbst zu dem „Einen, aus dem Millionen werden“ macht.

Ende Teil II

Von der Schöpfung der Welt – Teil IV geschrieben von Merienptah

Samstag, 18. Januar 2014

Diese unterschiedlichen Darstellungen von der Schöpfung der Welt spiegeln allerdings nicht nur die gegensätzlichen Überlieferungen verschiedener lokaler Kultzentren wieder, sondern stattdessen die unterschiedlichen Aspekte eines Einvernehmens darüber, wie die Welt und ihre Schöpfergötter entstanden sind. Denn so unterschiedlich die kemetischen Kosmogonien auf den ersten Blick auch erscheinen mögen, sind sie sich doch in den meisten Punkten ähnlicher, als es zunächst den Anschein hat. Man könnte diese Mythen als verschiedene Gedichte über das gleiche Thema betrachten. Wie man nämlich unschwer erkennen kann, läuft die Schöpfung als Prozess in allen Kosmogonien Kemets gleich ab. Den Beginn markiert das Auftauchen des Urhügels aus dem Nun mit der darauf folgenden Geburt des Sonnengottes und der Entstehung der verschiedenen Göttergeschlechter.

Dies führte zur Entstehung der bekannten Welt und schlussendlich zur Schöpfung von Mensch und Tier. Der einzige Unterschied in all diesen Schöpfungsmythen ist die personifizierte Universalzündung des Ganzen. Den Anstoß zur Schöpfung gibt jeweils die Hauptgottheit einer lokalen Götterfamilie. Der weitere Verlauf des Schöpfungsprozesses ist dann wieder überall gleich. Nachdem die Göttergeschlechter entstanden sind, herrschten diese über viele tausend Jahre über die Welt, das sogenannte „goldene Zeitalter“ brach an. Während dieser Zeit erschufen die Götter die Umwelt und Natur die wir heute kennen. In dieser Zeit spielen auch die meisten der Mythen über die Götter und ihr Verhältnis zueinander, wie zum Beispiel der berühmte Osirismythos.

Als die Götter auf dem Erdenthron sich ihrer eigenen Sterblichkeit bewusst wurden, zogen sie sich nach und nach auf dem Rücken der Himmelskuh an das Himmelsgewölbe zurück, wo man sie noch heute als Sterne sehen kann. Als dann auch die Göttin Maat, als letzte Vertreterin der göttlichen Herrscherdynastie die Erde verließ, übergab sie die Herrschaft und die Verantwortung für die Schöpfung den Menschen, die in ihrem Sinne, also nach dem Prinzip der Maat, die Welt und die Wesen in ihr lenken sollten.

Warum nun die Kosmogonien von Heliopolis, Hermopolis, Memphis und Theben im Laufe der Zeit die anderen überstrahlt haben, freilich ohne sie jemals gänzlich zu ersetzen, mag unterschiedliche Gründe haben. Bei Memphis und Theben sind es unzweifelhaft auch politische Beweggründe die die Hauptgötter der beiden Reichshauptstädte (Memphis war seit Beginn des Alten Reiches die Verwaltungshauptstadt und Theben seit dem Mittleren Reich die Residenz der Könige) zu landesweit verehrten Schöpfern werden ließen. Heliopolis ist unzweifelhaft eine der ältesten Tempelstädte Kemets und ihr Sonnenkult wohl überhaupt der älteste Kult des Landes, was eine überregionale Verbreitung begünstigt. Dies merkt man auch daran, dass beinahe alle Kosmogonien in Heliopolis „abgeschrieben“ haben und nur ihren eigenen Schöpfergott dieser Geschichte hinzugefügt oder sie dadurch ergänzt haben. Als ebenfalls eine der ältesten Kultstädte Kemets und Heimat des Weisheitsgottes Thot, der den Menschen die Schrift gab, gilt auch Hermopolis als eine der „Stätten des ersten Males“ und somit hatte die Achtheit der Stadt auch viel Zeit ihre Version der Schöpfung über das Land zu verbreiten.

Bis heute bestehen die verschiedenen Versionen der Schöpfung im kemetischen Glauben nebeneinander ohne einander jedoch jemals in Frage zu stellen. All diese Erzählungen vom Anfang des Universums und dem Beginn des immerfort andauernden Schöpfungsprozesses durch die Götter sind für uns gleich wahr. Sie sind verschiedene Sichtweisen auf die gleiche Materie; und der Zustand dass es in all den vergangenen Jahrtausenden unserer Geschichte nicht zu einer Vereinheitlichung dieser Mythen kam zeigt, dass in Kemet kein Wert auf eine absolute Wahrheit gelegt wird, wie sie so manche spätere Religion für sich in Anspruch nimmt.

Welche Gottheit nun „der Schöpfer“ ist, spielt im Ablauf des Geschehens, ebenso wie die genaue zeitliche Abfolge der einzelnen Stationen des Prozesses keine wirkliche Rolle. Das bemerkt man schon alleine daran, dass in einigen Texten nur von „Gott“ geredet wird; der Name der gemeinten Gottheit wird jedoch nicht erwähnt, ebenso wie über zeitliche Dimensionen an keiner Stelle genaue Aussage getroffen wird.

Dass die Schöpfung im Gange ist sieht man jeden Tag; die Sonne taucht jeden Morgen gemäß der göttlichen Ordnung am Osthimmel auf und versinkt nach ihrer Fahrt über den Himmel wieder im Westen; Tag und Nacht wechseln sich immerfort einer zeitlichen Ordnung folgend ab; ebenso folgt der Wechsel der Jahreszeiten den Regeln der Schöpfung. Tausende Naturereignisse zeugen täglich davon, dass die Schöpfung seit dem Auftauchen des Urhügels aus dem Urozean noch immer im Gange und auch im Wandel begriffen ist. Denn entgegen den starren und auf einen bestimmten Zeitpunkt in der Vergangenheit fixierten Schöpfungsereignissen vieler anderer Religionen ist die Schöpfung im kemetischen Denken ein dynamischer Prozess, der erst am Ende allen Seins in einer Umkehrbewegung dieser Dynamik, nach dem Tod der Götter und dem damit einhergehenden erlöschen ihrer Schöpfungskraft, ein Ende findet; zu der Zeit wenn sich das Universum wieder in den Zustand wandelt, den es vor dem Beginn des Schöpfungsprozesses innehatte. Einzig Nun als Urchaos bleibt von diesem universellen Ende ausgeschlossen. Auch diese Sicht passt erstaunlich gut auf die Theorien der modernen Kosmologie, die am Ende aller Zeit einen Sogenannten Endknall (als kosmisches Gegenstück zum Urknall) erwartet, der den Kosmos und all seine Bestandteile wieder in den Urzustand zurückversetzt.

Am Ende der Schöpfung ist nach kemetischer Sicht, ganz gleich welche Kosmogonie man dafür heranzieht; denn in dem Punkt sind sich wiederum alle Schöpfungsmythen einig, alles wieder in dem Zustand wie vor dem Beginn des Ganzen. Somit schließt sich der Kreislauf des Seins und im Nun, dem nunmehr wieder alleinexistenten Urozean kann irgendwann eine neue Schöpfung beginnen.

Die Wahrheit in Kemet liegt ganz im Auge des Betrachters, und genau deshalb sind sich unsere Kosmogonien trotz ihrer lokalen und zeitlichen Unterschiede so unwahrscheinlich ähnlich, dass sie zusammen in der Lage sind für uns ein Bild der Wahrheit zu zeichnen und uns ein Verständnis für die Zusammenhänge der göttlichen Schöpfung zu vermitteln ohne sich gegenseitig als falsch zu bezeichnen. Eine „einzig wahre Wahrheit“ will uns keine der kemetischen Mythen unterbreiten, sondern eher eine größtmögliche Annäherung an das, was damals passiert ist, das was noch heute passiert und an das, was in Zukunft passieren wird. Sie vermitteln eine dem Menschen verständliche Erklärung des Schöpfungsprozesses, der ja so groß und umfangreich ist, dass der begrenzte menschliche Geist ihn in seiner Gänze nie wirklich wird fassen können.

© Merienptah

Von der Schöpfung der Welt – Teil I geschrieben von Merienptah

Samstag, 12. Oktober 2013

Das alte Kemet hat in seiner vieltausendjährigen Geschichte wohl mehr Schöpfungsmythen hervorgebracht als jede andere alte Kultur. Die scheinbare Ironie an der Sache ist, dass diese Kosmogonien und Theogonien auf den ersten Blick widersprüchliche Darstellungen ihrer mythischen Entstehung und Beherrschung des Kosmos beinhalten und dass sie im Laufe der gesamten Geschichte Kemets nie zu einer einzigen, allgemeingültigen Schöpfungsgeschichte verschmolzen wurden. Im Prinzip hatte jede größere Ortschaft mit ihrer lokalen Götterfamilie auch ihren eigenen Schöpfungsmythos, also ihre eigene Sicht auf die Entstehung der Welt, die diese meist in die Hand des lokalen Hauptgottes legte. Einig sind sich alle diese Mythen in der Beschreibung des Urzustandes vor der Schöpfung.

Am Anfang war das gesamte Universum von einem Urozean, genannt Nun, angefüllt. Dieses Urgewässer hatte weder Grenzen noch eine Oberfläche; es füllte das gesamte Universum aus und wird in den Mythen oft mit einem „kosmischen Ei“ umschrieben. Die Wasser des Nun standen und waren völlig bewegungslos. Die zweite Übereinstimmung aller Kosmogonien ist die Vorstellung von einem Urhügel, der sich am Beginn alles Seins durch Intervention des jeweiligen Schöpfergottes aus dem Urozean Nun erhob. Dieser Urhügel war die Verortung der jeweiligen Schöpfungsgeschichte. Diese Annahme lässt sich interessanterweise mit dem Zustand des Universums vergleichen, der der heutigen Kosmologie zufolge vor dem Urknall geherrscht hat. Der Urozean Nun steht also symbolisch für die ursprüngliche Singularität aus der beim Urknall, also dem Auftauchen des Urhügels, gemeinsam Materie, Raum und Zeit entstanden.

Die verschiedenen Mythen sind sich auch in der Ansicht einig, dass am Ende aller Zeiten das gesamte Universum wieder in diesen Urzustand zurückversetzt wird. Auch das deckt sich in gewisser Weise mit den Ansichten der modernen kosmologischer Wissenschaft innerhalb der Physik, die davon ausgeht, dass am Ende aller Zeit eine Art umgekehrter Urknall das Universum wieder in seinen Anfangszustand zurückversetzt.

Diese Gedankengänge zur Schöpfung lassen sich auch mit den ins kosmische übersteigerten Naturbeobachtungen im Niltal erklären, da jedes Jahr das aus den Fluten des Nils auftauchende Fruchtland bei der nächsten Nilschwelle wieder in den Wassern versank um danach erneut beim Absinken dieser Flut wieder aufzutauchen. Somit entsteht ein Bild eines fortwährenden Kreislaufes der Schöpfung.

Die Schöpfung wird in kemetischer Sicht auch nicht als plötzlicher Schöpfungsakt sondern mehr als langsamer und fortwährender Prozess verstanden. Wie unterschiedlich auch immer die Ereignisse der Schöpfung und deren Abfolge ausgelegt werden, so stimmen sie doch auch darin überein, dass die sogenannte „Erste Zeit“, also die Epoche, in der die Götter tatsächlich auf der Erde lebten und dort ihre Königreiche hatten, ein glückliches und goldenes Zeitalter gewesen ist, in dem vollständige Gerechtigkeit (Maat) auf der Erde herrschte. Der legitime Nachfolger dieser Götter auf der Erde, der König von Kemet, hat also die Aufgabe, die Herrschaft der Maat, der Richtigkeit und Gerechtigkeit, die oft auch als gerechte Weltordnung bezeichnet wird, zu bewahren.

Eine der ältesten Schöpfungsmythen ist die, die im Laufe der Zeit wohl die weiteste Anerkennung im alten Kemet fand, ohne allerdings die anderen Mythen gänzlich zu verdrängen; die Kosmogonie der Enneade (Neunheit) von Heliopolis, welches in alter Zeit Iunu genannt wurde.

Im alten Iunu, dem Hauptzentrum des Sonnenkultes, entwickelte sich eine Kosmogonie, die um die sogenannte Neunheit von Gottheiten errichtet war, die aus dem Sonnengott und acht seiner Nachkommen bestand. Die mit dieser Schöpfung für gewöhnlich verknüpfte Gestalt des Sonnengottes ist der oftmals als „Allherr“ bezeichnete Urgott Atum. Es heißt von ihm dass er im Urozean Nun bereits „in seinem Ei“ existierte. Im Moment der beginnenden Schöpfung wurde Atum durch die Kraft seines eigenen Willens als der „Selbstentstandene“ geboren und somit zur Quelle aller weiteren Schöpfung. Sein Name bedeutet in etwa „der Vollendete“ und somit kann er als personifizierter Urhügel betrachtet werden, der sich aus dem Urozean erhob und auf dem sich der Schöpfungsprozess einzig durch die Macht und den Willen Atums in Gang setzte.

Das Auftauchen des Atum wird als Erscheinen des Lichts interpretiert, das die chaotische Dunkelheit des Nun vertrieb. Atum musste, da er ja allein war, seine Nachkommenschaft ohne Gefährtin zeugen. Er erreichte sein Ziel durch Selbstbesamung, wobei „die Hand des Atum“ den weiblichen Part dieses Prozesses übernahm. Demzufolge wird Atum oft zweigeschlechtlich als „der große Er-Sie“ bezeichnet; als „Vater-Mutter der Götter“.

Seinen Sohn Schu gebar Atum indem er ihn ausspuckte, und seine Tochter Tefnut, indem er sie erbrach. Die Funktion des Schu als Gott der Luft wird dadurch abgeleitet wie er geboren wurde, also dem Luftzug der beim Ausspucken entstand, und Tefnut wurde aufgrund ihrer Geburtsweise zur Göttin der Feuchtigkeit und des Feuers; wohl vergleichbar mit dem Brennen im Hals beim Erbrechen und dem feuchten Endprodukt des Ganzen. Somit war das erste göttliche Paar entstanden. Während das Ka in Atum noch zweigeschlechtlich ist, trennt Atum durch diesen Schöpfungsvorgang das Ka in das männliche (Ka) und weibliche (Kat) Prinzip. Schu und Tefnut wurden so zu Göttern, die geeignet waren, den Schöpfungszyklus fortzusetzen. Schu und Tefnut als Urgötterpaar wurden von Nun, dem personifizierten Urozean aufgezogen und das Auge des Atum wachte über sie.

Das Auge von Atum konnte sich von seinem Körper lösen und war auch eigenständig im Handeln und Fühlen. Dieses Auge, das Udjat, spielt in wichtigen Mythen eine große Rolle. Der eine Mythos berichtet, dass die Kinder Schu und Tefnut in den dunklen Wasserwüsten des Nun aus dem Gesichtskreis des Atum verschwanden. Atum sandte daraufhin sein Auge aus, sie zu suchen und zurückzubringen. Während das Auge nach Schu und Tefnut forschte, hatte Atum es durch ein anderes, viel helleres ersetzt. Oftmals wird der Sonnengott Ra als das „junge Auge des Atum“ bezeichnet. Als das erste Auge bei seiner Rückkehr bemerkte, dass sein Platz besetzt war, erboste es. Atum nahm daher das erste Auge und setzte es an seine Stirn, wo es die ganze Welt, die er zu erschaffen im Begriff war, bewachen konnte. Oft wird das Stirnauge als zerstörerische und übelabwehrende Göttin dargestellt (ein Aspekt der brennenden Sonne). In dieser Gestalt wurde das Stirnauge zur Göttin Uto, der sich aufbäumenden Kobra, die in Gestalt der Uräusschlange auf der Stirn der späteren Könige Kemets als Symbol und Verteidigerin ihrer Macht prangte. Weitere Mythen berichten dass aus der Verbindung von Ra und Uto die beiden Göttinnen Maat, die Richtigkeit, und Isfet, das Chaos, hervorgegangen sind.

Ende Teil I

Vom Wesen kemetischer Tempel – Teil IV geschrieben von Merienptah

Samstag, 05. Januar 2013

Religiöse Landkarte

Zusammengefasst stellen Grundriss und Aufbau eines Tempels also einen ganzen Kanon von kosmischen Regeln dar. So ist der Tempel also vom Eingang zum Allerheiligsten nach einer „imaginären“ Ost-West-Achse ausgerichtet, die dem Sonnenlauf folgt. Nebeneingänge für Priester, also die Wege für den täglichen Kultablauf, liegen im rechten Winkel zu dieser göttlichen Achse und bilden eine weltliche Nord-Süd-Achse, die sich an der Fließrichtung des Nils orientiert, der in Kemet ja die Hauptverkehrsader der menschlichen Welt darstellt. Der Fussboden des Tempels steigt vom Hof zum Allerheiligsten in mehreren Stufen, an den Urhügel erinnernd, an und mit der Erhöhung des Bodens nimmt die Höhe der Decken und Durchgänge ab. Der Boden symbolisiert die fruchtbare Erde und die Decke den sternenübersäten Himmel. Tragende Teile wie Säulen und Türstürze stellen die Vegetation dar, die vom Boden in den Himmel wächst und somit beide Sphären miteinander verbindet. Das Allerheiligste mit der Kultbildkammer liegt auf der Mittelachse im hinteren Tempelbereich am weitesten vom Eingang entfernt. Die Götterbarke wird in einem Kultraum vor dem Allerheiligsten aufbewahrt und die täglichen Opferhandlungen finden davor in einem eigenen Raum statt. Fenster gibt es nicht um der chaotischen Außenwelt keinen Weg ins Innere zu bieten, somit ist das Innere des Heiligtums, außer bei Heiligtümern des Sonnenkultes, immer in Dunkelheit gehüllt. Auch müssen bei den Ritualen immer erst die äußeren Türen verschlossen werden, bevor die Inneren geöffnet werden können um keinen direkten Durchgang von außen nach innen zu ermöglichen. Und zu guter Letzt ist der Tempel noch von einer oder mehreren Mauern umschlossen, die ihn komplett von der Außenwelt abschotten und jeden unbefugten Blick ins Innere verwehren. Auch darf der Tempel niemals von Unbefugten betreten werden, nur die Priesterschaft hat Zugang zu seinem Inneren. Und innerhalb der Priesterschaft entscheidet der Priestergrad wie weit sich der Priester dem „Sitz der Gottheit“ nähern darf. Zugang zum Allerheiligsten haben nur die ranghöchsten Priester und deren direkte Stellvertreter, aber das genauer zu erläutern würde jetzt auch zu weit führen.

Am Tempel von Luxor sieht man gut wie der Dromos eines kemetischen Tempels aussehen sollte. Eine Allee von Sphingen und Baumreihen begleiten die Strasse, die direkt auf die durch einen Pylon gebildete Tempelfront führt. Vor dem Tempel stehen Obelisken (einer fehlt hier) und verschiedene Statuen...

Bereits die Grundsteinlegung eines kemetischen Tempels ist ein mythologisierter Vorgang und Gegenstand eines uralten Rituals, dasunter Anwesenheit und Mithilfe der Göttin Seschat selbst ausgeführt wird. Mit dem „Spannen des Strickes“ wird Ausrichtung und Umriss des zu gründenden Baues bestimmt. Unter den Ecken werden Grundsteinbeigaben verborgen, die den Bau vor bösen Einflüssen von außen bewahren sollen. Diese beigaben bestehen aus Gefäßen mit Opfergaben wie Speiseopfern, übelabwehrenden Amuletten und Modellwerkzeugen. Dazu kommen auch Täfelchen mit dem Namen des Tempels, seines Besitzers und des Erbauers. Nach der Vollendung des Baues wird dann die kultische Reinigung des Tempelgeländes vollzogen und mit der Zeremonie der „Mundöffnung“ die magische Verlebendigung des Baues und seine Verwandlung in einen Achet, einen Götterhorizont, bewirkt. Erst damit erlangt der Bau seinen funktionsfähigen Zustand als Wohnstätte der Götter und kann an seinen Herrn übergeben werden. Wichtig dabei ist auch die „Taufe“ des Tempels, denn jedes Heiligtum hat einen eigenen Namen.

Nach der Namensgebung kann der normale Kultbetrieb im Tempel beginnen, der an jedem Tag nach dem gleichen Muster abläuft. Das häufigste Ritual ist das täglich dreimal vollzogene Kultbildritual. Es hat seinen Ursprung in den Diensthandlungen der Dienerschaft im herrschaftlichen Haushalt und umfasst die vollständige Versorgung des Kultbildes, also des Hausherren, von seiner Reinigung und Bekleidung bis zur Versorgung mit Speise und Trank. Weitere tägliche Rituale sind das Morgenritual, bei dem die Gottheit geweckt wird und bei der das „Tagesprogramm“ durchgegangen wird (wie ein Briefing des Hauspersonals in einem herrschaftlichen Anwesen) sowie das Abendritual bei dem der Hausherr des Tempels das „Tagesresümee“ zieht und für die Nacht vorbereitet wird.

Der Kalender Kemets ist so angefüllt mit Götterfesten, dass die Routine der täglichen Zeremonien sehr häufig durch besonders festliche Handlungen bereichert wird. Dies sind insbesondere das 5 Tage andauernde Neujahrsfest, das Eintreffen der Nilschwemme, das Hervorkommen der Sopdet, das 17 tägige Opetfest, das Sokarfest, das große Ipipfest, das schöne Fest vom Wüstental und zu guter Letzt die Epagomenen, die letzten fünf Tage des Jahres. Dazu kommen noch die monatlich stattfindenden Reinigungsfeste, die Feste zum Jahreskreis und unzählige weitere Feiertage wie die tempelinternen Mysterienspiele zu Ehren des Osiris, bei denen der gewaltsame Tod und die Auferstehung des Osiris szenisch dargestellt werden. Bei derartigen feierlichen Anlässen werden auch die Kultbilder aus dem Tempelinneren ans Tageslicht gebracht und auf Prozessionen durch ihre Herrschaftsgebiete geführt. Heutzutage beschränken sich derartige Prozessionen auf Umrundungen des Tempelhauses innerhalb des Tempelbezirkes, in alter Zeit führten sie durch die ganze Stadt und einige sogar über noch größere Distanzen.

Zu diesen Anlässen werden die Kultbilder aus ihrem steinernen Naos herausgehoben und in einen kleinen hölzernen Tragschrein oder in die Kajüte einer tragbaren Götterbarke platziert. An langen Tragestangen kann diese schwere Barke von einer größeren Anzahl Priester angehoben und aus dem Tempel ins Freie getragen werden. Diese Barke muss während der Prozession in bestimmten Abständen auf vorbereiteten Sockeln abgestellt werden um den tragenden Priestern und der „reisenden Gottheit“ eine Verschnaufpause zu gewähren. Dies sind die bereits erwähnten Barkenstationen, in denen der Gottheit auch Opfergaben (Erfrischungen) dargebracht werden. Diese Feste werden auch von Musik und Tanz begleitet um die Gottheit auf ihrer Reise zu unterhalten.

Der normale Tagesablauf im Tempel ist neben den Kulthandlungen natürlich weitaus weniger festlich und von ganz alltäglichen und weltlichen Arbeiten geprägt. Die Hauptaufgabe der Priesterschaft besteht in der Vorbereitung der Opfergaben und der Reinigung der Tempelräume und des Kultgeschirrs, also ganz normaler Hausarbeit. Weiterhin müssen die Außenanlagen und Gärten gepflegt und die Gebäude instand gehalten werden. Von diesen Tätigkeiten leitet sich auch die geläufigste Amtsbezeichnung der Priester Hem-netjer, also „Gottesdiener“ ab.
Weiterhin wird in der Tempelschule, die zum Tempelarchiv gehört, die nächste Generation der Priesterschaft ausgebildet. Dort werden auch unsere alte Schriften aufbewahrt, restauriert oder gegebenenfalls erneuert in dem sie kopiert werden. Somit ist ein Tempel auch eine Bibliothek und ein Wissensspeicher. Und in der angeschlossenen Tempelwerkstatt werden von den Priestern Kultgeschirr und Ritualgegenstände hergestellt, die für den täglichen Betrieb vonnöten sind sowie Grabstelen für das kemetische „Volk“ und andere Gegenstände des Totenkultes.

In einer anderen Halle des Karnaktempels sieht man wie die Decke dunkelblau bemalt ist um den Himmel zu symbolisieren...

Der gesamte Tempelbezirk ist also keinesfalls ein Gebetshaus für Gläubige sondern ein verkleinertes Modell der Welt oder gar des Kosmos und ein lebendiger und geschäftiger Ort des Kultbetriebes und des täglichen Lebens in dem die Priesterschaft, als Dienerschaft der Gottheit, dafür Sorge trägt, dass es dem Hausherrn an nichts mangelt und dieser sich somit seiner Aufgabe im Immerwährenden Schöpfungsprozess widmen kann. Der Tempel ist die von der Außenwelt abgeschirmte Wohnstatt der Gottheit, vergleichbar mit einer herrschaftlichen Privatresidenz, einem königlichen Palast, in dem der Hofstaat den täglichen Ablauf und die Versorgung des Königs gewährleistet und kein Ort für „das Volk“ welches diesen Ort nicht betreten darf. Das unterscheidet die kemetischen Tempel von dem was man sich heutzutage unter einem Tempel vorstellt, in dem die Gläubigen sich dem Göttlichen nähern und ihre Gebete verrichten, ähnlich einer christlichen Kirche. Mit einem solchen öffentlichen Kultbau hat der kemetische Tempel rein gar nichts gemeinsam.

Dies soll nun erst mal genug sein und einen kleinen Türspalt öffnen um doch mal einen neugierigen Blick in unsere für die Augen der Öffentlichkeit verschlossenen Heiligtümer gewähren. In unseren Tempeln läuft entgegen aller Gerüchte nichts Geheimnisvolles und Okkultes ab, sie sind normale religiöse Bauten mit ihrem ganz eigenen Innenleben und Kultablauf, mit eigener Priesterschaft und eigenen Gesetzen und Regeln, der Außenwelt verschlossen aber dennoch nicht entrückt.

Damals wie heute, der Nil in Ägypten