Mit ‘Urkuh’ getaggte Artikel

Vergleich der Schöpfungsmythen verschiedener Kulturen – Teil II, geschrieben von Mara

Samstag, 06. Juni 2015

Der indoeuropäische Schöpfungsmythos (rekonstruiert)

Nachdem in ersten Teil der matriarchale pelasgische Schöpfungsmythos dargestellt wurde, folgt nun der Schöpfungsmythos der patriarchalen Indoeuropäer.

Die Erschaffung der Welt und der Menschen

Typisch Indoeuropäisch ist die Vorstellung von einem Abgrund oder einer Leere am Beginn der Welt (Ginnungagap), wie er in der Edda beschrieben wird: „In uralten Zeiten, da gab es nichts, weder Sand noch Meer, noch nasskalte Wellen. Erde war nirgends und kein Himmel oberhalb davon, nur gähnender Abgrund.“

Dieser Abgrund war der Ursprung allen Seins, denn aus ihm entstand der Kosmos. Die Edda sagt: „Und der gähnende Abgrund wurde dort so warm wie die windlose Luft. Und wo sich der Reif und der heiße Luftzug begegneten, da taute und tropfte es. Und aus diesen Gischttropfen entstand Leben.“

Es entstanden zwei Brüder, Manu (=Mann oder Mensch) und Yemo (germanisch Ymir, was Zwilling oder der Andere bedeutet). Sie streiften durch den Kosmos und ernährten sich von der der Milch der Urkuh, die in der germanischen Mythologie Audhumla genannt wird.

Schließlich entschieden sich Manu und Yemo, die Welt zu erschaffen, die wir bewohnen. Zu diesem Zweck tötete Manu seinen Zwilling und schuf aus seinem gigantischen Körper mit Hilfe der Himmelsgötter – des Himmelsvaters von Typ Zeus oder Jupiter, des Sturmgottes des Krieges von Typ Thor und der göttlichen Zwillinge, die bei den Römern Castor und Pollux genannt wurden – die Sonne, den Mond, das Meer, die Erde und alle möglichen Geschöpfe. Manu wurde der erste Priester, der Schöpfer des Opferrituals, der Grundlage der Weltordnung.

Nachdem die Welt erschaffen wurde, schenkten die Himmelsgötter dem dritten Mann, Trito zahlreiches Vieh. Aber dieses Vieh wurde von einer hundertköpfigen Schlange namens Ningwhi (=Negation) gestohlen. Der Dritte Mann konnte das Vieh mit Hilfe des Sturmgottes wiedergewinnen. Sie gingen zur Höhle des Monsters, töteten es und brachten das Vieh zurück, wo es u.a. als Opfer für die Götter diente. Trito wurde der erste Krieger, der den Wohlstand des Volkes sichert und es ihm ermöglicht, durch Opfer das Wohlwollen der Götter zu erhalten. (vgl. Anthony 2007, S. 134)

Ob die Erschaffung der Menschen aus Bäumen, insbesondere des Mannes aus der Esche typisch indoeuropäisch ist oder abgeleitet, ist unbekannt.

Interpretation

Die indoeuropäische Kultur entstand um 5500 v.u.Z. in den Steppen Südrusslands, an den Flüssen Dnjepr, Don und Wolga. Wie Ausgrabungen ergaben, gingen die Protoindoeuropäer direkt vom Stadium der WildbeuterInnen des Mesolithikums zur Wirtschaftsform nomadisierender Viehzüchter über. Ackerbau betrieben sie kaum. Vielleicht ist dies der Grund, warum die Indoeuropäer im völligen Gegensatz zu den sie umgebenden Kulturen seit ihrer Auswanderung in die Steppen patriarchal waren. In drei Wellen (4400-4300, um 3500, 3000-2200 v.u.Z.) stießen die Indoeuropäer dann in die Balkanregion, nach Griechenland, nach Mittel-, Nord- und Westeuropa vor, wobei sie die hochstehende „Zivilisation der Göttin“ (Marija Gimbutas) zerstörten und überall gewaltsam das Patriarchat etablierten. Im Zuge dieser Expansion entwickelte sich auch die einheitliche indoeuropäische Sprache auseinander und es entstanden die heute bekannten indoeuropäischen Sprachen und Sprachgruppen, wie Griechisch, Latein, keltische Sprachen, germanische Sprachen etc. In unterschiedlichem Ausmaß wurden alle diese Sprachen von den einheimischen alteuropäischen bzw. den finno-ugrischen Sprachen beeinflusst und verändert (vgl. Haarmann 2010, S. 152).

Genauso wurde auch die indoeuropäische Mythologie modifiziert, die als solche in Reinform nicht erhalten ist. WissenschaftlerInnen haben versucht, die Schöpfungsgeschichte der Indoeuropäer aus den gemeinsamen Elementen der Mythologien der indoeuropäischen Völker, insbesondere der indischen, der germanischen, der griechischen, teilweise auch noch der römischen und der baltischen Mythologien, zu rekonstruieren. Dieser Versuch muss in Teilen spekulativ bleiben. Die hier dargestellte Version stammt hauptsächlich vom Archäologen David W. Anthony. Wie der Versuch von Kurt Oerthel vom Eldaring zeigt, sind auch etwas andere Lösungen möglich.

Die Geschichte von der Opferung des Zwillings findet sich in zahlreichen indoeuropäischen Mythologien so in der germanischen (Ymir), der römischen (Remus), der persischen (Yima) und der indischen (Purusa, vgl. Rigveda 10,90).

Die indoeuropäische Schöpfungsgeschichte zeigt ein selbstbewusstes Patriarchat, Frauen kommen hier überhaupt nicht mehr vor. Am Ursprung der Welt steht keine Geburt oder eine Schöpfung aus dem Nichts, sondern die Zergliederung eines riesigen Wesens, also das genau entgegengesetzte Prinzip. Während der biblische Schöpfungsbericht noch einige Mühe aufbringen musste, um plausibel zu machen, dass der männliche Gott Jahwe die Welt genauso gut erschaffen kann, wie diverse Göttinnen in seiner Umgebung (siehe unten), ist das hier gar nicht mehr nötig.

Die Schöpfung basiert hier quasi auf einem Menschenopfer und erklärt die Notwendigkeit der ersten beiden Stände der indoeuropäischen Gesellschaft, also der Priester und Krieger. Aufgabe der Priester ist die richtige Darbringung der Opfer an die Götter. Die Opferung Yemos durch Manu war die Voraussetzung für die Erschaffung der Welt überhaupt genauso wie aktuelle Opfer ihren Fortbestand garantieren.

Möglicherweise spielen in der Darstellung der Zerstückelung Yemos auch noch alte, nicht mehr ganz verstandene schamanische Traditionen eine Rolle.

Trito ist der erste Krieger und er schafft mit seiner „Wiedergewinnung“ des Viehs die Grundlage für den Wohlstand der ersten Menschen, genauso wie die indoeuropäischen Krieger zu ihrer Zeit mit ihren Vieh-Raubzügen den aktuellen Wohlstand garantierten.

Der Mythos von Trito rechtfertigt den Viehraub von den benachbarten matriarchalen Völkern Alteuropas. Denn er besagt eindeutig, dass die Götter nur denjenigen Menschen Vieh zugestehen, die ihnen mit den richtigen Ritualen opfern. Da die Menschen Alteuropas dies nicht taten sondern vielmehr die Große Göttin verehrten, waren sie Freiwild, die das Vieh unrechtmäßig besaßen, das eigentlich den Indoeuropäern zustand und das ihnen deshalb weggenommen werden musste, genauso wie Trito das Vieh von der hundertköpfigen Schlange Ningwhi zurückgewann und sie schließlich tötete.

Hinzu kommt, dass die indoeuropäischen Initiationsriten vorsahen, dass männliche Jugendliche sich zu einer Gruppe von Kriegern zusammenschließen mussten, um Feinde zu überfallen und zu töten (Männerbünde). Erst wenn sie dieses Stadium überlebt hatten, wurden sie zu richtigen Menschen und bekamen Sitz und Stimme im Stammesrat. Frauen und Mädchen konnten dieses Stadium nie erreichen und waren demnach per Definitionem keine richtigen Menschen, genauso wenig wie die Angehörigen anderer Völker, solange sie nicht die indoeuropäische Religion und Sitten annahmen, also vor allem „richtig“ opferten.

Da die Indoeuropäer auf Pferden ritten, konnten sie sich sehr schnell über hunderte von Kilometern bewegen und das Vieh schnell davon treiben, wenn der Widerstand zu stark wurde. Aus diesen Viehdiebstählen entwickelte sich ein endemischer Kriegszustand, der die hochentwickelte Zivilisation Alteuropas im Donautal zerstörte. (vgl. Anthony 2007, S. 239)

Literatur

David W. Anthony: The Horse, the Wheel and Language, Princeton and Oxford 2007

Kurt Oertel: Die germanische Religion vor ihrem indo-europäischen Hintergrund, 2002, im Internet: http://www.eldaring.de/pages/germanisches-heidentum/die-germanische-religion-vor-ihrem-indo-europaeischen-hintergrund.php

In den folgenden Teilen Drei und Vier wird der christliche Schöpfungsmythos, die Paradieserzählung und der Mythos vom Sündenfall dargestellt und interpretiert.

Vom Ursprung der Dinge – Teil II geschrieben von Merienptah

Samstag, 26. April 2014

Urhügel, Urlotos oder Urkuh sind verschiedene Umschreibungen für den tragenden Grund der Schöpfung, sie verorten den Beginn des Seins und erlauben uns diesen Urakt der Schöpfung vor unserem inneren Auge zu visualisieren ohne dabei jedoch Anspruch darauf zu erheben die „einzig wahre Wahrheit“ in Form einer Aufzählung historischer Fakten zu vermitteln. Aus diesem Grund der Schöpfung steigt die Sonne auf und formt durch ihr Licht den Raum und durch ihren Lauf die Zeit. Der Startpunkt der Schöpfung ist definiert. Der Urkeim der Welt wird in anderen Schriften auch als „kosmisches Ei“ beschrieben, das sich am Uranfang noch im Leib des „großen Schreiers“ befindet, des Urvogels, dessen Schrei die Urstille durchbricht, noch bevor die Sonne aus seinem Ei emporsteigt. Diesen Vogel sieht man als den Reiher Benu, der sich als erstes Wesen überhaupt auf dem Urhügel niederlässt. Spätere Mythen setzen ihn mit dem Phoenix gleich.

So erscheint der Schöpfer in vielerlei Gestalten – als Mensch, als Vogel oder auch als Schlange, die ja das eigentliche Urwesen ist. In menschlicher Gestalt wird der Schöpfers als Atum verehrt, der mit seiner Hand den ersten Samen erzeugte oder das erste Götterpaar ausspuckte oder -nieste. Dieses erste Götterpaar sind in den Schöpfungsmythen Kemets Schu und Tefnut. Von Schu heißt es in den Sargtexten ausdrücklich, er sei „nicht in irgendeinem Ei gebildet“. Mit diesem ersten Götterpaar und dessen Nachkommen Geb und Nut beginnt der Lauf der natürlichen Fortpflanzung und Vermehrung, und mit den vier Gottheiten der folgenden Generation (Osiris, Isis, Seth und Nephthys) ist das System der „Neunheit“ abgeschlossen, die in den kemetischen Mythen vom Anbeginn eine so wichtige Rolle spielt – unabhängig von Ort und Zeit, auch wenn diese Neunheit und ihre Kosmogonie aufgrund ihres Urgottes Atum und dessen Hauptheiligtum in Heliopolis (dem alten Iunu) oft als „heliopolitanisch“ bezeichnet wird. Ihr wird dann oft eine sogenannte „memphitische“ Kosmogonie gegenüber gestellt, in der Hauptgott der alten Landeshauptstadt Memphis (Mennefer) Ptah, oder genauer Ptah-Tatenen als Schöpfer wirkt, der durch sein Wort die Welt erschuf; indem er die sie in seinem innersten ersann und durch den Ausspruch seiner Zunge ins Leben rief. Durch diesen Akt der willentlichen Schöpfung wurde Ra geboren, aus dem Schu und Tefnut hervorgingen und sich die Schöpfung wie bereits aus Heliopolis bekannt in Gang setzte.

Die Überlieferung der Schöpfung durch das Wort als Akt des Willens reicht unabhängig von diesem am memphitischen Hauptgott orientierten Mythos bis zu den Pyramidentexten zurück und ist keineswegs nur mit Ptah verbunden. In den alten Texten wird berichtet wie der Sonnengott durch planende Einsicht (Sia), schaffenden Ausspruch (Hu) und wirksamen Zauber (Heka) wirkt – diese drei Schöpferkräfte begleiten ihn auf seiner Fahrt und helfen ihm nachts in der Unterwelt sein Schöpfungswerk zu erneuern. In einem anderen Mythos war am Anfang das Wort des Amun, der als Urvogel seine Stimme erhob. In diesem Mythos handelt es sich beim Urvogel allerdings nicht um einen Reiher, sondern um einen Ganter, das heilige Tier des Amun, und sein Name wird mit „der große Schnatterer“ wiedergegeben. Auch der Göttin Neith wird in alten Mythen nachgesagt sie habe durch sieben Aussprüche die Welt ins Leben gerufen, andere Texte berichten allerdings davon dass es sich dabei um ein siebenfaches Lachen und demzufolge um eine eher ungeplante Initialzündung der Schöpfung gehandelt haben soll.

In der Gestalt der großen Göttin Neith tritt uns erneut eine weibliche Schöpfergottheit entgegen, eine Urmutter allen Seins, aus deren Schoß nach den alten Kosmogonien von Sais (Sau) und Esna (Iunyt / Senat) die Sonne geboren wurde. Ihre enge kultische Verbindung mit der Urkuh Mehet-weret führt uns wieder zur Vorstellung von der Himmelskuh zurück, welche die Sonne und alle Gestirne trägt. Als Universalgöttin taucht Neith auch oftmals bildlich, anders als gewohnt, nicht mit der roten Krone des Nordens sondern mit Kuhgehörn und Sonnenscheibe auf. Denkt man an die bedeutende Rolle, die Neith schon in der Frühzeit Kemets spielte, und an ihre alte Verkörperung in einem Käfer, so macht dies ihre Stellung im Zentrum alter kosmogonischer Vorstellungen deutlich, die später erst von anderen überlagert wurden; der Käfer der Neith verschwindet im Laufe der Zeit und weicht der Erscheinungsform des Sonnengottes Re als Skarabäus Chepri.

Erwähnenswert ist hier auch dass der Mythos um Neith wohl weitaus älter als der heliopolitanische ist und nie mit diesem oder den sich auf ihn beziehenden Kosmogonien verknüpft wurde; auch werden Neith oder ihre Nachkommen wie beispielsweise Chnum, Heket, Menhit oder Sobek, die alle gewisse „Schöpferqualitäten“ ihr Eigen nennen, niemals wirklich in den heliopolitanischen Götterhimmel integriert. Sie bilden eine eigenständige parallele Götterwelt. Also vom kemetischen Pantheon zu sprechen wäre genauso falsch wie von DEM kemetischen Schöpfungsmythos, da es davon in Kemet jeweils mehrere verschiedene gibt.

Neben Neith wird auch Chnum als Schöpfer verehrt. Es heißt er schafft durch das Werk seiner Hände, man sagt er ist derjenige Gott, der die Menschen oder gar das Urei und mit diesem die ganze Welt aus Ton auf seiner Töpferscheibe formt. Auch Ptah, in seiner Funktion als Gott der Handwerker und Künstler, wird als ein solcher Bildner gesehen, der nicht nur durch das Schöpferwort, sondern wie ein Künstler die Welt als sein Werk formt.

All diese verschiedenartigen Aussagen Kemets über Schöpfung und Schöpfer lassen sich weder in ein zeitliches Nacheinander noch ein geographisches Nebeneinander bringen. Sie durchdringen einander und ergänzen sich gegenseitig. Sie sind Versuche, die komplexe Weltentstehung möglichst differenziert zu beleuchten und so besser verständlich zu machen. So sind die Person des Schöpfers und die Art seines Wirkens im kemetischen Glauben nicht verbindlich festgelegt, aber es gibt dennoch eine ganze Reihe von gemeinsamen Aussagen. Der Schöpfer, ganz gleich welcher damit nun gemeint ist, ist „von selbst entstanden“ (cheper djesef); er hat keinen Vater und keine Mutter, sondern hat „sein Ei selber gebildet“, wie es in einem Hymnus zu Ehren Amuns so schön beschrieben wird. Die Schöpfergottheit gehört vor die geschlechtliche Differenzierung in männlich und weiblich, ist daher „Vater und Mutter“ in einem, oftmals androgyn dargestellt. Vor allem tritt der Schöpfer als der „Eine, neben dem nichts anderes ist“ in Erscheinung, der sich selbst zu dem „Einen, aus dem Millionen werden“ macht.

Ende Teil II