Mit ‘Volksmedizin’ getaggte Artikel

Warzenkraut und Krötenstein

Samstag, 04. April 2015

Der Untertitel „Natur in Volksmedizin und Aberglaube“ der Ausstellung im Landesmuseum Niederösterreich hat mich neugierig gemacht und ich wollte mal sehen wie das Thema von Seiten der Ausstellungskuratoren aufgearbeitet wurde – vielleicht gibt es ja noch etwas zu lernen beziehungsweise kann ich diese Erkenntnisse euch durch einen Artikel hier im Kräuterkistl vermitteln.

Es wird eine Fülle von Themen im Bereich Volksmedizin und Aberglaube angeschnitten und den AusstellungsbesucherInnen in vielen Installationen näher gebracht.

Ausgehend von einer Zeit und Gesellschaft in der die medizinische Versorgung eher schlecht ist und das Weltbild von einer Gottgegebenheit geprägt ist wird erklärt, dass es für die Menschen natürlich war auf lebensbedrohliche Situationen nicht rational zu reagieren. Zusätzlich zu den Gebeten, religiösen Gebräuchen und Ritualen die in solchen Situationen Verwendung fanden griff der Mensch auch auf viele verschiedenen Pflanzen, Tiere, tierische Produkte, Fossilien und Mineralien zurück. Diese fanden Anwendung, um wieder gesund zu werden, um sich vor Dämonen und Naturkatastrophen zu schützen, um sein persönliches Schicksal zu beeinflussen und um Gefahr für Leib und Seele abzuwehren. Es wird auf die verschiedenen Herangehensweise an die Problemstellungen hingewiesen – je nachdem in welchem Zeitalter, in welchem kulturellen und gesellschaftlichen Umfeld sich die Menschen befanden und welche Ressourcen vorhanden waren, gab es verschiedene Herangehensweisen und Methoden um sie zu lösen.

NÖ Museum Betriebs GmbH - Pressestelle

Ausstellungsplakat - Collage Warzenkraut und Kroetenstein

Die Ausstellungsgestalter spannen hierbei den Bogen von den Kelten bis in die Gegenwart, wo es praktisch zu einer Renaissance von traditionellen Heilmitteln und Heilmethoden kommt. Da es mir schwer fällt in dieser Ausstellung einen roten Faden zu finden halte ich mich bei der Vorstellung an die Struktur des Ausstellungskataloges.

Von Zaubertränken, Bildbäumen, Klostermedizin und Signaturlehre

In diesem Abschnitt wird auf die Trepanationen (Schädelöffnungen) in Niederösterreich vor ca. 2000 Jahren, die Bräuche rund um die Mistel, auf die Symbolik der Eiche bei den Kelten und Römern und deren Fortsetzung z.B. in der heutigen Münzgestaltung sowie auf die Vorstellung der ersten „Ärzte“ und „Pharmazeuten“ eingegangen. Dazwischen wird der Besucher/die Besucherin immer wieder mit speziellen Objekten und deren Wirksamkeit konfrontiert. Der Text bei einem getragenen Lederschuh informiert z.B. darüber, dass das gebrannte und fein zerstoßene Leder von alten Schuhsohlen als Umschlag bei schmerzlichen Entzündungen – ausgelöst durch das drücken des Schuhs – hilft. Im Anschluss wird die Frage aufgeworfen, ob die sogenannten „Bildbäume“ (Bäume an denen Heiligenbilder angebracht werden) die neuen „heiligen“ Bäume der heutigen Zeit wären. Diese Tafel bildet praktisch den Übergang zum Thema Medizin im Mittelalter und Klostermedizin. Hier werden einige alte Arzneibücher und Kräuter, die in keinem Klostergarten fehlen durften, vorgestellt. Natürlich erfährt man hier auch etwas über Hildegard von Bingen und ihre Medizin. Zum Beispiel durch den Rupertsberger Riesenkodex – einer mittelalterlichen Handschrift, die eine enzyklopädisch geordnete Gesamtausgabe der Schriften Hildegards (allerdings ohne die medizinisch-naturkundlichen Werke) ist. Weiter geht es mit einer Vorstellung der verschiedenen Heilsteine und der unterschiedlichen Gegenmaßnahmen während der Pest im Mittelalter.

Foto Claudia Hauer - NÖ Museum Betriebs GmbH - Pressestelle

Medizingeschichte

Die letzten zwei Themen in diesem Abschnitt bestreiten die „Zauber der Ähnlichkeit“ beziehungsweise die Signaturlehre und die Vorstellung von zwei Männern der Heilkunde – Paracelsus und Leonhart Fuchs (wurde durch seine vielen Kräuterbücher berühmt). Früher war im Volksglauben weit verbreitet, dass eine Verbundenheit zwischen der äußerlichen Form und verschiedenen Leiden besteht. So wurde die Schwalbe wegen ihrer guten Sehkraft bei Augenleiden gegessen oder die Mistel bei Schwindelanfällen verschrieben, da sie in schwindelerregender Höhe wächst. Weiters sollte Hasenruin gemeinsam mit getrockneten Ohrwürmern bei Hörschwäche helfen. Hier wird auch auf verschiedene Pflanzen hingewiesen und die Ausstellungsgestalter unterteilen diese nach ihrer Unwirksamkeit und denen die heute noch Verwendung finden. So zählen sie z.B. den Frauenmantel (Frauenbeschwerden), das Lungenkraut (Lungenleiden) oder das Leberblümchen (Leberleiden) zu den unwirksamen Kräutern. Die Herbstzeitlose (Gicht – Knolle soll an Zehen mit Gicht erinnern), der Augentrost (Augenleiden), das Schöllkraut (Gallenleiden) und die Mistel (gegen Krebs – Mistel entzieht der Wirtspflanze Nährstoffe) werden als noch heute in Verwendung kurz vorgestellt.

Am Ende dieses Abschnittes werden auf einem hölzernen Verkaufsstand verschiedene getrocknete Kräuter von der Initiative „Natur im Garten“ (http://www.naturimgarten.at/) präsentiert.

Foto Claudia Hauer - NÖ Museum Betriebs GmbH - Pressestelle

Kräuterstand


Blitzableiter, Pechvögel, Hexenkräuter und Gebärmutterkröten

Der nächste Raum steht im Zeichen von Aberglaube gepaart mit verschiedenen Heilmittel aus dem Bereich der Volksmedizin. Die Installation in der Mitte zeigt uns ein Holzhaus und die unterschiedlichen Dinge aus der Tier und Pflanzenwelt die Haus, Hof und BewohnerInnen schützen sollten. Vor Blitzschlag soll die Königskerze im Garten, das Hirschgeweih über der Tür oder sogenannte „Donnerkeile“ (Teile von urzeitlichen Tintenfischen[1]) schützen. Viel Information bekommt man über die Wirksamkeit des Hollunder – hier wird der Bogen von der Göttin Holla über den Holler als „Blitzableiter“ für Krankheiten bis hin zum Einsatz des Hollers als Heilpflanze zum Beispiel bei Gicht- und Rheumaerkrankungen gespannt. Die AustellungsbesucherInnen erfahren über glück- und pechbringende Vögel wie Storch, Bachstelze und Eichelhäher auf der Seite der Glücksboten und Rabenkrähen, Elstern, Eulen oder dem Seidenschwanz auf der Seite der Pechbringer. Es werden verschiedene Räucherpflanzen und das Brauchtum rund um den Palmbuschen und die Barbarazweige vorgestellt. Der Rainfarn, Amulettketten, Verschrei- und Schrecksteine sowie der Fuchsschwanz finden als Abwehr von Unheil, Teufel und Dämonen Eingang in die Ausstellung. Platz finden auch die verschiedenen Hexenkräuter und Pflanzen der weisen Frauen – Beifuß, Roter Fingerhut, Frauenmantel, Echtes Johanniskraut, Gefleckter Schierling, Gemeine Alraune, Schwarzes Bilsenkraut und die Tollkirsche – um nur einige zu nennen.

Foto Andreas Praefcke - Quelle Wikimedia

Gebärmutterkröte - Museum für Klosterkultur, Bayern

Ein weiteres Thema in diesem Raum ist der Liebe gewidmet. Hier geben die Kuratoren einen Überblick über Mittel zur Potenzsteigerung und zur Hemmung des Sexualtriebes, Liebes- und Fruchtbarkeitszauber sowie die Pflanzen der Engelmacherinnen. Von den formgebenden Dingen und Pflanzen wie das Horn des Alpensteinbocks, der Gurke, dem Spargel oder dem Rohrkolben über den Käfer der „Spanische Fliege“ genannt wird bis hin zu Sellerie, Zwiebel und Knoblauch wird hier einiges an Potenzmittel angeboten. Neu für mich sind die sogenannten Scham- und Muttersteine – Steinkerne fossiler Muscheln, die Ähnlichkeiten mit der weiblichen Scham zeigen. Sie wurden zermahlen und bei Frauenkrankheiten beziehungsweise auch zur Steigerung der Fruchtbarkeit eingesetzt und im Ganzen unters Bett gelegt, um Verhexungen in diesem Bereich abzuwehren. Interessant finde ich auch den Einsatz von den sogenannten „Gebärmutterkröten“. Lange Zeit wurde die Gebärmutter der Frau als eigenständiges Wesen im Körper betrachtet und als Symbol dafür die Kröte genommen – laut Ausstellungstext aufgrund der versteckten Lebensweise der Kröten. Es wurde vermutet, dass Unterleibsschmerzen ihre Ursache in einem Krötenbiss haben. Frauen opferten daher in Wallfahrtskirchen Figuren von „Gebärmutterkröten“ um sich von den Schmerzen zu befreien, aber auch um für Kindersegen beziehungsweisen einen guten Verlauf der Schwangerschaft zu bitten.

In diesem Ausstellungsraum befinden sich auch die sogenannten Universalheilmittel wie Bergkristall, Gold, Bezoarsteine (verfilzte Haare und Pflanzenfasern aus den Mägen von Wiederkäuern), Krötensteine (Bufoniten – Zähne fossiler Fische, die man als Steine, die im Gehirn von Kröten wachsen, interpretierte) oder die Echte Kamille. Auch die verschiedenen Heilmittel gegen rheumatische Erkrankungen, wie Murmeltierfett, Echter Beinwell, Steinöl, Katzenfell oder die Herbstzeitlose, Mittel gegen Blutungen sowie Wunden, wie Zunderschwamm, Odermenning, Hämatit oder Feuersalamander und allerlei, das bei Augenleiden helfen soll, wie das Judasohr, der Augentrost, Luchssteine oder der Topas, finden sich in diesem Raum. Den Abschluss bildet das Thema heilende und heilige Erde.

Foto Claudia Hauer -  NÖ Museums GmbH - Pressestelle

Alternativmedizin

Natürlich beschäftigt sich die Ausstellung auch mit dem Thema der Traditionellen Europäischen Medizin, der Kneipp-Medizin, den Bachblüten und der Homöopathie.

Viele Themen – kein roter Faden

Diese Fülle an Themen ist meiner Meinung nach ein Nachteil dieser Ausstellung. Auf eher kleinem Raum (einem Gang und einem Ausstellungsraum) werden sehr viele Themen kurz und knackig vorgestellt, allein mir fehlt dabei die Möglichkeit zur vertiefenden Information für Menschen, die sich mit diesem Thema schon etwas beschäftigt haben. Auch fehlt mir der rote Faden beziehungsweise die logische Abfolge durch die Ausstellung. Immer wieder werden dazwischen verschiedene Objekte mit kurzem Text vorgestellt, bei denen sich für mich kein Zusammenhang mit den umgebendem Thema feststellen lässt – zum Beispiel die Verwendung von alten Schuhen bei schmerzenden Entzündungen. Mir persönlich sind zu viele Themen nur kurz angerissen und ich hätte über einige Themen gerne mehr erfahren. Die Ausstellungsinstallation – Präsentation der Objekte, Ausstellungstexte in angenehmer Schriftgröße und lesbarer Höhe, Verwendung von Geräuschen, etc. – gefällt mir sehr gut und das macht die Ausstellung sehenswert. Summa summarum – als Anregung, sich mit diesem Themenkomplex einmal grundsätzlich zu befassen und neugierig auf mehr zu machen passt die Ausstellung gut.

Quellen:
Ausstellungskatalog „Warzenkraut + Krötenstein. Natur in Volksmedizin und Aberglaube“, Landesmuseum Niederösterreich, St. Pölten 2015
Pressefotos des Landesmuseum NÖ
Museum für Klosterkultur, Bayern


[1] In verschiedenen Landesteilen von Niederösterreich findet man heute noch Überreste aus einem ehemaligen urgeschichtlichen Meer – interessant dazu sind die Dauerausstellung im Krahuletzmuseum in Eggenburg bzw. auch die Rekonstruktion einer Seekuh im Stadtmuseum von Bad Vöslau

Look like a Distel … die Wilde Karde

Samstag, 06. April 2013

Heute stelle ich euch eine Pflanze vor, der ich (und wahrscheinlich auch ihr) bei meinen Spaziergängen immer wieder begegne. Allerdings fällt sie mir persönlich meist im verblühten Stadium auf und weniger wenn sie in ihrem vollen Glanz steht. Meist ist sie durch ihre auffällige Höhe mit der sie viele der anderen Pflanzen in ihrer Umgebung überragt und dem kratzigen, eiförmigen „Kopf“ in dieser Phase schon von weitem zu sehen. Immer wieder dachte ich mir, dass ich mal nachschauen muss wie diese Pflanze heißt und was es über sie so zu lesen gibt. Oft habe ich darauf vergessen, aber bei der Durchsicht meines Fotoarchivs auf der Suche nach einem Artikelthema bin ich wieder über sie gestolpert und habe jetzt (endlich) mal angefangen über sie zu recherchieren.

abgestorbener Blütenstand der Wilden Karde

abgestorbener Blütenstand der Wilden Karde

Durstige „Distel“

Die Wilde Karde – Dipsacus sativus (Dipsacus fullonum bzw. Dipsacus sylvestri) sieht aus wie eine Distel, ihr Name leitet sich von „Carduus (=Distel) ab, aber sie bildet trotzdem eine eigene Pflanzenfamilie – die Kardengewächse (Dipsacaceae). Der Name der Pflanzenfamilie leitet sich aus dem griechischen „dipsa“ für Durst ab und bezieht sich auf die zusammengewachsenen Blätter im Bereich des unteren Stängels, auf deren Funktion ich später noch eingehen werde. Im Volksmund nennt man die Karde auch noch Igelkopf, Immerdurst, Kardätschendistel, Kratzkopf, Venusbecken oder auch Weberdistel. Einige dieser Namen weisen auf den Gebrauch der getrockneten, stacheligen Kardenköpfe hin, die zum „Karden“ (=Kämmen) der Wolle vor dem Spinnen zum Garn bzw. auch zum Aufrauen und damit zum Abdichten von Stoffen verwendet wurden. Diese Verwendungsmöglichkeiten lassen sich bis in die ältere Eisenzeit (Hallstattzeit) zurückverfolgen.

Grundsätzlich ist die Karde in ganz Europa verbreitet, liebt wärmere Standorte und ist im Tiefland eher selten beziehungsweise ab einer Höhe von 1000 Meter nicht mehr zu finden. Sie bevorzugt sowohl stickstoffhaltige und kalkreiche als auch humose Böden . Gleichzeitig können es auch Lehm- oder Tonböden sein, was aus der Karde auch eine Zeigerpflanze für diese Böden macht. Am häufigsten ist sie auf Schuttböden, Bahndämmen, Weiden und allgemein auf Ruderalflächen zu finden und zählt somit auch zur Gruppe der Pionierpflanzen .

Becken der Venus und Insektenfalle

Die Karde zählt zu den zweijährigen Pflanzen. Im ersten Jahr bildet sich im Frühsommer eine Blattrosette, die aus hellgrünen, um neunzig Grad versetzt wachsende Blättern besteht. Ein Jahr darauf wächst aus dieser Rosette der Stängel der über zwei Meter hoch werden kann. Am Stängel wachsen jeweils zwei lange Blätter die sowohl miteinander als auch mit dem Stängel selbst verwachsen sind. Sie bilden eine Art Gefäß beziehungsweise Becken indem sich Regenwasser oder auch Tau sammelt. Da Wanderer aber auch Tiere daraus ihren Durst stillen konnten (und können) ist diese Besonderheit für den oben erwähnten griechischen Namen der Pflanzenfamilie verantwortlich. Einige Überlieferungen besagen, dass im Mittelalter dieses Wasser anscheinend für kosmetische Zwecke verwendet wurde. Aus dieser Zeit stammt auch einer der volkstümliche Name der Wilden Karde – Venusbecken. Heute vermuten die Botaniker, dass dieses Wasserbecken zur Abhaltung flugunfähiger Insekten, wie zum Beispiel Ameisen, dient. Dadurch wird einerseits der Befall durch Blattläuse verhindert und andererseits könnte die Pflanze dadurch auch Verwesungsstoffe als zusätzliche Stickstoffversorgung aufnehmen.

Venusbecken der Wilden Karde

Venusbecken der Wilden Karde

Nach oben hin verzweigt sich der Stängel und bildet an den verschiedenen Spitzen eiförmige, stachelige Blütenstände aus. Diese Stachelblüten sind am Anfang grün und beginnen von Ende Juni bis Ende August von der Mitte aus violett zu blühen. Die Blüten an diesem Kranz öffnen sich nicht gleichzeitig sondern die Blühzone wandert von der Mitte weg gleichzeitig nach oben und unten. Den Nektar der Blüten lassen sich hauptsächlich Hummeln und Schmetterlinge schmecken. Nach dem Verblühen stirbt die Karde ab und bleibt bis ins nächste Frühjahr als stabile, braune Trockenpflanze an ihrem Standort stehen. Im Winter sind die Samen für verschiedene Vogelarten, zum Beispiel dem Distelfink, eine beliebte Nahrungsquelle und die Wurzeln werden bei Wühlmäusen als Delikatesse angesehen. Die getrockneten Blütenstände werden auch gerne von Gärtnern und Floristen als Dekoration verwendet.

Stärkende Tinkturen für alte und neue Leiden

In der Naturheilkunde beziehungsweise der Volksmedizin wird und wurde hauptsächlich die Wurzel verwendet. Die Erntezeit dafür ist Herbst oder Frühling. Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten sie zu verarbeiten – entweder sie wird zügig im Backofen bei ungefähr 40 Grad getrocknet oder es wird aus der frischen Wurzel eine Tinktur angesetzt. In letzter Zeit wurde diese Tinktur oder ein Tee aus der Wurzel der Wilden Karde vermehrt als Heilmittel bei Borreliose eingesetzt. Der Kulturanthropologe und Ethnobotaniker Wolf-Dieter Storl beschreibt in seinem Buch „Borreliose natürlich heilen“ die von ihm selbst erprobte Wirkung der Karde als Antibiotika-Alternative in Kombination mit verschiedenen anderen therapeutischen Maßnahmen .

Blütenstand der Wilden Karde

Blütenstand der Wilden Karde

Generell soll die Kardenwurzel das Immunsystem, den Stoffwechsel und die Verdauung stärken, sie wird bei Kopfschmerzen aber auch bei Arthritis, Gicht und Rheuma eingesetzt. Die Wirkstoffe der Wilden Karde – Bitter- und Gerbstoffe, Glykoside, Inulin, Kalisalze, verschiedene organische Säuren, Saponine und Tannin – wirken antibakteriell, entgiftend, harn-, galle- und schweißtreibend sowie blutreinigend. Die chinesische Kräuterheilkunde setzt die Wurzel der Chinesischen Karde (Xu Duan) zur Unterstützung bei Leber-Blut-Schwäche und zur Stärkung bei Nierenessenzmangel ein. Äußerlich lässt sich die abgekochte Kardenwurzel oder die verdünnte Tinktur auch bei verschiedenen Hautkrankheiten anwenden. Im Mittelalter wurde sie bei Schrunden und Warzen beziehungsweise angeblich auch zum Bleichen von Sommersprossen verwendet. Die getrockneten Pflanzenteile wurden zu dieser Zeit auch als wasserlöslicher Ersatz für den Farbstoff Indigo eingesetzt.

Bei meiner Recherche hab ich mir fest vorgenommen heuer die Wilde Karde auch schon im Frühjahr und Sommer an ihren Standorten zu besuchen. Und irgendwann wird auch sicher das Wetter wieder schön werden um diesen Plan in die Tat um zu setzen.

Quellen:
Kursunterlagen Natur- und Landschaftsführer, LFI St. Pölten
www.wikipedia.at
www.heilkrauter.de
www.natur-lexikon.com
www.donauauen.at
www.sein.de

Die Heißlände als Ein- und Auswanderungsgebiet – Donau, Traisen und die Au – Teil 3

Samstag, 13. Oktober 2012

Überall dort wo es noch einen einigermaßen natürlichen Flusslauf gibt, sind immer wieder mal Schotterbänke, meist an den Randzonen der Flüsse zu sehen. Diese Zonen werden in  Österreich Heißländen und in Deutschland Brennen genannt. Sie werden einerseits durch die normalen Ablagerungen des Flusses (mitgeführter Schotter z.B. aus dem Quellgebiet) und andererseits durch den angeschwemmten Schotter bei Hochwasserereignissen gebildet. Solche Aufschüttungen bestehen aus wasserdurchlässigem und normalerweise nährstoffarmen Material, wo sich eine dünne Humusschicht erst mit der Ansiedlung von verschiedenen Pflanzen bildet. Durch die Überdüngung des Bodens gelangt allerdings immer mehr nähstoffreiches Material in die Flüsse, und dieses lagert sich auch in den Heißländen ab.

Copyright Rothani

Heißlände in der Traisen

Die ersten Siedler sind trockenheitsresistente, krautige Pflanzen denen anspruchsvollere folgen. Sobald die ersten Gehölze aufkommen und mit ihren Wurzeln Anschluss an das Grundwasser finden, wächst die Heißlände zu und wird zum Vorwald.

Copyright Rothani

Heißlände mit krautigem Bewuchs

I’m sexy and i know it …

Eines der ersten Gewächse, die die mittlerweile nährstoffreichere Heißlände bevorzugt, ist das Indische oder Drüsige Springkraut – Impatiens glandulifera. Wie der Name schon nahe legt, stammt diese Pflanze ursprünglich aus dem Himalaya-Gebiet, genauer gesagt aus Kaschmir und wurde im 19. Jahrhundert gezielt als Zier- und Gartenpflanze nach England eingeführt. Mittlerweile hat sie sich zu einem nicht mehr so gern gesehenen Gast in der freien Natur entwickelt. Das Drüsige Springkraut verfügt über etliche Verbreitungsmechanismen und ist dadurch in der Lage, viele der heimischen Pflanzen, wie zum Beispiel die Brennnessel, zu verdrängen.

Copyright Rothani

Indisches bzw. Drüsiges Springkraut

Das Indische Springkraut ist zwar nur eine einjährige Pflanze, aber sie erreicht in kürzester Zeit eine Wuchshöhe von bis zu 2 Meter und kann so etliche andere Pflanzen überdecken. Weiters produziert sie pro Stunde und pro Pflanze 40 mal so viel Nektar wie eine vergleichbare heimische Pflanze – dies merken sich auch die natürlichen Bestäuber wie z.B. die Hummel, die über ein ausgezeichnetes Langzeitgedächtnis bezüglich Futterpflanzen verfügt. Durch dieses Überangebot an Nektar wirkt das Indische Springkraut auf die bestäubenden Insekten um einiges sexuell attraktiver als der Rest der Pflanzen in ihrem Umkreis. Einen weiteren Vorteil sichert ihr die Verbreitung ihrer Samen durch einen Schleudermechanismus, der schon durch einen Regentropfen ausgelöst werden kann. Die Samen können bis zu 7 Meter weit weg geschleudert werden. Die Samenproduktion einer Pflanze liegt zwischen 1600 und 4300 Samen, und diese können bis zu 5 Jahre im Boden keimfähig bleiben. Zusätzlich können abgerissene Pflanzenteile, die durch Wind oder Wasser fortgetragen werden jederzeit wieder im Boden wurzeln.

Copyright Rothani

Bestäuber bei der Arbeit

All diese Mechanismen haben dazu geführt, dass das Indische Springkraut vielerorts als Bedrohung angesehen wird. Durch eine tiefe Mahd bzw. das Ausreißen der Pflanzen vor der Samenreifung und einer anschließenden Kompostierung können die Bestände aber sehr wohl in Zaum gehalten werden. Allerdings wäre ein Rückgang der Düngung und somit eine Reduzierung des Nährstoffgehaltes in unseren Flüssen viel effektiver. Dadurch hätte die heimische Flora die Möglichkeit, sich selbst gegen solche Neophyten wie das Drüsige Springkraut durch zu setzen.

Evolution goes on …

Eine weitere krautige Pflanzengattung, die die Heißländen, aber auch die normalen Uferzonen bzw. auch Bahndämme bevorzugt, ist die Goldrute – Solidago. In Europa war ursprünglich nur die Echte Goldrute beheimatet, aber der Bestand wurde durch die aus Amerika eingewanderte Riesen Goldrute – Solidago gigantea bzw. die Kanadische Goldrute – Solidago canadensis erweitert. Wie das Indische Springkraut zählt auch die Kanadische bzw. die Riesen Goldrute zu den invasiven[1] Neophyten, da sie andere Pflanzen, die eine enge Standortwahl haben und die damit verbundene Fauna verdrängen. Andererseits dient sie auch den Insekten, die sich an das veränderte Angebot angepasst haben als Nahrungsquelle. Solche Pflanzen beschleunigen zwar den Artenwandel in einem ökologischen System, auf der anderen Seite haben sie aber erst durch schon vorhandene Störungen (wie das aktive Eingreifen des Menschen) und Landschaftsschäden überhaupt die Möglichkeit bekommen, sich in diesem Maße auszubreiten.

Copyright Rothani

Goldrute

Generell werden die Pflanzen der Gattung Goldrute als harntreibende Mittel eingesetzt, weil sie die Wasserausscheidung im Körper fördern. Die Kanadische Goldrute wird auch als Färberpflanze verwendet.

Eine Pflanze wandert aus …

Auch der Gewöhnliche Blutweiderich – Lythrum salicaria ist auf der Heißlände beheimatet. Er wurde als Heil- und Gartenpflanze im 19. Jahrhundert von Europa nach Amerika eingeführt und gilt dort mittlerweile als lästiges Unkraut – obwohl nicht festgestellt werden konnte, dass er (wie bei andere Neophyten üblich) heimische Arten aus ihrem ökologischen System verdrängt.

Copyright Rothani

Gewöhnlicher Blutweiderich

Durch den hohen Gerbstoffgehalt besitzt die Pflanze blutstillende, harntreibende und bakterizide Eigenschaften, die quer durch die Jahrhunderte von der Volksmedizin genutzt wurden. Als Heilmittel wurde der Blutweiderich bei Ekzemen, Durchfall, Blutspeien, Ruhr und auch bei Choleraepidemien eingesetzt. Früher wurden Teile der Pflanze auch in Notzeiten dem Speiseplan hinzugefügt. Untersuchungen der Landbevölkerung im mediterranen Raum haben gezeigt, dass der Blutweiderich auch gegen Diabetes (Typ 2) schützt. Der Blutweiderichsaft wurde auch zum Gerben von Leder und zum Imprägnieren von Holz und Seilen gegen das Faulen im Wasser verwendet.

Und die Moral von der Geschicht …

Wie ihr hier in diesem Artikel sehen könnt, hat der Mensch wieder einmal einen großen Part in der Evolution übernommen. Einerseits durch das aktive Einführen von ursprünglich nicht heimischen Pflanzenarten und durch die Veränderung des Nährstoffgehaltes im Boden (Stichwort Düngung). Andererseits durch den Rückbau von Flüssen, was zur Wiedergewinnung von Landschaftsräumen für spezielle Pflanzen und Tieren führt. Vieles spielt bei der ökologischen Entwicklung zusammen – einige Auswirkungen kann man in einem ziemlich kurzen Zeitraum beobachten, und andere zeigen sich erst in etlichen Generationen. Meiner Meinung nach lässt sich dieses System nicht mehr in seinen ursprünglichen Zustand zurück versetzen – die „gute, alte Zeit“ ist vorbei!

Die von uns ausgelösten Veränderungen können meiner Meinung nach vielleicht etwas verlangsamt werden. Aber wir haben jetzt die Chance, aus der Vergangenheit zu lernen und uns durch die Beobachtungen der letzten Jahrzehnte und Jahrhunderte bewusst machen, welche Kettenreaktionen wir auslösen, wenn wir in bestehende Systeme eingreifen. Manchmal wird es sich wahrscheinlich nicht verhindern lassen, aber manchmal ist vielleicht ein Innehalten und „Nicht-Tun“ sinnvoller.

Im nächsten Artikel möchte ich euch noch ein paar Pflanzen der Heißlände, wie zum Beispiel die Rossminze und das Seifenkraut, und der Uferzonen, wie zum Beispiel den Sumpfhornklee und die Kohldistel vorstellen.

Quellen:
Kursunterlagen Natur- und Landschaftsführer, LFI St. Pölten
www.wikipedia.at


[1] Unter invasiven Neophyten versteht man eingewanderte Pflanzen die sich zu einem Problem entwickelt haben.