Mit ‘Yggdrasil’ getaggte Artikel

Vergleich der Schöpfungsmythen verschiedener Kulturen – Teil I, geschrieben von Mara

Samstag, 25. April 2015

Der pelasgische Schöpfungsmythos (rekonstruiert)

Vorwort

Schöpfungsmythen sagen viel aus über die jeweiligen Werte und Mentalitäten der Gesellschaft, die sie hervorgebracht hat. Sie begründen in besonderem Maße eine Weltordnung und unantastbare gesellschaftliche Institutionen. In dieser Serie möchte ich den pelasgischen, den indoeuropäischen und den christlichen Schöpfungsmythos sowie die häufig damit verbundenen Erzählungen von der Erschaffung der Menschen vergleichen.

Der im Folgenden nacherzählte pelasgische Schöpfungsmythos und der Mythos vom goldenen Zeitalter stammen aus dem Buch Griechische Mythologie von Robert von Ranke-Graves. Ich habe sie teilweise gekürzt und insbesondere in der Darstellung des silbernen Zeitalters etwas zur Verdeutlichung eingefügt. Das ist dann selbstverständlich meine Interpretation dieser Geschichte.

Die Erschaffung der Welt

Am Anfang war Eurynome, die Göttin aller Dinge. Nackt erhob sie sich aus dem Chaos. Aber sie fand nichts festes, darauf sie ihre Füße setzen konnte. Sie trennte daher das Meer vom Himmel und tanzte einsam auf seinen Wellen. Sie tanzte gen Süden und der Wind, der sich hinter ihr erhob, schien etwas Neues und Eigenes zu sein, mit dem sie das Werk der Schöpfung beginnen konnte. Sie wandte sich um und erfasste diesen Nordwind und rieb ihn zwischen ihren Händen. Und, siehe da! Es war Ophion, die große Schlange. Eurynome tanzte, um sich zu erwärmen, wild und immer wilder, bis Ophion, lüstern geworden, sich um ihre göttlichen Glieder schlang und sich mit ihr paarte. So ward Eurynome vom Nordwind, der auch Boreas genannt wird, schwanger.

Dann nahm Eurynome die Gestalt einer Taube an, ließ sich auf den Wellen nieder und legte zu ihrer Zeit das Weltenei. Aus diesem Ei fielen alle Dinge, die da sind: Sonne, Mond, Planeten, Sterne, die Erde (Gaia) mit ihren Bergen und Flüssen, ihren Bäumen und Kräutern und lebenden Wesen (Ranke-Graves 1994, S. 22ff).

Erschaffung der Menschen und die Sage vom goldenen Zeitalter

Gaia, die Tochter der Eurynome, gebar nur aus sich heraus die ersten Menschen, die entweder in Attika oder in der Nähe des Kopais-Sees in Böotien gelebt haben sollen.

Diese ersten Menschen waren die Goldene Rasse. Sie lebten ohne Sorge und Arbeit; sie aßen nur Eicheln, wilde Früchte und Honig, der von den Bäumen tropfte und tranken die Milch der Schafe und Ziegen. Sie alterten nie und tanzten und lachten viel; für sie war der Tod ebensowenig ein Schrecken wie der Schlaf. Sie alle sind nicht mehr. Aber ihre Seelen überlebten als Geister glücklicher, ländlicher Zufluchtsorte, als Spender von Glück und als Hüter der Gerechtigkeit.

Als nächstes kam eine silberne Rasse, die sich vom Brot ernährte. Auch sie war eine Schöpfung der Götter, von Gaia und Kronos. Die Sippen wurden von den angesehensten Frauen angeführt. Sie verehrten ihre Göttinnen, wie Gaia, die Großen Göttin, aber sie opferten keinen männlichen Gottheiten. Die Menschen der silbernen Rasse lebten friedlich zusammen und bekämpften einander nicht, allerdings mussten sie länger für ihren Lebensunterhalt arbeiten, als die goldene Rasse. Zeus vernichtete sie alle.

Danach kam die bronzene Rasse, die wie Früchte von der Esche fielen. Sie trugen Bronzewaffen, aßen sowohl Fleisch als auch Brot und fanden Freude am Krieg: Sie waren dreist und mitleidlos. Der schwarze Tod raffte sie alle hinweg.

Die vierte Rasse war ebenfalls bronzen, aber edler und großzügiger, da sie von den Göttern mit sterblichen Müttern gezeugt worden waren. Sie kämpften bei der Belagerung von Theben, auf der Argonautenfahrt und im Trojanischen Krieg. Sie sind Heroen und bewohnen die elysischen Gefilde.

Die fünfte Rasse ist die Eisenrasse unserer Tage, wertlose Abkömmlinge der vierten Rasse. Sie ist entartet, grausam, ungerecht, böswillig, verräterisch und ohne Achtung vor den Eltern (Ranke-Graves 1994, S. 29ff).

Kommentar / Interpretation

Als Pelasger bezeichneten die eindringenden Indoeuropäer die matriarchalen UreinwohnerInnen Griechenlands. Wie sie sich selbst nannten, ist unbekannt.

Im antiken Griechenland konnte sich kein einzelner Schöpfungsmythos durchsetzen, vielmehr existieren mehrere Schöpfungsgeschichten nebeneinander. Auffällig aber ist, dass viele in der einen oder anderen Weise die Schöpfung in Analogie zum Geburtsvorgang beschreiben. Beispiele sind der homerische, der orphische, Hesiods und der olympische Schöpfungsmythos, die in der Griechischen Mythologie zusätzlich zum pelasgischen Schöpfungsmythos dargestellt werden. Auch Karl Keryani beschreibt in seinem Buch Die Mythologie der Griechen mehrere dieser Schöpfungsmythen. Dies deutet auf großen Einfluss der matriarchalen Pelasger auf Kult und Mythos der frühen Griechen hin und entspricht so gar nicht dem indoeuropäischen Schöpfungsmythos (siehe unten), den wir hier eigentlich erwarten würden.

Im pelasgischen Schöpfungsmythos wird die Entstehung der Welt als Geburtsakt beschrieben. Das ist eine typisch matriarchale Vorstellung und auf jeden Fall logisch nachvollziehbarer als eine Schöpfung allein durch Gedankenkraft. Eurynome erschuf hier die Welt in Gestalt einer Taube. Dies erinnert an die Darstellungen der alteuropäischen Vogelgöttin, die Marija Gimbutas beschrieben hat.

Robert von Ranke-Graves hat den pelasgischen Schöpfungsmythos aus zerstreuten Bemerkungen antiker Autoren und aus den orphischen Mysterien rekonstruiert. In dieser Form, wie hier dargestellt, ist er nicht mehr überliefert worden.

Es gibt in der griechischen Mythologie ebenfalls mehrere Darstellungen von der Erschaffung der Menschen. Der hier wiedergegebene Mythos vom Goldenen Zeitalter stammt aus Hesiods Werke und Tage, ergänzt durch Scholien, also antike Kommentare zu diesem Buch.

Nach neuern Forschungen soll die Idee der Metallzeitalter auf babylonische Ursprünge zurückgehen. Es kann jedoch nicht übersehen werden, dass die Abfolge dieser Zeitalter im Wesentlichen der realen Entwicklung der Menschheit im östlichen Mittelmeerraum entspricht. Die Metalle Gold und Silber gelten den Menschen als besonders wertvoll und beschreiben deshalb die ersten beiden glücklichen Zeitalter. Sie beziehen sich nicht darauf, dass die Menschen diese Metalle auch nutzen würden. Demgegenüber betont Hesiod ausdrücklich, dass die Menschen der bronzenen Rasse auch Waffen aus diesem Metall trugen. Wie ja allgemein bekannt ist, folgt in Griechenland auf die mykenische Bronzezeit die dorische Eisenzeit. Die Abfolge der bronzenen und eisernen Rasse entspricht demnach der tatsächlichen historischen Entwicklung.

Das Goldene Zeitalter wäre dann das Zeitalter der Jäger und Sammlerinnen, das H.P. Duerr ja als erste Überflussgesellschaft bezeichnete und in dem der Nahrungserwerb nach seiner Auffassung relativ wenig Zeit in Anspruch nahm. Andere AutorInnen betonen wiederum, dass die Menschen dieser Zeit sehr häufig an Nahrungsmittelknappheit und Hunger litten. Das hängt sicherlich auch von der jeweiligen Region ab. Die potentielle natürliche Vegetation der griechischen Ägäis ist der Ölbaum-Pistazien-Hartlaubwald, der mit dem Ölbaum (Olea europaea) und dem Johannisbrotbaum (Ceratonia siliqua) zwei Bäume enthielt, deren Früchte zur menschlichen Ernährung geeignet sind (Horvat, Glavac, Ellenberg 1974, S. 87). Es ist bekannt, dass Menschen bereits vor 9.000 Jahren wilde Oliven sammelten, um sie zu verzehren. Möglicherweise war an der Ägäis das Überleben von WildbeuterInnen besonders einfach. Inzwischen ist allerdings diese Vegetation auf den ägäischen Inseln durch jahrtausendelange Überweidung fast völlig verschwunden.

Nach neueren wissenschaftlichen Erkenntnissen haben die in Europa lebenden Menschen den Ackerbau um 6000 v.u.Z. vor allem durch Nachahmung übernommen, während vor der Invasion der Indoeuropäer Völkerwanderungen nur eine geringe Rolle gespielt haben (vgl. Haarmann 2011, S. 15ff). Deshalb wäre es möglich, dass die alteuropäische Bevölkerung noch verschwommene Erinnerungen an ihre frühere Lebensweise als WildbeuterInnen bewahrt hat. Über die alteuropäischen Frauen, die die eindringenden Indoeuropäer mehr oder weniger gewaltsam in ihre patriarchalen Familien eingliederten, können entsprechende Erzählungen auch in die indoeuropäisch-griechische Mythologie gelangt sein.

Das Silberne Zeitalter wäre dann das Zeitalter der ersten AckerbäuerInnen Alteuropas, die im Matriarchat lebten und deren Kultur von den patriarchalen indoeuropäischen Invasoren vernichtet wurde. Darauf bezieht sich wohl die Aussage „Zeus vernichtete sie alle“ und zwar deshalb, weil sie weder ihn, noch andere männliche Götter verehrten. Die Aussage, „sie waren streitsüchtig und unwissend“ bei Hesiod habe ich weggelassen. „Streitsüchtig“ passt nicht so recht zu „sie bekämpften einander nicht“. Dieser Satz wurde wohl eingeführt, um den Abstand zur Goldenen Rasse größer zu machen und insbesondere zu rechtfertigen, warum Zeus sie vernichtete. Der wirkliche „Abstieg“ lag wohl eher darin, dass die Menschen jetzt zwar größere Nahrungsmittelsicherheit hatten, aber dafür länger arbeiten mussten. „Unwissend“ bezieht sich wohl darauf, dass sie die männlichen, patriarchalen Götter nicht kannten.

Die indoeuropäischen Invasoren waren die bronzene Rasse, die als dreist und mitleidslos beschrieben wurden und von denen gesagt wurde, sie hätte Freude am Krieg. Offensichtlich ist der Schrecken dieser Invasion auch nach Jahrhunderten noch nicht völlig vergessen worden.

Es ist auffällig, dass gesagt wurde, dass ausgerechnet die bronzene Rasse wie Früchte von einer Esche fiel und dass diese Menschen demnach gerade keine Kinder der Gaia sind. Wie die Geschichte von Ask und Embla zeigte, wird auch in der germanischen Mythologie ausgesagt, dass der erste Mann von einer Esche, die erste Frau dagegen von einer Ulme abstammt. Möglicherweise ist zumindest die Abstammung des Menschen von einer Esche indoeuropäisches Gemeingut und stützt die Identifizierung der bronzenen Rasse mit den Indoeuropäern. Die Gemeine Esche (Fraxinus excelsior) ist in Russland mit Ausnahme der Steppengebiete und dem Norden und im Kaukasus verbreitet. Die Indoeuropäer können also bereits in ihrer Urheimat diesen mächtigen, auffälligen Baum gekannt haben. Eine ähnliche Verbreitung hat die Bergulme (Ulmus glabra).

Die Vorstellung von der Weltenesche Yggdrasil in der germanischen Mythologie macht es durchaus wahrscheinlich, dass diese Baumart bereits bei den Indoeuropäern eine mythologische Bedeutung hatte. Neuerdings wird der Weltenbaum Yggdrasil von der Wissenschaft allerdings als Eibe bezeichnet, so in der Wikipedia. Dies kann aber daran liegen, dass wirklich alte Eschen den heutigen Menschen kaum noch bekannt sind. Diese gehören mit bis zu 48 m zu den höchsten Bäumen der sommergrünen Laubwälder Mitteleuropas. Deshalb ist es plausibel anzunehmen, dass sich die Indoeuropäer den Weltenbaum Yggdrasil in Analogie zu der höchsten ihnen bekannten Baumart vorgestellt haben.

Die vierte Rasse sind ebenfalls die Indoeuropäer, deren ultrapatriarchale Gesellschaftsordnung nach einigen Jahren durch Vermischung mit den eingeborenen Pelasgerinnen („von Götter mit sterblichen Müttern gezeugt“) etwas gemäßigt wurde. Dafür spricht, dass beide „Rassen“ als kriegerisch bezeichnet wurden, das allein kann also nicht den Unterschied ausmachen. Die vierte Rasse kann dann als die mykenische Kultur identifiziert werden.

Die Eisenrasse beschreibt die klassische antike Sklavenhaltergesellschaft, auf die alle genannten Merkmale zutreffen. Diese Rasse kann mit den dorischen Griechen gleichgesetzt werden. Dazu passt, dass in Griechenland die Eisenzeit in der Tat mit dem Untergang der mykenischen Kultur und der dorischen Einwanderung begann.

Literatur

Harald Haarmann: Weltgeschichte der Sprachen, München 2010

Harald Haarmann: Das Rätsel der Donauzivilisation, München 2011

Ivo Horvat, Vjekoslav Glavac, Heinz Ellenberg: Vegetation Südosteuropas, Stuttgart 1974

Karl Kerényi: Die Mythologie der Griechen, Band 1: Die Götter- und Menschheitsgeschichten, München 1994 (Erstveröffentlichung 1966)

Robert von Ranke-Graves: Griechische Mythologie, Reinbeck bei Hamburg 1994 (Erstveröffentlichung 1955)

In zweiten Teil wird der indoeuropäische Schöpfungsmythos beschrieben.

Schamanismus in der Postmoderne geschrieben von Road Man – Teil I

Samstag, 04. August 2012

Seit einiger Zeit boomt der Schamanismus (schon wieder?) in der Esoterikszene, und er taucht auch auf dem Markt der alternativen Heilmethoden immer öfters auf. In einschlägigen Zeitschriften stehen Anzeigen, in denen Reisen zu echten Schamanen in Peru, Nordamerika oder sonst wo hin angeboten werden, gekoppelt mit Versprechen von Heilung, Sinnfindung und Spiritualität. Oder es werden Kurse angeboten, in denen man „in 6 Wochen“[1] zum Schamanen ausgebildet wird. Leider ruft dieser Boom auch viele Scharlatane auf den Plan, die den Schamanismus, der von der WHO als Heilmethode anerkannt ist, in Misskredit bringen. Auch glauben viele Menschen, daß es in unserer Kultur keinen Schamanismus gibt, demzufolge werden auch Menschen mit echter schamanischer Begabung nicht anerkannt oder als Exoten betrachtet, während Schamanen, die z.B. aus Nordamerika oder Sibirien eingeflogen werden,der Nimbus eine allwissenden Halbgottes und Heiligen anhaftet. Dieser Artikel will versuchen, einige dieser, aus meiner Sicht fatalen, Missverständnisse zu klären und den Schamanismus ein wenig aus seiner „Schmuddelecke“ herausholen.

Schamanismus – was ist das?

Der Schamanismus im eigentlichen Sinne ist eine Technik, mit der der Bewusstseinszustand verändert wird. Ein Schamane ist eine Person, die mittels bewusstseinsverändernder Techniken in einen tranceartigen Zustand geht und in diesem ihre Seele auf eine Reise in die Welt der Geister schickt, um dort Rat und Hilfe sowohl für Klienten als auch für sich zu erlangen. Die Techniken, um in Trance zu kommen, können recht verschieden sein: Singen, Tanzen, Trommeln, halluzinogene Drogen, Hyperventilation, „Zittern“ des Körpers etc. Bei vielen zirkumpolaren Völkern (also Sibirien, Alaska, Lappland) wird eine monoton gespielte Rahmentrommel verwendet, um quasi auf ihr in die Geisterwelt zu „reiten“.

In den meisten schamanisch geprägten Kulturen herrscht eine „mythologische“ Dreiteilung der Welt vor. Es gibt eine mittlere Welt, die Welt, in der wir leben, dann eine Welt darunter, die eher „unterirdischen“ Charakter hat, während die Welt über der mittleren Welt oft eher ätherisch und „himmlisch“ wahrgenommen wird. Selbst in unseren Breiten lebt diese Vorstellung, wenn auch christlich geprägt, in Himmel und Hölle weiter, während z.B. in den germanischen Eddas von 9 Welten gesprochen wird, sozusagen eine Potenzierung der Drei.

Diese 3 Welten werden oft durch eine Weltenachse, eine Leiter oder einen Heiligen Berg miteinander verbunden. Bei den Germanen war das der Weltenbaum Yggdrasil, an dem der Gott Odin 9 Nächte hing, um die Weisheit der Runen zu erlangen, bei dem Volk der Sami gibt es Höhleneingänge oder Seen, über die der Schamane im Geiste in die anderen Welten reist. In den keltischen Sagen gibt es die Feenhügel, mit deren Betreten ein Auserwählter die Elfen und Zwerge besucht und manchmal auch von ihnen entführt wird.

Der Schamane ist ein „Berufener“. Oftmals tritt er seinen Weg gar nicht freiwillig an, sondern wird z.B. in Träumen von Geistern besucht oder von ihnen mit Krankheiten geschlagen, bis er ihren Ruf annimmt und zu schamanisieren anfängt. Manchmal „zerfetzen“ tiefgreifende Geschehnisse im Leben des Anwärters sein Ego dermaßen, daß die Geister an der Grenze zum Wahnsinn ihn zu dem Auftrag, den er bekommen hat, zwingen können. Solche „Schamanenkrankheiten“ gibt es auch in der heutigen Zeit und in Mitteleuropa, sie werden nur nicht als solche erkannt.

Wie kam der Schamanismus in die Esoterik?

In den 60ern und 70ern waren die Bücher von Carlos Castaneda sehr populär, wobei diese aus ethnologischer Sicht mittlerweile widerlegt sind. Eine weitere wichtige Person, die die Bewegung ins Rollen brachte, war und ist Michael Harner. Als junger Ethnologe studierte er Anfang der 60er des letzten Jahrhunderts Indianerstämme Südamerikas und probierte von deren Schamanen auch das berüchtige „Ayahuasca“, meist als „Liane des Todes“ übersetzt. Dieses halluzinogene Gebräu versetzt den Konsumenten in einen visionären Zustand, der unter richtiger Führung durch einen Schamanen zu tiefen Einsichten oder Heilung führen kann. Harner war jedenfalls überzeugt, seine vorher eher atheistische Weltsicht war gründlich ins Wanken geraten, und er begann, bei vielen Ethnien den Schamanismus zu studieren. Im Laufe dieser Studien und Experimente löste er die Grundtechniken, die von jeder schamanischen Kultur verwendet wurde, heraus und bereitete sie so auf, daß sie auch für den gänzlichst „unschamanischen“ Westler zu erlernen waren. Diese Techniken sind folgende[2]:

  • Die schamanische Reise. Man hört einem monotonen Trommelrhythmus zu und visualisiert dabei einen Eingang in die Geisterwelt. Diese Visualisation gewinnt sehr schnell an Eigenleben, und man tritt im Idealfall den typischen Seelenflug an, den Autoren wie Mircea Eliade beschreiben.
  • Verbündete Geister. In der Geisterwelt werden Verbündete gefunden. Die wichtigsten „Hauptagenten“ sind hierbei das Krafttier und eine Lehrerpersönlichkeit. Vorrangig von ihnen bekommt der Schamanisierende Rat und Hilfe, und sie sind auch „Kanäle“ seiner persönlichen „Schamanenkraft“.
  • Zwei Hauptkonzepte von Krankheit. Das erste Konzept besagt, daß in der Geisterwelt etwas Schädliches in den Patienten eingedrungen ist, was oft als „Geist der Krankheit“, „Geisterpfeil“, „Elfenschuß“ oder ähnliches bezeichnet und vom Schamanen mittels seiner verbündeten Geister entfernt wird. Die FSS nennt das „Extraktion“. In der zweiten Variante wird vom „Seelenverlust“ ausgegangen. Hier verlässt den Patienten aufgrund z.B. eines Schocks, Schrecks oder auch eines Missbrauchs ein Teil der Seele und entschwindet in die Geisterwelt. Der Schamane muß die Seele „drüben“ suchen und wieder zum Patienten zurückbringen. Man geht im schamanischen Paradigma davon aus, daß manche Depressionen und Süchte hier ihren Ursprung haben. Tatsächlich nimmt der Patient solche Beschwerden oft als „mir fehlt etwas“ oder „ich habe das Gefühl, mit dem Rauchen (Saufen etc…) eine Leere ausfüllen zu müssen!“

Dieses Konzept vermittelte Harner in seiner FSS (siehe Fußnote 2), und es wurde dankbar von der Esoterikszene aufgegriffen, gerade auch weil es sehr leicht zu erlernen und sehr wirkungsvoll ist, was zum einen für eine Verbreitung der Techniken sorgte, sie zum anderem aber auch verwässerte und ins Oberflächliche abdriften ließ, da in vielen Veranstaltungen schnelle Initiation und Heilung versprochen wurde und wird. Dieser nicht sehr große Tiefgang und die „Licht-und-Liebe“-Schiene in einigen Bereichen der Esoterikszene, oft gepaart mit einer eklatanten Ignoranz medizinischer und psychologischer Sachverhalte, führte dazu, daß der Schamanismus einen nicht sehr seriösen Anschein hat bzw. als „spinnerte Psychotechnik“ belächelt wird. Zudem gelten nur „indigene“ Schamanen als authentisch, weil ihre Initiationen gewissermaßen gesellschaftlich anerkannt sind, während es bei uns seit Jahrhunderten keinen Schamanismus mehr gab und Bemühungen in die Richtung eines Wiedererstehens schwer Fuß fassen können. Wie auch? Ein wild trommelnder Halbirrer, der Geister beschwört und mit Zauberei arbeitet, wie soll denn der in unsere postmoderne Gesellschaft, geprägt von Christentum und Aufklärung, hineinpassen? Und doch – der Schamane fasziniert, sonst würde dieser Begriff nicht so inflationär in der Esoterik verwendet werden. Einige Esoteriker „verinnerlichen“ den Schamanismus, indem sie sowohl die schamanische Reise als auch die Geister als Instanzen der eigenen Psyche betrachten. Beschäftigt man sich aber ernsthaft mit den Techniken, dann kommt man schnell zu der Gewissheit, daß die Geisterwelt NICHT die eigene Psyche ist.

Es gibt tatsächlich einen „Esotourismus – Boom“, der so aussieht, daß Menschen z.B. in den Amazonas reisen, weil sie sich Heilung durch eine Ayahuasca[3] – Zeremonie erhoffen. Solche Bemühungen, wie sie auch von diversen Vereinen, die Schamanen zu ihren Kongressen einladen, getätigt werden, sind zwar an sich lobenswert und machen mit dem Phänomen Schamanismus etwas vertraut, sie gehen aber meines Erachtens nicht den nächsten Schritt: den des Versuches einer Integration des Schamanismus in unsere Kultur.

Wohlgemerkt: ich möchte hier nicht die Esoterikszene an sich schlecht machen, aber zumindest in Punkto Schamanismus habe ich einfach öfters diese von mir beschriebenen Umstände erlebt und spreche sie hiermit auch an. Da das Schamanische meine „Nische“ ist, maße ich mir nicht an, über andere Bereiche der Esoterk Bescheid zu wissen.

Es gibt auch bei uns Menschen, die zum einen diese Begabung zum Schamanisieren, zur Seelenreise haben, und es gibt von denen auch einige, die die weiter oben genannten Techniken eines Michael Harner anwenden, um Hilfestellung für sich und/oder Klienten „von drüben“ zu bekommen. Und hier bestünde die Möglichkeit einer Integration: das Augenmerk mehr auf solche Menschen richten und die ernsthaft und gut Arbeitenden von den Scharlatanen unterscheiden. Wir haben eben das Problem, daß aufgrund des fehlenden kulturellen Hintergrundes diese Leute nicht wirklich anerkannt sind. Und dieser Artikel möchte eine Lanze für die „Neo-Schamanen“ in unseren Breiten brechen. Man muß nicht ins Amazonasbecken zu einem berühmten Schamanen reisen, um dort Heilung zu erlangen.


[1] So Herr Fenkart in der ORF-Sendung „Help TV“ vom 8. November 2007. Sinngemäß behauptete er, jeder könne in 6 Wochenendkursen Schamane werden.

[2] Harner gründete Anfang der 80er dann die Organisation „The Foundation for Shamanic Studies (FSS), die weltweit in Seminaren schamanische Techniken vermittelt, auch an indigene Kulturen, um deren Schamanismus wiederzubeleben. Tuva ist hierfür ein erfolgreiches Beispiel, denn hier fasste der Schamanismus nach der Wende wieder Fuß.

[3] Zeremonie der Indianer Südamerikas, in der die Trance durch eine halluzinogenes Getränk namens Ayahuasca –„Ranke der Toten“, so die Übersetzung dieses Wortes- ausgelöst wird.

Ende Teil I